Gott verleiht Stärke

Längst ist wieder Alltag: Der Weihnachtsbaum nadelt, manche Geschenke sind umgetauscht. Andere verzehrt oder sorgfältig im Schrank verstaut – auf Nimmerwiedersehen.

Aber was bleibt denn nun von diesem Fest, dass so lange unsere Aufmerksamkeit beansprucht hat. Was bleibt von dem Kind in der Krippe, den Hirten und den Weisen?

Vor Allem: was bleibt in meinem Alltag, in meinem Umgang mit meinen Mitmenschen, mit mir selber? Die Frage muss ich für mich selber beantworten. Dann kann ich vielleicht anderen Menschen helfen, ihre eigene Antwort zu finden. Die fällt dann aber vielleicht genauso wenig konkret aus, wie die Antwort des Apostels Paulus:

[TEXT]

Ein Loblied auf Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus ist das in erster Linie.

Aber doch mehr:

Paulus grüßt die ihm unbekannt Gemeinde in Rom zum Abschluss eines langen und sehr theoretischen Lehrschreibens. Der Brief an die Römer ist ja kein Brief an eine Gemeinde, die er kennt oder gar selbst gegründet hat. Er schreibt an eine ihm fremde Gemeinde, in der er zwar einzelne Gemeindeglieder kennt, aber die meisten sind ihm völlig unbekannt.

Die grüßt er mit der Zusage der Stärkung, die nicht durch seine Worte kommt, sondern durch den, der ihn zum Apostel beauftragt hat. Das ist das, was Paulus immer wieder besonders auszeichnet. Er kann sich aufregen, wütend werden, unbedacht reagieren, er kann liebevoll und voller Einfühlungsvermögen sein. All das gehört zu ihm genauso wie zu anderen Menschen. Aber er vergisst nie, dass er etwas ist durch die Berufung, die er erfahren hat. Er erwähnt immer wieder, wie sehr er in die Irre gegangen ist, bevor ihn der Ruf des Sohnes Gottes erreichte, dessen Gemeinde er vorher verfolgt hat. Dieses Erlebnis hat ihn damals in Bewegung gebracht – in eine Bewegung hin zu den Menschen quer durch Städte und Landschaften am östlichen Mittelmeer. Überall hat er gepredigt, hat Menschen für Christus gewonnen, hat aber auch gelitten um des Evangeliums Willen und manches ertragen bis zu seinem Tod, von dem wir nicht genau wissen, wo er ihn ereilt hat, aber vermutlich in römischer Gefangenschaft gewaltsam.

Aber in allem, was er erlebt hat, blieb das Eine für ihn wichtig. Davon hat er immer wieder den Gemeinden geschrieben: Gott verleiht Stärke und verleiht die Stärke, anderen Stärke zu verleihen.

Mit dieser Stärke dürfen wir durchs Leben gehen, Gott loben und den Mitmenschen begegnen und in ihnen erkennen, dass sie liebenswert sind, Gottes Geschöpfe. Wir fühlen uns manchmal schwach, aber wir sind stark, wenn wir aus dem Segen Gottes leben, wenn wir uns von diesem Segen stärken lassen, von diesen Worten, die am Ende jeden Gottesdienstes gesprochen werden und von dem Handeln Gottes. Denn er hat seinen Segen mit der Verheißung seines Tuns belegt. Und er ermutigt uns als seine Kinder, als Schwestern und Brüder zu leben.

‚Der allein weise Gott‘ Die altmodische – vielleicht auch intolerante Formulierung von Paulus weist uns darauf hin, dass wir zwar im Leben immer wieder unsere Entscheidungen finden müssen. Und trotzdem ist es Gott, der die richtigen Antworten kennt und sie nach seinem Willen uns im Gebet erschließt. Ich muss das lernen, dass meine Weisheit begrenzt ist. Das haben zwar manche Lehrer in der Schule in der damals üblichen süffisanten Weise uns schon erzählt, dass unser Wissen und Verstand mit Finsternis umhüllet seien. Sie hatten Recht – und hätten sich das vielleicht selber auch mal öfter gesagt. Und ich heute muss mir das auch immer wieder sagen, dass meine Weisheit sehr begrenzt ist. Aber ich will auch erkennen, dass es allen Menschen so geht, egal ob Lehrer oder Pfarrer, Politiker oder Wirtschaftsweise. Erkenntnis ist in jedem Fall begrenzt.

Ich muss damit leben, dass ich zwar mit Einsatz von Intelligenz und Wissen mein Leben gestalten kann – und trotzdem immer wieder Irrwege beschreite, in Sackgassen laufe. Aber auch dann falle ich nicht aus der Hand Gottes, werde nicht verloren gehen, sondern unter seinem Segen stehen. Auch dort wo ich in die Irre gehe, bleibe ich sein Kind.

Was bleibt von der Geburt im Stall? Vielleicht doch, dass ich lerne, lebenswichtige Dinge neu zu erkennen und zu benennen. Vielleicht auch, dass ich lerne, dass mein lob Gottes in Wort und Tat besteht. Allein daraus, dass die Hirten auf den Feldern hörten und dass die Weisen im Morgenland die Sterne diskutierten, hat sich nichts verändert. Aber weil sie sich auf den Weg machten, weil sie ihren Erkenntnissen Taten folgen ließen, wurde Weihnachten für sie, kam das Heil zu ihnen.

Von Weihnachten bleibt die Erkenntnis, dass ich nicht nur manche Geschenke nicht verdient habe, sondern auch die Zuwendung Gottes in diesem Kind nicht verdient haber. Aber ich darf mich beschenken lassen und die Geschenke genießen.

Wir können und wir dürfen uns stärken lassen von dem, der unsere Stärke ist, von dem, dem wir nahe sein dürfen, dem nahe zu sein unser Glück ist.

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