Noah gegen die Plastikreligion

Die praktische Theologin Isolde Karle hat in ihrem Buch „Kirche im Reformstress“ folgende Behauptung aufgestellt: „Die eigentliche Krise der Kirche ist nicht eine Finanz-, sondern eine theologische Orientierungskrise.“ Daran schließt sie die Frage an: „Was hat die Kirche Menschen in der modernen Gesellschaft zu sagen?“ Wie kann man theologisch ohne Verflachung und doch für jeden einzelnen relevant von Gott, „von Sünde und Vergebung, von Gnade, Liebe und Gerechtigkeit reden?“ (Vgl.: I. Karle: Kirche im Reformstress, Gütersloh 2010, S. 259).

Ein Irrweg unserer Tage, auf den ich schon im Kindergottesdienst geschickt wurde, wird besonders gerne beschritten. Die immer wiederkehrende Rede vom „lieben Gott“. Diese Art der Verwässerung wird der Orientierungslosigkeit weiter den Weg ebnen, denn den „lieben Gott“ gibt es nicht. Oder zumindest nicht nur. Schließlich gibt es Erfahrungen mit einem anderen Gott, einem abwesenden, einem unverständlichen und bisweilen sogar zornigen Gott. Die Rede vom „lieben Gott“ verstört nicht nur, eine solche Kategorisierung nimmt das Gegenüber auch nicht ernst.

Im heutigen Predigttext trifft die Beschreibung „lieb“ auch nicht ganz den Sachverhalt, der da beschrieben wird. In der Erzählung von der Sintflut wird Gott zornig, „als aus der guten Ordnung Chaos wächst.“ Neue Kräfte entwickeln sich: „Begierde, Neid, Herrschsucht, Gewalt.“ (Vgl. M. Käßmann: Bibelarbeit während des 2. Ökumenischen Kirchentages, Genesis 9,8-17) Der Mensch entwickelt einen eigenen Willen, trifft eigene Entscheidungen und – damit beginnt das Drama – verfolgt alsbald seine eigenen Interessen. „Da wird ein Egoismus, eine Selbstbezogenheit wach, die nicht Gott im Zentrum des Lebens sieht, sondern sich selbst. Das ist der biblische Sündenfall, das Ende vom Paradies. Der Mensch isst vom Baum der Erkenntnis und diese Erkenntnis ist bitter. Denn sie führt weg vom Paradies hin zu Missgunst und Neid und Auseinandersetzung. Gott wird zornig und ist enttäuscht.“ (Vgl. M. Käßmann: A.a.O.)
Sein Antlitz wird plötzlich sehr menschlich. Er hatte es gut gemeint, aber die Menschen gedachten es anders zu tun. Gott mag erschrocken gewesen sein, „angesichts des Gewaltpotentials, das in Kains Brudermord sichtbar wird.“ (Ebd.) Der Brudermord zieht eine neue Beziehungs-Ebene ein. Nicht ohne Grund wird in der Bibel so früh von der Grausamkeit des Menschen erzählt. Kains Brudermord ist Ausdruck für eine gestörte Gottesbeziehung. Frei aufblicken kann Kain nun nicht mehr.

Und dieser gesenkte Blick setzt sich fort und findet seinen vernichtenden Höhepunkt in der Erzählung von der Sintflut. Und in dieser Erzählung zeichnet die Bibel ein völlig anderes Bild von Gott. Er zeigt Gefühle. Er „zürnt, er ärgert sich geradezu, dass er sich hat verleiten lassen zu dieser Schöpfung Mensch. So großes, wunderbares Potential gibt es im Menschen! Und so großes, entsetzliches, furchtbares Versagen. Solche Möglichkeiten der Gestaltung liegen im Geschöpf Mensch und doch auch solche entsetzlichen Fähigkeiten zur Zerstörung. Gott hat dem Menschen Freiheit gegeben. Aber diese Freiheit birgt beides: Glück und Unglück, Bewahrung und Zerstörung. Es ist Wahl-Freiheit.“ (Ebd.)

Das jetzt sichtbare Gottesbild ist beunruhigend. Ist dieser zornige Gott noch der „große Liebende“ von dem im Kindergottesdienst immer die Rede war? Ist das wirklich der, „der auch noch im elendsten Elend, in aller Verzweiflung für Hoffnung und Leben einsteht?“ (Ebd.)
Sagen wir, wie es ist: Die Sintflut ist da, um zu zerstören. Gott hat sie geschickt. Das zu verschweigen, den Zorn Gottes wegzureden, Gott zu verharmlosen, weil wir ihn lieber verniedlichen ist eine sträfliche Verkürzung. Und so befeuert man erst recht eine Orientierungskrise, wenn sich die Wirklichkeit nicht mehr mit dem Gehörten deckt. Gott ist einfach nicht der weißhaarige Großvater-Typ, mit langem Bart, der auf einer Wolke sitzt und den Englein beim Plätzchenbacken zusieht. „Gott ist zornig und schickt nach der biblischen Erzählung wahrhaft zerstörerische Kräfte. Eine Flut, die vernichtet, die Mensch und Tier und Pflanze mit sich reißt, dem Untergang preisgibt. Das ist ein ziemlich schreckliches Gottesbild.“ (Ebd.) Aber ein ehrliches.

Angenommen die Bibel, die Kirche, würde diesen Gott verschweigen, die unliebsamen Passagen wären geschwärzt und eine geschönte Version würde auf den Markt geworfen, die Rede von der billigen Gnade wäre nicht zu überhören:
„Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten.“ (Vgl.: D. Bonhoeffer, Nachfolge, 1937, S. )
Solche billige Gnade „lässt Menschen in die Irre gehen und riskiert, diese Erde der Selbstzerstörung preiszugeben. Von solcher Plastikreligion, die weder einen Preis noch einen Wert hat“, weiß die Noah-Geschichte nichts. (Vgl.: P. Bosse-Huber: Predigt im Einführungsgottesdienst zur Leiterin der Hauptabteilung „Ökumene und Auslandsarbeit“ im Kirchenamt der EKD, 04. Dezember 2013)
Die Geschichte von der Sintflut und Gottes Zorn ist demnach die ehrlichere Art und Weise von Gott zu reden, als die bloß schönfärberischen Erzählungen vom lieben Gott

Schließlich ist es doch so: „Glauben heißt, mit Widersprüchen zu leben.“ Das gilt in Bezug auf die Sintfluterzählung und erst recht in Bezug auf unser Leben. Aber wird es durch diese Feststellung besser? Es gibt „so viele Ereignisse – im persönlichen Leben, im Leben unseres Volkes wie in der Weltgeschichte – , in denen wir nichts anderes sehen können als den Ausdruck eines unser Begreifen oft übersteigenden Zorns, eines über uns kommenden Gerichts, Folgen einer alles menschliche Maß übersteigenden Schuld oder auch Verhängnisse, die wir niemals verstehen werden. Sich solchen Ereignissen auszuliefern und zu unterwerfen, hieße, den Glauben aufzugeben. Der Glaube aber kapituliert nicht. Er hält sich an die Gnade Gottes und findet darin seinen Trost.“ (Vgl.: W. Huber: Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias im Dom zu Brandenburg, 28. Januar 2007, Jesaja 54,7-10 )

„Der Glaube kapituliert nicht!“ Noah kapituliert nicht. Er wartet lieber auf ein anderes Zeichen seines Gottes, der gerade noch die Erde zerstört hat. Noah hofft auf die Wende. Weg vom Bösen hin zum Guten. Wenn ‚zu Glauben‘ heißt, dass man aus der Tiefe seines ganzen Herzens, mit ganzer Kraft, auf Gott vertraut und somit wiederum andere ermutigt zu beten, dann ist die Noah-Figur ein gutes Beispiel dafür, was Glauben ist.

Die Erzählung von der Sintflut ist sicherlich eine Geschichte, die den Glauben erschüttern kann. Aber zielt diese Geschichte nicht eher auf die eigene Erkenntnis? Ich bin überzeugt, dass die Antwort auf diese Erschütterungen nur lauten kann: Gott will nicht das Leid. Aber er zürnt der Sünde. Aus diesem Grund steht die Geschichte auch am Anfang. Durch die Sintflut erhält Gottes Gnade Gewicht. Im Zentrum des Handelns Gottes steht sein Heilswille, nicht sein Zorn. Die Geschichte von der Zerstörung der Erde mag eine Übertreibung sein, aber eine andere Art von Bericht hätte es schwer gehabt, die Jahrtausende zu überdauern. Die Welt, wie Noah sie kannte, geht unter und mit ihr alles, was darauf war. Aber in der Noah-Figur, der, entgegen aller Vernunftl, die Taube viermal fliegen lässt, wird eine Sache deutlich: „Die Wendung von dem alles verschlingenden Gericht zu dem neuen Anfang auf der geheilten Erde“ vollzieht sich, weil Gott an Noah denkt. „Es ist das erbarmende Gedenken, um dass die Psalmen immer wieder flehen, wenn die ausweglose Not die schreckliche Angst aufsteigen lässt, Gott habe uns ganz und gar vergessen.“ (Vgl.: W. Stählin: Predigthilfen III, Kassel 1959, S. 12)
Die Erzählung von der Sintflut bringt uns also auf „die Spur der Liebe und Begleitung Gottes.“ (Vgl. M. Käßmann, a.a.O.)

Aber sie tut das nicht auf Kosten einer billigen Gnade: Denn der Mensch ist geschaffen zu Gottes Bilde und dann gibt es das, was wir von uns kennen „eben auch bei Gott. Zorn, Wut, ein latentes Gewaltpotential. Gottesbild und Menschenbild sind verwoben, weil wir ja glauben, dass Gott den Menschen zum eigenen Bilde schuf.“ Allerdings kommt mit Christus etwas ganz neues in diese Welt: Er überwindet das Bild des zornigen Gottes endgültig. Er geht ans Kreuz. […] Tiefer kann man nicht fallen.“ (Ebd.) Eine Welt bricht zusammen und es bedarf nicht unbedingt einer Sintflut, „um zu wissen, wie es ist, wenn so etwas passiert. Mitunter reicht ein einziges, leichtfertig dahingesprochenes Wort, um eine Welt zum Einsturz zu bringen. Und dann ist auf einmal das Chaos wieder da, dann wird es in uns und um uns wüst und leer.“ (Vgl.: E. Jüngel: Predigten, Bd. 4, Stuttgart 2013, S. 12). Aber solche Erfahrungen sind nicht das Ende. Gottes Wort ist eine Ruhestätte, ein sicherer Halt, Gott gibt Ruhe. Ganz so wie es die Geschichte um Noah verspricht.
AMEN!

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