(Un-)Freiheit

Ich muss es ehrlich gestehen: Meine Freiheit bleibt immer wichtig – die Anderer ist manchmal nur schwer zu ertragen. Obwohl ich eigentlich genau weiß, dass Freiheit immer nur in Wechselwirkung existieren kann. Ich darf Freiheit genießen und muss Freiheit gewähren. Sonst wird die Freiheit zu einem Privileg für wenige.

Und Unfreiheit ist eine ebenso schlimme Erfahrung wie Ungerechtigkeit. Obwohl es ha normal ist, dass das Leben ungerecht ist. Rs ist nicht gerecht, dass Menschen in Armut oder in Reichtum geboren sind, dass Menschen als Mann oder Frau geboren werden. Egal woher die Entscheidungen kommen: Ungerechtigkeit Gottes ist oft genauso schwer zu ertragen wie die Ungerechtigkeit von Menschen. Denn das empfinden wir mitunter: Ungerechtigkeit Gottes. Bei Menschen erkennen wir ja schnell Ungerechtigkeit – zumindest bei den Anderen, den Lehrern, Politikern, den Polizisten, die ausgerechnet mich erwischen. Aber auch die Ungerechtigkeit Gottes, der Leid zulässt und manche nicht leiden lässt, die es unseres Erachtens verdient hätten.

Aber was ist denn nun Wirklichkeit? Der Apostel Paulus antwortet auf Ähnliche Fragen schroff, fast unverschämt.

[TEXT]

Da schreibt Paulus: Gott ist frei mit dem Menschen zu machen wie der Töpfer frei ist, aus einem Klumpen Lehm zu machen, was er will. Das ist ein Skandal und eine Unverschämtheit, wenn man das so sagt. Aber genau darum geht es Paulus im Endeffekt, den Menschen das Wesen Gottes drastisch vor Augen zu führen: Gott ist frei, aber in seiner Liebe hat er sich an sein Volk gebunden und bindet sich an die Menschen, die er in Jesus Christus berufen hat.

Natürlich spielt in diesem Zusammenhang auch sein Problem mit seinem eigenen Volk eine Rolle: Die Juden hat er im Visier, die sich nicht vorbehaltlos seiner Kehrtwende zum christlichen Glauben anschließen. Er macht ihnen keinen Vorwurf, aber er leidet unter ihrer Einstellung. Ihm ist wichtig zu betonen, dass Gott trotzdem in Solidarität zu seinem erwählten Volk bleibt. Weil er halt in aller Freiheit erwählt und in aller Freiheit die Treue hält – denen, die er berufen hat in Abraham wie in Jesus Christus.

Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes steht im Mittelpunkt. Auch wenn Gott ungerecht scheint – er ist es nicht. Aber er hätte die Freiheit es zu sein. Er hat die Freiheit Menschen zu berufen und Menschen zu vernichten. Zumindest theoretisch.

Wir verfügen nicht über die Zuwendung Gottes. Die geschieht in seiner Liebe und seiner Freiheit. Und die dürfen wir annehmen und auf die dürfen wir vertrauen. Und trotzdem behält Gott seine Freiheit und ich muss lernen, dass ich das Urteil Gottes über einen Menschen nicht vorwegnehmen kann.

Wir können erwachsen werden im Glaube und im Empfang der Zuwendung Gottes. Wir können lernen, Gottes Güte zu genießen – kritikfrei. Erwachsen werden auch in der Erkenntnis, dass diese Zuwendung Geschenk ist. Ich muss schon bereit sein, mich beschenken zu lassen. Und ich muss bereit sein, anzuerkennen, dass ich das alles gar nicht verdient habe.

Unsere Kirche lebt davon, dass Gott frei ist, frei zu erwählen und dass er sich eine Gemeinde erwählt hat, die lebt. Lebt nicht wegen ihres Geldes und ihrer phantastischen Angebote, sondern weil sie Gemeinde von Erwählten ist, von Schwestern und Brüdern, die miteinander Gott danken und ihn loben und die auch mit ihrer Schuld zu diesem Gott kommen, der sie erwählt hat. Und die darum weiter erzählt, wie wichtig ihr dieser Gott geworden ist. Aber ob sich andere Menschen finden, die sich diese Erwählung gefallen lassen, das liegt nicht in der Hand der Gemeinde des Gottes, der sich dem Menschen in seiner Güte zuwendet.

Das Bild vom Töpfer allein ist ein böses Bild. Es zeigt Gott wie einen Menschen, der seinen Werkstoff in die Hand nimmt, und als nichts draus wird ihn zusammenknetet und verwirft – brutal, wenn ich das auf Gottes Handeln an den Menschen übertrage. Da muss ich hinschauen und den Zusammenhang beachten, in dem immer wieder erzählt wird von der unverdienten Zuwendung Gottes zu den Menschen. Unser Evangelium verweist auf den rechten Zusammenhang: ‚Oder schaust du scheel, weil ich gütig bin?’ ist das Stichwort, das darauf verweist: Im Mittelpunkt steht nicht Verwerfung, sondern Rettung und Erlösung. Im Mittelpunkt steht die Güte Gottes, der die Menschen erwählt in seiner Freiheit und der niemanden verloren gibt, weil er alle geschaffen hat.

Ein Gegenbild zu diesem Bild von Gott sind die Menschen, die sich ihren Gott formen wie ein Töpfer und denen klar gesagt wird: Umgekehrt. Gott formt, aber er hat die Liebe nicht so einfach zu verwerfen.

Das Bild vom Töpfergott warnt aber auch vor einem selbstgefertigten Bild von Gott, der keinem mehr weh tut, der die Selbstgerechten nicht mehr ärgert, weil er bei Zachäus einkehrt und der den Sünder nicht mehr ärgert, weil er alles o.k. findet. Angst vor jenem zahnlosen alten Bilderbuchgott, der allen ihren Willen tut. Angst vor jenem postmodernen Gott aus dem Videospiel.

Von der Freiheit der Gnade Gottes lebt christliche Kirche. Er erwählt eben nicht nach Verdienst. Ziel ist positive Würdigung dieses Gedankens: Gott erwählt ohne Verdienst allein aus Gnade.

Er erwählt Menschen. Darauf dürfen wir vertrauen. Und uns darauf verlassen, dass er uns nicht behandelt wie ein Töpfer seinen Klumpen Ton. Uns nicht und sonst niemanden. Abner wir dürfen auch damit rechnen, dass Gott uns ernst nimmt, wenn wir seine Erwählung ablehnen und wir dürfen Gott ernst nehmen, wenn wir seine Erwählung predigen.

drucken