Vom Umgang mit Geknicktem und Glimmendem

Manchmal habe ich den Eindruck:
Es gibt zwei Welten.
Zum einen gibt es die Welt der Fernsehreklame.
Da sind alle Menschen jung und schön und gutaussehend und wohlhabend und sportlich und gesund.
Jedenfalls fast alle.
Das ist eine Welt voller Menschen, denen alles gelingt.
Eine Welt voller Sieger.
Die Sonne scheint und das schlimmste, was passiert, ist ein Schmutzfleck auf der Hose oder Schweißflecken in den Achselhöhlen.

Und dann gibt es noch die andere Welt.
Die wirkliche Welt.
In ihr gibt es Menschen, die sind alt und krank.
In ihr gibt es Menschen, die haben echte Probleme.
Da stirbt zum Beispiel ein Mensch, und er ist einfach weg.
Dabei hätten wir ihn doch noch so sehr gebraucht.
Oder manche trifft ein Schicksalsschlag, wo einem echt die Luft wegbleibt, wenn man davon nur hört.
Da werden Menschen geknickt – und manche haben dann einen Knacks weg.
Dann glimmt die Hoffnung nur noch ganz schwach, und die Zuversicht und das Vertrauen in sich selber und in die Zukunft, das ist ganz zerbrechlich und schwach und gefährdet.

Vor einigen Jahren sollte ich einmal die Beerdigung für eine junge Frau halten.
Sie hatte eine weiche Seele.
Gutmütig. Großzügig.
Gutgläubig.
Gesellig.
Und sie hat es schwer gehabt.
Von klein auf war sie krank.
Ganz jung wurde sie Mutter.
Ihr Freund hat sie dann aber mit dem Kind sitzen lassen.
Und vorher hat er sie noch regelmäßig verprügelt.
Sie hat den Betrieb ihrer Eltern übernommen und mehr schlecht als recht weitergeführt.
Und als dann ihr Vater gestorben ist, da hat sie den Betrieb aufgeben müssen.
Sie hat unter ihrem Leben gelitten.
Und sie hat angefangen zu trinken.
Mehr als ihr gut getan hat.
Viel mehr.
Und die anderen?
Die haben das mitbekommen.
Aber geholfen hat niemand.
Stattdessen haben sich viele den Mund zerrissen über sie.
Mit dem Finger auf sie gezeigt.
Sie verurteilt.
Bis sie dann gestorben ist.
Ganz jung.
Sie hat sich zu Tode gesoffen.
Und ich sollte dann die Beerdigung halten.
Und ich habe mir überlegt:
Über welches Bibelwort soll ich denn dazu sprechen.
Und dann ist mir der Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja eingefallen, der auch heute Predigttext sein soll:
Das Lied vom Knecht Gottes.

Der Herr spricht: "Seht, hier ist mein Knecht, zu dem ich stehe.
Ihn habe ich auserwählt, und ich freue mich über ihn.
Ich habe ihm meinen Geist gegeben, und er wird den Völkern mein Recht verkünden.
Aber er schreit es nicht hinaus; er ruft nicht laut und lässt seine Stimme nicht durch die Straßen der Stadt hallen.
Das geknickte Schilfrohr wird er nicht abbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.
Unbeirrbar sagt er allen, was wahr und richtig ist.
Er selbst wird nicht müde, nie verliert er den Mut, bis er auf der ganzen Erde für Recht gesorgt hat.
Schon lange warten die Bewohner der Inseln und der fernen Küsten auf seine Weisung."

Wir Menschen sind schnell mit Verurteilungen bei der Hand.
Unsere Welt ist oft gnadenlos mit den gescheiterten.
In den Augen der Welt ist groß und wertvoll, wer reich und stark ist, wer etwas Besonderes kann, wer etwas ist.
Unsere Welt will Sieger. Wer schwach ist, geht unter.
Wer eine Schwäche zeigt, der wird an den Rand gedrängt.
Und wer am Boden liegt, auf dem wird herumgetrampelt.

Das Rohr, das einen Knick hat, man kann es nicht mehr brauchen zum Dachdecken; man kann es nur noch ganz zerbrechen und verbrennen kann man es.
Der glimmende Docht, der bloß noch raucht und stinkt, man kann ihn nur noch schnell gar ausdrücken.

Gott urteilt anders.
Er sieht die Herzen der Menschen an.
Er sieht an, was wir tun, und was wir erleiden.
Er sieht, was tief in uns wohnt an Ängsten, an Wünschen, an Hoffnungen.
Und Gott ist denen nahe, die am Boden zerstört sind
Der Prophet Jesaja zeigt uns hier, wie Gott tickt.
Er zeigt uns hier das Vaterherz Gottes.

Gott bricht das geknickte Schilfrohr nicht ab, und er löscht den glimmenden Docht nicht aus.
Gott hat ein weites Herz für geknickte Menschen.

Wir machen da oft einen Unterschied:
Ist derjenige selber daran schuld oder ist er oder sie ein ganz unschuldiges Opfer?
In der „Kartei der Not“, die jedes Jahr im Advent in der Günzburger Zeitung um Spenden wirbt, das steht immer ausdrücklich dabei:
Wir geben ihre Spenden nur an Menschen weiter, die unverschuldet in Not geraten sind.
Unser Gott macht diesen Unterschied nicht.
Gott sei Dank.
Ihm ist egal, ob wir gar nichts dafür können oder ob wir uns die Suppe, die wir nicht auslöffeln können selber eingebrockt haben.
Er sieht nur den Knick.
Er sieht nur das Glimmen.
Und er sieht den Schmerz und die Not im Herzen.
Und er schmeißt das geknickte Rohr nicht weg, sondern hebt es sorgfältig auf.
Bewahrt es in seinem Herzen und nimmt es mit nach Hause.
Und den glimmenden Docht löscht er auch nicht aus, sondern achtet auf ihn.
Behütet ihn, dass er nicht ganz ausgeht.

Das klingt ja schön und gut, werdet ihr jetzt vielleicht denken.
Aber was bedeutet das für mich ganz praktisch?

Ich denke dreierlei:
Zum ersten: Wenn ich geknickt bin, am Boden zerstört bin, mein Licht am Ausgehen ist – dann habe ich einen sicheren Zufluchtsort.
Wer geknickt ist, am Boden ist, und bei Menschen Hilfe sucht, der riskiert dabei immer, auf Menschen zu treffen, die entweder gar nicht richtig verstehen, wie es mir geht.
Oder die es nicht aushalten können und die darum auf Sicherheitsabstand bleiben. Oder mit billigen Vertröstungen kommen, die absolut nicht helfen.
Wer sich Menschen anvertraut, der muss auch damit rechnen, Ratschläge zu bekommen.
Auch Ratschläge sind Schläge, sagt der Volksmund.
Er hat Recht damit.
Oder es kommt noch besser und man muss sich Vorwürfe anhören.
Hättest Du nicht besser aufpassen können.
Das hat man doch sehen können, dass das mit dem Mann / mit der Frau nix wird.
Da hast du dich aber selten dämlich angestellt.
Das mag ja richtig sein, ist aber in dem Moment so hilfreich wie ein Loch im Kopf.

Bei Gott darf ich mir sicher sein:
Wenn ich ihm meine Verzweiflung und mein Scheitern und die Bruchstücke meines Lebens hinhalte, dann werde ich erleben, dass Gott ganz offene Arme für mich hat und da ist.
Und kein einziger Vorwurf ist zu hören.
Todsicher.
Nur Verständnis.
Und Annahme.
Und Trost.
Das tut unendlich gut, das zu erleben.
Wer die Trümmer seines Lebens Gott hinhält, wird niemals eine Verurteilung erleben, sondern immer nur Gnade und Angenommen sein.
Das kann ich bezeugen.
Und auch, wie unendlich gut das tut.

Zum zweiten kann uns das Hoffnung geben.
Wir verlieren manchmal schon den Mut.
Weil wir nur noch schwarzsehen.
Und keine Hoffnung mehr haben.

Weil uns die Kraft ausgeht.
Weil uns die Puste ausgeht.
Wie lange noch soll das gehen.
Ich seh da keinen Sinn mehr.
Ich seh da nicht mehr, wie das irgendwie gut ausgehen soll.

Das kann passieren.
Das kann ganz leicht passieren.
Dass wir müde werden und den Mut verlieren.
Und dann dürfen wir uns daran festhalten:

Da wo uns bald die Puste ausgeht, wo wir es nicht mehr aushalten können, dabei zu bleiben, mit am Krankenbett zu sitzen, die Not mit ertragen, da hat Gott einen langen Atem.
Er selbst wird nicht müde, nie verliert er den Mut, bis er auf der ganzen Erde für Recht gesorgt hat.
Das ist eine große Verheißung:
Gott wird einmal für Recht sorgen.
Dass es gerecht zugeht.
Dass die Menschen zurecht kommen.
Dass es recht wird.
Das hat Gott vor Augen und er weiß, dass er sein Ziel erreichen wird.
Er weiß es.
Und darum verliert er nie den Mut.
Dann sollen wir uns daran aufrichten, dass Gott weiter sieht als wir.
Er hat den größeren Überblick als wir mit unserer Froschperspektive.
Und er verspricht:
Das geknickte Schilfrohr wird er nicht abbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.
Ob das vor oder nach unserem Tod voll zum Tragen kommen wird, das weiß niemand.
Aber sicher ist das DASS.
Gott hat ein gutes Ende für mich und für uns.
Und das zu wissen soll uns Mut machen.

Und das dritte, was das ganz praktisch bedeutet, ist ein Auftrag.

Wer ist denn dieser Knecht Gottes, der den Geist Gottes hat und der uns das Herz Gottes zeigt?

Die Christen haben sehr bald gesagt: Jesus von Nazareth ist es.
Denn genau das haben sie bei Jesus erlebt:
Die Güte und Barmherzigkeit, die heilende Kraft Gottes.
Den Geist Gottes, der ihm bei seiner Taufe erfüllt hat.
Und wie er bei vielen den Funken der Hoffnung, der Freude und Zuversicht neu entfacht hat.
Und wie er Menschen geholfen hat, sie aufgerichtet hat.
Und wie er ganz anders mit den Angeknacksten und Ausgebrannten umgegangen ist, und auch mit den Opfern und Entrechteten, mit denen, in deren Leben durch eigene oder fremde Schuld etwas zerbrochen ist.
Jesus ist der Gottesknecht.
Jesus, der Christus.
Nach ihm nennen wir uns Christen.
Und wenn wir Christen sein wollen, dann sollen wir wie Christus sein.
Dann sollen auch wir etwas ausstrahlen von dieser Art von Jesus.
Das ist unser Auftrag.
Wir sollen Salz und Licht für die Welt sein.
Die nur Sieger haben will und die erbarmungslos auf Schwächeren herumtrampelt.
Wir sollen für sie da sein und anders mit ihnen umgehen.
Indem wir gebrochene, gescheiterte Menschen annehmen und ernst nehmen.
Vorurteilslos und vorbehaltslos.
Indem wir nicht den Stab über andere brechen, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen.
Indem wir vergeben statt nachtragen.
Indem wir anders mit den Schwächen von Menschen umgehen.

Ich träume von einer Kirche, wo Menschen ihre Schwächen zeigen dürfen, ohne dass sie dann schief angeschaut werden oder ihnen gesagt wird:
Jemand mit solchen Schwächen können wir hier nicht brauchen.
Wir brauchen Leute, die funktionieren, die etwas leisten.

Das wäre schön.
Oder wo Menschen auf andere Acht geben, die geknickt sind und deren Hoffnungslicht am Ausgehen ist.
Wo sie solchen Menschen nicht aus dem Weg gehen, sondern mit ihnen mitgehen.
Bei ihnen sind.
Es mit ihnen aushalten.

Wer so handelt, der ist dabei garantiert nicht allein.
Denn Jesus ist dann auch mit dabei.
Denn er verspricht:
„Ich bleibe auch dann bei euch, wenn euer Leben ganz abbricht und verlöscht.“
Er ist unsere Hoffnung.
Der Knecht Gottes.

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