Ein tröstliches Gegenprogramm

Hand aufs Herz! Einen schweigenden Pfarrer oder eine stumme Pfarrerin wäre nicht das, was Sie heute erwarten würden. Schon gar nicht in diesen Zeiten, in denen die Kirche zuversichtlich kleiner werden will, aber trotzdem nichts an Bedeutung einbüßen möchte. Nein, schweigen, das kommt einem heute doch irgendwie unpassend vor. Für gewöhnlich geht es doch darum, möglichst laut und stark seine Ansichten unter das Volk zu bringen. Für die leisen Töne ist da nicht unbedingt Platz. Die werden ja nicht gehört! Und ist es nicht so, dass man Kirche auch gerne mal überhört? Gerade in der Frage der Lampedusa-Flüchtlinge, gerade in der Frage nach sozialer Gerechtigkeit, gerade in der Frage, was es bedeutet ein Christenmensch zu sein in unseren Zeiten? Also stimmt man lieber ein in die Lautmalerei und sucht seinen Platz im Konzert der Großen. Und genau da gehört die Kirche doch hin, erst recht ihre Botschaft, oder nicht? Schließlich ist es viel zu wichtig, was wir zu sagen haben. Warum also schweigen?

Gehört zu werden ist viel besser! Und wäre es nicht schön und gut und noch viel besser, wenn Kirche endlich mal wieder als die wahrgenommen würde, die die weltlichen Maßstäbe von Gewinnen und Verlieren durchbricht? Seien Sie ehrlich! Fänden Sie es nicht auch toll, wenn wir „mal wieder gewinnen würden mit unserer Botschaft […]?“ (Vgl.: P. Dabrock, Universitätskirche Marburg, 11.Januar 2009, Predigt über Jes. 42, 1-9, "Den glimmenden Docht wird er nicht verlöschen").

Warum aber dann schweigen? Jeden Abend können Sie sich in der Tagesschau anschauen, was in der Welt alles krumm und schief ist. Sie können aber auch einfach den Ratschlag eines großen Genfer Theologen beherzigen und die Zeitung aufschlagen und dann sehen, wofür man beten soll – das steht ja da! Oder Sie erinnern sich an schlimme Tage. An Verletzungen, an traurige Ereignisse.

Und Sie wissen: Reden hilft da nicht immer. Aber zuhören und so Trost spenden. Dieses Zuhören setzt das Schweigen voraus. Aber das bedeutet auch, sich zurücknehmen, ruhig sein. Zuhören können ist eine Kunst. Und dazu gehört, das Smartphone lautlos stellen und in der Innentasche des Mantels verstauen. Schweigen, zuhören und dann verstehen.

Gehen Sie heute Morgen getrost davon aus, dass Sie so verstanden werden. Und gehen Sie auch ruhig davon aus, dass Sie auf gutem Grund stehen. Das Evangelium für diesen Sonntag vergewissert uns schließlich, dass wir durch die Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes mit hineingenommen sind in „die Zugehörigkeit zu Jesus“ (Vgl.: W. Huber, Predigt im Franziskushof über Jesaja 42, 1-9, 12. Januar 2003)

Und dieser Gott, der Jesus erdet und uns Fundament ist, hat sich überlegt, dass er der Welt etwas ganz anderes erzählen will, als diese eh schon weiß! Anders als gewohnt, gibt er dieser Welt eine Zusage des Trostes. Ganz egal, wie schlecht es um jeden einzelnen von uns bestellt sein mag: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

In Ihnen regt sich Widerspruch, weil Sie eine andere Wirklichkeit erleben als der biblische Text Ihnen darlegen will? Ach! So oft wollten wir, dass diese Worte wahr wären, „ an einem Krankenbett, bei Gestrandeten, bei Verzweifelten, im Blick auf ganze Menschengruppen und Völker. Aber es ist eben so, dass es das eine Mal gut geht, Hoffnung nicht vergebens war, und ein anderes Mal zertreten Stiefel oder die Konkurrenz oder der Schmerz oder die Metastasen oder die bebende Erde alle Hoffnungen! Und am Schluss steht ohnehin immer das schreckliche Wort `Ende`, irgendwo grauenhaft auch da, wo der Tod Schlimmes endet.“ (Vgl.: P. Klemm: Predigt über Jesaja 42, 1-9, in: Worte am Sonntag, Gütersloh 1976, S. 134).
Nun, diese Sätze zu hören und nicht daran zu verzweifeln betrifft auch die Frage nach unserem Selbstbewusstsein: Denn trotz aller Bedrängnis bleibt der Prophet, der diese Sätze spricht, „selbstbewusst und glaubensgewiss. Geknicktes Rohr, glimmender Docht – der Verzagtheit unterwirft er sich nicht.“ (Vgl. W. Huber, a.a.O.)

Es ist und bleibt ein tröstliches Gegenprogramm, dass Gott Jesaja aufträgt: Nicht schreien, nicht zerbrechen, nicht auslöschen. Nicht niedermachen, nicht kleinhalten, nicht unterbuttern! Jesaja tröstet sein Volk und spricht genau zu den Menschen, „die an der Last ihres Lebens schwerer zu tragen haben. […] Gott verbindet sich mit den Schwachen, mit den Traurigen, die sich so fühlen wie der verglimmende Docht einer kleinen Kerze. Ein Windhauch noch, und sie ist ausgeblasen.“ (Ebd.)

Gegen diese Angst stellt Gott sein Wort: Das geknickte Rohr wird nicht zerbrechen, der glimmende Docht wird nicht auslöschen. Das sind „Worte, die mich Gott lieben lehren.“ Und „diese Worte treffen auf Wünsche, ja Begehrlichkeiten. Sie wecken Erwartungen und Hoffnungen. Denn genauso, wünsche ich mir Gott in die Welt hinein. So möge er erkennbar sein: Menschen sollen eine Chance bekommen, auch wenn sie die ersten nicht ergriffen haben. Sie sollen eine Chance haben, wenn sie chancenlos gemacht werden, wenn ihr Leben scheinbar auf der niedrigsten Stufe glimmt, statt hell zu entflammen. Wer gebrochen ist, soll aufgerichtet werden. Herausgeführt aus der Enge in die Weite, von der Dunkelheit ins Licht. Dafür liebe ich Gott, dass er diese Botschaft in die Welt gesetzt hat. (Vgl.: S. Remmert, Predigt über Jesaja 42, 1-9, 13.1.2001)

Viele kenne ich, die dieser Zuversicht bedürfen. Manchmal bin ich auch darunter. Es ist eine Zuversicht, die alle brauchen. Jedenfalls dann und wann. Fatal wäre es, sich an dieser Stelle nicht ehrlich einzugestehen, dass eben nicht alles gelingt. Ebenso schädlich wäre es, nicht sehen zu wollen, dass auch wir, die machen, tun, planen und Sitzungen halten, unaufrichtig gegen uns selber wären, würden wir nicht zugeben, dass auch wir oftmals in die Irre gehen und den Weg aus den Augen verlieren.
„Und wie geht es uns dann, wenn es nicht mehr geht? […] Aus Krankheit oder Begrenztheit, aus Fehlern oder Missverständnissen heraus? Können wir auf etwas anderes hoffen als auf die eigene Stärke? Ja, sagt Jesaja, seid getrost auch in den Situationen, in denen euer Herz verzagt ist. Gott wird euch behüten, er wird seine Hand über euch halten.“ (Vgl.: W. Huber, a.a.O.)

Aber damit nicht genug: Ehe denn es aufgeht, lasse ich es euch hören. Keine Sorge, heißt das, wenn es losgeht, ihr werdet es nicht verpassen.
Es ist nicht Jesajas Aufgabe, alle Widersprüche in uns aufzulösen. Es ist seine Aufgabe, ein ganz anderes Trostwort in die Welt zu bringen, das Kraft und Hoffnung spendet. Nicht auszudenken eine Welt, die nicht daran glauben könnte, dass der glimmende Docht „trotz allem Tod doch in Ewigkeit nicht verlöschen will.“ (Vgl.: P. Klemm: A.a.O., S. 135).

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