Gottes freie Gnadenwahl

Liebe Gemeinde,

am 16. März 1973 unterzeichneten alle evangelischen Kirchen ein gemeinsames Bekenntnis, die Leuenberger Konkordie. Dieses Bekenntnis sagt, dass die unterschiedlichen evangelischen Kirchen alle einen gemeinsamen Glauben haben. Vor dieser Konkordie gab es eine große Frage, die uns – selbst uns evangelische Kirchen untereinander – noch trennte: Wie kommen wir in den Himmel? Entscheidet sich das in unserem Leben hier oder steht schon vor unserer Geburt fest, ob wir in den Himmel kommen oder nicht?

Vermutlich denken viele von Ihnen: Wie kommt man auf eine solche Idee, dass schon vor unserer Geburt über uns entschieden wird? Das wäre doch blanke Unfairness!

Dieser Gedanke stammt aus einer Grundüberzeugung der Reformation: Martin Luther sagte: Darüber, ob wir in den Himmel kommen, entscheidet allein der Glaube. Ob wir an Gott glauben und ihn im Herzen lieben – das ist das Einzige, was zählt. Und – so Luthers zweiter Gedanke – dass wir glauben können, das ist ein Geschenk Gottes.

An dieser Stelle ist bei Luther Schluss. Einen dritten Gedanken, der sich als Folgerung geradezu aufdrängt – diesen hat Luther nicht ausgesprochen. Als man Luther fragte, ob Gott dann schuld sei, wenn Menschen nicht in den Himmel kommen, weil Gott ihnen den Glauben nicht schenkt, da sagte Luther: „Ich weiß es nicht. Vielleicht kann Gott ihnen den Glauben auch noch nach dem Tod schenken.“

Johannes Calvin war ein schlauer Schüler Luthers und er war mit dieser Antwort nicht zufrieden. Er ging einen Schritt weiter und sagte: Wenn Gott den Glauben schenkt, dann muss auch der Unglaube ein Werk Gottes sein. Also bewirkt Gott alles: Ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen. Daraus wurde später die so genannte Lehre von der Prädestination, das heißt auf Deutsch: Vorherbestimmung. Diese Lehre sagt: Es ist vorherbestimmt, wer gut und wer böse ist, wer glaubt und wer nicht, wer leiden muss und wer ein schönes Leben hat und wer in den Himmel und in die Hölle kommt.

Und Manches in der Bibel spricht für eine solche Vorherbestimmung: Dort steht, dass Gott den Judas vorherbestimmt hat, der Verräter zu sein und Jesus ans Kreuz zu bringen. Es steht in der Bibel, dass Gott selbst den Pharao von Ägypten „verstockte“, das heißt, dass er ihn hartherzig und gnadenlos sein ließ. So wirkt Gott selbst die Entscheidung, dass der Pharao sich weigert, die gefangenen Israeliten frei zu geben.

Und ein weiterer Text der Bibel spricht für eine solche Vorherbestimmung. Dieser Text ist heute Predigttext. Ich lese aus dem 9. Kapitel des Römerbriefes:

[TEXT]

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie diese Worte hören. Ich liebe die Briefe des Apostels Paulus und lese sie immer wieder aufmerksam und gerne. Aber bei diesen Worten zieht sich mir der Magen zusammen:

Wie ein Töpfer, der mit seinem Ton macht, was er will, so soll Gott uns geschaffen haben, als schöne und missratene Werkstücke? Das könnte ich sein? Ein Tonkrug, den Gott einfach nicht besser hinbekommen hat, der zu nichts mehr nütze ist, als ihn nach dem Brennen aus dem Ofen zu nehmen, festzustellen, dass er kaputt und unnütz ist und ihn dann zu zertrümmern und in die Tonne zu werfen? Zu einem solchen Töpfer soll ich mit den Worten der Psalmen sprechen: „Ich danke dir, Herr, dass du mich wunderbar gemacht hast!“?

Und wenn ich frage, warum das so ist, dass Gott Gutes und Missratenes, Schönes und Widerwärtiges schafft, dann bekomme ich als einzige Antwort: „Wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?“ Du willst dem Allmächtigen in die Karten gucken? DU??

Und dann stapeln sich vor meinem inneren Auge ein Bild nach dem anderen, das Gott so ganz anders zeigt. Bilder aus anderen Texten der Bibel. Da taucht vor meinem inneren Auge der liebende Vater auf, der vor seiner Tür steht und wartet und wartet, bis der verlorene Sohn nach Hause kommt, nur um dann seine Arme auszubreiten und seinem Sohn entgegenzulaufen und ihn in die Arme zu schließen.

Da kommen mir Worte Jesu in den Sinn: „Ich nenne euch Freunde und nicht mehr Diener. Denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut; ich aber habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ Solche Worte klingen so ganz anders als unser Predigttext.

Warum schreibt Paulus solche bitteren Worte über Gott?

Ich kann es mir nur so erklären: Liest man die kurzen Kataloge, in denen Paulus aufzählt, was ihm schon alles geschehen ist, wie oft er verprügelt, mit dem Stock geschlagen, ausgepeitscht, gesteinigt und ins Gefängnis geworfen wurde, dann steht fest, dass Paulus sicher weiß, wie hart das Herz der Menschen sein kann, wie kalt und brutal Menschen miteinander umgehen können. Vielleicht ist unser Predigttext eine Antwort auf diese Erfahrungen. Keine Lehre über Gott, kein sicheres „so ist er“, sondern eine Klage an Gott: Gott, warum lässt du das zu, dass wir Menschen so bösartig sein können? Warum siehst du zu, wenn wir uns misshandeln und töten? Warum nimmst du uns nicht die Bosheit und schenkst uns Liebe und Kraft zum Guten? Gott, sieh dir an, wie du auf uns wirken musst: Wie ein Töpfer, der vieles so schlecht macht, dass es zur zum Zerbrechen und Wegwerfen dient!

Heute wissen wir, welche Spuren schlimme Erfahrungen gerade bei Kindern hinterlassen können. Wie schwer es misshandelten Kindern fällt, einmal ein normales Leben zu führen, Liebe und Vertrauen zu entwickeln. Warum verhindert Gott nicht, dass da etwas schon von Beginn an kaputt gemacht wird, tiefe Zerstörungen schon am Anfang eines Lebens angerichtet werden? Dass da Tonkrüge schon zerbeult und durchlöchert werden, bevor sie überhaupt fertig geformt und im Ofen gehärtet wurden?

Als Klage wäre mir dieser Text viel näher. Als ein Text, der Paulus auch mal verwundbar und schwach, auch mal als jemanden zeigen, der nicht alles weiß. Die Klage richtet sich ja gerade an Gott, weil man Gott eigentlich ganz anders sieht: Gott, das bist doch nicht du, dieser grausame Töpfer, also hilf mir bitte, dass ich dich wieder anders erleben kann!

„Ich halte dir vor dein Wort“, betet jemand in den Psalmen zu Gott. Und es gibt so viele Worte Gottes, die wir ihm vorhalten können: Die Worte vom barmherzigen Vater, die Worte, dass wir Freunde und nicht unwissende Diener sind.

Wer zu Gott klagt, hält ihm das Gute vor: Gott, du bist doch ein guter, ein liebender Gott. Warum geschieht das Böse? Gott, ich kenne dich ganz anders, warum sehe ich gerade dein liebendes Angesicht nicht? Hast du dich abgewendet? Dreh dich wieder zu mir, schau mich an, sei der, der du einmal warst! Gott, höre mich, hilf mir!

Eine solche Klage gibt Gott nicht auf. Sie hält fest an ihm. Sie schleudert ihm entgegen, dass er doch ein guter, ein liebender, ein väterlicher Gott ist.

Vielleicht klagt Paulus zu Gott. Hoffentlich, denn das Bild, das er von ihm malt ist für mich schrecklich.

Ich glaube nicht an eine Prädestination, an eine Vorherbestimmung zum Bösen.

Ich glaube aber, dass es das Böse in unserer Welt und in uns Menschen gibt. Das ist ein ernster, ein gewichtiger Grund, zu Gott zu klagen und zu sagen: Warum lässt du guter Gott so viel Böses zu? Wer klagt, hofft auf eine Antwort. Vielleicht gibt es eine Antwort. Nicht die große Antwort, die für alles gilt: Für die Lage in Syrien, für Terrorregime und Menschenverachtung, für die Kriege in der Welt. Aber vielleicht bekomme ich eine Antwort für mich und für das, was mein Herz umtreibt.

Ich glaube nicht an eine Vorherbestimmung zur Hölle.

Ich glaube, dass es das Gute, dass es Liebe und Vertrauen, gute Worte und gute Taten nur dort gibt, wo Gottes Geist uns die Freiheit zum Guten schenkt. Und ich hoffe, glaube und flehe, dass Gottes Geist diese Freiheit zum Guten irgendwann überall schenkt. Heute ist das noch nicht der Fall. Ich weiß nicht warum. Freiheit zum Guten gibt es, wo Gott Geist wirkt. Lasst uns darum beten, dass Gott seinen Geist schenkt.

Am 16. März 1973 unterschrieben alle evangelischen Kirchen die Leuenberger Konkordie, in der steht, dass wir sehen und hören, wie Jesus Christus gelebt und gehandelt hat. Deshalb können wir nicht glauben, dass es eine Vorherbestimmung zum Unheil gibt. Weil wir Christus kennen, können wir nicht glauben, dass Gott Menschen zur Verwerfung bestimmt.

Vielleicht ist es ja so, wie ein Theologe es einmal beschrieben hat: Die ganze Menschheit sitzt in einem Zug, der in die Richtung Gottes fährt. In diesem Zug kann man sich in verschiedene Richtungen bewegen: Man kann in die Richtung Gottes, auf Gott zu laufen und man kann von ihm weglaufen. Aber man kann den Zug nicht aufhalten, der unaufhörlich auf Gott zu fährt.

Diesem Gott kann ich mich wirklich anvertrauen.

drucken