Folge mir nach!

9 Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm.
10 Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.
11 Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?
12 Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.
13 Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.

Eine von vielen Berufungsgeschichten in den Evangelien.
Jesus sagt: Folge mir nach!
Und der Zöllner Matthäus steht auf und kommt.
Andere sind Fischer und flicken gerade ihre Netze.
Jesus sagt: Folge mir nach.
Und sie lassen alles stehen und liegen.
Was ist das?
Hypnose?
Zauberei?
In einem frommen Kommentar steht: Das ist die Kraftwirkung des göttlichen Wortes.
In vielen Jesus-Filmen wird das ganz dramatisch dargestellt.
Der Jesus-Darsteller schaut dem Berufenen lange und tief in die Augen.
Und der schmilzt dahin, von dem unwiderstehlichen Charisma völlig in den Bann gezogen.
Jesus trägt ein weißes, wallendes Gewand, seine Locken wehen im Wind, und er ist irgendwie völlig entrückt…
So dass Menschen, die ihn noch nie gesehen haben, von einem Moment auf den anderen ihr bisheriges Leben verlassen, buchstäblich alles stehen und liegen lassen und mit diesem Fremden mitgehen.

Das ist doch eigentlich sehr merkwürdig, oder?
Würden wir das tun?
Da kommt so ein religiöser Fanatiker mit Bart und langem Haar herein, schaut uns tief in die Augen und sagt: Folge mir nach!
Würden wir mit ihm gehen?
Doch eher nicht, oder?

Im RU habe ich einmal eine Zeichnung zu dieser Berufungsgeschichte ausgeteilt, und auf der sieht man wie Matthäus dasitzt und Jesus sagt zu ihm: Folge mir nach.
Und zum Matthäus habe ich eine Sprechblase gemalt – wie im Comic – und die Schüler sollten dem Matthäus eine Antwort in den Mund legen.
Die Antwort, die mir am besten gefallen hat, die mich am meisten bewegt hat, war:
WARUM?

Warum soll ich dir nachfolgen?
Für die Fischer damals und für Matthäus war es offensichtlich klar.
Für uns aber nicht.
Und damit es für uns klarer wird, müssen wir heute einiges über das Judentum lernen.
Jesus war Jude.
Seine Jünger waren alle Juden.
Sie lebten in Israel, dem Land der Juden.
Die Juden – das auserwählte Volk Gottes.
Sie glaubten, dass Gott ihr Volk befreit hat und zu ihm gesprochen hat.
Moses hat Gottes Worte gehört und sie aufgeschrieben.
Die 5 Bücher Mose.
Diese ersten 5 Bücher der Bibel nannten sie Torah.
Das heißt: Lehre, oder Anweisung oder einfach: Weg.
Sie glaubten, die Torah ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Und so drehte sich das Leben der Menschen in der Welt von Jesus vor allem darum, die Torah zu lehren, sie zu leben, sie zu befolgen.
Im Alter von 6 Jahren hat man damals angefangen, den Kindern die Bibel, die Torah beizubringen. „Mästet sie mit der Torah wie einen Ochsen“, hieß es.
Josephus, ein bedeutender jüdischer Geschichtsschreiber des ersten Jahrhunderts, schreibt:
„Am meisten von allem beschäftigen wir uns allerdings mit der Kindererziehung, und die Bewahrung der Gesetze und der in ihnen überlieferten Frömmigkeit machen wir zur wichtigsten Aufgabe unseres gesamten Lebens.“
Merkt Ihr was?
Bei uns ist das total anders.
Wir setzen da andere Schwerpunkte als die Juden.
Die haben mit 6 Jahren angefangen. In der Synagoge, durch den Rabbi.
Bet Sefer, Haus des Buches, hieß diese erste Stufe, und sie dauerte bis die Schüler etwa 10 waren. Im allgemeinen konnten sie dann die Torah auswendig. Die 5 Bücher Mose.
Das Auswendiglernen war damals auch deshalb so wichtig, weil man keine eigene Ausgabe des Textes hatte. Der Buchdruck wurde erst 1400 Jahre später erfunden.
Rabbis, die die Torah unterrichteten, waren die angesehensten Mitglieder der Gemeinschaft. Sie waren die Besten der Besten, die klügsten Schüler. Nicht jeder konnte Rabbi werden.
Mit 10 kam dann die erste Auslese.
Die besten durften weiter lernen, im Bet Talmud, dem „Haus des Lernens“.
Die anderen lernten den Beruf ihres Vaters und wurden Fischer, oder Handwerker oder Bauer.
Währendessen lernten die Besten der Besten weiter und konnten mit 13 oder 14 die ganze hebräische Bibel auswendig.
Und sie lernten nicht nur auswendig, sondern sie lernten, Fragen zu stellen, die Dinge zu begreifen.
Etwa mit 14 oder 15, also gegen Ende von Bet Talmud, lernten nur noch die Besten der Besten der Besten.
Und die verbleibenden Schüler bewarben sich nun bei einem bekannten Rabbi, im in den Kreis seiner Jünger, der Talmidim, aufgenommen zu werden.
Von einem Rabbi als Schüler, als Jünger aufgenommen zu werden, bedeutete weit mehr, als eine bestimmte Lehrmeinung kennen zu lernen.
Das Ziel eines Jüngers war, einmal so zu sein, wie der Rabbi.
Wenn ein Schüler ein Jünger eines Rabbis werden wollte, ging er zu ihm und sagte: „Ich will dir nachfolgen.“
Das heißt: Deine Lehrmeinung ganz genau kennen und sie mittragen. Ich will lernen, das zu tun, was du tust. Ich will lernen, so zu sein, wie du bist.
Der Fachbegriff dafür war: Ich will dein Joch auf mich nehmen.
Wenn dieser Schüler also zum Rabbi kommt und sagt: Ich will dir nachfolgen! Dann überlegte und prüfte der Rabbi ganz genau, ob der Schüler das Zeug dazu hat. Kann er so werden, wie ich es bin? Hat er die Begabung dazu?
Wenn nicht, schickte er ihn nach Hause.
Aber wenn der Rabbi den Schüler für geeignet und begabt hielt, dann sagte er zu ihm:
Komm, folge mir nach!
Und der Schüler verlies seine Eltern, seine Synagoge, sein Dorf, seine Freunde und folgte dem Rabbi überall hin – um zu lernen, so zu werden wie sein Rabbi.

Jesus war ein Rabbi.
Sogar einer, von dem es hieß: Er hat sogar Wunder getan.
Und er sagt: Folge mir nach.
Aber er sagt es nicht zu den Besten der Besten.
Er sagt es nicht zu der Elite.
Er sagt es zu Fischern.
Warum sind sie Fischer? Weil sie nicht gut genug waren.
Sie waren höchstens Durchschnitt. Unbrauchbar. Gewöhnlich.
Und er sagt es zum Zöllner Matthäus.
Zöllner waren damals der letzte Dreck.
Sie arbeiteten für die verhassten Römer.
Sie beuteten das Land für die Römer aus – und wurden selber dabei reich. Stinkreich.
Denn sie mussten einen bestimmten Zollsatz an die Römer weiterzahlen.
Wie viel sie aber selber verlangt haben, das war ihre Sache.
Und die Differenz steckten sie in ihre Tasche.
Zöllner sein, das war etwas für habgierige, geldgeile Menschen.
Für Gewissenlose, denen nichts heilig ist.
Kein Jude, der etwas auf sich hielt, hat sich für so einen dreckigen Job hergegeben.
Niemand.
Zöllner waren verachtet.
So verachtet wie die Schweine.
Zum Zöllner Matthäus sagt der Rabbi Jesus:
Folge mir nach.
Das heißt:
Ich weiß, dass dich alle verachten.
Dich für einen moralischen Totalversager halten.
Ich weiß, dass du ein schlechter Jude bist.
Einer, der die Torah nicht gut genug kennt.
Vor allem einer, der überhaupt nicht danach lebt.
Einer, der sich einen Dreck darum kümmert, was Gottes Wille ist.
Aber ich glaube:
Du kannst so werden wie ich.
Ich glaube, du kannst gut werden.
In dir steckt viel mehr, als die anderen in dir sehen.
In dir steckt viel mehr, als du selber von dir denkst.
Ich glaube, dass du werden kannst wie ich.

Und Matthäus steht auf und folgt ihm nach.
Für uns heute kaum vorstellbar.
Aber wie muss es damals gewesen sein, wenn ein Rabbi zu einem sagt:
Komm, folge mir nach!
Du kannst so werden wie ich!
Du kannst das tun, was auch ich tue!
Du kannst es schaffen!
Matthäus steht auf und folgt ihm nach.
Ein paar Fischer lassen ihre Netze Netze sein und folgen ihm nach.
Jesus nahm ein paar junge Männer, die ganz Durchschnittlich waren, oder sogar weniger, und hat dann den Gang der Weltgeschichte mit ihnen verändert.

Du kannst so werden wie ich bin, sagt der Rabbi Jesus.
Wie ist er denn?
In unserer Geschichte lernen wir vor allem:
Er ist einer, der sich nicht von dem Gerede der Leute beeinflussen lässt.
Was die anderen sagen und denken, das ist ihm völlig wurstegal.
Er tut allein das, was sein Glaube ihm sagt, was er tun soll.
Und wir lernen: Er ist barmherzig.
Er ist einer, der sich über die Außenseiter erbarmt.
Der auf sie zugeht, keinen großen Bogen um sie schlägt, sondern zu ihnen nach Hause geht und mit ihnen isst und trinkt und Gemeinschaft hat.
In Israel bedeutet mit jemanden essen und trinken: Ich will dein Freund sein. Ich biete dir meine Freundschaft an. Und das tut Jesus.
Er tut es.
Er redet nicht darüber, er nimmt es sich nicht vor, sondern er tut es.
Er bietet seine Freundschaft an.
Den Ausgestoßenen, den Verachteten.
Denen, um die jeder einen großen Bogen macht.
Mit denen keiner etwas zu tun haben will.

"Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken", sagt Jesus seinen Kritikern.
Die Kritiker, das waren übrigens die ganz Frommen damals.
Die mit der reinen Weste, dem guten Gewissen, dem guten Ruf, und dem großen Ansehen.
Wer sind die Kranken unserer Gesellschaft? Jeder von uns kann Antwort geben, wer ausgegrenzt wird und wer sich selbst ausgrenzt. Die Liste ist lang.
Die Türken?
Die Russlanddeutschen?
Die Asylanten?
Die Hartz 4 Empfänger?
Die Versager?
Oder die Alten?
Die Kranken?
Die Behinderten?
Oder der Junge in der Klasse, der etwas anders ist?
Jeder von uns hat seine Erfahrungen und könnte die Liste wohl verlängern.
Wichtig ist aber:
Jesus begründet eine neue Gemeinschaft, die sich um die Schwachen kümmert.

Christ sein ist keine Lehre, keine Ideologie, keine Theorie, keine Weltanschauung.
Sondern Christ sein ist Praxis, ist ein Lebensstil.

Und Merkmale dieses Lebensstils sind:
Christen hören am allermeisten auf das, was Jesus sagt.
Christen sind Menschen, die sich um andere Menschen kümmern.
Christen sind Menschen, die auf Außenseiter und Schwache achten.

Darum ist schon immer die Diakonie ein Wesensmerkmal der Christen gewesen.
Und es passt zu diesem Tag, dass wir heute zwei Mitarbeiter der Diakonie für ihren Dienst segnen.

Jesus sagt auch zu uns:
Folge mir nach.
Du kannst so werden wie ich es bin.
Du kannst das tun, was auch ich getan habe.
Trau dich doch einfach.
Trau dir etwas zu.
Ich trau dir ganz viel zu.
Und ich helfe dir.
Denn ich bin immer bei dir.

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