Kannst Du mir glauben

Begegnen sich zwei Menschen um die fünfzig auf einem Klassentreffen. Smalltalk: Was treibst Du so, wo bist Du gelandet – jobmäßig, hast Du Familie, wie läuft’s mit der Gesundheit? Bei den Hobbies angekommen berichtet der eine: „Ja, und dann bin jetzt seit zwei Jahren bei uns im Kirchenvorstand. Hätte gar nicht gedacht, was da alles ansteht. Kannte ja vorher nur die Außensicht, vor allem mit den Kindern: Kinderkirche, Konfirmation, Feste und ab und zu mal ein Ausflug. Aber mir macht das echt Spaß.“
Seinem Gegenüber ist die Kinnlade runtergeklappt. „DU und Kirche? Das hätte ich ja nie von Dir gedacht! Auf Deine alten Tage fromm geworden, was? Aber mal ehrlich: das glaubst Du doch nicht alles oder? Mag sein, dass Jesus ein faszinierender Mensch war und auch für viele Menschen ein Vorbild. Aber das ganze Gedöns mit der Auferstehung von den Toten, dass er Gottes Sohn war und auch noch eines Tages wiederkommen soll – was sagst Du denn dazu? Das klingt mir jedenfalls ziemlich nach Märchen!“

Uff! Was jetzt sagen? Die Gedanken wirbeln im Kopf herum. Manchmal endet eine solche Unterhaltung an diesem Punkt. Und manchmal entspinnt sich ein richtig interessantes Gespräch, jedenfalls wenn den anderen die Antworten wirklich interessieren.
Leicht ist die Antwort aber nicht. Denn allen, die Jesus nicht selbst zu seinen Lebzeiten begegnet sind, die seine Auferstehung nicht miterlebt haben, denen fehlt ja die Erfahrung mit ihm, das unmittelbare Erleben. Wie wäre es manchmal schön, wenn man nur für einen Tag oder eine Woche in die Vergangenheit reisen könnte…

Der Predigttext von heute richtet sich an Leute, denen es genauso geht, an Leute wie uns, er ist geschrieben für die, die Jesus auch nicht mehr selbst gesehen und erlebt haben – ob sie nun vor 1900 Jahren lebten oder heute.
Da lesen wir im 2. Petrusbrief am Ende des ersten Kapitels:

[TEXT]

Das haben wir eben doch schon mal gehört! Im Evangelium für diesen Sonntag! Einer, der mit dabei war auf dem Berg erzählt die Begegnung hier nochmal, wie Jesus auf dem Berg plötzlich in gleißendes Licht getaucht wurde und Gott zu ihm sagte: „Du bist mein Sohn“.
Er erzählt es um zu untermauern: „Das ist kein Märchen, das mit Jesus. Keine Werbestrategie. Jesus ist Gottes Sohn! Wir wissen es. Ich habe es selbst gehört und gesehen. Ich glaube es. Ich glaube auch, er wird wiederkommen. Die Propheten haben es ja schon lange angekündigt.“

Da erzählt einer und sagt: „Ohne Scherz, ist alles wahr! Kannst Du mir glauben.“

Wenn das nur so einfach wäre! Wir hätten den Beweis schließlich gerne selbst zum Anfassen, Angucken, am besten zum In-die Schublade-packen-und-immer- wenn-nötig-wieder-herausholen. Einfach so glauben, was ich nicht anfassen kann? Wie soll das gehen? Nur weil jemand anderes da etwas ganz besonderes erlebt hat, ist es ja noch lange nicht mein Erlebnis!

Wir sind gewöhnt, dass man alles mit Fakten belegen können muss. In der Schule, später im Beruf. Wer seine Quellen nicht richtig zitiert, bekommt Notenabzug oder noch im Nachhinein seine Doktorwürde angefochten. Aber können wir denn im Leben wirklich alles mit Fakten belegen?
Wenn mein Kind mich fragt: „Mama, hast Du mich lieb?“ dann zähle ich ihm nicht die hunderte von Windeln auf, die ich gewechselt habe, die Nächte, die ich schlecht geschlafen habe, weil es krank neben mir im Bett lag. Auch nicht die vielen spontanen Geschenke, um ihm eine Freude zu machen. Sondern ich sehe es an und sage „Ja,“ und es spürt, dass dieses Ja von Herzen kommt. Ganz ohne weitere Beweise.

Wir haben nicht die Chance, mit dabei zu sein auf diesem Berg von damals. Die Stimme Gottes zu hören, diese Lichterscheinung selbst zu sehen.
Aber bleibt uns wirklich nicht mehr als dem einfach Glauben zu schenken, was andere Menschen über ihre Begegnungen und Erfahrungen mit Jesus Christus berichtet haben?

So hart es ist – Ja, es bleibt uns nichts anderes übrig. Ab einem gewissen Punkt muss ich entweder den Kopfsprung in das Becken des Nicht-Wissens und Doch-Glaubens wagen – oder es bleiben lassen.
„Wozu sollte ich das tun?“ fragt dann mancher. Das sind ja alte Geschichten von damals. Ewig her. Keine Verbindung zu meiner Wirklichkeit.
Tatsächlich? Die Geschichte mit Jesus ist mit seinem Tod und seiner Auferstehung noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Im Gegenteil. Die Geschichte hat damit gerade erst begonnen!

Es gibt viele Menschen, die erzählen können, wie sie ganz genau gespürt haben, dass Gott ihnen nahe ist, dass Jesus ganz bedeutend für ganz persönlich ist. Ich bin mir sicher, dass heute morgen hier in diesem Gottesdienst welche davon sitzen.
Nicht immer sind die Erlebnisse so spektakulär wie das, was die Jünger auf dem Berg mit Jesus erlebten. Aber manchmal schon. Und diese Erlebnisse, ob groß oder klein helfen beim Glauben. Helfen, wenn ich vielleicht doch ins Zweifeln komme. Das Risiko des Kopfsprungs ins Ungewisse bleibt. Denn ich kann, wenn ich es unbedingt will, natürlich ganz vieles mit dem Verstand und wissenschaftlicher Erkenntnis versuchen wegzuerklären. Manchen fällt das leichter, als einfach zu glauben, das passiert ist, was passiert.

Was passiert denn? Ein paar Beispiele:
Es gibt Orte, oft alte Kirchen, in denen die Gegenwart Gottes spürbarer ist als anderswo – oder in denen es Menschen leichter fällt, sich für seine Gegenwart zu öffnen. Eine Frau erzählt, wie bei einem ganz normalen Gottesdienst das Altarbild plötzlich anfing zu leuchten. Sie fühlte sich getröstet, geborgen und aufgehoben. Es war viel mehr als nur ein Licht um den Altar, das in diesem Moment für sie aufleuchtete. Sie spürte Gott ganz nah bei sich.

Ein alter Mann, im zweiten Weltkrieg Soldat, entkommt unbeschadet aus dem Kugelhagel, der um ihn tobt. Reihenweise waren die Männer um ihn herum gefallen. Er nicht. Seine Augen leuchten tief von innen, immer wenn er davon erzählt. „Gott hatte mit mir noch etwas vor,“ sagt er aus innerster Überzeugung.

Wer schwer erkrankt ist, muss sich früher oder später mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass er an seiner Krankheit sterben könnte. Manche stehen auf der Schwelle von Leben und Tod und berichten anschließend, dass sie sich entscheiden konnten zu sterben oder weiter zu leben. Manche berichten auch, eine Gestalt habe ihnen den Weg in den Tod versperrt. Viele deuten sie als Engel, andere als Jesus. Alle, von denen ich gelesen habe, haben ein Gefühl tiefen inneren Friedens verspürt, manchmal allerdings auch mit Trauer gemischt, dass sie noch nicht über diese Schwelle gehen durften. Die Angst zu sterben war ihnen durch dieses Erlebnis genommen.

Ich selbst habe schon als Kind und Jugendliche in einem Kirchen-Chor mitgesungen. Und oft erlebt, wie Worte, Musik und Atmosphäre so ineinander griffen, dass Gottes Gegenwart geradezu körperlich spürbar wurde.

Viele kleine und große Momente, die nicht beliebig wiederholbar sind, die man am liebsten festhalten möchte, weil sie ein echtes Geschenk sind. Weil sie mich im Tiefsten Innern wissen lassen, dass es mehr gibt als nur dieses Leben hier. Dass wir geborgen sind, was auch immer geschieht.

Die einen mögen solche Momente wegerklären. Für die anderen sind sie eine wichtige Brücke zwischen dem, was vor 2000 Jahren durch Jesus Christus geschehen ist in meine eigene Wirklichkeit. Erlebnisse, die mir zeigen, dass Wahrheit in den Worten und Prophezeihungen der biblischen Texte steckt, wenn sie berichten: Du bist Gott wichtig. Er ist Dir nahe. Er ist bei Dir im Leiden, im Sterben. Er schenkt dir Freude, er schenkt Dir Leben.

Die beiden auf dem Klassentreffen. Erinnern Sie sich? Wenn beide sich getraut haben offen zu sein, hatten sie ein richtig interessantes Gespräch. Der eine ist seine Fragen und Zweifel losgeworden. Und der andere hat ihm erzählt aus seiner Gemeinde. Dass er sich dort in der Gemeinschaft aufgehoben fühlt. Wenn er sich was getraut hat, hat er ihm vielleicht auch von seinem ganz eigenen Erlebnis erzählt, wie Gott ihm nahe gekommen ist. Aber auch, dass er nicht auf alle Fragen eine abschließende Antwort gefunden hat. Dass er sich manchmal ganz sicher ist und manchmal zweifelt. Und dass das für ihn einfach mit dazugehört. „Ganz sicher wissen wir es erst, wenn Jesus wirklich wiedergekommen ist,“ meint er und zwinkert mit den Augen. Und das ist ja auch so.

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