Werder Bremen steigt nicht ab!

Wer wie ich in diesen Zeiten Fan von Werder Bremen ist, hat es schwer. Nicht nur, dass die letzte Saison schon wegen Erfolgslosigkeit beinahe ins Wasser gefallen und der Traditionsverein fast abgestiegen wäre. Nein, auch nach Trainerwechsel und Spielerkäufen gelang es dem Verein auch bisher nicht, an alte Erfolge anzuknüpfen. Solche trostlosen Momente verlangen nach Aufmunterung. Solche hoffnungslosen Momente verlangen nach Ermunterung. Aufbauende Sätze, motivierende Worte! Es kann also in diesen Zeiten nur darum gehen, dass das Team zusammenhält. Es geht dabei nicht nur um den Einzelnen. Es geht um den ganzen Verein. Und darum sind alle aufgefordert ihren Teil dazu beizutragen, dass der Klub wieder den Glanz alter Tage erreichen kann. Alle sind gefragt, vom Zeugwart bis zum Topstürmer, vom Platzwart bis zum Trainer!

Die Feststellung, dass es jeweils auf alle ankommt, ist nicht bloß eine Frage in Bezug auf einen abstiegsgefährdeten Verein. Auf alle kommt es auch in der Kirche an. Im Laufe der Jahrtausende, die das wandernde Gottesvolk nun schon unterwegs ist, gab es wohl kaum eine Zeit, in der dieser Satz seine Richtigkeit verloren hätte. Der Hebräerbrief, schon 90 Jahre nach der Geburt Christi und damit ca. 57 Jahre nach seinem Tod geschrieben, hat diese Erfahrung vor Augen:
Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde. Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden.
Die Motivation lässt nach. Die Kräfte schwinden. Die lange und ereignisreiche Wanderung des Volkes Gottes brachte „Gefahren mit sich, aber auch wunderbare Erlebnisse der Errettung und ganz alltägliche Probleme des Miteinanderseins. Müdigkeit, Langweile und Skepsis stellten sich ein.“ (Vgl.: B. Georgi, in: PSt., Reihe VI, Bd. 1, Stuttgart 1989, S. 101).

Man kann festhalten: „Die Christen waren sich ihrer Sache nie ganz sicher, obwohl es sich um eine sichere Sache handelt.“ (Vgl.: R. Lanz, in: Worte am Sonntag, VI Reihe, Bd. 1, Gütersloh 1977, S. 80). Genau das beschreibt der Hebräerbrief. Selbst damals bedurften die Menschen der Vergewisserung. Und sie bedurften der Motivation:
Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie, jagt dem Frieden nach mit jedermann, achtet auf einander. Mit diesen als Befehlsformen verkleideten Ermunterungen machte sich der Hebräerbrief daran, die verzagte Christenschar wieder auf Kurs zu bringen. Dahinter steckt natürlich die Erkenntnis, dass nicht nur ein paar Wenige das Schiff, das sich Gemeinde nennt, auf Kurs halten können. Es kommt auf die ganze Mannschaft an. Keiner soll sagen können, er zähle ja nicht: Schließlich „sind wir füreinander verantwortlich, dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibt.“

Das Leben als Christenmensch ist – weiß Gott – schlechthin etwas anderes. Schließlich traut Gott uns Verantwortung zu. Und das gilt für alle Bereiche unseres Lebens: Oder können Sie sich aufteilen und allen ernstes erklären, das warme Christenmäntelchen habe ich eben an der Garderobe abgegeben heute bin ich privat da?! „Wir sind füreinander verantwortlich!“ ganz egal zu welchem Anlass oder zu welcher Tageszeit! Es sind zudem viele Aufgaben, die auf einem warten: Sie brauchen sich nur zu fragen, „wo bei uns giftig wucherndes Unkraut um sich greift?“ (Vgl.: B. Georgi, ebd.) Aus dem ausländerfeindlichen Witz erwächst Verharmlosung und später dann vielleicht Gewalt. Unsere Verantwortung ist groß.

Im Laufe der Zeit, auch im Laufe eines Christenlebens, mag diese Erkenntnis verwässern oder nicht immer erste Priorität sein.
Zuviel anderes verlangt unsere Aufmerksamkeit und gerne mag man einwenden, dass die Alten es doch leichter hatten. Die hatten schließlich noch die Heiligtümer, hatten etwas, an dem sich ihr Blick ausrichten und festhalten konnte. Der Tempel, der Berg Zion – steinerne Richtungsanzeiger! Seien Sie beruhigt! Schon der Hebräerbrief beschäftigt sich mit diesem scheinbaren Manko: „Die Verheißungen sind erfüllt. Doch statt der sinnenfälligen Heiligtümer haben die Christen allein das Wort, nur das Wort. Gott hat die Menschen in einer Sprache angeredet, die alle Hilfsmittel religiöser Phantasie überflüssig macht. Denn dieses Wort sprengt Bilder und Vorstellungen.“ (Vgl. R. Lanz, a.a.O., S.81) Aber Worte! Es sind nicht nur gute Erfahrungen, die wir mit Worten gemacht haben! Die Angst, diese Brücke zu belasten ist verständlich.

Aber unbegründet. Denn Gottes Wort trägt wahrhaftig und seine Worte spenden Kraft, motivieren und machen Mut. Zum Aufbruch, zum Durchhalten, zum Neuanfang: „Gott hat uns längst erkannt, weiß um uns, sieht auch die Seiten, die wir oft anderen und manchmal uns selbst gegenüber so geschickt kaschieren. Und Gott sagt: Du bist gewollt. Bei dir habe ich mir etwas gedacht. Dein Leben macht Sinn. […] Ich habe dir das Leben geschenkt, sagt Gott, und nun lebe es in Verantwortung und flüchte dich nicht aus dem Leben […].“ (Vgl.: M. Käßmann: Gottesdienst am 28. Juli 2002 in St. Martin, Kassel, Gottesdienstreihe "Kein Aug‘ hat je gespürt …")

„Gott sagt mir Lebenssinn zu.“ Und weil ich durch sein Wort selber angesprochen und ermutigt wurde liegt es an mir, aus dieser Haltung heraus etwas beizutragen zum Miteinander.
Dieses Miteinander gilt es zu feiern. „Vorläufig, sicher. Gebrochen, oft. Nicht immer ohne Trennungen, leider. Aber in dieser Kirche können wir zusammenkommen. „Die Weisen, Starken und Reichen, die Suchenden, Schwachen und Armen.“ (Vgl.: M. Käßmann: "Was ist Ruhm?", Predigt zu Jeremia 9, 22-23, Predigt vom 5. Februar 2012).
Wir alle sind angesprochen und versammeln uns, ähnlich einem Fußballteam, am Mittelkreis, um den einen zu hören: Christus, der uns begleitet.
Und wir sind gekommen zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus. Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.

Allen Ängsten zum Trotz, auch der Sorge darüber, dass man im Leben zu kurz kommen könne, gilt es, der Brücke, die Gottes Wort zu uns gebaut hat, zu trauen. Und das kann eine ungeheure Freiheit bedeuten. Gottes Wort ist eine lebendige Kraft mitten unter uns, die uns ermutigt, in christlicher Freiheit Entscheidungen zu treffen. Wir leben auf der Grundlage dieses Wortes. Es ist uns Christenmenschen Orientierung und Kraft. Darüber hinaus vermittelt es uns ein „kritisches Vermögen“ in unserer Zeit, „das Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, aber doch Wertmaßstäbe, die Kraft des Unterscheidens, in gesellschaftliche Vorgänge hinein bringt. Auch da, wo eine eigene Haltung in Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist führt.“ (Vgl.: M. Käßmann: Predigt zum Sonntag Okuli, gehalten:14. März 2004).
Wir können also unseren Weg fortsetzen, „mit dem Wort Gottes im Handgepäck, das uns widerständig machen kann und ermutigt.“ Dazu gibt uns Gottes Geist und die Erfahrung der Gemeinschaft stets neue Kraft. AMEN!

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