Singet und seid froh, wir sind gehalten

Liebe Gemeinde,
wir hören den Predigttext bei Jesaja 49, 13-16.

Die ehemalige Bischöfin, Margot Kässmann, wurde gefragt, was wir vom Dalai Lama lernen können. Sie antwortete: „Wir sollten innere Fröhlichkeit zeigen. Es gibt nichts Deprimierenderes als griesgrämige Christen“. Der Dalai Lama strahlt diese „Innere Fröhlichkeit“ aus. Und er ist beliebter als der Papst. Oder für uns evangelische Christen betrachtet, der Ratsvorsitzende der EKD (Evangelische Kirche Deutschland).

„Das man innere Fröhlichkeit zeige“, als Programm!? Ich überlege gerade, wie oft ich in den letzten Tagen um Weihnachten hierzu eingeladen wurde? Ja, wir können Freude zeigen, Fröhlichkeit zulassen, jubeln und singen.

In der Weihnachtszeit ist es für mich immer wieder etwas Besonderes mit dem „Gemischten-Chor-Glindow“ Adventskonzerte zu geben. Wir singen dann diese schönen, feierlichen und fröhlichen Lieder. Sie tragen mich und erhellen, in dieser trüben Jahreszeit, mein Gemüt.

Daher würde ich die Antwort Margot Kässmanns gerne verändern: „Wir sollten unsere fröhlichen Lieder wieder entdecken und häufiger miteinander singen. Es gibt nichts Deprimierenderes als eine christliche Gemeinde die nicht mehr singen kann oder singen will.“ So wird uns Christen die innere Fröhlichkeit wieder gelingen.

Solch schöne Lieder wie:
„Fröhlich soll mein Herze springen“,
„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“,
„Freu dich, Erd‘ und Sternenzelt, Gottes Sohn kam in die Welt“ oder
„In dulci jubilio, nun singet und sei froh“,
„Welt ging verloren, Christ ward geboren“.
Sie sind zeitlos und hier klingt Freude und Fröhlichkeit heraus. Wie auch in vielen anderen Liedern unseres Gesangbuches.

Jesaja klingt da ebenso ganz weihnachtlich: „Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen. Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“

Und das Beste ist, diese Lieder und Texte haben länger Bestand als eine Saison, wie z.B. einen Schlager. Denn sie sind in unserem Glauben fest gegründet.

Allerdings, diese Lieder klingen jetzt langsam aus. Ich überlege, wie lange können wir diese aus der Rubrik: "Weihnachten" noch singen? Ohne, dass daran Anstoß genommen wird.

Innerlich haben viele Menschen von Weihnachten schon Abschied genommen. Der Jahreswechsel steht vor der Tür und der Stimmungswandel wird sehr deutlich spürbar. Party ist angesagt. Rezepte für ausgelassene Partystimmung und Tipps zur Bewältigung des „Morgen danach“ machen jetzt die Runde.

Nur sollten wir die Freude nicht mit dem Spaß verwechseln. Die Freude will tragen, stützen und leben helfen. Der Spaß kann einen Dröhnschädel oder sogar ein böses Erwachen nach sich ziehen. Die Freude erzählt von Trost und Beistand, der Spaß ähnelt dem Versuch zu betäuben und zu vertrösten.

Verhängnisvoll wäre es, wenn Weihnachten uns nur wenig mehr als billigen Trost und verklärenden Kitsch zu bieten hätte. Dann wäre es wirklich gut, dass nach spätestens drei Tagen Schluss sei.

Weihnachten allerdings, will etwas ganz anderes deutlich machen. Es gibt auf seine Weise die Antwort auf die Frage nach dem gütigen Grund und dem guten Ausgang dieser Welt.

„Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“ Diese Frage stellt Jesaja im heutigen Predigttext. Und die Antwort ist uns klar: Nein, Gott wird seine Erde, sein Volk, seine Kinder weder vergessen noch im Stich lassen. Das sollen wir uns so oft wie möglich gegenseitig zusprechen, damit es im Bewusstsein haften bleibt.

Diese Erkenntnis ist zweifach wichtig: 1. Wenn wir zu sinken drohen. Wenn die Welt sich mal wieder gegen uns verschworen hat. Dann um die Kraft und die Hoffnung zu behalten. 2. Wenn es uns gut geht. Wenn wir auf der Welle des Erfolges schwimmen. Dann um Dank zu sagen für die himmlische Unterstützung.

Gerade um Weihnachten herum sind wir sehr sensibel für Situationen die unstimmig sind. Z.B. eine Todesnachricht will hier so gar nicht hin passen.

Ein weiser Mensch sagte einmal: „Die Eltern zu verlieren, heißt die Vergangenheit zu verlieren; den Partner zu verlieren, heißt die Gegenwart zu verlieren; das Kind zu verlieren, heißt die Zukunft zu verlieren.“ Alles drei wiegt auf seine Art furchtbar schwer. Und dieses Jahr haben wieder viele Menschen um Weihnachten herum einen Angehörigen verloren.

Und doch: GOTT wird uns weder vergessen noch verlassen! Ein anderer unstimmiger Gedanke stößt uns auch noch auf. "Das wäre, als wenn eine Mutter ihr Kind verlassen würde."

Allerdings, gibt es viele Nachrichten von vernachlässigten Kindern. Berichte über Kinder, die durch ihre Eltern zu Tode gekommen sind. Hier wird deutlich aufgezeigt, dass eigentlich Selbstverständliches, der Welpenschutz, der besondere Schutz des Nachwuchses, in vielen Familien nicht mehr funktioniert.

Viele Eltern zeigen sich überfordert, die Verantwortung für sich und ihre Kinder zu übernehmen. Viele Kinder müssen damit leben, dass sie ein Elternteil durch Trennung verloren haben. Das sogenannte „Peatchwork-Familien“ entstehen. Wenn das neue Elternteil eigene Kinder mit in die neu entstehende Familie bringt. Und erschwerend kommt hinzu, dass eine große Anzahl Menschen in ihrer Lebensplanung keinen Platz für Kinder vorgesehen hat.

Welche Empfindungen löst da das heutige Prophetenwort aus, bei einem Menschen der solche Erfahrungen gemacht hat? Dessen Kindheitserinnerungen negativ besetzt sind.

In vielen Weihnachtspredigten wurde die Erinnerung an die heilige Familie wach gerufen. In dieser Geschichte zeigte sich die Übernahme von Verantwortung in unmöglicher und eigentlich aussichtsloser Situation. Hiervon sollten wir und unsere Gesellschaft lernen. Sich anstrengen Wege zu finden, Kindern besseren Schutz, Lebensraum und Lebensperspektiven zu ermöglichen.

Weihnachten soll und will kein billiger Trost sein. Dieses Fest bewahrt uns die Sensibilität für die Brüche und Risse in unserem Land, in unserer Gesellschaft. Öffnet uns die Augen für die Menschen, die gerade an allem zu verzweifeln drohen. Der Jubel, die Freude, der Gesang, dürfen die Fragen und Ängste, die Schreie und Tränen nicht übertönen. Sondern wir, denen es gut geht sollten ganz feinfühlig hinhören und unauffällig helfen.

Denn die Weihnachtsbotschaft sagt nicht: "Alles ist gut!" Schon in der prophetischen Sehnsucht nach Jubel und Jauchzen zeigt sich der bedrängende Alltag. Auch damals schon scheint Gott abhandengekommen zu sein. Die Situation ist ja oft genug beschrieben worden: zerstörte Heimat, Leben im Exil und keine Aussicht auf Besserung.

Und seitdem kann jede Generation ein Lied davon singen, wie verzweifelt nach Gott gefragt und gesucht worden ist. Wie die Verstrickungen dieser Welt einem jeden Menschen im Alltag zugesetzt haben. Dazu braucht es nicht erst Katastrophen wie den zweiten Weltkrieg, den 11.September 2001 oder den Fund der Babyleiche in Glindow.

Wir wissen, dass die Welt und das Leben so grob sein kann. Und dennoch, geradezu trotzig, halten wir an unserem Wissen fest.

Gott hat uns nicht vergessen noch verlassen, sondern er ist als Trost für die ganze Welt, durch seinen Sohn, mitten unter uns erschienen. Als Kind, hilflos und in der Fremde. Stellvertretend für alle die, die schon als Kinder ohne Hilfe anderer keine Zukunft haben. In den Krisenregionen und Hungergebieten. In emotional wüsten und sozial schwachen Familien. Als Mensch, der fragte. Als Freund, der trauerte und verlassen wurde. Als Sterbender von dem sich die Menschen abwandten, weil ihnen sein Tod unerträglich war.

Wie sollte da ein Kind, ein Erwachsener, ein Trauernder, ein Hoffender oder ein Suchender bei Gott außer Acht bleiben. Jetzt da er sich bei jedem fest in Herz und Seele eingeschrieben hat? Deshalb kann und wird das Weihnachtslob für uns Christen nie billig sein. Es wird uns immer festen Boden unter den Füßen geben.

„Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

Und der Friede GOTTES, der größer ist als alles was wir fürchten, erhoffen und verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Fröhlichkeit auf Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Superintendent Uwe Simon tätig in Templin.)

drucken