Gott hat einen Spickzettel

Weihnachten ist das Fest der Freude.
Oh du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit singen wir immer wieder.
Aber vielen ist nicht nach Freude zumute.
Vielen steht das Wasser bis zum Hals.
Sie haben Sorgen ohne Ende.
Manche können nachts nicht schlafen vor Schmerzen.
Andere sind voller Trauer.
Weil sie einen Menschen verloren haben und da jetzt ein Platz leer ist.
Oder weil sie gerade an Weihnachten gemerkt haben:
Wer denkt denn schon noch an mich?
Das tut weh.

Und dann hören wir an Weihnachten die Botschaft:
Gott ist in unsere Welt gekommen.
Er will uns nahe sein.
Er will auch in unser Leben hineinkommen.

Und viele hören das und denken sich:
Da merk ich aber nicht viel davon.
Und spüren tu ich schon gar nix.s

Wo ist er denn bitteschön?
Vielleicht ist er ja zu den anderen gekommen.
Ich hatte Angst, aber Gott war nicht da.
Ich war voller Trauer, aber Gott hat nicht getröstet.
Ich war hilflos, aber Gott hat nicht geholfen.
Mich hat er im Stich gelassen.
Mich hat er vergessen.

Wer sich so fühlt und so denkt, der soll als allererstes wissen:

Das ist kein Einzelfall.
Das ist etwas Normales.
Das gehört zum normalen Christenleben dazu.
Das ist nichts, wofür man sich schämen muss.
Das geht vielen so.

Und als zweites müssen sie wissen:
Es liegt nicht an ihnen, dass es so ist.
Sie haben nichts falsch gemacht.

Es ist einfach so.
Auch im Leben von Christen gibt es harte Zeiten.
Zeiten der Finsternis und der Anfechtung.
Denn oft geht unser Lebensweg durch den Finsterwald.
Und in dem Finsterwald wohnen die Hoffnichtse
Die Hoffnichtse sind kleine, listige Wesen.
Sie sind nicht stark, aber sie sind schnell.
Und sie sind viele.
Und am liebsten setzen sie sich Menschen auf die Schultern und flüstern ihnen etwas ins Ohr.
Sätze wie:
Das hat doch alles keinen Zweck!
Das wird nie mehr etwas!
Das schaffst Du niemals!
Niemand hilft Dir!
Niemand achtet auf Dich!
Das wird alles nur noch schlimmer!
Und bald kannst du nicht mehr.
Und Gott hilft dir auch nicht.
Der hat dich längst vergessen.
Der hat dich verlassen und abgehakt.
So ist das.
Hoffnichtse.

Es gibt viele davon.
Es gibt sie schon immer.
Heute und auch schon früher.

Damals, im babylonischen Exil hatten die Israeliten auch mit Hoffnichtsen zu tun.
Sie hatten genau dieses Gefühl.
Gott hat uns im Stich gelassen.
Er hat uns abgeschrieben.
Anderen hilft er vielleicht – uns aber nicht.
Uns hat er vergessen.

Und als dann ein Prophet im Namen Gottes zu ihnen kommt und ihnen sagt:
Gott ist euch treu!
Er wird euch befreien!
Er wird euch vor Schaden bewahren und euch zu sprudelnden Quellen führen.

Da haben ihm die Menschen geantwortet:
Das glauben wir nicht.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Gott hat uns im Stich gelassen und vergessen.

So wird es uns erzählt im Buch des Propheten Jesaja im 49. Kapitel:

Himmel und Erde, jubelt, ihr Berge, brecht in Freudenschreie aus! Denn der Herr hat sein Volk getröstet. Voll Erbarmen nimmt er sich der leidenden Menschen an. Jerusalem klagt: "Ach, der Herr hat mich im Stich gelassen, er hat mich längst vergessen!" Doch der Herr antwortet: "Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Und selbst wenn sie es vergessen würde – ich vergesse dich niemals! Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben, deine zerstörten Mauern habe ich ständig vor Augen!

Die Hoffnichtse sagen:
Gott hat dich vergessen.
Er wird dir nicht helfen.
Er lässt dich im Stich.

Und Gott sagt:
So wenig wie eine Mutter ihr neu geborenes Kind vergessen kann, so wenig kann ich dich vergessen.

Und der Zeitungsleser sagt dann:
Moment, das ist leider schon vorgekommen, dass Mütter ihre Kinder vernachlässigt haben und verhungern haben lassen – das Argument zählt also nicht.

Und darum sagt Gott dann noch:
Und wenn das so ist – ich kann dich aber nicht vergessen.
Ich hab einen Spickzettel in der Hand.
Ich habe dich da aufgeschrieben.
Ich habe dich da immer vor Augen.
Ich kann dich nie aus den Augen verlieren.
Geht nicht.
Niemals.
Und ich sehe auch was du erleidest.
Ich sehe auch, wo etwas in dir zerbrochen ist.
Ich sehe auch, woran zu kaputt gehst.
Ich hab das hier schwarz auf weiß.

Und anders als mit Tinte geschriebene Spickzettel kann mein Spickzettel auch nicht verwischen – denn ich habe deinen Namen eingeritzt, wörtlich: eingegraben in meine Hand.
Eintätowiert sozusagen.
Das geht nicht mehr raus.

Ich kann dich nicht vergessen.

Und dann sagt der Zweifel:
Das ist ja schön und gut, aber ich würde gerne ein Zeichen sehen davon, dass du da bist.
Ich würde es gerne sehen und erleben, dass du mir hilfst.

Ich glaube, an dieser Stelle haben wir oft vier große Probleme:

Problem 1: Wir wollen, dass er schnell hilft, dass er jetzt hilft.
Das tut er aber nicht, sondern es dauert.
Und das Warten bringt uns zur Verzweiflung.
Das auszuhalten ist schwer.
Manchmal übermenschlich schwer.
Gott mutet uns da manchmal ganz schön was zu.
Warum er das so macht, das weiß Gott allein.
Ich weiß es auch nicht und auch ich leide da immer wieder darunter.

Problem 2: Wir brauchen Gottes Hilfe und er hilft auch – aber ganz anders, als wir es erwarten und erhoffen.
Manchmal so total anders, dass wir es gar nicht als Hilfe erkennen, sondern es für einen weiteren Schlag halten.
Und oft erst mit großem Abstand erkennen, dass das, was Gott getan hat, für uns viel besser war als das, was wir erhofft haben.
Das merken wir aber wie gesagt oft erst mit großem Abstand im Rückblick.
Wenn wir mitten drin stecken, ist das schwierig bis unmöglich.

Problem 3: Gott hilft uns, aber wir merken es gar nicht, dass er es ist, der uns da hilft.
Das hängt auch damit zusammen, dass er meistens durch Menschen hilft, die er uns schickt.
Oder durch Begebenheiten, die uns halt wie Zufälle erscheinen.
Gott ist da – und wir merken es nicht.

Und Problem Nr. 4 ist oft:
Gott hilft uns, wir erkennen es sogar – und wir merken es uns nicht.
Wir vergessen es wieder.

Ich hatte einmal ein Gespräch mit einer Frau.
Sie hat mit Gott, Kirche und Glauben überhaupt nichts am Hut gehabt.
Aber sie hat mir erzählt: Wie ihr Kind einmal einen schlimmen Unfall hatte, da hat sie gebetet:
Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann hilf doch meinen Kind.
Und das Kind ist wirklich ohne jeden Schaden aus diesem Unfall herausgekommen.
Aber geändert hat das bei der Frau nichts.
Wer vergisst wen?
Vergisst Gott die Menschen, oder vergessen die Menschen Gott?

Zeichen.
Wir hätten gerne Zeichen.
Wir möchten gerne etwas sehen, etwas erleben, etwas erfahren.

Und dabei übersehen wir das größte Zeichen Gottes, dass er uns nicht vergisst, und dass er dafür sorgt, dass alles gut ausgehen wird:

Nämlich Jesus Christus.
An Weihnachten feiern wir das große Zeichen Gottes dafür, dass er uns nicht vergisst, und dass er mit uns an sein Ziel kommen wird.
Weihnachten heißt:

Gott wird Mensch
Gott verbindet sich mit uns
In Jesus Christus

Und auch Jesus Christus hat Merkzeichen an den Händen.
Das sind die Löcher, die von den Nägeln geblieben sind.
An Ostern hat der Apostel Thomas da hineingelangt.
In diese Merkzeichen an den Händen.

An diesen Merkzeichen merken wir:
Gott hat uns nicht vergessen.
Er kann und wird uns auch nicht vergessen.
Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet
Denn in meinen Augen bist du es wert, dass man für dich stirbt.
Denn in meinen Augen bist du es wert, dass ich für dich sterbe.
Für dich bin ich am Kreuz gestorben und auferstanden.
Dein Bild, deinen Namen hatte ich dabei vor Augen.

Und damit ihr dass nie vergesst, bringe ich euch jetzt etwas Gebärdensprache bei.
Wisst ihr, wie in der Gebärdensprache für Gehörlose das Zeichen
für Jesus aussieht?
So:
(Mit den Zeigefingern abwechselnd die Handflächen berühren – linker Zeigefinger an rechte Handfläche und umgekehrt)

Die Hoffnichtse sagen Aber.
Gegen ihr „Aber“ setzt Gott sein „Aber“:

Er schickt Jesus.
Er ist das Mensch gewordene Versprechen Gottes, sich zu erbarmen und sein Volk zu trösten.

Daran sollen wir uns immer wieder festhalten.
Wenn uns die Hoffnichtse das Leben schwer machen.
Dann sollen wir uns Jesus vor Augen halten.
Das Mensch gewordene Versprechen Gottes, sich zu erbarmen und sein Volk zu trösten.

(Anmerkung: Die Hoffnichtse kommen aus Max Lucado: Die Melodie des Königs)

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