Gottesbild und menschlicher Wille

Liebe Schwestern und Brüder!
Wie haben Sie sich als Kind Gott vorgestellt?!
Und welches Bild von Gott haben Sie heute?
Als Kind stellten Sie sich Gott vielleicht als alten, gütigen und weisen Mann vor, der im Himmel auf den Wolken in seinem Thron sitzt und auf uns Menschen herabschaut?!
Damit befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Das nennt man in der Religionspsychologie das archaische und vielen Menschen unterschiedlicher Religionen gemeinsame Gottesbild.
Später wurde unser Gottesbild dann etwas ausdifferenzierter und abstrakter, oder vielleicht auch eher zur Vorstellung eines Gott mit menschlichen (anthropomorphen) Eigenschaften oder das Gottesbild kam aus der Bilderwelt des Alten und Neuen Testaments als Hirte oder als der gütige Vater von den beiden ungleichen Söhnen daher!
Das letzte Bild, wie es uns Jesus selbst in der Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32) darlegt, als der gütige, gnädige und liebevolle Vater, der den verlorenen Sohn in seine Arme nimmt, ist eines meiner persönlichen Lieblingsbilder von Gott und wie Gott zu uns ist und sein wird. In diese Hände fallen wir dereinst, wenn er uns aus dem Lauf des Lebens abruft und bei unseerer Rückkehr in seinen Arme hält. Das ist mein fester Glaube.

Und doch bekommt unser scheinbar makelloses Gottesbild dann im Laufe eines Lebens doch auch hier schon erste kleine Risse. Schon als Kind habe ich nur schwer begreifen könne und wollen, warum der Vater so großzügig zu dem verlotterten Luxus-Boy von Sohn war. Alles hatte dieser nichtsnutzige Sohn versoffen, verhurt und verspielt und trotzdem nimmt der Vater ihn auf und an und fiert das große Fest mit ihm. Ich verstand die Wut des anderen Bruder! Immer hatte er alles für den Vater getan und gemacht und nie wurde ein Fest oder eine Party für ihn ausgerichtet. Das ist ungerecht!
Genau wie es ungerecht ist, dass Gott allen Arbeitern das Gleiche zahlt, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben?! Größere Risse und Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes tun sich auf! Und wenn sich dann erst einmal im erwachsenen, eigenen Leben Ungerechtigkeiten, Ängste, Sorgen und Zweifel aus der persönlichen Lebenserfahrung zeigen, die wir als Prüfung unseres Glaubens empfinden, dann verblasst und zerspringt das Bild vom gütigen Gott und Vater
und es bleibt die bittere Frage: warum Gott hast du mich verlassen oder warum warst du nicht da, als ich dich brauchte?!

Und warum lässt Gott seine Gerechtigkeit für Gute und Schlechte gleichermaßen walten!?
Und weshalb können böse und schlechte Menschen ein gutes und nach außen hin gesegnetes Leben führen,?
Wo ist da die Gerechtigkeit?
Biblisch – und mit Paulus (Römer 9, 14-16) ausgedrückt- lautet die dahinter stehende Frage:
Welchen Schluss sollen wir nun daraus ziehen? Ist Gott etwa ungerecht? Niemals!
15 Er sagt ja zu Mose: »Wenn ich jemand mein Erbarmen schenke, tue ich es, weil ich Erbarmen mit ihm habe; wenn ich jemand mein Mitleid erfahren lasse, geschieht es, weil ich Mitleid mit ihm habe.«
16 Es liegt also nicht am Menschen mit seinem Wollen und Bemühen, sondern an Gott und seinem Erbarmen.
Nochmals:
Viele, auch sehr religiöse Menschen kennen das Gefühl, dass Gott sich verschließt und sich uns entzieht, wenn wir ihn bräuchten!
Wo waren sein Barmherzigkeit und sein Mitleid mit uns, als wir es brauchten?
Und warum ist seine Gerechtigkeit anders als unsere selbst gerechte Wahrheit und Art?!
Und warum ist er gegenüber dem einen gnädig und schenkt diesem die vorauslaufende Erwählung und den anderen verdammt er mit einem üblen Schicksal?
Und wie sieht es mit Gottes Wille und dem menschlichen Willen aus?

Das sind theologisch schwere, aber menschlich sehr berechtigte Fragen, auf die wir nicht immer die Musterantwort oder eine erschöpfende Auskunft fürs manchmal so schwere Leben geben können.
Zum einen kann Gott in seinem ewigen Ratschluss tun und lassen, was er will. Gerade gegenüber uns Menschen.
Und wenn wir einen freien Willen haben oder hätten, dann müssen und müssten wir auch mit Gottes eigener Gerechtigkeit leben. Es ist dann seine ihm eigene göttliche Gerechtigkeit. Und meine menschlichen Gerechtigkeitsvorstellungen sind dabei unerheblich. Nicht ich bin der Töpfer und Meister meines Schicksals, sondern Gott bestimmt mein Leben und ich bin letztendlich nur das Tongebilde oder die Schüssel, um es mit einem Bild des Apostels auszudrücken. Gott formt das Gebilde mit seiner Schönheit und mit seinen Ecken und Kanten so wie er es will (Römer 9,21). Er ist die Ursache und wir zeitigen unsere Wirkungen.
Ich kann als religiöser und aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts meinen vermeintlich freien Wille und meine Selbstgerechtigkeit über Gott stellen und muss doch damit leben, dass ich irdisch-menschlich, geschaffen, gebrochene und sterblich in meiner Existenz bin.
Ich muss damit leben, dass das Leben zwar schön ist, aber häufig nicht gerecht, fair, human und von mit kontrollierbar.

Ich muss als revoltierender Mensch erkennen, dass der Mensch, der scheinbar oder wirklich frei ist in seinem Willen und mit seinem Willen zur Macht mehr Schaden, Böses und Schlechtes anrichtet, als Gott in seinem ewigen Ratschluss ungerechte Verhältnisse jemals zulässt! Der Mensch ist des Menschen Wolf und der Mensch macht den Mitmenschen das Leben zur Hölle.
Und somit gehört es zu meinem religiösen Lebensprogramm in meinem Gottesbild zu erkennen und zu akzeptieren, dass unser Schöpfer manchmal andere Lebenswege für uns parat hält, als wir uns das in unserer engen und egoistischen Welt vorstellen. Auch die Zumutungen, Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens hält er uns vor und mutet er uns zu.
Und doch fliehen wir – um es in einem Bild auszudrücken- von ihm weg und zurück in seine Hände und Arme. In die gleichen Arme und Hände, mit denen uns das Leben schlägt, schmerzt und verwundet und Grenzen aufzeigt, aber auch in die Arme, die uns zärtlich streicheln, trösten, beruhigen und festhalten, um die Absurdität dieses schönen, aber ungerechten Lebens zu ertragen. So wie der verlorene Sohn.
Der Maler Rembrandt hat diese grenzenlose Güte und Gnade Gottes in ein Bild gemalt, das diese Zärtlichkeit Gottes tiefsinnig illustriert

http://www.rpi-loccum.de/bildru/bilder/vatersohn.jpg

Wenn wir wissen wollen, wie Gott ist,
wie Gott zu uns steht,
dann müssen wir Lukas 15,11-32 lesen.
Der Maler Rembrandt hat das gewusst.
Verarmt, vereinsamt am Ende des Lebens
schenkt er uns dieses ergreifende Bild:
der barmherzige Vater, der verlorene Sohn.
Was für ein Vater, was für ein Gott!
"Schon von weitem sieht er den Sohn."
Er hatte ihn immer in seinem Blick,
verlor ihn nie aus dem Auge.
"Und er hat Mit-Leid mit ihm."
Er leidet alle Not, alle Scham mit,
auch die Not der Sünde und Schuld.
"Er läuft seinem Sohn entgegen."
Gott kommt immer entgegen,
jedem von uns, auch dem Sünder –
zuvorkommend, mit Liebe.
Jesus scheut sich nicht zu sagen:
"Gott fällt dem Verlorenen um den Hals,
umarmt ihn und küsst ihn."
Der umarmende, liebende Gott!

Diese Zärtlichkeit Gottes zeigt unser Bild:
wunderbare Hände, heilende Hände.
Sie bergen und schützen,
sie nehmen den Sohn an wie er ist.
Sie ruhen beruhigend auf seinen Schultern.
Sie streicheln, liebkosen.
Ein Verlorener – jetzt wiedergefunden,
ein Toter – zum Leben erweckt,
ein Sünder – in Liebe geheilt.

Wenn ich diese Barmherzigkeit und Gnade in meinem Leben verspüre und das Bild des Vaters von den ungleichen Söhnen vor mir behalte, dann weiß ich, dass Gott jeden so behandelt wie es nötig ist. Es gibt keinen Extra-Lohn oder Sondergratifikationen, aber seine Gnade ist mir durch Jesus Christus gewiss und dafür bin ich dankbar. Dankbar bin ich dafür, dass Gott mich wunderbar geschaffen hat und meinem Leben Sinn gibt, gegen alle Absurdität und Ungerechtigkeit des Lebens. Auch wenn ich das nicht immer verstehe und es sich meinem Verstand entzieht, denn ein gütiger Vater ist zwar gütig, großzügig und liebevoll, aber nicht ein manipulierbarer Idiot, der macht, was ich will. Und man sollte nie vergessen, dass die gleichen Hände, die einen streicheln auch schlagen können. Das gilt in der Wirklichkeit wie im übertragenen bildlichen Sinn.
Für mich zählt das Streicheln und die Zärtlichkeit Gottes oder wie es Paulus nennt:

15 Er sagt ja zu Mose: »Wenn ich jemand mein Erbarmen schenke, tue ich es, weil ich Erbarmen mit ihm habe; wenn ich jemand mein Mitleid erfahren lasse, geschieht es, weil ich Mitleid mit ihm habe.«
16 Es liegt also nicht am Menschen mit seinem Wollen und Bemühen, sondern an Gott und seinem Erbarmen.

Amen.

drucken