Sind wir wirklich?

Liebe Gemeinde,

auch wenn Sie mit ganz anderen Gedanken und Erwartungen gekommen sind, bitte ich Sie, sich einmal auf ein Gedankenspiel einzulassen. Es ist eine Überlegung, die ich seit vielen Jahren gelegentlich anstelle, auch wenn sie – zugegeben – etwas absonderlich klingt. Nicht dass ich selbst auf die Idee gekommen wäre – immer wieder gibt es Anstöße für diese Vorstellung, z.B. das philosophische Buch "Sofies Welt", die Science-Fiction-Filme "TRON", "Matrix", "Inception", die Schlussszene von "Men in Black", wo ein Alien mit unserer Galaxie Murmel spielt, und andere Bücher und Filme.

Ich meine die Frage: Sind wir eigentlich wirklich? Seit unserer Geburt sind wir unumstößlich sicher, dass wir in einer höchst realen Welt existieren, dass wir in Aplerbeck wohnen, eine Familie, Freunde und eine urkundlich beweisbare Geschichte haben – unsere persönliche Biographie ebenso wie die Weltgeschichte. Dennoch die Frage: Stimmt das so? Sind unser Denken und Handeln tatsächlich real und eigenständig? Spätestens im digitalen Zeitalter, in dem die virtuelle Welt die originale immer perfekter nachbildet mit Graphikkarten und 3 D-Druckern, eigentlich aber schon, seit Menschen Bilder malen und Bücher schreiben, muss der Gedanke erlaubt sein, dass wir vielleicht nur Gedanken eines höheren Wesens sein könnten – im besten Fall schöpferische Gedanken eines liebenden Gottes, schlimmstenfalls manipulierbare Figuren in einem graphisch perfekt inszenierten Computerspiel.

Liebe Gemeinde, natürlich gibt es für diese Theorie keine Beweise, höchstens Gegenbeweise – so wie in außergewöhnlichen Situationen, wo wir bitten: "Kneif mich mal, ob ich nicht träume!" Denn wenn die Theorie stimmte, hätten wir als fiktive Figuren keine Möglichkeit, die Ebene des Schöpfers zu erreichen oder zu hinterfragen. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Bart Simpson zu fragen, ob er weiß, dass er nur eine liebenswerte Idee von Matt Groening darstellt. Ja, ich weiß nicht einmal, ob es für uns überhaupt einen Unterschied ausmacht, wenn wir um unser virtuelles Dasein wüssten. Wir halten unser Leben doch für höchst real! Viele sind innerlich so abgestumpft, dass sie sich ohnehin nicht für ein höheres Wesen oder einen tieferen Sinn im Leben interessieren.

Neulich fragte mich ein Konfirmand, ob ich so richtig fest an Gott glaube. Er wolle das auch, aber er höre oft den Einwand, warum Gott das Leid in der Welt zulasse. Ich habe ihm erklärt – ganz im Sinne des Philosophen Gottfried Leibniz` -, dass zum einen menschliches Leid daher rührt, dass wir als geschaffene Wesen zwangsläufig unvollkommen sind, und dass Menschen böse und schlecht handeln, weil Gott uns die Freiheit zu denken und zu handeln geschenkt hat. Eine vollkommene Welt ohne jedes Leid wäre eben eine Welt voller willenloser Marionetten Gottes, eine virtuelle Welt.

Liebe Gemeinde, wenn Sie gleich den Predigttext hören, behalten Sie bitte diese Frage im Hinterkopf: Sind wir wirkliche Menschen mit einer Entscheidungsfreiheit oder geschickt vorprogrammierte Figuren, die nur die Illusion von Freiheit spüren, während alles längst entschieden ist? Auch Paulus macht sich seine Gedanken dazu. Wir hören aus seinem Römerbrief im 9.Kapitel in einer modernen Übersetzung. Paulus beginnt dort mit dem Beispiel der Zwillinge Jakob und Esau und stellt fest, dass Gott schon vor der Geburt den einen zum Gewinner und den anderen zum Verlierer vorherbestimmt hatte. Dann erinnert er an Mose und den verstockten Pharao, der den Israeliten die Freiheit verweigerte. Er fährt fort:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, weil Paulus eine virtuelle Welt nicht kannte, gebraucht er für seine Darstellung, wie abhängig wir Menschen vom unermesslich großen Gott sind, ein vertrautes Bild, nämlich das Töpfern. Wie viel Künstlerisches und Nützliches ist in den Töpferkreisen unserer Gemeinde schon entstanden – und wie oft wurde manches Halbfertige oder Misslungene wieder zusammengedrückt, um im Müll zu landen oder im zweiten Anlauf zu gelingen! Wir sind in Gottes Hand wie Ton in der Hand des Töpfers. Nicht wir haben es in der Hand, ob aus uns etwas Schönes, Nützliches oder Halbfertiges wird, so Paulus. Diese Vorstellung behagt uns nicht, wo wir doch unser Leben selbst in die Hand nehmen und nicht wie lebloses Material ohne eigene Wünsche formen lassen wollen. In unserer Zeit, in der wir unter weit weniger äußeren Zwängen leben als früher, klingt das Bild vom Töpfer wie ein Rückschritt. Wir sind doch keine Marionetten in der Hand von jemandem, der uns in manchen Punkten fremd bleibt.

Nun geht es Paulus allerdings nicht darum, zu zeigen, dass wir für Gott unbedeutende Figuren sind. Im Gegenteil. Gott will, das alle von sich aus zum Glauben an ihn finden. Er treibt kein Spiel mit der Menschheit. Sogar seinen einzigen Sohn hat er geopfert, nur um zu zeigen, wie sehr er uns liebt. Das braucht weder ein Töpfer noch ein Puppenspieler. Doch dann erhebt sich die Frage, warum viele Menschen Gott und den Glauben für sich ablehnen, selbst wenn sie getauft sind und obwohl sie keine schlechten Erfahrungen mit Kirche oder Glauben gemacht haben. Ist das ihre freie Entscheidung oder wurden sie verstockt und können nicht anders? Wenn dabei der Eindruck entsteht, Gott handle ungerecht, haben viele Menschen Probleme damit, an diesen Gott zu glauben. Wer sich mit dem Glauben beschäftigt, stößt immer wieder auf diese Grundfrage: Warum kann der eine glauben und der andere nicht?

Doch es gibt nur eine Antwort darauf, und klingt sie auch noch so banal, liebe Gemeinde: Wir können es nicht beurteilen. Wie klein sind wir doch in unserer Galaxie, wie wenig haben wir verstanden von dem, was das Leben ausmacht, was die Welt im Innersten zusammenhält, wer Gott ist oder auch nur wir selbst! Wenn es Millionen existentielle Fragen gibt, haben wir vielleicht eine Handvoll beantwortet. Auch wenn es uns schwer fällt, weil wir meinen, wir wüssten doch durch Google und Wikipedia fast alles, müssen wir uns der Gegenfrage Gottes stellen: "Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit mir streiten willst, was gerecht und ungerecht ist? Ihr Menschen seid doch untereinander noch viel ungerechter, und wenn euch das Leben zu kompliziert und fordernd wird, flüchtet ihr euch in die schöne digitale Welt!" Aber Gott wäre nicht Gott, wenn das seine ganze Antwort wäre. Den zweiten Teil seiner Antwort finden wir wieder bei Paulus: "Gott offenbarte andererseits den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen, derer er sich erbarmte und die er zur Herrlichkeit bestimmt hatte. Zu diesen hat er auch uns berufen."

Liebe Gemeinde, wir sind doch schon berufen und zu Gottes Herrlichkeit bestimmt! Und nicht nur wir. Jeder, der die Worte des Paulus liest und Gott vertraut, gehört ebenfalls dazu. Gott verstockt Menschen nicht willkürlich, sondern er zeigt uns an den Verstockten, wie entscheidend es ist, dass wir ihm vertrauen und uns selbst als Berufene erkennen. Martin Luther sagt: Ich will vom dunklen und zornigen Gott hin zu dem Gott schauen, der sich in Jesus Christus gezeigt hat und sich unser erbarmt. Zu dem will ich hinrennen! Nicht wie gebannt auf Verwerfung und Verstockung starren als bedrohliche Alternative, sondern mutig, fröhlich und zuversichtlich auf den Gott vertrauen, der uns in seinem Sohn sein elterliches Gesicht und Herz zuwendet. Und diese Zuversicht, diesen Mut, diese Fröhlichkeit steht grundsätzlich allen Menschen offen. Deshalb dürfen und sollen wir sie weitergeben an die Menschen, die wir erreichen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Sind wir real oder vielleicht nur Figuren im Spiel einer höheren Macht, nur schöpferische Gedanken Gottes? So sehr diese existentielle Frage immer wieder in Kunst und Literatur aufgegriffen und faszinierend durchgespielt wird, endet sie doch wie in der "Matrix"-Trilogie: Der Mensch ist echt und real und kann sich für das Gute oder Böse entscheiden. Zwar wird ihm diese Wahl seitens der Gesellschaft und der Medien nicht leicht gemacht durch eine wachsende Wertebeliebigkeit, aber wir haben die Entscheidungsfreiheit in dem Sinne, dass niemand außer Gott wirklich vorhersagen kann, wie wir uns entscheiden. Und so wie Gott in Jesus selbst in diese reale Welt eintritt, um im Symbol des Kreuzes die einzig wahre Verbindung beider Welten aufzuzeigen, so opfert sich auch der Held Neo in den "Matrix"-Filmen am Ende in Kreuzesform für die Menschheit und befreit sie aus der Scheinwelt.

Liebe Gemeinde, es ist wohl so, wie es der Philosoph Leibniz formuliert: Gott hat unter allen möglichen Welten die beste geschaffen. Weil er allmächtig und allwissend ist, musste er das einfach. Und deshalb ändert auch die Existenz des Bösen und Schlechten – auch in uns selbst – nichts daran, dass wir dazu berufen sind, in dieser Welt ganz real so zu denken und zu handeln, dass es die beste aller möglichen Welten bleibt und dass alle erfahren, 1. wer liebevoll hinter all dem steckt, 2. dass ein wahrer Töpfer immer versuchen wird, aus allem Material das Beste zu machen, und 3. dass es wenig Sinn macht, wenn sich der Ton dagegen sperrt, zu einem Kunstwerk zu werden.

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