Vitale Mission

Zu Beginn eine kurze Darstellung einer heiklen Angelegenheit mit den Worten Hans Hermann Pompes: „Der Zahnarzt prüft mittels Kältereiz, ob ein Zahn adäquat reagiert, also ob er noch lebt oder nicht: Eine lebendige Wurzel reagiert deutlich auf die Kälte, eine tote nicht. Sowohl eine zu heftige als auch eine ausbleibende Reaktion sind wichtige Indikatoren für den Zustand von Wurzel und Zahn, z.B. für eine Entzündung oder für eine notwendige Wurzelbehandlung.“ (Vgl.: H. H. Pompe: Was ist gute Mission heute? Die evangelische Kirche als Entdeckungsort eines fremden Evangeliums, Impulsvortrag Ev. Kirche Pfalz, 19.9.2011 Speyer)

Das wir heute in Europa, in Hessen, in Deutschland, in Bad Hersfeld überhaupt in der Lage sind, die eigene Vitalität der Kirche, der Gemeinden und der Christenheit zu beurteilen hat seinen Anfang an den Auen eines Flusses in Philippi. Hier, in dieser idyllischen Landschaft, traf Paulus auf ein paar betende Frauen. Es gibt in der römischen Provinz keine Synagoge: Philippi ist und bleibt eine Militärkolonie. Vital ist anders, denn es reicht offensichtlich nicht mal für die nötigen zehn Männer, um einen ordentlichen Synagogengottesdienst zu feiern.
Der Heilige Geist nun hat Paulus und seine Gefährten losgeschickt und diese Reisegruppe trifft auf Lydia. Die Christianisierung Europas beginnt mit dieser gottesfürchtigen und gestandenen Frau. Im selben Schritt lernen wir, was es heißt, erfolgreich zu missionieren.

Dabei gilt: Mission wird da notwendigerweise scheitern, wo sie absolut und exklusiv wird und Sätze wie diese sagt: „Sie gehen alle ohne Christus verloren.“ Eine solche Aussage vergisst schlicht, dass nicht wir die Grenzen der Liebe Gottes setzen. Ebenso sagt vitale Mission auch nicht: „Sie werden sowieso alle gerettet“ – auch die Reichweite von Gottes Versöhnung liegt nicht in unserer Verfügung. Vielmehr hält die Mission, „die anstrengendere Mittelposition, die wie beim Segeln ein ständiges Nachkorrigieren benötigt, um den Kurs zu halten.“ (Ebd.)

Allerdings kommt es zuvor darauf an, eine stabile und belastbare Beziehung zum Anderen aufzubauen. Und dazu gilt es, sich auf den Weg zu machen. Mission bedeutet zunächst einmal hingehen. Klingt einfach und sollte es in den mobilen Zeiten, in denen wir leben auch sein. Aber es gehört mehr dazu, sich aufzumachen; denn abgesehen von der Notwendigkeit der räumlichen und geografischen Veränderung muss sich auch im eigenen Denken etwas verändern, wenn es darum geht „die Menschen an den Orten, in den Lebenssituationen aufzusuchen, wo sie sind.“ (Vgl.: M. Hein, Gott entdecken. Biblische Begegnungen, Leipzig 2011, S. 158). Dieses Aufbrechen gelingt aber nicht, weil am runden Tisch darüber gesprochen wurde und alle die Idee für gut halten. Wenn wir uns dazu entscheiden, dann müssen wir diese Idee auch leben, beginnend in den Möglichkeiten, die wir uns dazu geben, die wir dafür nutzen können.

Auf den Punkt gebracht beutetet das für uns, dass auch das Zusammenwachsen zweier unterschiedlicher Gemeinden zu einer Gemeinde auch ein stückweit Missionsarbeit ist: Es gilt Kräfte zu bündeln und zugleich Begabungen und Fähigkeiten zu verdoppeln, aber nicht an den Menschen vor Ort vorbei. Aufbrechen zu den Menschen bedeutet auch trennende Gedankengebäude, Vorbehalte, Ressentiments abzubrechen – eben miteinander ins Gespräch zu kommen, sich zu begegnen.

Aus kirchlichen Erhebungen erfahren wir, dass die Begegnung mit einem anderen Menschen „für Wege zum Glauben enorm wichtig sind: Rund 80 % der Befragten bestätigen, dass sie über Kontakte und Freundschaften zum Glauben gefunden haben. Nachbarn, Freundinnen, Kollegen, Pfarrerinnen, Jugendgruppenleiter, Mutter; immer wieder sind es Menschen, die andere Menschen auf dem Weg zum Glauben begleiten.“ (Vgl.: H. H. Pompe: Wege zum Glauben – alles beginnt mit der Sehnsucht. Predigt über Markus 5,24-34 im Reformations-Gottesdienst der Kölner Kirchenkreise, Trinitatiskirche Köln, 31.10.2011)
Auch bei Lydia, der ersten Christin in Europa, gibt es einen anderen Menschen, der ihr von Gott, von Jesus Christus erzählt und sie und ihr Haus dazu bringt, sich taufen zu lassen. Lydia bleibt also kein Einzelfall, sie bleibt nicht alleiniges Beispiel für die erfolgreiche Mission des Paulus. Paulus, selber von außen angestoßen, schafft es, andere anzustoßen und in Bewegung zu versetzen. Lydia hat durch ihn von Jesus gehört. Eine persönliche Begegnung ging dieser Reaktion voraus.

Wie wichtig diese persönliche Begegnung für den Glauben ist, beschreibt eine kleine Anekdote aus Wuppertal: Dort gab es dreimal im Jahr die Gelegenheit einen ökumenischen Gottesdienst zu besuchen. Man traf sich abwechselnd in der katholischen, in der evangelischen und in den Räumen der freien Christengemeinde. Während ich das Gefühl hatte, sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche wie üblich nur Gast zu sein, kamen in der freien Christengemeinde gleich zwei Menschen im Eingangsbereich auf mich zu, stellten sich mit Namen vor und bekundeten ihre Freude darüber mich zu sehen. Was mir anfangs absolut fremd war, gefiel mir aber im Nachhinein immer besser. Drei Kirchengemeinden, eine Begrüßung. Ich weiß, dass sich in den letzten Jahren auch bei uns viel dahingehend verändert hat. Allerdings merkt der englische Bischof Steven Croft zu Recht an, dass es dabei nicht stehenbleiben darf: „Menschen suchen letztlich nicht die freundliche Begrüßung an der Tür, sondern bleibende Beziehungen“. (Ebd.)

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung!“ sagt der Philosoph Martin Buber. Solche Begegnung kann an einem Fluss in einer römischen Provinz ebenso geschehen, wie in einer Kirche am Ein- oder Ausgang, beim Kirchenkaffee oder während einer Wanderung am Ostermontag. Hauptsache ist, dass diese Begegnung passiert, dass Beziehungen geknüpft werden, die auch belastbar sind. Hier vor Ort finden sich verschiedenste Lebenswelten. Um das Evangelium, den eigentlichen Helden der Erzählung von der Reise des Paulus nach Europa, auch in diese Situationen zu bringen, braucht es eine „aufmerksam wahrnehmende Kirche“, die natürlich bereit ist ihr warmes und behagliches Nest zu verlassen und „mit Gottes Geist rechnet!“ (Vgl. M. Hein, a.a.O., S. 157).
So wird Gemeinde gebaut. Aber ohne tragfähiges Fundament, wird es diese Gemeinde nicht lange geben. Darum braucht es eine lebendige Mitte. Das ist nicht notwendigerweise eine Kirche in der Stadt oder auf einem Berg. Die lebendige Mitte ist der lebendige Gott, der in unserem Tun, Reden und Handeln sichtbar wird.

Abgesehen von der dringenden Notwendigkeit, selber als Gemeinde, die altbekannten Wege zu verlassen und sich auf neue Wege hin zu den verschiedenen Menschen zu begeben ist es erst recht wichtig, Nischen zu schaffen, Räume anzubieten, in denen sich gerade die „Interessierten und Suchenden“ aufhalten können. Lydia lädt Paulus und seine Weggefährten zu sich nach Hause ein. Hier, in diesem geschützten Raum, können offenen Frage, Sehnsüchte, Zweifel ganz anders besprochen werden als draußen am Fluss. „In der Forschung über missionarische Begegnungen gibt es das Konzept des „safe place“: Ein sicherer Ort für Interessierte und Suchende, an dem ich nicht der Eindringling unter lauter Insidern bin, wo ich nicht auffalle, sondern andere ähnlich suchend sind wie ich. Wenn ich schon auffalle, weil ich Matthäus für einen Fußballer statt für einen Teil der Bibel halte, ist der Ort nicht mehr sicher: Da gibt es die Insider -und ich gehöre nicht dazu.“ (Vgl.: H.H. Pompe: A.a.O.)
Exklusiv darf das Christentum nicht sein. Aber immer einladend, gewinnend, nicht zwangsläufig offen für alles, aber neugierig auf die Menschen, die man trifft – so sollte Kirche sein.
Und Hans Hermann Pompe erzählt dazu eine kleine Geschichte: Vor einigen Jahren saß ich bei einer Gartenparty neben einem skeptischen Physik- und Mathelehrer. „Kann ich dich mal etwas Dienstliches fragen?“ „Klar“, antwortete ich. Ich erwartete eine Frage nach Patenamt oder EKD-Struktur. Es kam etwas ganz anderes. Er schilderte mir seine tiefen Zweifel an der Wahrheit der neutestamentlichen Überlieferung und an ihrer Zuverlässigkeit. Nach seinem Gefühl waren die Schriften des NT Fälschungen, ein großer ‚Fake‘, irgendwann im 2. oder 3. Jahrhundert so geschickt produziert, dass dem alle danach auf den Leim gegangen sind. Was ich davon hielte?“
Am Ende bedankt sich der Naturwissenschaftler für das ausführliche Gespräch mit den Worten: „Wenn du mal etwas für einen Ketzer wie mich machst, dann sag mir Bescheid!“ Verrückte Welt: Er hielt sich für einen Ketzer, weil er Fragen stellte. Er ist aber kein Ketzer, er ist ein Suchender.“ (Vgl. H. H. Pompe: A.a.O.)
Die Suchenden gilt es ernst zu nehmen. Es gilt, das einzigartige Wort Gottes in die Welt zu tragen. Das Evangelium mit ihr in Beziehung zu setzen. Das verändert Menschen, das weckt Glauben.
In unserer Gesellschaft gibt es eine tiefe Sehnsucht der Menschen nach Orientierung, nach einem Kompass, nach etwas, das im Leben trägt. „Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach Wirklichkeit und Tiefe, nach Erfahrung einer Wirklichkeit, die den grauen Alltag übersteigt – aber viele Menschen erwarten das nicht von Gott, oder zumindest nicht mehr in der Kirche. „Die Sehnsucht boomt, die Kirchen schrumpfen“, sagt der Publizist Günther Nenning.“ (Vgl.: H. H. Pompe: A.a.O.)
Diese Sehnsucht müssen wir wahrnehmen. Solche Sehnsucht ist ein Motor, der hilft, große Distanzen zu überwinden, zwischen Kontinenten und erst recht zwischen Menschen!
AMEN!

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