Ein freier Mann

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Wir beten in der Stille um den Segen des Wortes. – Amen.

Liebe Gemeinde,

wie Sie wissen, haben wir Christen immer wieder ein Problem mit dem Thema Mission. Wir haben es geerbt aus der Geschichte, in der es etliche Missionen gab, die mit dem Schwert geführt worden sind. Das gilt für weite Gebiete in Nord- und Südamerika, aber es gilt auch für etliche Gebiete, in denen wir heute leben, z.B. die sogenannte Sachsenmission: Ganze Volksstämme bekehrten sich zu Christus unter dem Druck der Besatzer, gewissermaßen in einer Entscheidung auf Leben und Tod. Ich hoffe, dass heute jeder bekennen kann, dass diese Art von Mission nicht das richtige gewesen – ein Fehler sogar – und, dass diese Art von Mission auch heute kein gangbarer Weg sein kann. Zum Zweiten haben wir das Problem auch heute, denn wie soll man denn missionieren? Kann man tatsächlich seine eigene Kultur- und Glaubenswelt in andere Zusammenhänge einbringen? Zerstört man nicht Gewachsenes und verhindert Eigenverantwortung? Auch in unserem Kulturkreis: Sollen wir marktschreierisch unterwegs sein? Sollen wir jedem event nachlaufen und mitmachen? M.a.W.: Soll es eine aktive und bewusste Präsenz von Kirche geben in all den Lebensvollzügen, die unsere Welt heute prägen? Das, liebe Gemeinde, ist eine mehr als schwierige Frage: So haben wir an anderer Stelle schon gehört: Gott ist nach dem Zeugnis der Schrift nicht zu finden in all dem lauten Getöse, das wir gerne hier auf der Welt anstellen. Das spräche gegen Großveranstaltungen, gegen Massen-Evangelisationen, gegen breite Shows im Fernsehen oder andere Dinge dieser Art. Gleichzeitig aber kann sich ein Christ – zumindest einer, der überzeugt ist von dem, was er tut und wie er lebt, nicht heraushalten aus den Dingen, die in der Welt geschehen. Er wird an all den Orten und Vollzügen möglicherweise spezifisch christlich handeln und somit erkennbar sein für andere Menschen. Freilich muss er dabei nicht immer von Gott reden oder andere überzeugen, dass diese von Gott reden müssen. Aber er wird doch klarmachen, aus welcher Kraft heraus und in welchem Geist er lebt: Wovon er getragen und gehalten ist. In dieser Spannung stehen wir, wenn wir aus der gesättigten Position unserer heutigen Kirche heraus an diese Frage herangehen.

Petrus, einer der großen Missionare der ersten Stunde, stand in nochmals verschärfter Situation vor diesem gleichen Problem. Denn zusätzlich zu den Dingen, die ich gerade ansprach, plagte ihn noch die Frage, für welchen Kreis denn überhaupt die Botschaft Jesu bestimmt war. Könnte es denn nicht doch sein, dass eigentlich nur Juden diese Botschaft des Juden Jesu begreifen und fassen können. Muss ich als Missionar nicht vielleicht sogar darauf achten, dass es zu keiner Vermischung kommt zwischen den eigenen und fremden Leuten? Dies ist übrigens die große Frage, über die es dann später zum Streit zwischen Petrus und Paulus kommen sollte – aber davon an anderer Stelle. In unserem Predigtwort von heute, wird Petrus die Entscheidung über diese Frage abgenommen. Hören wir aus der Apostelgeschichte im zehnten Kapitel, die Verse 21-35:

[TEXT]

Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, nimmt sich viel Zeit für diese Geschichte, von der wir heute nur einen Ausschnitt gehört haben – sie nimmt das ganze 10. Kapitel ein und eigentlich müsste man die Vorrede zu unserem Predigtwort noch dazu hören. Hier wird nämlich berichtet, wie Petrus auf diese Begegnung mit Kornelius vorbereitet wird: In einer Vision sieht er allerlei Tieren, deren Verzehr einem gläubigen Juden untersagt ist und hört dazu eine Stimme: „Petrus, schlachte und iss! Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten!“

Mit dieser Vorgeschichte kommt Petrus nun zu dem Fremden und dieser wird aufgenommen in die Gemeinschaft der Kinder Gottes. Grenzen, die gesetzt waren, scheinbar göttlich legitimiert werden plötzlich überschritten. Petrus wagt diesen Schritt, der für ihn nicht einfach ist, schließlich hatte er ja die Grenzen nicht definiert, sondern wollte bloß nach Recht und Ordnung leben.

Kann uns diese Erzählung eine Orientierung bieten für unser eigenes Leben? Zunächst werden wir anerkennen müssen, dass wir immer wieder in Situationen kommen, die der des Petrus gleichen. Wir haben eine Grenze im Kopf, sei es gelernt oder uns angeeignet: Eine Grenze, vor der wir plötzlich stehen und überlegen müssen: Wollen, können und dürfen wir sie überschreiten? Wohlgemerkt immer Blick auf einen anderen Menschen. Wo soll ich etwa auf jemanden zugehen, der in mir doch alle Alarmglocken zum Schrillen bringt? Habe ich vielleicht sogar die Pflicht, immer wieder an meinen Grenzen zu klopfen – sie quasi abzuklopfen, ob sie noch dem Leben dienen oder aber nur erstarrte Krusten sind meiner alten Denkmuster? Erinnern Sie sich an Jesu eigenes Beispiel, liebe Gemeinde: In seinen Taten und Erzählungen überschreitet er immer wieder solche Grenzen: Da wird der Sabbat gebrochen, damit die Jünger essen können oder ein Mensch geheilt wird. Da werden die Regeln von Reinheit und Unreinheit ignoriert, weil es gilt, einem Verletzten oder vielleicht sogar Totem zu helfen. Das von Gott gewollte Leben steht bei Jesus immer im Vordergrund und stets überschreitet der die Grenzen des Gesetzes, wenn das Gesetz droht, das Leben zu verhindern oder einzuschränken. Vielleicht könnte dies für heute ein entscheidender Hinweis sein: Wir brauchen Regeln und Vorschriften – wir kämen sonst kaum zu Recht in dieser Welt. Aber alle Regeln müssen sich messen lassen am Wert des Menschen, der mir gegenüber steht – denn auch um dessen Willen sind die Regeln gemacht und nicht um des Gesetzes willen. Kaum eine andere Glaubensrichtung hat diese Möglichkeit zur Freiheit, wie das Christentum. Diese Freiheit steigert sich in Sätze, die fast fantastisch klingen: „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt!“ Oder: „Alles ist erlaubt“ – freilich mit eben jener Ausrichtung: „nicht alles baut auf oder dient dem Nächsten“. Christentum muss oder besser darf diese tatsächlich grenzenlose Freiheit haben: Alles ist grundsätzlich möglich. Es gibt eben keine Einschränkung mehr für den, der in Gott lebt. Luther schreibt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr.“ Wohlgemerkt im Blick auf Grenzen und Regeln, die aber ausgerichtet sind auf den Nächsten. Es geht also nicht um die reine Selbstverwirklichung eines Egoisten. Aber das ist klar, denke ich.

Freilich, liebe Gemeinde, können wir uns solche Freiheit nicht einfach verordnen. Noch leben wir ja in dieser komplizierten Welt. Aber wir dürfen sie uns immer wieder vorsagen, uns erinnern lassen, dass wir frei sind. Freie Kinder Gottes. Wir dürfen durchatmen, aufatmen: Denn es gibt nicht, was uns trennen könnte von dieser Liebe Gottes. Alle Kritik etwa, die ich üben möchte an dem esoterischen Krimskrams, der uns so oft umgibt, ließe sich darin bündeln: All das bindet uns wieder, macht uns abhängig vom Stand der Sterne, von der Anordnung der Möbel, vom verborgenen Zusammenspiel zwischen diesem und jenem. All das braucht ein Christ nicht, denn er ist frei. Wir dürfen uns diese Freiheit gegenseitig zusagen, weil wir uns oft in Grenzen erleben. Wir dürfen uns erinnern, dass Gott uns als solche freien Kinder haben möchte. Und wenn wir dann an Grenzen stoßen, haben wir mehr Chancen, sie zu überwinden: Auch die Grenzen in unserem Kopf, so wie es Petrus ergangen ist.

Ein Zweites aber sehen wir aus dieser Geschichte mit Kornelius. Es ist nicht so, als ob all dies von unserem Denken und Wirken abhängen würde. Sondern Gott selbst bereitet es vor. Das gilt auch für unsere Anfangsfrage, die Mission. Gott schafft den Boden, auf dem wir säen dürfen. Durch unser Vorbild, unser Handeln, unser Reden. Aber wir müssen nicht kämpfen gegen die Mächte des Bösen oder ähnliches – auch nicht mit dem Schwert, also mit Gewalt, jemanden überzeugen von der Liebe Gottes. Das ist absurd und höchst gefährlich. Sondern wir dürfen darauf vertrauen, dass uns Gott selbst in jene Situationen führt, von denen Lukas heute berichtet: Momente in unserem Leben, in denen es plötzlich auf unser Zeugnis ankommt. Momente, in denen wir plötzlich das entscheidende Puzzelstückchen sind. Momente, in denen wir als freier Mensch, der sich getragen und gehalten weiß, gebraucht werden. Das ist die beste Mission, die wir Christen kennen können: Von Gott an einen Ort, zu einem Menschen geführt zu werden, dem wir im Sinne der Liebe Gottes weiterhelfen dürfen. Und sei es nur, dass wir ihn im stummen Schweigen in seiner Trauer begleiten oder in der Krankheit die Hand halten. Dort wird, liebe Gemeinde, neues Leben aufleuchten: Leben, das Gott für seine Kinder will. Und Gott wird sich dabei nicht an Grenzen halten: Kornelius oder Petrus, Christ oder Jude, Deutscher oder Ausländer: Was spielt das für einen freien Mann für eine Rolle?

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es überblicken könnten, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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