Echte und geheuchelte Liebe

Wer ist eigentlich ein Christ?
Darauf gibt es ganz unterschiedliche Antworten.
Je nachdem, wen man fragt.
Wenn man zum Beispiel Konfirmanden fragt, bekommt man in etwa solche Antworten:
Eine Antwort heißt:
Christ ist, wer auf den Namen von Jesus Christus getauft ist.
Nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig.
Eine andere Antwort heißt:
Christ ist, wer an Jesus Christus glaubt.
Auch das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig.
Wieder eine andere Antwort heißt: Christ ist, wer sich bemüht, nach christlichen Maßstäben zu leben.
Auch hier gilt: Nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig.

Bei schwierigen Fragen lohnt es sich, einen Experten zu fragen.
In solchen Glaubensfragen ist das nicht der Frisör, sondern Paulus ist z.B. ein ziemlich hochrangiger Experte für so etwas.
Und seine Antwort heißt in etwa:
Alles 3.
An Jesus Christus glauben, durch die Taufe mit ihm verbunden sein und nach seinen Weisungen im Alltag leben.
Wer das tut, der ist ein Christ.
Und das versucht er in seinen Briefen immer wieder darzustellen.
Zum Beispiel im Römerbrief.
Da beschreibt er lang und breit, was es eigentlich heißt, zu glauben.
Und er schreibt ausführlich über die Bedeutung der Taufe.
Und gegen Ende seines Briefes kommt er – wie in allen seinen Briefen – zum praktischen.
Er schreibt darüber, wie ein Christ leben soll.
So schreibt er im 12. Kapitel folgendes:

Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt. Verabscheut das Böse, haltet euch unbeirrbar an das Gute. 10 Lasst im Umgang miteinander Herzlichkeit und geschwisterliche Liebe zum Ausdruck kommen. Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.9 11 Lasst in eurem Eifer nicht nach, sondern lasst das Feuer des Heiligen Geistes in euch immer stärker werden10. Dient dem Herrn.11 12 Freut euch über die Hoffnung, die ihr habt.12 Wenn Nöte kommen, haltet durch. Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen. 13 Helft Gläubigen, die sich in einer Notlage befinden; lasst sie mit ihrer Not nicht allein.13 Macht es euch zur Aufgabe, gastfreundlich zu sein. 14 Segnet die, die euch verfolgen; segnet sie, verflucht sie nicht14. 15 Freut euch mit denen, die sich freuen; weint mit denen, die weinen. 16 Lasst euch im Umgang miteinander davon bestimmen, dass ihr ein gemeinsames Ziel habt.15 Seid nicht überheblich, sondern sucht die Gemeinschaft mit denen, die unscheinbar und unbedeutend sind.16 Haltet euch nicht selbst für klug.

Ich hab’s mal gezählt.
Das sind in 7 Versen 21 Aufforderungen.
Ein ganz schöner Brocken.
Aber wenn wir genauer hinschauen, dann ist das meiste davon eigentlich Auslegung, Erklärung, Veranschaulichung oder Konkretion des ersten Satzes:

Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt.

Ich bin da dran hängen geblieben.
Die Liebe ungeheuchelt.
Man kann also offenbar Liebe heucheln.
So tun als ob.
Das griechische Wort für Heuchler heißt auch: Schauspieler.
Geheuchelte Liebe ist also eine gespielte Liebe.
Nur Fassade.
Nichts dahinter.
Das ist – so stelle ich mir vor – vorne herum freundlich tun, und dann dem anderen das Messer in den Rücken stechen.
Das ist in Kleinigkeiten für den anderen sorgen, und dann bei großen, wichtigen Sachen auf seinen eigenen Vorteil achten.
Das ist: freundliche Worte machen – und es folgen keine entsprechenden Taten.

Geheuchelte Liebe.
Aber was ist denn eigentlich Liebe?

Diese Beispiele zeigen schon:
Liebe hat nur wenig zu tun mit Gefühlen, aber ganz viel mit Worten und mit Taten.
Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Liebe in erster Linie ein Gefühl ist.

Im RU in der neunten Klasse sind wir seit einiger Zeit bei diesem Thema und ich merke da in den Diskussionen mit meinen Schülern, wie tief verwurzelt das in ihren Köpfen ist:
Liebe ist ein Gefühl, das bekommt man ungefähr wie einen Schnupfen, und dann kann man auch nichts dagegen machen, und wenn das Gefühl dann wieder verflogen ist, dann ist auch die Liebe weg.

Aber wenn Liebe ein Gefühl ist, oder ein Gefühl als Grundlage hat, dann ist es doch völliger Blödsinn, wenn Jesus und Paulus uns immer wieder dazu auffordern, ja es befehlen: Ihr sollt lieben!
Wenn ihr Christen sein wollt, dann müsst ihr lieben!
Niemand kann doch auf Kommando Gefühle entwickeln.
Das ist doch Quatsch.

Doch Liebe ist kein Gefühl.
Liebe ist ein Lebensstil.
Liebe ist eine Kunst, die man lernen und üben kann.
Und die Grundlage der Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung:
Ich will die anderen lieben.
Ich will ihnen Gutes tun, egal ob sie es verdienen oder nicht, egal wie sie sich mir gegenüber verhalten und egal, ob ich dafür etwas zurückbekomme.

Und dazu gehört dann:
Das Böse hassen.
Das Gute lieben und suchen und tun.
Achtung vor dem anderen haben.
Anteil nehmen am Erleben der anderen, an Freude und an Leid.
Eifrig sein.
Gastfreundlich sein.
Notleidenden helfen
und so weiter und so fort.

Und das soll funktionieren?
Das klingt wie so eine typische Liste von guten Vorsätzen, die sich manche zu Beginn des neuen Jahres machen und dann maximal ein paar Wochen durchhalten.

Und ich glaube:
Ja, wenn wir es so versuchen, so nach dem Motto:
Jetzt reißen wir uns mal wieder zusammen und geben uns Mühe, als echte, liebende Christen genau so zu leben wie der Paulus das da schreibt, dann geht das schief.
Früher oder später.
Die Schwachen knicken früher ein, die Stärkeren, die mit der besseren Selbstdisziplin, die werden länger durchhalten.
Aber es immer so von sich aus durchhalten wird glaub ich niemand.
Es funktioniert nicht, zumindest nicht auf Dauer. Es ist einfach zu anstrengend. Und am Ende läuft es bei allem guten Willen auf Heuchelei hinaus. Gerade bei viel gutem Willen wird es schief gehen.

Weil der Treibstoff fehlt.

Und ich denke, vielleicht gibt es genau deshalb so manche geheuchelte, nur gespielte Liebe.
Weil der Treibstoff fehlt und die eigene Kraft ausgegangen ist.
Und bevor jemand zugibt – vor sich selber und vor Gott – dass ich auf Dauer gar nicht so lieben kann, wie der gute Paulus es hier fordert – bevor ich das zugebe, dann tu ich halt so als ob und hoffe, dass es halt nicht auffällt.
Ich spiele eine Show.

Paulus hat das nicht vergessen, dass wir nicht lieben können ohne den Treibstoff dafür zu bekommen.
Er hat das auch dazwischen eingestreut:
Seid brennend im Geist – gemeint ist der Heilige Geist.
Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen.
Denn das beides bringt euch und hält euch in Kontakt mit dem Treibstoff.
Nämlich mit Gott selber.

Ganz am Anfang dieses 12. Kapitels hat er es ganz grundsätzlich gesagt:
Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeitserweisungen Gottes, hat er geschrieben.
Das heißt:
Weil Gott so barmherzig ist, sollt ihr so leben.
Und nur wer diese Barmherzigkeit Gottes selber erlebt, erfahren, gespürt und geschmeckt hat, der kann so leben.
Das ist jetzt wichtig.
Hier geht es jetzt um den Kernpunkt:
Wie ist es möglich, ein Mensch zu werden und zu bleiben, der wirklich lieben kann und nicht nur so tun als ob?
Und Paulus sagt:
Das geht, indem ein Mensch selber erst einmal diese Liebe Gottes erfährt.
In ihr badet.
Von ihr überwältigt und umgeworfen und beschämt wird.
Wem das durch und durch gegangen ist:
Ich bin so ein Miststück, so ein fieser Mensch.
Voller Rachsucht und kleinlichem Egoismus und was weiß ich noch.
Und Gott trägt es mir nicht nach.
Sondern er liebt mich so wie ich bin. Brutto.
Und ist unfassbar gut zu mir.
Wer das erlebt und erfahren hat und wer das immer wieder meditiert und sich neu davon anrühren lässt, der will und wird und kann anders leben.

Nicht mehr nach dem Motto:
Wie du mir, so ich dir.
Sondern:
Wie Gott mir, so ich dir.

Natürlich schaffen wir das nicht immer, denn wir bleiben fehlerhafte Menschen.
Aber es ist doch ein großer Unterschied, ob man nur manchmal, als Unfall, als Panne so tut als ob und Liebe heuchelt, oder ob das mein Lebensstil ist, weil ich nicht anders kann. Oder nur wenigen Auserwählten gegenüber.

Noch mal:
Als Christen sollen wir ungeheuchelt lieben.
Auf die Dauer kann das nur, wer sich von der Liebe Gottes hat anstecken, ergreifen und verändern lassen.
Alles andere geht auf die Dauer schief und wird eine Show.

Adolf Schlatter – das war vor rund 100 Jahren ein ganz berühmter Theologieprofessor, der vor allem auch für den Pietismus sehr wichtig war – also dieser Adolf Schlatter hat das Gleiche einmal so ausgedrückt:
Es ist unbarmherzig und sinnlos, der nicht wiedergeborenen Gemeinde ethische Anweisungen des neuen Testamentes zu predigen.

Sinnlos: Weil sie es nicht befolgen können und darum ist es unbarmherzig, von ihnen Unmögliches zu verlangen.
Und die nicht wiedergeborene Gemeinde, das sind die Menschen, die zwar Christen heißen, einen Taufschein haben, sich auch für Christen halten, aber dennoch keine sind, weil sie überhaupt keinen Kontakt mit Gott haben.

Bevor man als Christ handeln und leben kann, muss man Christ werden.
Und Christ wird man durch die Taufe und durch den Glauben und das heißt:
Mit Gott in Kontakt kommen.
Indem man sich von Gottes Liebe erfassen und durchdringen und verändern lässt und sich Gottes Herrschaft überlässt.
Und Jesus hat da versprochen:
Wer da sucht, der findet.
Wer bei mir anklopft, dem mache ich auf.
Und wer mich bei sich einlädt, zu dem komme ich auch.
Und nehme Kontakt mit ihm auf.

Und das geht nicht ein für alle mal, sondern ist eine täglich neue Entscheidung. Die Liebe, die ich selbst nicht herstellen kann, empfangen.
Der Unterschied ist spürbar.
Und das heißt aber auch:
Wir können jeden Tag – auch jetzt – neu damit anfangen.
Gott würde sich darüber freuen und ich bin mir sicher:
Paulus auch.

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