Immergeschichte

Liebe Gemeinde,

„Wenn irgend etwas auf der Welt wünschenswert ist, so wünschenswert, dass selbst der rohe und dumpfe Haufen in seinen besonnenen Augenblicken es höher schätzen würde als Silber und Gold; so ist es, dass ein Lichtstrahl fiele auf das Dunkel unseres Daseins und irgend ein Aufschluss uns (zukommen) würde über diese rätselhafte Existenz, an der nichts klar ist als ihr Elend und ihre Nichtigkeit.“ So schreibt der wohl dunkelste Metaphysiker unter den Philosophen, Arthur Schopenhauer, und hat doch in der Bibel Seelenverwandte, wie Hiob, der klagt: „Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!“ (Hiob 3,26)

Dass sich unser kleines Leben zumeist auf hoher See befindet, erzählt auch die Urgeschichte von Noah und der Arche, die keine Historie aus besonders grauer Vorzeit, sondern, wie alle Urgeschichten der Bibel, eher eine Immergeschichte ist. Diese Geschichten dienen dem Verständnis, wer wir sind und was es mit unserem Leben und unserer Welt auf sich hat. Wir befinden uns im 8. Kapitel des ersten Buches der Bibel. Gott hat die Welt sehr gut geschaffen. Aber bald wird der Mensch aus paradiesischen Zuständen vertrieben in eine aus Acker und Kindbett bestehende Welt der Mühen, Schmerzen und Leiden. Sicher hat auch Schopenhauer sich wiedergefunden in der Beschreibung dieser Welt, in der sich der Wille zum Leben nur noch realisieren kann im Fressen und Gefressenwerden, in einer nie enden wollenden Kette des Leids. Und dann kehrt das Chaos zurück in Form einer alles verschlingenden Flut. Was da im unendlichen Ozean schaukelt, sind die Reste der Schöpfung. Mensch und Natur zusammengepfercht auf der rettenden Planke. Die Welt aus den Fugen. Das Leben am Abgrund.

„Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war.“ Am Anfang dieser Geschichte war das ja anders. Schön übersetzt Martin Buber: „Da leidete Gott, dass er den Menschen gemacht hatte auf Erden, und er grämte sich in sein Herz.“ (1. Mose 6,6) Aber Gott sei Dank wird am Ende der Geschichte aus dem Schmerz Gottes Mitleid. Das leidende Herz Gottes wird zum mitleidenden Herz Gottes. Das ist schon unerhört, wie hier über Gott geredet wird. Gott fühlt um. Da haben manche Philosophen ihren Spaß – aber nur, wenn sie Schopenhauer nicht gelesen haben. Der hätte das sofort verstanden. Denn für ihn ist die Fähigkeit des Menschen zum Mitleid eben das, was ihn vom Tier und den anderen Kreaturen unterscheidet. Darauf baut seine ganze Ethik auf. Er schreibt:

„Was daher auch Güte (und) Liebe (…) für andere tun, ist immer nur Linderung ihrer Leiden, und folglich ist, was sie bewegen kann zu guten Taten und Werken der Liebe, immer nur die Erkenntnis des fremden Leidens, aus dem eigenen unmittelbar verständlich und diesem gleichgesetzt. Hieraus aber ergibt sich, dass die reine Liebe ihrer Natur nach Mitleid ist; das Leiden, welches sie lindert, mag nun ein großes oder ein kleines (…) sein. Wir werden daher keinen Anstand nehmen, im geraden Widerspruch mit Kant, der alles wahrhaft Gute und alle Tugend allein für solche anerkennen will, wenn sie aus der abstrakten Reflexion, und zwar dem Begriffe der Pflicht und des kategorischen Imperativs hervorgegangen ist, und der gefühltes Mitleid für Schwäche, keineswegs für Tugend erklärt – im geraden Widerspruch mit Kant zu sagen: der bloße Begriff ist für die echte Tugend so unfruchtbar wie für die echte Kunst: alle wahre und reine Liebe ist Mitleid, und jede Liebe, die nicht Mitleid ist, ist Selbstsucht. Selbstsucht ist der Eros, Mitleid ist die Agape.“

Nein, es ist nicht vermessen, sich des Philosophen Gedanken zu leihen und zu fragen: Ist das der Moment, in dem Gott seine Schöpfung erkennt, als wäre sie auch ein Teil von ihm? Ist das der Moment, in dem Gott den Schmerz der nach Freiheit seufzenden Kreatur fühlt, als wäre es sein eigener? Ist das der Moment, in dem Gott beschließt, die Schöpfung nicht den Bach runter gehen zu lassen, sondern sie nach Hause zu bringen zu sich selbst? Alles was in der Bibel im Folgenden bis zum furiosen Schluss zu lesen ist, erzählt von nichts anderem!

Wie eng die Geschichte des Noah mit der Schöpfung verbunden ist, zeigt sich nicht zuletzt am kunstvollen Aufbau der Flutgeschichte. Die Zahl Sieben steht für den Sabbat, den Sonntag, den Tag der Schöpfungsruhe. An einem solchen Tag kommt auch die Arche zur Ruhe. Und es ist immer wieder der Sabbat, der Sonntag, an dem Noah die Arche öffnet, um seine Vögel fliegen zu lassen, damit sie erkunden, ob es wieder einen Platz zum Leben gibt. Sind diese Vögel nicht auch Zeichen, die Gott erinnern sollen an die Sehnsucht seiner Kreatur? An einem dieser Sonntage kommt die Taube zurück und hat etwas im Schnabel. Es ist kein Gänseblümchen, kein Grashalm, sondern ein Blatt vom Ölbaum. Der Olivenbaum ist in der Bibel der Baum schlechthin. Er verheißt ein Leben in Fülle. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. (Psalm 23,5) Mit dem Blatt vom Ölbaum verspricht Gott genau das.

Der Name Noah leitet sich von Noach, „zur Ruhe kommen“ ab. Und von seinem Vater Lamech heißt es, „er nannte ihn Noah und sprach: Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf dem Acker, den der Herr verflucht hat.“ (1. Mose 5,29) Was also ist der Trost des Noah? Eine Auslegerin schreibt: „Nichts anderes liegt Noah vor Augen als Zerstörung und Chaos – doch immer wieder schickt er die Taube in die Freiheit, bis diese – endlich – ein Zeichen des Lebens, der Lebensfreude entdeckt, bis diese – endlich – einen Ruheplatz für ihre Fußsohle findet. Noah tut dies jeweils am Sabbat – in der Gewissheit oder jedenfalls im trotzigen Beharren darauf, dass dieser Tag den Schalom Gottes in jeder Gegenwart gedenkend vorwegnimmt und die Möglichkeit unverzweckten Lebens und der Lebensfreude festhält auch dort, wo solcher Lebensfreude alles zu widersprechen scheint.“ (Ruth Poser, GPM 4/2013, Heft 1, S. 129)

Urgeschichten sind Immergeschichten. Die Geschichte von der großen Flut begreift jeder, dem das Wasser bis zum Hals steht. Unser Leben und die ganze Schöpfung sind noch lange nicht zu Hause. Chaos und Leid sind um uns und jeden Tag im Fernsehen. Dünn ist die Decke der Zivilisation. Kirche ist keine Sonderwelt. Schon wahr. Aber am Sonntag darf auch das Schiff unserer Kirche auf dem Gebirge Ararat ruhen. Am Sonntag ist es Zeit, die Vögel fliegen zu lassen, Gott zu erinnern an die Sehnsucht und das Seufzen seiner Kreatur und ihn um die Erlösung und Vollendung seiner Schöpfung und unseres Lebens zu bitten.

„Bitte“ heißt auch ein Gedicht von Hilde Domin.

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
Wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Traumgrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blume sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube
und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

Und wir fügen hinzu: Und in die Freiheit der Kinder Gottes.

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