Lass dich nicht verbittern

Wenn wir diesen Bibelabschnitt so auf uns wirken lassen, dann haken sich zwei Eindrücke fest: Zunächst der, dass uns hier eine Reihe von guten Ratschlägen fürs Leben gegeben wird: Frieden mit allen Leuten suchen. Sich selber immer wieder zusammenreißen und nicht lahm werden. Gott nicht aus den Augen verlieren. – Das kennen wir. Es ist auch alles wichtig und passt irgendwie zum Jahresbeginn und zu den guten Vorsätzen, die damit meistens verbunden sind.

Dann aber wird es im Text sehr verwirrend, so dass vielfach vorgeschlagen wird, einige Verse für die Predigt auszulassen. Einzig am Ende steht noch ein Satz, der uns wieder aufmerksam werden lässt: Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.

Der Apostel, der hier schreibt, weiß und betont mit dieser Formulierung, dass hinter seinen Worten die Autorität Jesu Christi steht. Das gibt seiner Rede Gewicht. Also, so der Sinn: Schlagt, was ihr da lest oder hört, nicht in den Wind! Das kann man verstehen. Ob man’s dann auch tut, ist noch eine andere Frage.

So könnten wir also vorgehen und den ganzen mittleren Teil des Predigtabschnittes weglassen, der da erst von Jakob und Esau redet und dann vom Zion und von dem anderen Gottesberg, natürlich vom Berg Sinai, und diese beiden Berge und das Geschehen dort einander gegenüberstellt. Und dann haben wir am Ende noch einen Bezug zu Kain und Abel. Das könnten wir alles als zu kompliziert beiseite schieben. Was dann allerdings übrig bliebe, wäre kaum mehr als etwas allgemeine Moral, untermauert von göttlicher Autorität. Wem das reicht – bitte sehr.

Der Knalleffekt des Ganzen oder – anders gesagt – die zentrale Aussage und damit das Evangelium, die frohe Botschaft, das alles steckt aber gerade in der Mitte des Textabschnittes! Von dort her erschließt sich, warum es sich lohnt, die Hände nicht sinken zu lassen und sich immer wieder aufzumachen, den Alltag zu bewältigen, und warum wir nicht verzweifeln müssen, wenn uns das alles immer wieder einmal nicht gelingt. Ganz einfach deshalb, weil wir durch Jesus unwiderruflich Heimat und Geborgenheit bei Gott haben. Darum haben wir gar keinen Grund, matt zu werden, „denn die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ So verheißt es schon der Prophet Jesaja (40,31).

Um uns diese Gewissheit in Erinnerung zu rufen, betreibt der Schreiber des Hebräerbriefes ein wenig alttestamentliche Bibelkunde mit uns. Dabei erinnert er einmal an das Geschehen am Berg Sinai. Dorthin war das Volk Israel nach seinem Auszug aus Ägypten gekommen. Dort empfing Mose die Zehn Gebote. Das alles war aber mit vielen aufregenden und angstmachenden äußeren Zeichen verbunden, mit Donner und Rauch und Erdbeben, so dass der Eindruck entstehen konnte: Gottes Gebote und Angst – das ist untrennbar miteinander verbunden.

Nein, sagt hier der Hebräerbrief, nicht der Schrecken des Berges Sinai gilt für euch, sondern die freundliche Nähe Gottes auf Zion, dem Berg des Heils.

Zion, das ist Jerusalem. Das ist für den alttestamentlichen Menschen wie auch für die Juden der Zeit Jesu und der Apostel der Ort des Tempels. Dort ist Gott anzutreffen. Deswegen ist das ein Ort des Heils. Es ist aber auch der Ort des Wirkens, des Leidens und Sterbens und schließlich des Auferstehens Jesu. Und dorthin hat euch Gott selber geholt, schreibt der Apostel im Hebräerbrief, und zwar wegen des Blutes Jesu.

Um zu zeigen, was dieses Blut Jesu bedeutet, erinnert der Apostel nun an die Geschichte von Kain und Abel:

Wir erinnern uns: Gleich am Anfang der Menschheitsgeschichte gab es die beiden Söhne von Adam und Eva, Kain und Abel. Kain aber hatte den Eindruck, dass Gott ihn benachteiligt, weil Gott Kains Opfer nicht so ansah wie das von Abel. Und darum erschlug Kain den Abel. Gott aber stellte Kain zur Rede. Und am Ende sagt er zu Kain: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ Weil das Blut Abels schreit, greift Gott ein. Der Schrei seines Blutes zu Gott bewirkt für den ermordeten Abel Gerechtigkeit.

Die Geschichte geht dann weiter, denn Gott vertrieb Kain aus dem Lande. Aber er half ihm doch auch, denn er machte ihm ein Zeichen, das ihn vor weiterer Rache schützen sollte. Soweit die Erzählung von Kain und Abel. Für den Verfasser des Hebräerbriefes ist hier nur ein Aspekt wichtig, Abels Blut.

Es bewirkte Gerechtigkeit, aber nur in in diesem einen Falle. Das Blut Jesu aber, das betont nun der Hebräerbrief, wirkt nicht einmalig oder begrenzt, sondern bewirkt ein universelles Heil. Jesus ist eben nicht nur ein guter Mensch. Seine Bedeutung hat geradezu kosmische Dimensionen. Und wer durch die Taufe zu Jesus gehört, der hat Anteil an diesem umfassenden Heil. Eben darum gibt es überhaupt keinen Grund zur Resignation. Und wo sie sich doch einschleichen will, da mahnt der Apostel zu Recht: „Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie.“ Das ist aber mehr als nur freundlich aufmunterndes Schulterklopfen, das ist die Erinnerung an einen festen Grund, auf den sich gut und sicher bauen lässt.

Allerdings, das ahnen wir schon, ein leichter Spaziergang ohne jede Anstrengung ist das Leben unter der Verheißung Gottes dann doch nicht. Oft ist auch viel Geduld erforderlich, bis wir erkennen, wie gut es Gott mit uns meint. Immer wieder kommt es daher vor, dass jemand nicht bereit ist, die erforderliche Geduld aufzubringen und von Gott wegläuft. Das kann schlimme Folgen haben. Deswegen erinnert der Hebräerbrief auch noch an die Brüder Jakob und Esau. Esau galt als der Erstgeborene. Er sollte dereinst den Segen seines Vaters Isaak ererben. Aber das lag für ihn noch in weiter Ferne. Viel näher lag ihm eines gar nicht so guten Tages ein gutes Essen, das sein Bruder Jakob zubereitet hatte, und er war schnell bereit, dafür sein Recht als Erstgeborener abzutreten.

Seht zu, mahnt nun der Hebräerbrief, dass ihr nicht wegen eines kurzzeitigen Vorteils das ewige Heil verspielt. Das klingt sehr abstrakt. Wenn wir aber bedenken, wie um schneller und riesengroßer Gewinne willen die Regeln guten Wirtschaftens über den Haufen geworfen und eine Bankenkrise hervorgerufen wurde, so erscheint das alles nicht sehr weit weg.

Was aber hilft langfristig? So fragen wir abschließend. Wie werden müde Hände und wankende Knie auf Dauer gestärkt?

Es ist immer schwer, auf diese Frage konkret zu antworten. Noch schwerer ist das in einer Predigt vor vielen Leuten, von denen jeder seine eigene Lebensgeschichte hat. Ein Hinweis in den Mahnungen des Apostels scheint mir aber doch sehr hilfreich. Er mahnt, „dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse.“ Wirklich, wo Menschen bitter werden, wird alles vergiftet, egal, ob es in der Familie ist oder in der Firma oder im Freundeskreis oder in der Gemeinde. Wo die Bitternis herrscht, hat die Hoffnung keine Chance mehr.

Bitternis herrscht, wo wir sagen: Kenne ich schon, interessiert mich alles nicht mehr. Bitternis ist da, wo wir uns über nichts mehr freuen können. Bitternis breitet sich aus, wo Menschen sich nicht mehr in die Augen schauen wollen.
Aber wieso sollten wir uns verbittern lassen? Wir sind getauft oder doch wenigstens auf dem Wege dorthin. Wir gehören nun zu den Erstgeborenen. Wir sind nicht obdachlos, wir haben Heimat bei Gott. Seine Weisungen sind Freude für uns und Gott nahe zu sein, ist Glück, wie es in der Jahreslosung für 2014 heißt. Das schließt aber die dunklen Tage nicht aus, Tage, an denen wir Kummer haben und diesen Gott entgegenschreien möchten wie einst Hiob. Doch auch die finsterste Finsternis ist nicht ohne Gott. Das ist eine Feststellung aus Psalm 139 und es ist am Ende auch Hiobs Erkenntnis. Warum also bitter werden? Lassen wir uns vielmehr ermutigen.

Wolf Biermann hat davon ein Lied gesungen: „Du lass dich nicht verbittern in dieser bittren Zeit.“ Das war 1968 in einer wirklich bittern Zeit. Am Schluss aber heißt es ungeheuer hoffnungsvoll: „Das Grün bricht aus den Zweigen, wir wolln das allen zeigen, dann wissen sie Bescheid.“ Nicht von ungefähr hat Biermann seinen Text einmal ein „rotes Kirchenlied“ genannt, gehören Christsein und Hoffnung doch untrennbar zusammen.

Uns selbst bei Gott vergewissern, uns gegenseitig stärken, uns von Gott Kraft schenken lassen, dann wird es geschehen, dass wir müde Hände und wankende Knie stärken und sichere Schritte mit unseren Füßen gehen und vielen anderen Mut machen, die bitter zu werden drohen. Dabei helfe uns Gott. Amen.

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