Geheimnis des Glaubens

Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit, für die schnelle Verbreitung einer Nachricht zu sorgen, als einem guten Freund oder einer guten Freundin unter dem ausdrücklichen Siegel absoluter Verschwiegenheit ein besonderes Geheimnis anzuvertrauen. Jedenfalls nach gängigen Klischees gilt, dass dieses Geheimnis genau seinen vorherbestimmten und gewollten Weg nimmt und zu denen gelangt, zu denen es vordergründig gerade nicht gelangen sollte, für die es aber unbedingt bestimmt war. Und schon ist das Geheimnis keines mehr, wenn es denn überhaupt jemals wirklich eines war, aber es kann tun, wozu es bestimmt war: Neugierde wecken, Wirkung entfalten, Meinung und Stimmung beeinflussen, das Gefühl vermitteln, zum ausgewählten Kreis der Geheimnisträger dazuzugehören.
Was profan in die Welt des Klatsches und Tratsches unter der Rubrik: „wie wir aus gut informierten Kreisen erfahren haben“ gehört, war in der Welt des Glaubens schon immer die Unterweisung und Einführung Auserwählter in die Geheimnisse des Glaubens und mag in Geheimbünden auch bis heute gängige Praxis sein.
So gab es in der Antike die Welt der Mysterienreligionen und nur bewährte und geprüfte Bewerber wurde feierlich eingeführt und zur Geheimhaltung verpflichtet .
Auch den Christen wurde manchmal nachgesagt, Anhänger eines solchen Mysterienkultes zu sein, denn Taufe und Abendmahl, Bad der Wiedergeburt und Sündenreinigung oder ein Mahl der leiblichen Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen haben etwas geheimnisvolles, sich der normalen Logik entziehendes: idealer Nährboden für Missverständnisse und Vorurteile der Nichtwissenden, der warum auch immer Außenstehenden bis heute, und zugleich immerwährende Gefahr für die Insider in der Tat sich so zu geben, als ob es auch nur etwas für Eingeweihte, gar ausgewählte zu sein kann…
Um nicht missverstanden zu werden: nichts gegen Geheimnisse.
Jeder braucht solche, sie gehören zur schützenswerten Intimssphäre, sie gehören zur ganz privaten Welt manchmal nur weniger, es hat seinen Reiz, das eine oder andere für eine Weile zumindest noch geheim zu halten, mit keinem teilen zu müssen.
Nicht alle Geheimnisse sind schon entschlüsselt, gelüftet, haben ihren Schrecken oder ihre Faszination verloren. Dabei haben wir Menschen schon immer alles daran gesetzt möglichst hinter viele, wenn nicht gar alle Geheimnisse zu gelangen. Ich wage zu behaupten, dass alle menschliche Erkenntnis, alles Nachdenken und Forschen seinen inneren Antrieb aus dem alten Phänomen zieht, dass wir Menschen gerne das letzte Geheimnis ergründen wollen.
Wir wollen die Welt verstehen. Darum fangen unsere Kinder und Enkelkinder, kaum dass sie der Sprache mächtig sind, an zu fragen: wer, wie, was – wieso, weshalb, warum ? (… wer nicht fragt, bleibt dumm!).
Lesen wir die alten Geschichten der Bibel, gerade auf den ersten Seiten von der Schöpfung und vom Paradies, dann sind wir schon auf der alten Entdeckungsreise der Menschen, die Welt, die wir vorfinden, diese schöne, spannende, faszinierende und zugleich erschreckende Welt um uns herum, von Blühen, Leben und Tod, von Liebe und Versagen, von Hoffnung und Enttäuschung, zu beschreiben, zu ergründen, zu verstehen:
Warum ist alles gerade so, wie es ist, und nicht völlig anders?
Ist dies wirklich die beste aller Welten?
Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?
Die Rede von Gott und damit auch der Glaube an einen Ursprung und ein Ziel, an eine Wirklichkeit und Macht über all unser Verstehen hinaus, ist nie naiv oder dumm, sondern immer schon dem Verstehen verpflichtet gewesen.
Glaube und Verstehen sind anders als ein gängiges Vorurteil oder ein beliebtes religionskritisches Argument immer behaupten, nicht Gegensätze, sondern Geschwister: ich glaube, um zu verstehen. Und der Glaube sucht das Verstehen, er ist den Fragenden und Suchenden verpflichtet!
Das macht es nicht immer einfach. Weil Erkenntnis und Wissen einem meist jedenfalls nicht in den Schoss fallen, sondern mit Anstrengung erworben werden wollen.
Bildung und Lernen sind lebenslange Prozesse. Und auch Glaube, natürlich als Geschenk Gottes zugleich immer unverfügbar, ist ein lebenslanger Lernprozess von Menschen, die miteinander auf dem Weg bleiben, keine Scheu vor Frage haben, auch nicht fürchten, dass solche dumm anmuten könnten. Vor allem, die wissen wo sie wie wen fragen können.
Wo Geheimes, Verborgenes sich einen Spalt auftut, kann ich ansetzen, wo Menschen ein wenig persönliches zeigen, kann ich kennen- und verstehen lernen,
wo Gott sich dem Menschen nicht entzieht, sondern offenbart, kann ich eine Ahnung von ihm bekommen.
Gott will nicht für sich bleiben, er will sich nicht verschließen, er will nicht der Unnahbare und Unverstehbare für alle Zeiten sein.
Sondern jede religiöse Lebensäußerung ist womöglich schon Ausdruck dieses Selbstmitteilungswillens Gottes.
Das es Menschen gibt, erzählt das nicht davon, dass Gott nicht allein bleiben wollte, sondern von Sehnsucht nach Gemeinschaft getrieben den Menschen zu seinem Bilde schuf?
Und Weihnachten, es klingt ja noch nach, ist das nicht ein deutlicher Fingerzeig, wo ich Gott in die Augen und in das Herz schauen kann, dort in der Krippe, in dem Leben, in den Gedanken, Worten und Werken dieses Kindes von Bethlehem?
Gott, das Geheimnis der Welt, ist kein verborgenes Geheimnis, sondern eines, das sich finden und ein Stück weit enträtseln lässt, so lange ich mit meinen Augen und meinem Herzen Jesus Christus festhalte.
Nicht, dass ich Gott immer verstehen werde… dann wäre er wohl nicht mehr Gott, sondern bestenfalls Ton in meiner Hand, den ich nach meinen Ideen und Vorstellungen forme. Aber dem rätselhaften, unbegreiflichen, so schwer verständlichen Gott, in den so schweren und dunklen Augenblicken meines Lebens, in denen mir die Kräfte auszugehen drohen und ich nicht mehr weiter weiß, diese Momente, wo ich anderen nur noch zum Spott tauge, oder sie mir, was fast noch schlimmer ist, aus dem Wege gehen, weil mein Elend, meine Not, meine Vergänglichkeit sie so hilflos macht, in diesen Augenblicken kann ich Gott vorhalten, in Erinnerung rufen, was ich Weihnachten ansatzweise begriffen habe: Gottes Gedanken über uns sind Gedanken des Friedens, der Freude und des Lebens. Und nur wo diese Gedanken des Friedens und des Lebens für alle Menschen ohne Ansehen der Person zur Geltung kommen, nur da wird Gott wirklich die Ehre gegeben. Deswegen führt mich Weihnachten in die persönliche Stille und Begegnung mit Gott, der mir sein Herz aufgeschlossen hat, damit aus meiner Ohnmacht neue Kraft und neuer Lebensmut erwachsen kann, aber auch in die gesellschaftliche Verantwortung und Veränderung, weil die Welt größer und bunter als mein persönlicher Horizont sind, damit allen Gottes Gedanken spürbar werden. Gott begegnet uns mit offenen Herzen, er führt uns mitten hinein in das Staunen über seine Welt und lächelt uns ermutigend an in jedem Gesicht, das mir begegnet, egal ob jung und alt, ob weiß oder schwarz, ob fröhlich oder nachdenklich.
Er ist und bleibt nun für alle Zeit dem weihnachtlichen Blick ein offenes Geheimnis. Das wir davon alle miteinander hier, wo wir leben und zuhause sind auch im Jahr 2014 angetrieben und beseelt werden, wünsche ich uns aus tiefem Herzen.
Und seine Gedanken des Friedens und der Freude und des Lebens lässt Gott uns kosten, buchstäblich kosten, wenn wir wie heute Brot und Wein miteinander teilen und bekennen: Geheimnis des Lebens – deinen Tod verkündigen wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

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