Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht

In diesen Tagen hat in Deutschland unter dem Titel „12 Jahre ein Sklave“ ein bewegender Film Kinopremiere, der in der Mitte des 19.Jahrhunderts die Geschichte des schwarzem Schreiners und Geigenspielers Salomon Nothurp erzählt, der als freier schwarzer Mann und Familienvater sich von Betrügern anwerben lässt und am Ende in die Sklaverei verkauft wird, aus der er erst zwölf Jahre später wieder frei kommt; Jahre in denen seiner Familie jede Spur abhanden gekommen ist, er die Hoffnung und den Kampf für seine Freiheit aber nie aufgegeben hat. In seinen Memoiren und Tagebüchern, die manche für das Pendant Amerikas zu den Tagebüchern der Anne Frank halten und die die dunkle Seite Amerikas im 19.Jahrhundert zeigen, beschreibt er das Leben der schwarzen Sklaven und Baumwollpflücker, die Brutalität der weißen Sklavenhalter, die Unmenschlichkeit der Überwachungsmechanismen und die Kraft der Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung.
Es ist dem Menschen nicht bestimmt ein Sklave, ein Knecht, ein Unfreier zu sein und die Zeiten der Sklaverei und der Knechtschaft sind nicht die Sternstunden der Menschheit sondern die Stunden der totalen Bloßstellung möglicher menschlicher Grausamkeit und Brutalität. Obwohl die Bibel die Sklaverei kennt, erzählt sie eben auch Geschichten von der Befreiung aus der Sklaverei und verbietet lebenslange Versklavung. Wir meinen diese Zeiten, diese Haltung, dieses Menschenbild überwunden zu haben, sicher bin ich mir da allerdings nicht wirklich.
Sehr deutlich erlebe ich aber das Selbstbewusstsein vieler, sich nicht ein- oder unterordnen zu wollen, Herr oder Frau der eigenen Entscheidungen zu sein und zu bleiben, auf die eigenen Rechte zu pochen und sich nicht voreilig in die Pflicht nehmen zu lassen.
Alle Erwartungen, die sich in Worte wie „du musst und du sollst und du hast…“ kleiden, erwecken erst einmal Misstrauen, denn wer sagt, was ich soll, muss oder zu tun habe?
Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Weg einer jungen Frau, die nun immerhin schon die Volksschule besuchen durfte in den Augen vieler, besonders der Eltern vorgezeichnet. Sie ging in Stellung, lernte also in einem gut bürgerlich Haushalt meist unter der Aufsicht der Frau des Hauses praktischen Dinge der Hauswirtschaft, war aber vor allem Mädchen für alles.
In den großen landwirtschaftlichen Gütern gab es noch die Knechte, die für die niederen Tätigkeiten zuständig waren und oft genug war der Lohn schlecht und die Rechte bescheiden, vieles war vom Wohlwollen und dem Gerechtigkeitsempfinden des Herren abhängig. Das haben wir hinter uns gelassen, formal jedenfalls, auch wenn manches Arbeitsverhältnis heute wieder daran erinnert. Ob daher unsere Abneigung gegen viele Formen des Dienstes, die nicht mehr als selbstbestimmt erlebt werden, herrührt?
Auch unter kirchlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, besonders für Pfarrerinnen und Pfarrer gibt es ein Dienstrecht und wer seinen Beruf als Dienst versteht, gibt anderen zu verstehen, dass dieser mehr als nur Broterwerb, sondern Arbeit an und Arbeit für andere Menschen ist. Dienst an der Allgemeinheit ist nicht (mehr) selbstverständlich, über fehlenden Ehrenamtliche wird mittlerweile genauso heftig geklagt wie über fehlende Fachkräfte, in den Dörfern und Städten müssen viele Dinge mittlerweile durch bezahlte Kräfte erledigt werden, die in vergangenen Zeiten durch bürgerliches Engagement aller geschahen.
Ich will das jetzt nicht beklagen, aber einmal festhalten.
Der berühmte Satz John F. Kennedys: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst“ macht viele innerlich unruhig – trotz erfolgreicher Kampagnen für Bundesfreiwilligendienste und freiwillige soziale Jahre, die aber oft genug auch nur vor Arbeits- und Aufgabenlosigkeit schützen sollen.
Dienen und Demut sind Geisteshaltungen, die manche als Unterwürfigkeit ansehen und mit der Menschenwürde für unvereinbar halten. Für andere allerdings sind sie die Basis für jedes Funktionieren einer menschlichen Gemeinschaft, sind sie die einzigen wirksamen Mechanismen gegen um sich greifenden kalten Egoismus der Stärkeren gegenüber den Schwachen.
Können sie sich also Dienst vorstellen?
Sind wir bereit zu dienen, unsere Zeit, unsere Kraft, unsere Phantasie ganz in den Dienst der anderen, der armen, schwachen und benachteiligten, aber auch der starken, kalten rücksichtslosen zu stellen?
Sicher, jetzt gerade ein rhetorische Frage, gibt es doch eine stattliche Zahl von Ehrenamtlichen auf allen Ebenen, aber ein grundsätzliche, die im Augenblick nicht direkt zur Entscheidung ansteht, aber eine notwendige, weil die größte Not unserer Zeit meines Erachtens auch die Professionalität und das Delegieren zu vieler Dienste an Hauptamtliche und beruflich Tätige ist. Für die Besuchsdienste haben wir Sozialarbeiter, für die Armenhilfe Sozialämter, für die Krankenpflege Pflegedienste, für die Diakonie der Gemeinde diakonische Werke, die wir einmal im Jahr zum Sonntag der Diakonie feiern und würdigen…
Aber unsere eigene Existenz würden wir wohl nicht über den Dienst definieren – im Sinne von geboren, um zu dienen!
Im Buch des Propheten Jesaja gibt es eine Reihe von bekannten Gottesknechtsliedern, die von einem oder von vielen erzählen, deren Lebensaufgabe der Gottes-dienst ist: Recht und Gerechtigkeit, in der Wirklichkeit schon immer nicht automatisch identisch miteinander, sind ebenso Gottesdienst, wo sie zur Geltung kommen, wie Fürsorge für Arme, Schwache, Benachteiligte, die keiner Stimme mehr haben und für die ansonsten keiner einsteht.
Hier ist jemand geboren, um zu dienen.
Hier hat jemand seine Aufgabe im Dienst am und für den Nächsten.
Und er lässt sich nicht aufhalten und abbringen von seinem Tun , selbst wenn alles vergeblich und umsonst erscheint, wenn seine Existenz die eines einsamen Rufers in der Wüste zu sein scheint. Schneller Erfolg ist vielen Engagierten, vielen Vorbildern, auch Helden und Märtyrern vorenthalten geblieben. Wer erleben will, wie steter Tropfen den Stein höhlt und den Stein bricht, der braucht einen langen Atem und wird so manches Mal nicht mehr erleben, wofür er gekämpft und sich eingesetzt. Manches erfüllt sich erst lange Zeit später, mancher Sinn erschließt sich erst aus dem gebührenden Abstand.
Wie lange hat die Überwindung der Apartheid gebraucht egal ob in den vereinigten Staaten oder in Südafrika?
Wie lange musste für die Gleichberechtigung der Geschlechter gestritten und gekämpft werden?
Wie viel Zeit wird die Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen in unserer Gesellschaft noch brauchen, wenn die mutigen und notwendigen Geständnisse eines Thomas Hitzelpergers tagelang die Medien beherrschen, obwohl eigentlich sein Comingout in einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft längst schon kein Aufreger mehr sein sollte.
Allerdings noch , heute noch und immer noch gilt: er wird das Recht unter die Völker bringen, er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.
Den ersten Christen haben diese alten Lieder von den Gottesknechten geholfen den Weg und das Leben Jesu besser zu verstehen. Auch er war ja oft genug der einsame Rufer in der Wüste, der nicht verstanden, dafür aber mundtot gemacht wurde. Und er hat auf Gewalt, auch auf verbale Gewalt nicht ebenso geantwortet, sondern ist seinen Weg konsequent gegangen an der Seite der Glimmenden und Erlöschenden, hat er ihn ertragen und erduldet,was nicht in den Augen aller eine Tugend zu sein scheint. Er hat Dienst dadurch neu als Tugend zur Geltung gebracht, in der der Mensch sich finden, statt sich verlieren kann., mit der die Welt ein freundlicheres Gesicht erlangt, statt weiter in Kälte und Chaos zu versinken. Ja er hat gelebt, dass Gottesdienst nicht allein etwas ist, was Menschen Gott schuldig sind oder bleiben, sondern was Gott auf sich genommen hat: uns zu gute.Gott beugt sich herab zu uns, das ist Menschwerdung, das ist Epiphanie, Erscheinung Gottes.
„Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.“ (Jochen Klepper)
Gott dient uns, damit wir menschlich werden und menschlich bleiben miteinander und füreinander. Ihm sei Lob und Preis dafür!

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