Von Hunger und Dosenöffnern

Liebe Brüder und Schwestern,
Gnade sei mit Euch und Friede von unserm Herrn Jesus Christus.

Nun sind schon wieder etliche Tage ins Land gezogen,
seit die Kirche brechend voll gewesen ist,
seit so viele hungrig nach Weihnachten sich in dieser Kirche versammelt haben.

Was ist geblieben von diesem Weihnachtshunger?
Konnte er gestillt werden?
Und wenn ja:
wie lange wird es vorhalten?

Bei vielen bricht der Hunger ganz schnell wieder aus:
dieser Hunger nach dem Gefühl:
Gott hat uns etwas ganz Besonderes geschenkt,
etwas,
das mir Kraft gibt und Mut macht,
mich stark macht,
etwas,
das mir wie ein Licht in dunklen Tagen ist.

Dieser Hunger bricht so schnell aus,
weil das Leben eben keine „heile Welt“ ist,
wie man sich das oft in den Weihnachtstagen wünscht,
vorgaukelt oder ersehnt.

Dieser Hunger bricht so schnell aus,
nicht,
weil irgendwann alle Lebkuchen und Plätzchen verputzt sind,
nicht,
weil irgendwann auch wieder der Weihnachtsschmuck aus den Wohnungen und Häusern verschwindet
und es nicht mehr so schön funkelt und leuchtet.

Dieser Hunger bricht so schnell aus,
weil das,
was uns Gott zum Leben schenkt,
eben auch nicht wie ein bunter Teller das ganze Jahr auf dem Tisch steht,
wo man einfach nur zugreifen muss
und es ab in den Mund stecken kann.

Wie aber dann?

Wie gibt Gott das,
was den Hunger nach dem Leben,
stillen kann?

Wie gibt er das,
was uns stärken kann?

Stellen Sie sich,
stell Dir vor,
Du findest eine Dose.

Eine Dose,
verschlossen,
schwer,
ohne Etikett.

Was da wohl drinnen ist?

Was zu essen?
Luft?
Ein Spielzeug?

Du schüttelst und rüttelst,
aber ihr Inhalt bleibt ein Geheimnis.

Was würdest Du tun,
um hinter das Geheimnis der Dose zu kommen?

Du würdest versuchen,
die Dose zu öffnen,
oder?

Wenn man einen Dosenöffner besitzt
oder weiß,
wo man einen herbekommen kann,
dann ist man gut dran.

Aber selbst mit so einem Gerät ist das Öffnen oft gar nicht so einfach.
Man muss manchmal hier oder dort ansetzen
und probieren,
wie´s am besten geht.

Und für die nicht elektrischen braucht man oft viel Kraft.

Und man muss aufpassen,
dass man sich nicht verletzt.

Wenn man gar keinen Dosenöffner hat,
dann wird´s sogar noch schwieriger.

Ich war mal campen
und hatte den Dosenöffner vergessen.

Das war vielleicht ein Akt,
eine Dose aufzubekommen!

Mit dem,
was Gott uns zum Leben gibt,
mit dem,
was unseren Hunger nach dem Leben stillen kann,
was uns stärkt,
ist es ähnlich wie mit so einer Dose.

Was unseren Hunger stillen kann,
was uns stärkt,
ist einem nicht immer gleich offensichtlich,
eben wie eine Dose,
bei der das Etikett verlorengegangen ist.

Zuerst macht es neugierig,
aber wenn man nicht das richtige Werkzeug findet,
um die Dose zu öffnen,
dann lässt man sie irgendwann liegen
oder wirft sie weg,
weil man das Interesse verloren hat,
und:
hungert weiter.

Wie furchtbar!
Gott will einen stärken,
den Hunger stillen,
aber weil man nicht weiß,
wie man dran kommt,
lässt man´s irgendwann bleiben!

Wer den Sohn nicht hat,
der hat auch das Leben nicht!
So haben wir es vorhin in der Lesung gehört.

Wie kann man das verhindern?

Wie kann man diese „Dose“,
das, was Gott einem gibt,
öffnen?

Paulus beschreibt es in seinem Brief an die Gemeinde in Rom so:

Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium
und der Predigt von Jesus Christus,
durch die das Geheimnis offenbart ist,
das seit ewigen Zeiten verschwiegen war,
nun aber offenbart und kundgemacht ist
durch die Schriften der Propheten
nach dem Befehl des ewigen Gottes,
den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden:
dem Gott,
der allein weise ist,
sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit!
Amen.

Das soll uns beim Öffnen helfen?

Geht es Ihnen,
geht es Dir auch so,
wie mir?

Vieles von dem,
was Paulus schreibt,
muss ich erst in eine mir verständliche Sprache übersetzen.

Was er schreibt,
kommt mir manchmal vor wie Astronautennahrung:
ziemlich komprimiert.

Drum will ich´s mal strecken
und mit meinen Worten versuchen,
denn Paulus hat –
meiner Erfahrung nach –
eine Menge Ahnung davon,
wie man die Dose mit den Lebensmitteln,
den Mitteln zum Leben,
die Gott uns in die Hand gibt,
öffnen kann,
um den Hunger stillen zu können.

Paulus sagt,
um an das Geheimnis zu kommen,
braucht es dreierlei:
zunächst:
man muss auf die Propheten hören.

Ich denke,
aus heutiger Sicht können wir das noch weiter fassen:
man muss sich mit dem auseinandersetzen,
was in der Bibel steht.

Wer von denen,
die sich Christen nennen,
liest eigentlich noch in der Bibel?

Ja,
ich weiß,
die meisten von uns,
die heute hier sind,
tun das.

Manch einer liest hier und dort,
ein anderer hat die Losung
oder einen anderen Kalender mit täglichen Bibelworten.
Da gibt es ja eine Menge Möglichkeiten.

Aber ich frage mich ernsthaft:
Wie viele von denen,
die an Weihnachten hier waren,
die sich mit ihren hungrigen Augen umgesehen haben,
wie viele von DENEN,
lesen eigentlich regelmäßig in der Bibel?

Wenn uns also ein hungriger Mensch begegnet,
ein Mensch mit Weihnachtshunger,
dann könnten wir ihm wie Paulus ans Herz legen:
Nimm mal die Bibel zur Hand
und lies darin,
aber am besten nicht in der uralten Ausgabe deiner Großmutter,
da verstehst du bestimmt nur die Hälfte,
wenn überhaupt.

Inverstier mal 15 Euro
und schaff dir mal eine neue an,
vielleicht sogar eine in einer uns heute verständlicheren Übersetzung als die von Luther,
z.B. die Gute Nachricht oder die Neue Genfer Übersetzung,
aber auch die Einheitsübersetzung,
die unsere katholischen Geschwister lesen,
ist oft leichter verständlich.

Die Bibel.

Das ist EIN Dosenöffner,
um an das zu kommen,
was den Hunger der Seele,
den Weihnachtshunger stillt.

Denn hier finden sich Worte des Lebens.

Der zweite Öffner ist dieser,
sagt Paulus:
die Predigt.

Die Predigt,
auch das könnte man weiter fassen:
statt Predigt möchte ich Gottesdienst sagen,
denn nicht nur dieser eine kurze Teil des Gottesdienstes,
der mit Predigt überschrieben ist,
erzählt von Jesus Christus,
und vom Leben,
das wir durch ihn haben,
sondern auch die Lieder,
die wir singen,
und auch die Gebete sprechen von seiner frohen Botschaft,
oder auch die Stille.

Hier,
wo Gottes Wort verständlich gemacht wird,
wo es rational betrachtet wird
oder wo es aber auch besungen wird
und so auf oft emotionale Weise ins Herz eingeht,
im Gottesdienst,
da kommt man nicht nur auf den Geschmack,
sondern man kann gesättigt werden,
was wir ja auch im wörtlichen Sinne zu schmecken bekommen,
wenn wir miteinander Abendmahl feiern
(wie heute zum Beispiel).

Das dritte,
das uns an das kommen lässt,
was uns gibt,
was wir zum Leben brauchen,
ist das,
sagt Paulus:
es braucht Verkündiger.

Paulus sagt:
gemäß meines Evangeliums.

Verkündiger braucht es,
also Menschen,
wie Paulus,
die davon reden,
was sie froh werden lässt.

Menschen,
die von dem Licht,
das nicht nur an,
sondern besser gesagt seit Weihnachten scheint,
die etwas von diesem Licht auch anderen leuchten lassen.

Auch das ist ein Öffner.

Damit sind nicht nur der Pfarrer oder die Katechetin oder andere hauptamtlich Mitarbeitenden in den Gemeinden gemeint,
sondern alle,
die getauft sind,
die Gott also auf den Weg zu denen schickt,
denen von der Guten Botschaft bislang kaum was ans Ohr gedrungen ist.

Als Menschen brauchen wir andere Menschen,
um mit ihnen über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen,
damit wir verstehen,
was das Nahrhafte ist.

Aber wer spricht denn eigentlich noch von seinem Glauben?

Ja,
untereinander,
so unter uns „Frommen“,
da erzählen wir uns schon,
wie Gott uns begegnet
und wie und was er uns gibt,
was wir zum Leben brauchen.

Wir tun das,
wenn wir uns in den Gemeindegruppen treffen,
aber auch zu Hause mit guten Freunden
oder innerhalb der Familie.

Früher hat man auch im Tempel miteinander geredet,
wir haben es im Evangelium gehört,
wie der junge Jesus mit den anderen sprach.

Doch sprechen wir darüber auch noch mit denen,
die weiter weg stehen,
deren Abstand zum Christentum oder auch zur Kirche groß ist?

Wenn ich mich an die vielen sehnsüchtigen Gesichter an Heiligabend erinnere…

Erinnern Sie sich,
erinnerst Du Dich auch noch an das eine oder andere Gesicht,
das man sonst eher nicht hier in der Kirche antrifft.

Wenigstens bei Ihnen könnten wir es versuchen,
könnten Ihnen zu einer Art Dosenöffner werden.

Paulus weiß:
was Gott zum Leben schenkt,
dass er stärken will,
das gilt allen,
er spricht vom Glaubensgehorsam,
der unter allen Heiden, also Nichtgläubigen,
aufgerichtet werden soll.

Dass das geschehen kann,
dass der Hunger,
dieser Weihnachtshunger aller gestillt werden kann,
wenn wir mit Gottes Hilfe und Beistand einander Wege zeigen,
die „Dose“ zu öffnen,
das ist großartig.

Großartig ist es,
dass Gott uns Dose UND Öffner gibt.

Drum schließe ich mich Paulus Worten an:
Diesem Gott sei Ehre in Ewigkeit.
Amen.

drucken