Geben, vergeben und nicht aufgeben!

Geben, vergeben und nicht aufgeben!!!

Liebe Schwestern und Brüder!
Wieder hören wir die Ermahnungen und Hinweise des Apostels Paulus an die ihm unbekannte römische Gemeinde seiner Zeit. Obwohl er die Gemeinde nicht persönlich kannte, ermahnte er die römischen Christen zu aufrichtiger und herzlicher Liebe untereinander. "Die Liebe sie ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an", so lauten die Ermahnungen und Ratschläge des Apostels.
Nun gut, wird mancher und manche zu sich sagen: Das könnten auch Nichtchristen, Heiden und Verächter der Religion von Ihren Freunden, Familien und Verwandten fordern. Was ist daran das Besondere, abgesehen davon, dass die meisten von uns sowieso ungern auf Ermahnungen und Befehle reagieren?
Was ist das Besondere an den paulinischen Ermahnungen zu mehr Liebe untereinander? Seid lieb zueinander? Vertragt euch jetzt, diesen Spruch mit seinem befehlenden Unterton kennen wir doch alle viel zu gut von unseren Eltern und Lehrern?
Warum sollten die Paulus‘ Worte nicht auf unfruchtbaren Boden fallen oder auf ein taubes Gehör stoßen?
Und dann steigert der Apostel das Ganze auch noch bis zur fast utopischen Aufforderung zur Feindesliebe: "segnet, die euch verfolgen, segnet und flucht nicht." Spätestens ab hier ist das Maß des Befolgens der paulinischen Ratschläge an seine Grenze gelangt. Verfolger werden in aller Regel von den meisten Menschen nicht gesegnet.
Also, warum schrieb der Apostel diese ethischen Ratschläge an die römischen Christen seiner Zeit, und was hat das alles mit uns zu tun, hier und heute?

Liebe Schwestern und Brüder, es geht dem Apostel offenbar um nichts anderes als um die Liebe. Es geht ihm um die in Gott geschehene und geschenkte Liebe in und durch Jesus Christus, an dessen Geburt wir in diesen Tagen denken. Aus dieser göttlichen Liebe für uns möchte der Apostel Folgerungen für die eigene christliche Existenz gezogen sehen. Denn durch Christus haben wir alle ein neues Leben geschenkt bekommen. Wir sind sozusagen neugeboren, und als solche dürfen wir uns auch hin und wieder fühlen.
Wie gesagt, es geht um die Liebe, die schönste und gleichzeitig auch schwierigste Sache der Welt.
Nur frisch verliebte, von Liebe erblindete und naive Menschen glauben, dass der liebestaumelnde Zustand der ewigen Glückseligkeit anhält. Ehepaare wissen, dass ihre Liebe und Partnerschaft eines Tages in die Phase der Alltäglichkeit und Routine hineingerät. Eine Routine, die nicht immer romantisch sein mag, aber den Widrigkeiten des Alltags gut Stand halten kann. Niemand ist im Zustand ewiger Verliebtheit.
Und lebenslange Liebe muss sich zeit ihres Lebens mannigfach bewähren.
Doch Liebe und Partnerschaft leben von dem Dreiklang und der abgestimmten Symphonie sich gegenseitig zu geben, sich zu vergeben und nicht aufzugeben.

"Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet", schreibt der Apostel. Meines Erachtens ist dies keine naive Beschreibung der menschlichen Existenz. Nach dem Motto: Es wird schon wieder alles gut!
Vom Christentum geprägte Hoffnung auf Liebe und Veränderung ist eben keine naive Vertröstung auf menschlich gesehen bessere Zeiten, sondern ein radikales Ernstnehmen des Menschen und seines Wesens.
Liebe ist schön, aber Liebe ist auch schwierig, das weiß jeder und jede, der oder die sich bemüht in Liebe mit seinen Mitmenschen zu leben.
"Seid fröhlich in Hoffnung!", heißt das nicht: Freut euch der Dinge, die da kommen. Seid guter Hoffnung, so wie schwangere Frauen auch guter Hoffnung sind. Habt eine positive Lebenseinstellung, nehmt das Leben mit seiner Schönheit und Liebe an. Ein Leben ohne Hoffnung wäre furchtbar. Hoffnung, Hoffnung auf Liebe und Veränderung ist eine christliche Haupttugend. Unsere Hoffnung hat ihr Fundament in Jesus Christus, Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Nichts in unserem Leben muss hoffnungslos bleiben.
Fröhliche Hoffnung ist ein Zeichen christlicher Existenz, gegen die Trübsinnigkeit und Stumpfsinnigkeit unseres beengten Lebens.

"Geduldig in Trübsal!", heißt das nicht, eigene Kräfte und Geduld zu entwickeln gegen eine schwere Krankheit und eine familiäre Krise. Dabei ist Geduld meiner Meinung nach eine lebenslang zu praktizierende Eigenschaft gegen die Bedrängnisse und Schwierigkeiten des eigenen Lebens. Ja, es scheint leicht zu sein über Geduld in trübseligen, zweiflerischen, traurigen und schwierigen Phasen des eigenen Lebens zu ermahnen, aber Gott schenkt uns auch in diesen Phasen die Kraft, die richtigen Dinge zu ertragen und die falschen zu verändern. Auch hier und gerade hier verlässt Gott einem nicht in der eigenen Not. Geduld in Trübsal, Konflikt, Angst, Zweifel hat noch nie geschadet.
Eben nicht aufzugeben.

Unterstützt wird das alles durch die Beharrlichkeit des Gebets, der inneren Zwiesprache mit Gott über die guten und schlechten Dinge im eigenen Leben. Im beharrlichen Gespräch mit Gott, den wir ja Vater nennen dürfen, können wir Gott mitteilen, was uns bewegt, bedrückt und erfreut. Gott bleibt uns treu. Gott steht zu uns. Gott hört uns zu. Ja, und manchmal erhört er auch unsere Gebet, aber sein Wille geschieht, beten wir im Vaterunser. Von seiner Liebe kann uns nichts, aber auch gar nichts trennen, wie der Apostel, im achten Kapitel des gleichen Briefes schreibt.

Und diese Liebe, die wir unser ganzes Leben sehnsüchtig erhoffen und die Gott uns täglich neu schenkt, diese Liebe macht frei zu neuer Liebe. Liebe, die sich in der Freude mit den Fröhlichen zeigt, aber auch im Mitleid-Haben und empfinden, in der einfühlsamen Liebe für und mit den Traurigen und Verzweifelten.

Christentum, christlicher Glaube und christliche Existenz nimmt den ganzen Menschen ernst. Den Fröhlichen, den überschwänglichen, den Hoffenden, den Geduldigen, aber
-und das ist seine die Wirklichkeit verändernde Macht der Liebe- auch die Traurigen, Verzweifelten, Hoffnungslosen, Ungeduldigen und Zweiflerischen.

Der Apostel schreibt dazu:
"Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden."
Hier geht es um Empathie, um das ernsthafte Einfühlen, Mitleiden, Mitempfinden und Wahrnehmen meines Nächsten. Zur Kunst des Liebens im Leben gehört es, dass wir uns immer wieder darin üben müssen, uns mit den Fröhlichen zu freuen und mit den Weinenden zu weinen.
Ja, eigentlich geht es dem Apostel in diesem Abschnitt des Römerbriefes um das lebenslange Einüben in die Kunst des Liebens -in schlechten und guten Tagen, wie es im Trauversprechen heißt.

Liebe ist in erster Linie immer ein Geschenk, ein Geschenk, des einen Menschen an den anderen Menschen. Das größte Geschenk, was wir Menschen uns untereinander machen können.
Aber diese Liebe muss gehegt und gepflegt werden, aber wer sich darin bewährt und in dieser Kunst immer fertiger und geschickter wird, der erhält dafür einen guten Lohn, wie es beim Prediger heißt. Der Lohn ist Partnerschaft und Zweisamkeit.

Liebe Schwestern und Brüder, wir wissen wohl, dass die Kunst des Liebens, in die man sich zeit Lebens einüben muss, auch ganz profan und weltlich zum Scheitern kommt. Die zerrütteten Ehen und Partnerschaften zeigen es. Aber es geht hier nicht um Verurteilungen von teilweise zerrüttetem Leben, denn die Kunst des Liebens ist keine Ideal-Gemeinschaft, sondern eine lebenslange Suche und Aufgabe. So berichten es einem zumindest Ehepaare, die sehr lange miteinander leben.
Eben geben, vergeben und nicht aufgeben.
Die Kunst des Liebens ist eines der Ziele -wenn nicht sogar das Ziel- unserer also menschlichen, aber auch christlichen Existenz. Jeder Mensch ist von Gott geliebt, jeder Mensch ist sehnsüchtig nach Liebe, jeder Mensch braucht Liebe, um nicht zu verkümmern. Und jeder Mensch muss ab und zu daran erinnert werden, dass die Kunst des Liebens ihre Aufgabe und ihr Ziel nicht im romantischen Augenblick und seiner Erfüllung hat, sondern das unser Leben und unsere Liebe unter der zärtlichen Ermahnung Gottes stehen, die in den Worten des Apostels Paulus heißt:
"Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet."

Oder: Geben, vergeben und nicht aufgeben.

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