Lauter Jubel überall?

Das Glas stand vor ihm. halb gefüllt mit Wasser, halb gefüllt mit Luft.
War es nun halb voll oder halb leer ?
Darüber lässt sich trefflich streiten, am Ende aber nicht wirklich entscheiden.
Er hatte seinen morgendlichen Lauf durch die Winterlandschaft in gleichmäßigem Trab absolviert, war bis an seine Grenze gegangen – wie immer – ohne sie aber zu überschreiten. Gegen das Brennen in der Kehle/ den Flüssigkeitsverlust hatte er unterwegs seine Wasserflasche und zu Hause hatte er das erste Glas erfrischendes Wasser in einem Atemzug geleert, das zweite Glas blieb halb voll stehen, sein Durst war gelöscht, sein Atem beruhigt, er war angenehm erschöpft. Sie dagegen hatte zu salzig gegessen und den brennenden Durst vermochte das halbe Glas Wasser nicht zu löschen. Für sie war das halbvolle Glas von Anfang an halb leer und nicht mehr als der berühmte Tropfen …
Wer nun also hatte recht: ist das Glas halbvoll oder halbleer ?
Es kommt wohl vor allem auf die Perspektive an und von daher ist die Wahrheit zumindest manchmal relativ.
„Jauchzet, freuet euch, Lobet, denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden…“
Ist das die ganze weihnachtliche Wahrheit, die wir uneingeschränkt teilen und unterschreiben?
Das sage ich nicht nur mit Blick auf die Zerrissenheit, mit der viele Weihnachten feiern, weil auf dieses wunderbare Fest immer mit der Erinnerung ein Schatten des Todes fällt.
Und zugleich wird damit aber der Grundkonflikt unseres Lebens beschrieben, dass wir zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Lachen und Weinen oder Jauchzen und Klagen, zu Hause, vielleicht sogar gefangen sind.
Es war schließlich auch Weihnachtsfest als der Tsunami 2004 tausende Menschen in den Tod riss, es warenjügstn Christen, die aus dem Weihnachtsgottesdienst kamen, als in Bagdad eine Autobombe 35 Menschen in den Tod riss. Sicher war das von Menschenhand gemachter Schrecken, Terror. Aber er spricht so laut eine andere Sprache als aller weihnachtlicher Jubel, dass wir einfach feststellen müssen: so eindeutig ist es auch Weihnachten mit dem Grund zum Jubel noch nicht, es bleibt vor allem ein Versprechen, eine Anzahlung, eine verheißene Vorwegnahme dessen, was erst noch ganz und gar kommen muss.
Genau das ist die Herausforderung und die Anfechtung des Glaubens, dass er sich immer gegen den Augenschein behaupten muss und dass er Vertrauen über das Mögliche und Wirkliche und Erfahrbare hinaus ist.
Das kleine Mädchen schaut strahlend zu seinem Papa auf. Er ist nicht nur in ihrer Phantasie, sondern ganz wirklich ihr großer Held. Er kann aus ihrer kindlichen Perspektive heraus alles, er tut alles, von ihm darf sie alles erwarten. Diese Gewissheit gibt ihr Halt und Geborgenheit, überlebenswichtig in diesem Alter. Und auch wenn von dieses Bild irgendwann von der Wirklichkeit korrigiert werden wird, bleibt die Erfahrung, geborgen zu sein,vertrauen zu dürfen, Wunder zu erhoffen.
Kullern die Tränen – ein bisschen oder ganz heftig – ist in den Armen der Mutter Platz und da dringt nichts Böses von der Welt draußen mehr ran und wenn diese Lebenswahrheit irgendwann beim älteren oder gar erwachsenen Kind nicht mehr stimmt, dann bleibt hoffentlich das Wissen, dass Vater und Mutter, selbst entzaubert vom Leben, doch immer Zuflucht bleiben und ein offenes Ohr und ein offenes Herz voller Liebe und somit alle menschenmögliche Hilfe bleiben.
Das ist kein überliefertes Märchen, keine fromme Geschichte, auch wenn Mütter und Väter einmal vom Leben überfordert sind und Kinder mit ihren Eltern nicht nur gute Erfahrungen machen. Wir alle wissen, wie es sein kann, wie es sein soll und wie es unzählige Male in Wahrheit auch ist: Kann eine Mutter/ ein Vater ihr Kind vergessen, dass sie/er sich nicht erbarme ?
Nein,um Gottes willen, das soll nicht sein, das kann nicht sein und so ist es , Gott sein Dank, oft genug auch nicht.
Von daher bleibt Weihnachten ein großes Versprechen und eine große Anzahlung auf etwas, was schließlich endgültig Einzug halten will.

Es kommen bald die Tage, da werden die Bäume abgeschmückt, alle Geschenke ausgepackt und manche auch schon wieder entsorgt sein.
Manche werden froh sein, die mit Erwartung überladene Zeit halbwegs heil überstanden zu haben. Andere werden sich nach der zeichenhaften Idylle dieser Tage sehnen. Und der Alltag wird die Sehnsucht nach Menschlichkeit, Wärme, Frieden und Geborgenheit und damit der Weihnachtsgewissheit wach halten.
Das wird auch im bald kommenden Jahr Maßstab bleiben, ob uns Gottes Menschwerdung im Kind von Bethlehem Fingerzeig und Wegweiser hin zur eigenen Menschwerdung und Menschlichkeit nicht zuletzt im Umgang miteinander bleibt.
Der Jubel will hinübergerettet werden in den Alltag, weil er uns nährt und am Leben hält: bei Gott ist Zuflucht wie in den Armen einer Mutter gerade in den Momenten der Angst und Verlorenheit, bei Gott sind alle Dinge möglich, gerade wenn mir meine Hände gebunden scheinen und meine Kräfte zu schwach:
Ich lese von dem Optimismus vieler Deutscher für das kommende Jahr und sehe die vielen vor mir, die dennoch Aufstocker bleiben oder im günstigsten Fall wieder in den Genuss einer vom Amt geförderten Maßnahme kommen.
Da gibt es Rentner, die ein Leben lang gearbeitet und gesorgt haben, ihren Lebensabend aber nicht sorgenfrei verbringen können, weil die Rente nicht reicht.
Da haben suchen Menschen Zuflucht bei uns, weil in ihrer Heimat Krieg oder Armut herrscht, und wir sorgen uns vor allem, ob sie uns etwas von unserem Wohlstand nehmen könnten.
Da herrscht Gewalt in der Phantasie, dann aber auch im Denken, Handeln und im alltäglichen Umgang und wir beklagen die Kriege in der weiten Welt.
Da glauben Menschen geheilt zu sein, ihre Krankheit besiegt zu haben und werden am Ende doch ihr Leben verlieren.
Ich spüre, dass all das eigentlich nicht sein darf und sein soll.
Ich ahne aber auch, dass ich nicht ganz so hilflos bin, wie ich mich manchmal fühle. Und weiß dennoch, dass ich die Welt am Ende nicht erlösen, sondern nur ein wenig erträglicher machen kann.
Aber damit, mit dieser Form der Menschwerdung, kann ich schon anfangen, meine Angst hinter mir lassen und dann erst leise, dann lauter, manchmal zaghaft und dann auch wieder trotzig, das eine mal zweifelnd, das andere mal mit dem Brustton der Überzeugung und Gewissheit ansingen: der Herr hat sein Volk getröstet und sich der Elenden erbarmt.
Diese Wahrheit ist seit Weihnachten keine Frage der Perspektive mehr, hier geht es nicht um halb voll oder halb leer, sondern darum, dass wir alle zusammen hinter die Erfahrung, wie nah Gott kommt, wie tief er sich herabbeugt, wie er sich erbarmt und mitfühlt, nicht mehr zurück können. Dieser Jubel, Glaube, diese Gewissheit, mal lauter mal leiser, wird nicht mehr verstummen, diese Botschaft hat Gestalt angenommen, ist mehr als nur Hoffnung und Erwartung, sondern ist als Kind zur Welt gekommen und nicht länger zu leugnen.
Gott ist uns Vater und Mutter und Mensch geworden, er will er uns helfen, menschlicher zu sein und zu bleiben, damit wahrhaft der Frieden groß werde, Gerechtigkeit eine Chance habe, Verhältnisse und Menschen heil werden und Gott so endgültig die Ehre gegeben werde.
Amen

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