Gott allein die Ehre!

Wie geht es Ihnen heute, liebe Gemeinde?
Heute, da gleich zwei große Feste hinter uns liegen? Überwiegt die Erleichterung, »alles erledigt, großer Aufwand, endlich wieder Alltag«, oder spüren Sie den Weihnachts- und Neujahrs-Kater, »schade, schon vorbei«? Vielleicht entdecken Sie ein wenig resigniert und traurig, dass der Alltag doch wieder unverändert auf uns zurollt. Der Fest-Friede ist vergessen, es wird weiter gestritten, gehetzt, gemordet und gestohlen – die Welt hat sich auch dieses Mal nicht verändert. Schon jetzt sind die ersten guten Vorsätze wieder hinfällig.
Im Kalender, der eben noch weiß vor uns lag, drängen sich schon wieder die Termine. Möglicherweise beschleichen Sie dabei eher ängstliche und unruhige Gefühle, wenn Sie an das denken, was in diesem Jahr vor Ihnen liegt?
Wie jedes Jahr frage ich mich, gerade im Anschluss an diese intensive Festzeit, was es eigentlich an sich hat, dieses Fest. Von Jahr zu Jahr gelingt es mir besser, mich frei zu machen vom Geschenke- und Konsumfest. Was feiern wir da eigentlich, warum ist es uns so wichtig, auch wenn wir die großen leuchtenden Kinderaugen nicht mehr vor uns sehen?
»Denn seht, ich verkünde euch große Freude«, so lautet die Weihnachtsbotschaft der Engel.
In unsere Gedanken hinein hören wir den Predigttext aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom:
„Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, durch die das Geheimnis offenbart ist, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden: dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen.“
Auch mit diesem Predigttext hat uns der Alltag wieder. Trockenes biblisches Schwarzbrot könnte man sagen. Ein mehrfach verschachtelter Satz über 8 Zeilen. Ich bin mir sicher, dass kaum jemand von Ihnen jetzt noch sagen könnte, was ich da gerade vorgelesen habe. Ich jedenfalls musste diesen Satz mehrfach lesen, bevor sich der Inhalt erschloss. Nur vom Hören hätte ich ihn sicher nicht verstanden.
Also noch mal langsam:
Wenn ich alle Nebensätze abschäle, erscheint der Hauptsatz: Gott sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit. Darum geht es an diesem ersten Sonntag im neuen Jahr. Wie eine Überschrift kann uns dieser Satz begleiten durch die verbleibenden 360 Tages dieses Jahres: Gott sei Ehre durch Jesus Christus. Gerne lasse ich mich von diesem Satz leiten. Wenn ich das zum Leitbild mache, wird 2014 ein gutes Jahr. Gott sei Ehre in allem, was ich mir vornehme. Gott sei Ehre wenn ich meinen Terminkalender mit Daten fülle. Gott sei Ehre, wenn ich meine Ausgaben für das kommende Jahr plane. Gott sei Ehre in meinem Umgang mit meinen Nächsten.
Diese Überschrift wird dann durch die Schachtelsätze weiter erläutert.
Gott stärkt euch gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus.
In wenigen Worten erinnert Paulus die Briefempfänger im Rom noch einmal an alles, was er vorher geschrieben hat. Evangelium das heißt bei ihm vor allem, dass Gott uns den Glauben schenkt und uns damit davon befreit, alles aus eigener Kraft leisten zu müssen. Gerecht werden wir nicht aus dem was wir tun, sondern aus Gottes Gnade. Er spricht mich frei und deshalb kann ich all meine Kraft daran setzten, anderen von Gottes Liebe zu erzählen – in Worten und Taten. Weil ich von Gott so angenommen werde, wie ich bin, kann ich diese Liebe auch anderen entgegen bringen.
Der nächste Nebensatz lautet: In Jesus Christus ist das Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten verborgen war. Erst durch Jesus ist es möglich geworden Gottes Heilshandeln zu verstehen. Wer sich nicht auf ihn einlässt, wird weiter versuchen, sich selber Halt und Ziel zu sein. Und wird weiter daran scheitern, weil die eigene Kraft nicht reicht. Der Glaube erscheint den Gelehrten als Dummheit, aber gerade im Glauben kann ich die innere Freiheit gewinnen, die ich zum Leben brauche. Gott stellt sich in Jesus Christus an die Seite der Schwachen. Gott macht sich selber klein und schwach und gewinnt gerade so eine unüberwindbare Größe. Während andere auf Macht und Gewalt setzen, zeigt Jesus, dass Schwäche und Nächstenliebe stärker sind. In seiner Nachfolge wird das römische Weltreich von innen überwunden. Herrschaftsverhältnisse und Sklaverei zerbrechen. Das Geheimnis des Glaubens erschließt sich durch das Vertrauen in Jesus Christus, der uns diesen Weg voran gegangen ist.
Es geht weiter im Predigttext: nun ist dieses Geheimnis offenbart und kundgemacht durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen Gottes. Wer im Glauben an Jesus in die Schriften der Bibel sieht, wird darin Gottes Heilshandeln von Anfang an wieder finden. Die Propheten und Lehrer, die vor Jesus gelebt haben, haben davon gewusst oder zumindest geahnt. Aber jetzt durch Jesus können wir es wirklich verstehen. Ob es die nüchternen Briefe des Paulus oder die liebevollen Bilderzählungen der Evangelisten sind – darum geht es, wenn Menschen von Jesus erzählen: Sie erschließen Gottes Heilshandeln von Anfang an. Gesetze und Prophetenworte werden aufgegriffen und im Licht Jesu neu interpretiert. Alle Motive für Gottes Heilhandeln, die uns aus dem ersten Teil der Bibel vertraut sind, werden im Neuen Testament auf Jesus bezogen. Besonders deutlich kann man das beim Lesen der Geburtsgeschichte des Matthäus entdecken. Jeder Abschnitt dieser Weihnachtsgeschichte lässt sich auf ein Prophetenwort zurückführen. Die Geburt in Bethlehem, der Kindermord des Herodes, die Flucht nach Ägypten – alle diese Bilder dienen dazu den Lesern deutlich zu machen, dass in Jesus die ganze Heilsgeschichte zu verstehen ist. Eine geniale Konstruktion, die dem kundigen Leser die Befreiung aus Ägypten, Gottes Schutz im Exil und den Neuanfang ins Gedächtnis rufen. Ein nüchterner Theologe wie Paulus – und in seiner Nachfolge heute ich – kann mit dieser Schönheit nicht mithalten.
Dafür hat Paulus als erster verstanden, dass Gottes Heilshandeln nicht nur dem erwählten Volk Israel, sondern aller Welt gilt. Auch das hält er in seinem Brief an die Römer noch einmal fest:
Gott hat befohlen, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden. Mit viel Energie hat er diese Überzeugung in der urchristlichen Gemeinde durchgesetzt. Während sich der Kreis der Jünger um Petrus und Jakobus in Jerusalem schwer taten, auf die jüdische Lebensweise zu verzichten, hat Paulus verstanden, dass alle Versuche, Gerechtigkeit aus Regeln und Gesetzen zu erlangen vergeblich sind. Warum also sollte man das Regelwerk den Neugetauften Griechen und Römern auferlegen. Unermüdlich reiste Paulus durch die ihm bekannte Welt, um allen Menschen von Jesus zu erzählen. Ihm und seiner Predigttätigkeit verdanken wir es, dass wir heute hier zusammen sitzen. Davon lasst uns erzählen. Gott allein sei Ehre! Amen.

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