Blick in den Spiegel

[Anmerkung: Text (zusammengefasst) am Ende der Predigt; er könnte aber in der Textlesung ausführlich vorgetragen werden.]

‚Gott erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes.‘ Amen.

Liebe Gemeinde!

Es gibt Tage, da führen einen die Texte der Heiligen Schrift gleichsam wie in einem Spiegelbild die Verzerrungen der eigenen Seele vor Augen. Wenn ich Sie jetzt frage, ob jeder mit sich und mit seinem nächsten im Reinen ist, würde ich vermutlich eine etwas nachdenkliche aber doch positive Antwort erhalten. Schließlich prägt das Wort Jesu von der Nächstenliebe im Allgemeinen unsere familiären, beruflichen und nachbarschaftlichen Beziehungen. Die Leute, die es mit diesem Gebot nicht so ernst nehmen, befinden sich wahrscheinlich sowieso nicht in unserem Gottesdienst. Also ist alles eitel Freude und Sonnenschein?

Als um die Weihnachtszeit durch die Medien Umfragen gestartet wurden, wie unser deutsches Land mit den neuen Flüchtlingsströmen umgehen soll, äußerten sich mehr als die Hälfte der Befragten, man solle die Flüchtlinge aus Afrika und Syrien in unserem Land nicht aufnehmen. Vermutlich gehörten zu den Befragten, wenn man es statistisch hochrechnet, mindestens 25 % Personen, die selbst aus ehemaligen Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien aus Polen, Tschechien und Rußland stammen. Wie kann es sein, dass die eigene Familiengeschichte nach nur einer Generation so schnell in den Hintergrund gedrängt wird, wenn es darum geht, Flüchtlingen zu helfen. Geht es nur darum das eigene Hab und Gut und die eigenen Traditionen zu verteidigen?

Aber wir müssen ja nicht bei der großen Politik anfangen, wir können uns auch in unserem alltäglichen Leben ganz schnell davon überzeugen, wie einfach es ist, sich in dem Mitmenschen zu täuschen.
Vielleicht kennen Sie die Geschichte, die der chinesische Philosoph und religiöse Lehrer Laot-Tse vor langer Zeit einmal aufgeschrieben hat: Es war einmal ein Mann, der seine Axt nicht mehr fand. Trotz ausgiebiger Suche blieb sie unauffindbar. Er sagte zu sich: „Jemand muss sie gestohlen haben!“ ging es ihm durch den Kopf. Er irrte wie verrückt durch die Wohnung, und plötzlich sah er auf der Straße den Jungen seines Nachbarn. Mit diesem Nachbarn war er schon lange nicht mehr gut Freund und so schaute er sich den Burschen genauer an. Schließlich sagte er zu sich: „Ich glaube dieser Junge läuft wie ein Dieb, der eine Axt gestohlen hat. So wie er es sich auffällig benimmt erscheint er mir gar wie ein Axtdieb. Schließlich ging er hinaus auf die Straße und sprach den Jungen an. Und auf dessen überrascht verhaltene Reaktion hin meinte der Mann: „Du sprichst wie ein Dieb, der eine Axt gestohlen hat.“
Der Junge schaute der Mann verdutzt an, zuckte mit den Schultern und ging weiter. Der Mann drehte sich um ging in sein Haus zurück und tobte vor Wut. Er überlegte sich, wie er den Vater des ungehobelten Burschen zur Rede stellen sollte und als er schließlich aus dem Haus rannte erblickte auf dem Weg zum Nachbarn seine Axt unter einem Holzstoß in seinem Garten liegen. Abrupt blieb er stehen und noch sichtlich aufgewühlt ging er in sein Haus zurück und überlegte sich was da passiert war.
Kennen wir solche Situationen? Man könnte das Wort ‚Axt‘ gerne austauschen gegen andere Begriffe. Man könnte sagen: ‚Da hat jemand mein Autoschlüssel mitgenommen‘ oder ‚Wer benutzt gerade meine Schere oder meinen Füller oder wer hat das Handy mitgenommen?‘ Gerade in Familien kommt das immer wieder vor, daß man etwas sucht und gerne ein Familienmitglied verdächtigt. Je nachdem man selber gerade nervlich aufgestellt ist, platzt es aus einem heraus, man fährt einander an und manchmal werden Worte gesagt, die man vielleicht in anderer Gemütsauffassung nicht so leicht ausgesprochen oder gar vermieden hätte. Die Geschichte des Lao-Tse endet mit den Worten: Lals der Mann am nächsten Tag den Nachbarsjungen sah, stellte er fest, der Junge hat eigentlich gar keinen verdächtigen Gang, er scheint sich auch nicht wie ein Axtdieb zu verhalten redet und bisher kann ich mich nicht erinnern, daß er wie ein Axtdieb gesprochen hat.‘

Wie verhält sich der Mann nun gegenüber dem zu unrecht beschuldigten Jungen? Gesteht er seinen Fehler ein? Schämt er sich für sich selber? Bittet er sich um Verzeihung? Bittet er den Jungen um Verzeihung dafür dass ein angefahren hat? Bittet er im Geiste sein Nachbarn um Verzeihung und fragt er sich ob der Streit mit dem Nachbarn vielleicht auch auf merkwürdigen Einstellungen fußt? Geht er vielleicht hinüber zum Nachbarn und sagt: lass uns die alten Sachen vergessen! Gib uns eine Chance auf einen neuen Anfang! Sagt er sich vielleicht sogar: Was für ein Glück, dass ich die Axt noch rechtzeitig gesehen habe bevor der Streit noch schlimmer eskaliert wäre?

Fragen über Fragen. Es sind Fragen, die wir in unsere Beziehungen mitnehmen können. In die Beziehungen mit unsern Liebsten, den Ehepartnern, mit unsern Kindern, in die Beziehungen zu unsern Mitbewohnern im Haus oder zu den Nachbarn gegenüber, zu den Kollegen im Verein und zu den Mitarbeitern am Arbeitsplatz. Überall gibt es viele kleine Gelegenheiten, in denen man sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen kann. Ein jeder von uns kennt solche Geschichten. Und ich bin sicher: ein jeder von uns trägt eine Menge davon mit sich herum. Und wenn man das genau überlegt dann könnte man sich auch sagen: wenn ich einem anderen die Schuld nachtrage, dann trage ich an diesen Lasten – und die machen mein Leben nicht gerade leichter.

Man könnte also umgekehrt fragen: was ist zu tun, um das Leben ins Lot zu bringen? Um die verkorksten Beziehungen zu bereinigen? Um einfach glücklich miteinander den Alltag, der oft schwer genug ist, zu bewältigen? Antworten darauf gibt es viele, und die meisten sind ganz einfach: Gütig sein, einander freundlich begegnen, Respekt zollen, eine Kultur der Wertschätzung pflegen, ein freundliches Wort mitgegeben, ein Lächeln auf die Lippen zaubern, hin und wieder eine kleine Geste der Anerkennung zukommen lassen, ein Geschenk austeilen. Ein freundliches Wort sagen.
Schwierig wird es natürlich, wenn es ums Eingemachte geht, wenn man in Traditionen zuhause ist, die man nicht gerne aufgeben möchte. Von solch einer Begegnung erzählt die heutige biblische Geschichte. Es ist die Geschichte des Petrus und des Kornelius. Lukas hat sie in seinem Buch über die Reisen der Apostel aufgeschrieben. Kornelius ist ein mächtiger Mann, er lebt seiner Herkunft gemäß in seinem römischen Herrschaftshaus in bester Hafenlage. Petrus ist als Apostel des Herrn an der Küste unterwegs. Merkwürdigerweise haben beide einen Traum, in dem ihnen der Engel des Herrn erscheint. Es geht um eine Begegnung. Kaum sind die beiden aufgewacht haben sie sich die Augen gerieben: verwundert, verdattert, verdutzt und sie haben sich gefragt: hallo? wie bitte? was soll das Ganze? Kornelius hat sich vielleicht gefragt: Ich als römischer Staatsbürger habe mit den Christen nichts gemein. Meine Götter heißen Saturn und Herkules und mein Glaube zeigt sich in dem befolgen der römischen Gesetze und in dem Huldigen des Kaisers. Und Petrus wird gedacht haben: hallo? wieso sollte ich einen römischen Soldaten besuchen? Ich habe mit dem man nichts zu tun, Römer sind sowieso des Teufels, ich komme aus einer guten jüdischen Familie, ich habe mit Jesus den Glauben neu entdeckt, und lebe den Gesetzen des Herrn gemäß.
Und so sind beide vergnügt in den Tag gegangen, Doch Kornelius lässt nach Petrus schicken und bittet ihn in sein Haus zu kommen. Und Petrus als guter Apostel des Herrn lässt sich nicht lange drängen und begibt sich in das Haus des Römers. Skeptisch. Misstrauisch. Vorsichtig. Aber als sie sich dann voneinander erzählen und als Petrus sieht wie Kornelius tolerant und offenherzig gegenüber der Kultur in Palästina aufgetreten ist, wie sein Haus freundlich gegenüber den Mitmenschen ist, die mit ihrer römischen Kultur fast gar nicht gemein haben, da entsinnt sich Petrus an seinen Traum und erzählt diesen dem Kornelius. Beide müssen herzlich lachen und sie nähern sich einander an. Und dann kommt dieser Satz des Petrus, den ich ganz besonders betonen möchte. Petrus sagt: „Ich bin nur ein Mensch; mir hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf!“ Vor Gott sind alle Menschen gleich: gleich welcher Herkunft, gleich welcher Nationalität, gleich welcher Sprache, gleich welcher Kultur, gleich welcher Hautfarbe, gleich welchen Geschlechtes, gleich welchen Alters: vor Gott sind alle Menschen mit der gleichen Würde ausgestattet.
Dies haben wir als Menschheit in den Statuten der Menschenrechte 1948 zum ersten Mal nach 1948 Jahren Christentum, nach über 5000 Jahren Judentum, nach über 1400 Jahren Islam, nach über 2500 Jahren Buddhismus und nach über 3000 Jahren Hinduismus zum ersten Mal verbindlich für alle Menschen auf dieser Erde fixiert. Aber haben wir aus der Geschichte gelernt? Haben wir den Mut, diese Einsicht auch in unserem Alltag umzusetzen? Sind wir in der Lage jedem Menschen, dem wir begegnen, den gleichen Respekt entgegenzubringen, den wir den Menschen in unserer entgegenbringen? Oder begegnen wir Menschen anderer Hautfarbe, anderer Sprache, anderen Denkens, anderer kultureller Eigenschaften, anderer Ausdrucksweisen: begegnen wir den nicht doch eher skeptisch und zurückhaltend? Wie halten wir es hier in der ökumenischen Arbeit? Trauen wir einander etwas zu? Oder bleiben wir lieber bei unseren gewohnten Traditionen?

Ich sagte vorhin: dort wo uns etwas im Innersten angeht, dort wo unsere Identität zuhause ist, dort sind wir am sensibelsten. Trauen wir Menschen, die anders aussehen, die gleichen Fähigkeiten zu, wie wir sie – natürlich im positiven Sinn – von uns selber haben?
Eine Menge Fragen und ich sagte eingangs: wir bekommen heute einen Spiegel vorgehalten. Die Antworten auf die vielen Fragen muss sich jeder an diesem Sonntagmorgen selber geben – aber mit der Geschichte von Petrus und Kornelius die ich Ihnen gleich noch in Kurzform vorlesen werde, braucht niemand Angst vor dem Blick in den Spiegel zu haben; denn als Christen wissen wir, daß wir von Gott ein gutes Herz geschenkt bekommen haben. Das macht uns, Mut offen zu sein für jeden Menschen in dieser Welt.

[TEXT]

Textnachweis:
Der Axtdieb: http://www.oai.de/de/faq/45-publikationen/sprichwort/830-der-axtdieb.html

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