Wie erkennen wir, wo Gott mit uns hin will?

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“
Das haben wir alle schon x-mal gebetet.
Was meinen wir eigentlich damit?

Ist das die christliche Version des islamischen „inschallah“?
So in dem Sinn: Es passiert ohnehin das, was Gott will, und wir müssen das halt passiv und demütig hinnehmen, denn ändern können wir es ohnehin nicht?

Oder ist das aktiver gemeint?
So in dem Sinn:
Lieber Gott, ich will, dass auf der Erde, da wo ich bin, da wo ich etwas gestalten und mitzureden habe, dass da nach deinem Willen gefragt wird und dass dein Wille zur Wirklichkeit wird.
Ich will mich in meinem Leben nach deinem Willen ausrichten.

Um das tun zu können, muss ich allerdings wissen:
Was will Gott denn überhaupt?

So allgemein können wir das ziemlich gut sagen.
Er will dass sich die Menschen nach seinen Geboten richten.
Die 10 Gebote.
Das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe.
Das Gebot der Feindesliebe.
Gott will Vergebung statt Rache.
Und so weiter.
Das zu sagen ist ziemlich einfach.

Schwieriger wird es, wenn wir konkreter fragen.
Was ist Gottes Wille für mich? Für mein Leben? Für unsere Gemeinde?
Denn dabei stehen wir oft vor der Auswahl von mehreren Optionen und eine Orientierung an diesen Geboten allein hilft uns dabei überhaupt nicht.

Zum Beispiel wenn wir fragen:
Was ist Gottes Wille für meine Berufswahl?
Was ist Gottes Wille für meine Lebensform?
Ist das die Frau, von der Gott will, dass ich sie heiraten soll oder ist sie das nicht?
Soll ich das Karriereangebot, das sich mir auftut, ergreifen oder nicht? Was davon ist Gottes Wille?
Oder in der Gemeinde: Wofür sollen wir unser Geld ausgeben?
Wo sollen wir Schwerpunkte setzen?
Was sollen wir von Gott her tun und was sollen wir nicht tun?

Wie erkennen wir, was Gottes Wille ist?
Wir hören jetzt auf einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte, in dem geht es genau um diese Fragen: Was will Gott und wie erkennen wir es.
4 Als sie nun durch die Städte zogen, überbrachten sie ihnen die von den Aposteln und den Ältesten in Jerusalem gefassten Beschlüsse und trugen ihnen auf, sich daran zu halten.
5 So wurden die Gemeinden im Glauben gestärkt und wuchsen von Tag zu Tag.
6 Weil ihnen aber vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort in der Provinz Asien zu verkünden, reisten sie durch Phrygien und das galatische Land. 7 Sie zogen an Mysien entlang und versuchten, Bithynien zu erreichen; doch auch das erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht. 8 So durchwanderten sie Mysien und kamen nach Troas hinab.
9 Dort hatte Paulus in der Nacht einen Traum (wörtlich: ein Gesicht). Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! 10 Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir haben die Schlussfolgerung gezogen, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden.
11 So brachen wir von Troas auf und fuhren auf dem kürzesten Weg nach Samothrake und am folgenden Tag nach Neapolis. („Neustadt“) 12 Von dort gingen wir nach Philippi, in eine Stadt im ersten Bezirk von Mazedonien, eine Kolonie. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf.
13 Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten. Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die sich eingefunden hatten.
14 Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.
15 Als sie und alle, die zu ihrem Haus gehörten, getauft waren, bat sie: Wenn ihr überzeugt seid, dass ich fest an den Herrn glaube, kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie drängte uns.

Das erste, was wir in dieser Geschichte sehen:
Gott hat einen Plan. Er hat einen ganz konkreten Willen. Er denkt sich etwas.
Und sein Plan war:
Ich will, dass Paulus und Silas und Timotheus das Evangelium nach Europa bringen.
Ich will, dass sich die Kirche ausbreitet.

Das Zweite:
Gott zeigt uns nur selten seinen ganzen Plan, sondern öfters nur den nächsten Teilschritt.
Paulus hat nicht erfahren, dass er nach Europa reisen soll.
Gott hat ihm zuerst etwas anders aufs Herz gelegt: Die Sorge um die Gemeinden in Kleinasien, die er auf seiner ersten Reise gegründet hat. Er fühlte sich gedrängt, noch einmal dorthin zu reisen – in die heutige Südtürkei – um zu schauen, wie es den jungen Gemeinden dort so geht.

Und das ist ja auch ganz vernünftig.
Wenn wir nach Gottes konkretem Willen fragen, sollen wir zuerst unseren Verstand benutzen.
Die Vernunft gebrauchen – denn dazu hat sie uns Gott gegeben.
Wenn ich mich frage, welchen Beruf ich ergreifen soll, dann soll ich zuerst fragen: Welche Begabungen hat mir Gott gegeben?
Wenn ich frage, ob das die richtige Frau für mich ist, dann soll ich zuerst vernünftig nachdenken: Wie breit ist die Basis an Gemeinsamkeiten? Lachen wir über dasselbe? Haben wir dieselben Ziele im Leben? Wenn z.B. jemand mit ausgeprägtem Kinderwunsch sich mit jemandem zusammen tut, der absolut keine Kinder haben will, dann ist das sehr unvernünftig.

Gott hat die Vernunft erfunden, er handelt auch selber sehr vernünftig und will, dass auch wir vernünftig handeln.
Oft erkennen wir Gottes Willen einfach durch vernünftiges Nachdenken.
Indem wir nachdenken: Passt das zu mir oder nicht?

Und eine zweite Art, durch die uns Gott seinen Willen zeigt ist das Prinzip der Tür.
So nenne ich das für mich.
Gott zeigt uns seinen Willen oft, indem er uns eine Tür aufmacht oder eine Tür verschließt.
Indem er uns Gelegenheiten eröffnet oder indem er uns Hindernisse in den Weg stellt.

Paulus, Silas und Co haben das so erlebt.
Ihr vernünftiger Masterplan war:
Zuerst die neuen Gemeinden besuchen und schulen, und dann in dem Gebiet der heutigen Türkei weiter missionieren und Gemeinden gründen, und zwar immer nach dem gleichen Schema: Zuerst zu den Juden gehen – denn die kennen Gott ja schon aus dem AT, da sind also Anknüpfungspunkte vorhanden und davon ausgehend dann andere missionieren.
Das war ihr Plan und er ging voll daneben.
Nichts hat geklappt. Keiner hat zugehört. Niemand hat sie aufgenommen. Pleiten, Pech und Pannen überall. Schwierigkeiten ohne Ende.
Irgendwann haben sie es dann erkannt, dass Gott ihnen da eine Tür zugemacht hat um ihnen so seinen Willen zu zeigen:
Der heilige Geist hat uns verwehrt, in der Provinz Asien das Wort zu verkünden, und auch nach Bithynien zu gehen, hat uns der Heilige Geist nicht erlaubt, haben sie Lukas erklärt.

Gott führt indem er Türen öffnet und indem er andere schließt.
Ich gebe zu: Es ist nicht einfach zu unterscheiden: Macht Gott jetzt da eine Tür auf, gibt er mir da eine Gelegenheit weil er will, dass ich sie ergreife, oder tut sich da nur eine große Versuchung auf?

Mehr Klarheit kommt da durch zweierlei:
Durch Gemeinschaft und durch Gebet.

Gemeinschaft: Gott ist kein Freund einsamer Entscheidungen.
Er mag nicht das „Ich“ sondern das „Wir“.
Darum sollen wir, wenn uns nicht klar ist, was Gottes Wille ist, mit anderen darüber sprechen.
Dazu hat Gott die Gemeinde erfunden. Dazu gibt es Seelsorge. Dazu gibt es Hauskreise.
Darum hat auch Jesus seine Jünger nie alleine ausgesendet, sondern immer paarweise.
Im Gespräch mit anderen können wir uns klarer werden darüber, was Gottes Wille jetzt und heute ist.

Und das zweite ist das Gebet:
Ich bin mir sicher, dass Paulus und Co ständig gebetet haben, dass Gott sie führt, dass er ihnen seinen Willen zeigt.
Immer wieder haben sie darum gebetet, dass er ihnen klar macht, was sie tun sollen.
Sie waren so offen für seine Wegweisung.
Und sie kam. In einem Traum.

Nicht alle unsere Träume sind Botschaften von Gott.
Manche sind einfach Botschaften unseres schlechten Gewissens und Echos von dem, was uns tagsüber beschäftigt und aufgewühlt hat.
Aber manche Träume, manche merkwürdige Gedanken pflanzt Gott direkt in uns hinein. Um durch sie zu uns zu sprechen.

Paulus sieht einen Mazedonier – einen Griechen also – der ihm zuruft: Komm herüber und hilf uns!
Und dann heißt es: WIR haben daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass wir nach Griechenland gehen sollen.
WIR – also keine einsame Entscheidung, sondern ein gemeinsamer Entschluss, das Ergebnis gemeinsamer Beratung.
Vernünftiger Beratung. Wieder ist die Vernunft im Spiel.
Und wir dürfen sicher sein: Gebetet haben die drei auch dabei.

Und wie zur Bestätigung öffnet sich eine Tür: Sie fahren mit einem Schiff los und haben Rückenwind. An einem Tag von Troas nach Samothrake, und wieder an einem Tag nach Neopolis: Das sind jeweils gut 100 km, und das ist mit den damaligen Schiffen nur unter äußerst günstigen Bedingungen möglich.

Gott macht eine Tür auf, indem er Rückenwind schickt.
Wo spüren wir Rückenwind? Was fällt uns leicht? Was erscheint uns ganz einfach zu tun?
Vielleicht ist das eine Tür, die Gott uns öffnet.

Paulus, Silas und Timotheus sind Menschen, die nach Gottes Willen fragen, und die gelernt haben, ihn zu suchen und zu erkennen, und die ihn dann auch tun wollen.

Und jetzt haben sie ihn getan und sind in Philippi und es geschieht – erst einmal gar nichts.
Sie blieben einfach einige Tage da, haben sich umgeschaut, Land und Leute kennengelernt.
Und sonst ist nichts passiert.

Wenn Menschen sich auf Gottes Wegen befinden, dann passiert das oft ganz unscheinbar, unspektakulär, und ganz in Ruhe.
Hetze und Hektik kommt nicht von Gott.
Und am Sabbat gehen sie halt – wie gewöhnlich – dorthin, wo sie vermuten (meinen, denken), dass sich dort die jüdische Gemeinde des Ortes versammelt. Sie gehen dorthin und finden dort – nur Frauen.
Das war schon ziemlich enttäuschend, denn damals galten Frauen nicht viel.
Z.B. durften sie nicht einmal als Zeugen vor Gericht aussagen – denn das ist doch eh nur dummes Zeug, was Frauen so von sich geben.
Aber sie haben trotzdem mit den Frauen geredet.
Sie haben sie nicht angepredigt, sondern einfach mit ihnen geredet. Natürlich auch über den Glauben geredet.
Und dabei geschah das Wunder:
EINE Frau hat zugehört. Eine einzige von den mehreren.
Und ihr hat Gott das Herz geöffnet, so dass sie auf das geachtet hat, was Paulus gesagt hat.
Und so wurde sie eine Glaubende.
Glaube kommt aus dem Hören. Aus dem zuhören.
Und Glaube entsteht, wo Gott das Herz öffnet.
Und dass sie echt glaubte, sehen wir an den Konsequenzen, die sie aus ihrem neuen Glauben gezogen hat:
1. Sie hat sich taufen lassen.
2. Sie hat ihren Besitz anders gebraucht, in diesem Fall: Sie hat ihr Haus als erstes Gemeindehaus zur Verfügung gestellt und Paulus und seine Begleiter als Gäste bei sich aufgenommen.
Glaube beginnt innen drin und wirkt sich ganz praktisch auf das äußere Leben aus.
So muss es sein.
Alles andere ist Schwindel und Schein.

Die Frau wurde Lydia genannt, und das darf man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:
Sie war eine Zugereiste. Eine Außenseiterin. Sogar eine Ausländerin. Aus Thyatira in Lydien.
Das liegt drüben, in Kleinasien. Dort, wo Paulus eigentlich hin wollte, was aber der heilige Geist nicht erlaubt hat.
Und sie ist keine Jüdin, sondern eine gottesfürchtige Heidin, die bei den jüdischen Gottesdiensten halt als Zaungast interessiert zuhört. Diese Frau kocht vermutlich nicht koscher und sie hält sich auch sonst nicht an die Reinheitsgebote.
Für den Juden Paulus mit pharisäischer Herkunft eine echte Zumutung, dass Gott ihn ausgerechnet zu so einer Frau führt. Ein echter Lernweg, den Gott ihn da führt.

Und das hätte er sicher nicht gedacht, als er seinen Traum hat und sich mit seinen Begleitern unterhalten hat, was er bedeutet.
Der Traum vom Griechischen Mann führt zu einer Frau aus Lydien, die zum Glauben kommt.
Nur eine einzige Frau.
Niemand verachte den geringen Anfang – so heißt es an einer anderen Stelle in der Bibel.
Nur eine einzige hat zugehört und zum Glauben gefunden.
Nur eine.
Und so entsteht die erste christliche Gemeinde in Europa.

Und ich sage es noch einmal:
Der erste Christ in Europa war eine Frau.
Und zwar eine Ausländerin.
Und wir haben ihr viel zu verdanken.

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