Unzufriedenheit ist aller Sintflut Anfang

Liebe Gemeinde,

in den vergangenen zwei Wochen konnten wir miterleben, wie elf selbsternannte Promis im australischen Dschungelcamp mit vielen ungewohnten, wilden Tieren, keinerlei Außenkontakten, viel Langeweile und sehr wenig Nahrung – oft nur Bohnen und Reis – auskommen mussten, ohne sich ständig zu streiten.

Dieses Szenario gab es ähnlich auch schon am Anfang der Menschheit, allerdings ganze zehn Monate lang, und zwar ohne Dr. Bob oder andere Hilfe von außen und mit noch wilderen Tieren. Und wer vor einigen Wochen bei "Wer wird Millionär?" aufgepasst hat, der weiß auch, dass damals acht Personen auf engstem Raum diese lange und langweilige Zeit miteinander verbringen mussten – und das, ohne rufen zu können: "Ich bin ein Star – holt mich hier raus!" Die Rede ist von Familie Noah und ihrer Zeit auf der Arche. Sie bildet den Predigttext für diesen Sonntag:

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Liebe Gemeinde, drei Kapitel lang ist die ganze Geschichte von der Sintflut gleich zu Beginn der Bibel. Das erste erzählt von der Bosheit der Menschen, vom frommen Noah und vom Bau der Arche. Das zweite schildert, wie Noah mit seiner Familie und allen Tieren die Arche besteigt und die Flut das Antlitz der Erde bedeckt. Und das dritte beschreibt eben, wie sich das Wasser wieder verläuft und das Leben von neuem beginnt.

Man muss weder Drehbuchautor noch Regisseur sein, um zu erkennen, dass all das, was einen Hollywood-Katastrophenfilm vom Schlage der "Titanic" ausmacht, hier fehlt: nämlich all die schreienden sterbenden Menschen und Tiere, all die dramatischen Einzelschicksale, die vor dem Ertrinken noch einmal heldenhaft die Hand in die Kamera recken. Lapidar und sachlich heißt es: "Da ging alles Leben unter, das sich auf Erden regte, an Vögeln, Vieh, wilde Tiere, alle Insekten und Reptilien, und alle Menschen. Alles, was den Atem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb. So wurde vertilgt alles, was auf der Erde lebte. Allein Noah blieb übrig, und was mit ihm in der Arche war."

Und das, liebe Gemeinde, entspringt nicht mangelnder Fantasie oder unterentwickeltem Gerechtigkeitssinn (alle Bösen sterben am Ende), sondern macht von Anfang an deutlich: Hier geht es um den guten Noah und mit ihm und durch ihn um eine neue Chance für uns Menschen – und nicht darum, wie die Bösen bestraft werden. Dies ist eine Geschichte der gesicherten Zukunft, eine Geschichte der Hoffnung. Um es mit symbolisch zu sagen: Gott als Künstler radiert sein erstes, eigentlich gelungenes Bild wieder aus, weil es jemand verunstaltet hat, aber er behält die Farbpalette und lässt Noahs Familie das neue Bild mitmalen.

Nun lässt sich trefflich spekulieren, wie sich die Menschheit von der vollkommenen Schöpfung so bald ins Gegenteil verkehren konnte. Warum hat Gott nicht eher und mahnender eingegriffen? Und wieso ausgerechnet eine Flutkatastrophe und die Idee eines riesigen Rettungsbootes? Doch das beschreibt die Bibel in ihren ersten Kapiteln ziemlich deutlich. Die ersten beiden Menschen werden, weil sie gegen das einzige Verbot verstießen, das es überhaupt gab, aus dem Paradies vertrieben. Sie müssen nun hart arbeiten und unter Schmerzen ihren Nachwuchs bekommen, aber sie sind frei in ihren Entscheidungen und können ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Die zweite Generation, in der Kain seinen Bruder kaltblütig umbringt, bewirkt durch diesen Mord ihr Schicksal, nirgendwo richtig sesshaft zu sein. Andererseits verbietet Gott die Rache an Kain. Er bekommt die Chance weiterzuleben. Gott gibt also der Menschheit von Anfang an zwei unmissverständliche Warnungen: wohl Strafen, aber beide Male mit der Chance zum Neubeginn. Doch es ist leicht nachzuvollziehen, wie es dann zu der völlig verdorbenen Menschheit kommt; denn es sieht heute nicht viel anders aus.

Das einzige Problem der Menschheit von Anfang an, sozusagen ihre biologische und psychologische Sollbruchstelle, ist und bleibt das Phänomen Unzufriedenheit und Neid. Besser als Adam und Eva konnte es niemand haben. Vollkommenes Bio-Essen, kein Klimawandel, kein Tempolimit, keine Allergien, keinerlei Alterungsprozess – eine Situation, für die reiche Menschen heute viele Millionen zahlen würden! Und doch sind sie unzufrieden, weil ihnen dieser eine Baum – unter tausend anderen – verboten ist. Ich nenne diese Unzufriedenheit und diesen Neid ein Phänomen, weil wir es schon bei Kleinkindern beobachten. Man kann ihnen dreimal eindringlich verbieten, an den einen Schrank zu gehen – sehr viele werden es trotzdem oder gerade deswegen tun.

Kain ist, obwohl in seinem selbstgewählten Beruf glücklich, unzufrieden und neidisch auf seinen Bruder, weil Gott einmal dessen Dankesgabe mehr lobt als seine. Also erschlägt er ihn und hofft naiverweise, nun würde Gott ihn auch loben.
Liebe Gemeinde, betrachten wir uns selbst einmal kritisch: Wie oft sind wir, obwohl es uns gut geht, unzufrieden und neidisch? Oft sind wir neidisch auf Dinge, mit denen wir gar nichts anfangen können. Und all die Kriege und Bürgerkriege, all die Kriminalität und Gewalt, all die Gier an den Börsen und das Gehacke in der Gehaltsstruktur – alles lässt sich leicht zurückführen auf Unzufriedenheit und Neid – und meistens unberechtigt.

Genau dieses Phänomen fiel natürlich auch den antiken Menschen auf, die diesen Schnitt in der Menschheitsgeschichte weitererzählt und irgendwann aufgeschrieben haben. Und sie kannten noch die gruselige Geschichte von einer riesigen Flut, so wie unsere Senioren noch die grausamen Erfahrungen aus dem Krieg kennen, die sich die jüngere Generation nicht mehr vorstellen kann. Noch heute lässt sich anhand geologischer Untersuchungen eine gewaltige Flut vor ewig langer Zeit nachweisen. Und einen anderen Grund konnten sich die Menschen in der Zeit der Bibel beim besten Willen nicht vorstellen als eben eine universale Strafe Gottes.

Zwei Hollywood-Filme haben sich in den letzten Jahren diesem Thema gewidmet. Der eine, "Evan Allmächtig", auf humorvolle Weise, aber auch mit deutlicher Kritik an Profitgier und Raubbau an der Natur, der andere, "2012", auf realistische Weise mit einer erneuten Klimakatastrophe und der verständlichen Frage: Wer dürfte denn in einem solchen Falle alles auf die Arche, um gerettet zu werden? Welche Kriterien gibt es, wenn das Kriterium des Glaubens nicht mehr greift?

Unser Predigttext beschreibt die Tage, als die Flut endet, das Wasser allmählich wieder sinkt und Noah testet, inwieweit das Land schon in Reichweite ist. Über etliche Aspekte daraus ließe sich gut predigen, z.B. wie acht Menschen es mehrere Monate auf engstem Raum miteinander aushalten, ohne verrückt zu werden, woher man dieses unglaubliche Vertrauen zieht, dass die Arche nicht kentert oder die unruhigen Tiere nicht alles zerstören, oder wo all die massenhaften Leichen blieben, als das Wasser sich verlief. Wir könnten einen Taubenzüchter einladen, der uns biologisch erklärt, wie diese Tiere sich orientieren und warum Noahs Taube schließlich nicht mehr zurückkehrte.

Spannender finde ich persönlich die Frage, warum wir Menschen trotz dieser ganz neuen Chance und trotz guter Lebensbedingungen immer noch unzufrieden und neidisch sind. Sicher, Gott hat Noah und seiner Familie versprochen: "Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." Der Kreislauf des Lebens bleibt ein für allemal erhalten. Und damit die Menschen nicht doch bei jedem heftigen Regen nicht wieder Urängste entwickeln, gab Gott ihnen das beruhigende Zeichen des Regenbogens als sichtbare Verbindung zu ihm.

Und doch schaffen es nur wenige, sich der Unzufriedenheit und des Neides zu entziehen und vollkommen mit dem zufrieden zu sein, was sie haben. Aber genau das hat Gott vorausgesehen und es bewusst in Kauf genommen, um den Menschen als Partner nicht erneut zu verlieren. Er sagt zu Noah, als dieser an Land ist: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr alles untergehen lassen, was da lebt."

Das kennen wir im Kleinen aus der Ehe: Wenn ich die Schwächen meines Partners akzeptiere, bedeutet das ja nicht, die Hoffnung aufzugeben, dass er sich von selbst ändert. Aber es bedeutet, dass ich mich nicht wegen seiner Schwächen von ihm trenne, und diese Gewissheit, so hoffen wir, gibt uns allen den Mut, unsere Schwächen zu bekämpfen.

Es ist ganz einfach, liebe Gemeinde: Wenn wir es schaffen, unsere Unzufriedenheit und unseren Neid zu besiegen, wird die Menschheit überleben, wird diese welt ein Stück gerechter. Andernfalls nicht. Es waren die Rolling Stones, die das in ihrem Lied "You can`t always get what you want" so treffend formuliert haben: "Du kriegst nicht immer, was du willst, aber wenn du es einfach versuchst, wirst du herausfinden: Du kriegst das, was du brauchst." Noah war so schlau. Sind wir es auch?

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