Ratatouille – jeder kann glauben

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Jahren ist der Film „Ratatouille“ erschienen. Inzwischen ist er auch schon einige Male im Fernsehen gelaufen.
In diesem Film geht es um eine Ratte, die das Kochen lernt. Sie schleicht sich in ein Pariser Nobelrestaurant und arbeitet da mit einem jungen Tellerwäscher zusammen. Sie sitzt unter seiner Mütze und lenkt ihn wie eine Marionette, indem sie an seine Haaren zieht. Ihr Leitmotto ist dabei der Satz „jeder kann kochen“, denn der verstorbene Starkoch Gusteau geprägt hat, der ebenfalls der Besitzer eben jenes Nobelrestaurants war. Ihr Gegenspieler – wenn man denn so will – ist der Gastrokritiker Ego, der außerst vernichtende Kriti­ken schreiben kann und natürlich der Meinung ist, dass ein wirklich guter Koch eine ausgefallene Begabung haben müsse und außerdem sich natürlich jahrelanger harter Ausbildung unterwerfen müsse und dass es überhaupt nur ganz wenige wirklich gute Köche gibt. Am Ende wird er mit Hilfe einer einfachen aber exzellenten Ratatouille geläutert.
Wer diesen Film noch nicht gesehen hat, sollte es tun. Es ist m.E. einer besten Komodien der letzten zehn Jahre.

Aber kommen wir erst mal zu einem ganz anderen Feld:
Eben haben die Geschichte um den römischen Hauptmann Kornelius gehört, der schließlich durch Petrus getauft wird.
Diese Geschichte ist ein Schlüsseltext im Neuen Testament, der wie kein anderer deutlich macht, warum das Christentum nicht eine jüdische Sekte sondern eine Weltreligion wurde.

Prinzipiell wäre es durchaus auch denkbar gewesen, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, dass sich die Jünger darauf beschränkt hätten nur jüdischen Menschen von Jesus zu erzählen. Es ist durchaus sehr wahrscheinlich, dass nicht wenige der Anhänger Jesu ihn nur als Retter des Judentums gesehen haben – eben als den Messias, der von Gott geschickt wurde um vor allem und ausschließlich die Juden zu befreien: → von den römischen Herrschaft, von einer unfähigen Oberschicht, vom falschen Glauben und überhaupt von allem, was den Geboten Gottes und dem Glück des jüdischen Volkes im Weg steht.

Die Geschichte hat einen anderen Verlauf genommen und dass hängt natürlich damit zusammen, dass Jesus Christus von Anfang an als Retter für alle Menschen gekommen ist. Das Jesus nicht gekommen ist, nur um ein einzelnes Volk zu befreien, sondern um der ganzen Menschheit Freiheit zu bringen. Und zwar nicht nur eine irgendwie geartete politische Freiheit, sondern eine Freiheit des Glaubens, eine Freiheit der Seele.

Die Geschichte hat einen anderen Verlauf genommen und dass hängt auch damit zusammen, dass das die Jüngerinnen und Jünger Jesu erst mal begreifen mussten.
Wenn es um den Glauben ging, dann waren die Nicht-Juden für die Juden nicht immer so richtig im Blick. Das waren eben keine Juden und sie hatten mit dem einen Gott nichts zu tun. Das Nicht-Juden an den einen Gott glauben könnten und nach jüdischen Geboten ein gutes Leben führen könnten, war für die meisten Juden damals(!) nicht wirklich im Blick. Wer nicht-jüdisch war, wer nicht beschnitten war, der war im religiösen Sinne unrein.

Das erinnert mich ein bisschen um die aktuelle Debatte um die Freizügigkeit für Menschen aus Bulgarien und Rumänien. Und ganz allgemein an die Debatte um Zuwanderung nach Deutschland.
Da wird auch nur gesehen, dass Menschen, die nach Deutschland kommen unsere Sozialsysteme belasten. Dass Menschen, die zu uns kommen unser Land aber auch bereichern könnten – und zwar durch aus ganz materiell gedacht –, dass wir sogar Zuwanderung brauchen um unsere Sozialsysteme mittelfristig abzusichern, wird nicht gesehen.
Es gibt den schönen Satz: „Ich habe nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier.“ (Asterix und das Geschenk Cäsars). Solch ein denken schwingt bei diesen Debatten immer mit.

In der Geschichte um Kornelius und Petrus passiert etwas ganz ähnliches: Kornelius ist römischer Hauptmann. Er ist einer der bösen Besatzer aber er ist fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk Almosen und betete immer zu Gott.
Der glaubt an den einen Gott und lebt das. Und nicht er allein, sondern seine ganze Familie. Und er engagiert sich und tut den Menschen in seiner jüdischen Umgebung Gutes. Dieser Mann möchte nun, dass Jesu Jünger zu ihm kommen, dass Petrus kommt. Und auch wenn es nicht so deutlich im Text steht, es klingt doch an, dass Petrus mit dieser Sache nicht so glücklich ist.

In der Geschichte wird dann von einer Vision berichtet, in der Petrus ein Tuch mit unreinen Speisen von Gott präsentiert bekommt mit der klaren Aufforderung diese zu essen, obwohl sie unrein sind. Und Petrus sträubt sich.

Das ist ein bisschen wie im Dschungelcamp, dass wir ja gerade wieder allabendlich auf RTL präsentiert bekommen: „Ich bin ein Star – holt mich hier raus.“ Ein paar mäßig berühmte Prominente müssen in einem zum Fernsehstudio umgebauten Stück australischem Dschungel zusammenleben und als kleine Auflockerung Kakerlaken, Riesenwanzen und anderes Zeugs essen. Das ist nach mitteleuropäischen Maßstäben ekelig. Manch einer mag sich da denken: „Naja, was ist denn schon dabei.“ Direkt nachmachen würden es dann aber doch die wenigsten.
Aber gerade das ist der Witz. In Thailand und anderen Ecken Südostasiens ist das Essen von gegrillten Riesenwanzen geradezu Alltag. Man kann sie fertig gegrillt und aufgespießt am Straßenrand an entsprechenden Ständen kaufen und nicht wenige Menschen machen das. Es ist eine Frage, wie man groß geworden ist.
Wir finden es ekelig und Menschen, die solches Viechzeugs mit augenscheinlichem Genuss essen, finden man dann doch ein ein bisschen… sagen war mal sonderbar. „Wie kann man nur so etwas essen…?“

Was auf dem Tuch lag, das Petrus in seiner Vision präsentiert bekommen hat, steht nicht in der Bibel. Es könnte aber theoretisch ein Stück Schinken dabei gewesen sein. Und vielleicht ein Salat mit Meeresfrüchten. Ein Krabbencocktail… Für uns lecker und teilweise richtige Delikatessen, im Judentum auch heute unrein. Und wer in einem Umfeld aufwächst, wo Schweinefleisch und Schalentiere als unrein gelten, der entwickelt durchaus einen echten Ekel dagegen.
Es ist nicht so das ein frommer Jude oder auch ein Moslem beim Anblick eines Schweinebratens denkt: „Oh das sieht aber lecker aus, aber das darf ich ja nicht essen.“ Der denkt durchaus: „Igitt, ist das ekelig. Wie kann man so etwas nur essen.“

„Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten“, hört Petrus in seiner Vision. Und man könnte ergänzen: „Also Petrus, geh hin zu Kornelius. Geh hin zu einem, der Schwein ist. Denn trotzdem hat der den Glauben gefunden und du kannst ihm helfen auf seinem Weg voranzukommen! Stell dich nicht an. Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Und in wem Gott den Glauben erwecken will, den schließe du nicht aus.“

Und jetzt möchte ich noch einmal auf den Anfang zurückkommen. Auf die Ratte, die Kochen lernt. Rémy heißt sie übrigens. „Jeder kann kochen“ ist ihr Motto. Der Höhepunkt des Films ist erreicht, als Restaurantkritiker Ego das Restaurant betritt, in dem die Ratte kocht, was keiner weiß. Er überlässt dem Koch die Auswahl des Gerichts und bekommt eine Ratatouille – das ist an sich nicht Haute Cuisine. Das ist eher Bauernküche. Aber diese Ratatouille ist so perfekt gekocht, dass in Ego Erinnerungen an seine Kindheit aufsteigen und ihn gleichsam entrücken. Und während Petrus ein Tuch mit unreinen Speisen in seiner Vision sieht, sieht Ego das Bauernessen in einem neuen Licht. Er will natürlich wissen, wer der neue Koch ist und erfährt schließlich, dass es eben Rémy die Ratte ist.
Und er begreift: „Jeder kann kochen“ heißt nicht, dass wirklich absolut jeder Mensch gut kochen kann, aber die Liebe zu gutem Essen und die Begeisterung am Kochen und Begabung auch aus einfachstem Wunder zu zaubern, die kann man eben überall finden.

Und auch Petrus muss lernen, dass Gottes Geist wirklich überall weht, wo er will, und dass das jüdische Volk zwar Gottes auserwähltes Volk ist und bleibt, aber dass Gott eben in allen Völkern der Welt Menschen ruft und die seinen Ruf auch hören und ihm folgen. Der Name Jesu Christi soll in aller Welt erklingen. Petrus muss lernen und er lernt es auch, dass Gott überall auf dieser Welt Menschen findet, in denen er die Liebe zu anderen Menschen weckt und in denen er die Begeisterung und das Feuer des Glaubens entfacht. Über all gibt es Menschen, in denen etwas schlummert, das man vielleicht noch wecken muss.

Gestern hatten wir Konfirmandenunterricht und die Konfirmanden haben Glaubensbekenntnisse erarbeitet und verfasst und geschrieben. Das war für manche ein harter Kampf mit sich selbst und den Teamern. Manche Gruppe hat ihre Arbeit halt so gemacht. Die meisten Gruppen haben sich richtig Mühe gegeben und eine schönes Ergebnis erziehlt. Und dann gab es einen, der hat ganz still vor sich hingearbeitet und hat plötzlich, ohne dass ich das von ihm je vermutet hätte – und vermutlich ohne es selbst so richtig zu merken – einen Text verfasst, in dem eine ungeahnte Tiefe und ein unglaubliches Durchdenken des Glaubens, des Lebens und der eigenen Person steckte. Beeindruckend. Und auch ich habe mal wieder etwas gelernt, was nicht weit weg ist von der Erkenntnis des Petrus:

Nun erfahre ich in Weisheit, dass Gott die Person nicht ansieht. (Apg 10,34)

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