Zur Erinnerung an den Künstler und Prediger Wilhelm Groß an seinem 40.Todestag

Es waren längst dunkle Zeiten und eigentlich gab es keinen Lichtstreif der Hoffnung am Horizont, keine Ahnung, kein aufgehendes Morgenlicht, also kein Licht am Ende des Tunnels, auch wenn viele es so immer noch nicht wahrhaben wollten.
Eintragung am 20.Juni 1942 in das neue Tagebuch einer gerade 13-jährigen in den Niederlanden: „Ab Mai 1940 ging es bergab mit den guten Zeiten: erst der Krieg, dann die Kapitulation, der Einmarsch der Deutschen, und das Elend für uns Juden begann. Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde sehr beschränkt. Juden müssen einen Judenstern tragen; Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit einem privaten; Juden dürfen nur von 3-5 Uhr einkaufen; Juden dürfen nur zu einem jüdischen Frisör; Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf die Straße; Juden dürfen sich nicht in Theatern, Kinos und an anderen dem Vergnügen dienenden Plätzen aufhalten… (Tagebücher der Anne Frank S.20f.) und so weiter und so weiter
Wir wissen heute, dass die Situation jüdischer Menschen nach 1943 noch viel unerträglicher wurde, dass die unbegrenzte Vernichtung, der industrielle Massenmord erst noch bevorstand.
Keiner gesteht sich gerne die ganze Wahrheit ein und fügt sich endgültig in ein dem Untergang geweihtes Schicksal.
Menschen brauchen die Hoffnung oder die Illusion, dass es nicht noch schlimmer, sondern im Gegenteil doch besser werden kann.
Menschen brauchen zum Überleben den Glauben an das Morgen und halten sich fest an der Erfahrung, dass auf das Dunkel einer jeden Nacht das befreiende und erhellende Licht des neuen Tages kommen muss.
Die dreizehnjährige Anne Frank versuchte auch ein Leben wie andere Teenager.
Bis Ende 1941 konnten Menschen jüdischer Herkunft aus Deutschland noch versuchen auszureisen. Ab Oktober war dies allen untersagt. Manche tauchten unter, die genaue Zahl kann man nur schätzen, andere versuchten innerhalb der immer enger werdenden Grenzen, die man ihnen noch ließ, ein möglichst normales Leben zu führen in der Hoffnung so diese dunkle, aber doch wohl begrenzte Zeit zu überstehen:…“achtend auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“ (2.Petr. 2, 19)
Es ist natürlich der ungebrochene Lebenswille, der uns wie ein Lichtstreif am Horizont daherkommt.
Es ist manchmal auch die Barmherzigkeit einer Lüge, einer Selbsttäuschung, die gnädiger mit Menschen umgeht als aller Realismus es in der Tat tun kann.
Jakob, dem Lügner, glauben viele, nicht nur weil er so überzeugend von der nahenden Befreiung des Konzentrationslagers berichtet, sondern vor allem, weil sie es so gerne glauben möchten, dass ihre Not bald ein Ende haben wird.
Wir selbst müssen uns – auch in den angesichts dieser Dimensionen vermeintlich unbedeutsamen Anfechtungen unser eigenen Existenz – in den ersten Jahren und nach dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends fragen lassen, ob unsere Hoffnung, unser Vertrauen und unsere Zukunftsgewissheit mehr ist als die Selbsttäuschung der ums Überleben Kämpfenden oder schlichtweg nach Leben Hungernden, oder ob wir einen Grund haben, der uns in den Stürmen und Fluten sicheren Halt gibt, einen Grund, den wir trotzig allen auf uns hereinstürzenden Fragen und Bedrängnissen entgegen halten können mit der eindringlichkeit des Psalmisten, der ausruft, Gott entgegenhält, vielleicht ihm manchmal auch mit der Kraft der Verzweiflung nachruft: dennoch bleibe ich stets an dir.
„Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt…“
Das wird Christen ja manchmal vorgeworfen.
Von allem Anfang an stand dieser Verdacht im Raum und manchmal lebt er auch in uns als Zweifel, als versteckte Restangst, die sich erst verflüchtigen kann, wenn auch wir vom Glauben zum Schauen gekommen sind.
Bis dahin bleiben uns aber die vertrauenswürdigen Zeugen, die mit eigenen Augen geschaut, zumindest aber mit ganzem Herzen vertraut und mit ihrem ganzen Leben unter Beweis gestellt haben, dass die Rede von Kommen der Kraft und der Herrlichkeit Gottes in den Alltag dieser Welt kein leeres Geschwätz ist, sondern lebendige Wirklichkeit, die sich anderen mitteilen möchte, von der Erfahrung zum Wort drängt.
Es sind Erfahrungen nicht nur vom Berg der Verklärung, nicht nur von der Sonnenseite des Lebens.
Sie sprechen nicht nur die Sprache der Erfolgreichen und Glücklichen, vom Leben Verwöhnten oder gar Verblendeten.
Obwohl ich mir gar nicht so sicher bin, ob es auf Dauer wirklich so lohnenswert ist im Licht und im Glück und im Erfolg seine bleibenden Hütten zu bauen und sich von dort nicht mehr fortzubewegen, so kommen mir die Worte von Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit, von seiner Macht auch inmitten aller Ohnmacht sicher viel leichter von den Lippen, wenn sie mich im Augenblick nichts an Überwindung oder trotzigem Glauben kosten.
Mir stehen aber Menschen vor Augen, die verbürgen mit ihrem überhaupt nicht beneidenswerten Leben, welche Kraft zum Überleben in den Abgründen des Schicksals und der Zeit der Glaube schenken kann. Mir stehen Menschen vor Augen, die haben sich die Sprache nicht verschlagen und die Worte nicht verbieten lassen, weil sie mit den Augen des Herzen geschaut und sich auf das Wort, dass allen unseren Worten vorausgeht, verlassen haben: dieser Jesus Christus, Gottes Sohn, ist unser einziger Trost im Leben und im Sterben ( so die erste These im 450 Jahre Jahren alten Heidelberger Katechismus) oder aber:
„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ (Barmen I)
Ich wage, ohne ihn und seine Geschichte wirklich gekannt zu haben, die Behauptung: auch Wilhelm Groß ist so ein Mensch, dessen im Leben bewährten Zeugnis wir glauben können.
Mit seiner Kunst und seinem Leben stand er ein für die Botschaft von Jesus Christus, der sich immer an der Seite der Leidenden fand und die ihm Zeit seines Lebens Richtschnur war.
Und beides, Kunst und Leben spreche eine klare Sprache, allerdings nicht nur die des gesprochenen Wortes.
Da haben sich Worte verdinglicht, sind gegenständlich geworden, sei es in der Gestalt von Engeln an Orten der Trauer, sei es in der Gestalt der biblischen Propheten Amos, Jesaja und Jeremia, die in ihrer Klarheit und Wahrheit manchmal so hart waren, dass schon die Überlieferer ihre Worte nicht unkommentiert und unversöhnlich im Raum und in der Bibel stehen lassen wollten und mit heilvollen Worten nachklingen ließen. Ich weiß,dass auch wir dazu neigen, die versöhnlichen heilvollen Worte lieber zu hören, weil sie die Seele streicheln und nicht anstacheln. Aber beides hat seine Zeit und seinen Sinn.
Es waren dunkle Zeiten, als aus dem aus Holz alter Kähne gebauten und mit Stroh eingedecktem Atelier in der Siedlung Eden die Strohkirche wurde. Dort, wo Wilhelm Groß seine Hände sprechenlassen konnte, dort wurde er als Mitglied der Bekennenden Kirche zum Laienprediger, zwar verborgen, aber nicht unkenntlich und verstellt. Konsequenterweise wurde er dann 1945 auch zum Prediger vom Bruderrat ordiniert. Wenn ich es richtig verstehe, dann kann man den Künstler und den Prediger nicht voneinander trennen und ich behaupte, so wie die Kunst Verkündigung sein kann und zum Nachdenken, zum Betrachten und Verstehen der Welt, der Zeit und des Lebens beitragen muss, so ist die Verkündigung auch Kunst, die aus dem Vertrauen auf Gott in das Leben, in die Verantwortung für die Welt und den Nächsten, aber auch in das Geheimnis des Sterbens einführt. Aber beides muss aus dem Herzen kommen, mit mit den Augen des Herzens die Kraft und die Herrlichkeit und das Kommen Christi geschaut haben. Sie dürfen nicht künstlich sein, wenn sie sprechen und tragen wollen.
Aus den dunklen Zeiten höre ich darum eine helle, lichte Stimme, die mir glaubwürdig versichert: Es sind keine erdachten Fabeln, denen wir folgen, sondern ist eine im Leben bewährte Kraft, die von Gottes Kommen in unsere Wirklichkeit, in unser Leben und in unsere Verhältnisse erzählt. Darauf dürfen wir uns im Leben und im Sterben verlassen. Mit ihr im Herzen können wir Verantwortung in unserer Zeit übernehmen und Christus in unsere Zeit tragen – Christopherus unseren Nächsten werden.
Ich höre aus dem Betrachten der Werke von Wilhelm Groß und aus dem Predigttext dieses Sonntags gleichermaßen die Einladung und die Mahnung: ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen (2.Petrus 1, 19)

drucken