Ein festes Herz bekommen

Tempus fugit.
So sagt der Lateiner.
Die Zeit flieht.
Egal mit wem ich mich unterhalte, alle sagen dasselbe:
Die Zeit rast einfach vorbei.
Jetzt ist schon wieder ein Jahr vorbei.
Wo ist die Zeit geblieben?

Dass wir den Eindruck haben, dass die Zeit so schnell vorbeirast, hat meinem Eindruck nach viel damit zu tun, dass in der Geschichte der Menschheit das Tempo der Veränderungen noch nie so schnell war wie heute.

Wenn sich zur Zeit von Martin Luther jemand einen Pferdekarren gekauft hat, dann hat der genau so ausgeschaut wie 100 Jahre früher. Und 100 Jahre später wurden noch die gleichen Pferdekarren hergestellt. Und 200 Jahre später auch noch.

Und heute?
Der Computer von heute ist in einem halben Jahr schon völlig überholt.
Wir haben im Pfarramt dieses Jahr ich glaube zwei Mal den Telefontarif umgestellt.
Wenn eine SMS nicht nach 15 Minuten beantwortet wird, macht man sich Sorgen.

Überhaupt, das Handy.
Ich bin 45 Jahre alt und ich kann mich noch erinnern: Als ich ein Kind war, hatten wir ein Telefon mit Wählscheibe und es hieß immer: Nicht telefonieren, das ist so teuer.
Heute haben praktisch alle Jugendliche ihr eigenes Handy und es ist selbstverständlich, immer erreichbar, immer in Kontakt, immer ansprechbar zu sein.
Wenn ich meinen Konfirmanden erzähle, dass es auch ein Leben vor dem Handy gab, schauen sie mich ungläubig an.

Wir leben in einer Zeit, in der sich alles rasend schnell verändert.
Wir leben in einer Zeit, in der wir mit Informationen überflutet werden.
Wir leben in einer Zeit, in der wir immer auf Achse sein sollen, immer erreichbar sein sollen, immer live dabei sein sollen.

Das ist anstrengend.
Ermüdend.
Und es führt unausweichlich zu großer Oberflächlichkeit und Abstumpfung.
Wieder einmal ein Rettungspaket für den Euro.
War das jetzt das dritte oder das fünfte? Wer hat da noch den Überblick.
Wieder einmal ein Bombenattentat. Das zwanzigste? Das fünfzigste?
Irgendwann wird uns das einfach egal.
Diese Schnelllebigkeit, unser Gehetztsein führt zu Oberflächlichkeit.
Einem Tunnelblick.
Ich blende einfach vieles aus, weil es mir zu viel wird.
Herzrasen ist ein Symptom. Ja, das kennen wir heutzutage. Rasende Schnelligkeit, Tempo, Atemlosigkeit, immer auf Zack, immer aktuell, immer informiert, immer dabei. Wir stehen unter einem enormen Druck, uns den Entwicklungen, Veränderungen, uns dem Tempo anzupassen, noch mitzukommen, nicht den Anschluss zu verpassen, hinterherzukommen.
Aber eben wirklich: hinterher.
Denn es ist doch kaum zu schaffen.
Zu schnell, zu viel, zu verwirrend gestaltet sich der Alltag der Welt.

Dieses große Tempo, diese schnelle Veränderung bewirkt aber noch etwas:
Eine Sehnsucht nach Bleibendem.
Nach etwas, was verlässlich da ist, was sich nicht dauernd verändert.

Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum uns die Weihnachtszeit so gut tut.
Weil alles jedes Jahr gleich ist.
Der gleiche Adventskranz, die gleichen Lieder, der gleiche Glühwein auf den gleichen Weihnachtsmärkten, der gleiche Christbaum, das gleiche Gedränge beim Umtausch.

Und eigentlich bleibt vieles gleich und verändert sich nicht.
Jedes Jahr Frühling, Sommer Herbst und Winter.
Jeden Tag geht die Sonne auf.
Menschen werden geboren, werden älter, kämpfen sich durch die Pubertät, suchen ihren Platz im Leben, verlieben sich, wünschen sich Kinder, eine Heimat, eine Familie, Menschen streiten sich, sind neidisch, suchen ihr Glück, sind undankbar, trennen sich, versöhnen sich, und schließlich sterben sie.
Das alles ändert sich nie.
Und die Menschen versuchen zu allen Zeiten, ihre immer gleichen Lebensfragen zu beantworten:
Woher komme ich?
Wohin gehe ich?
Wozu lebe ich?

Nicht immer sind uns diese Fragen gleich nahe, gleich wichtig.
Aber hin und wieder tauchen diese Fragen auf.
Bei jedem von uns.
Und wir suchen eine Antwort auf diese Fragen.

Heute, am Altjahresabend, schauen wir zurück auf unser persönliches Jahr 2012 und ziehen Bilanz.
Was hat es gebracht?
Was war gut?
Was war schwer zu tragen?

Und wir sind eingeladen darüber nachzudenken und gewiss zu werden, was uns durchgetragen hat durch dieses Jahr und was uns Hoffnung gibt, das wir auch die vor uns liegende Zeit bestehen werden.

Wir hören dazu auf einen Abschnitt aus dem Hebräerbrief. Dort heißt es:

Gott hat versprochen: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.
6 Darum dürfen wir zuversichtlich sagen: Der Herr ist mein Helfer, ich fürchte mich nicht. / Was können Menschen mir antun?
8 Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.
9 Lasst euch nicht durch mancherlei fremde Lehren irreführen; denn es ist gut, dass das Herz fest werde, welches geschieht aus Gnade.

Mich spricht besonders das mit dem festen Herz an.
Ein festes Herz wird gewünscht und versprochen.
Ein festes Herz, kein schwaches, kein flatterndes, kein rasendes, kein schweres, und erst recht kein Herz aus Stein.
Ich kenne so viele Leute, die haben ein steinhartes Herz.
Oft ist es hart geworden, weil sie viel haben einstecken müssen.
Viel haben schlucken müssen.
Manche Menschen haben ein hartes Herz, weil sie es nie erlebt haben, geliebt zu werden.
Manche Menschen haben ein hartes Herz, weil sie sich unverwundbar machen möchten.
Menschen mit einem harten Herzen strahlen eine große Härte und Kälte aus.
Sie machen es anderen und auch sich selber sehr schwer im Leben. Und sehr unangenehm.
Harte Herzen.
Wir alle kennen Menschen mit hartem Herzen.

Das Gegenteil ist ein weiches Herz.
Ein Herz, das sich leicht füllt mit Mitgefühl.
Ein Herz, das darum nie nein sagen kann.
Menschen mit einem weichen Herzen kann man wunderbar manipulieren und ausnutzen.
Die geben in Konflikten immer nach.
Weil sich ihr weiches Herz nach Ruhe und Frieden sehnt.

Über unser Herz denken wir meist erst dann nach, wenn es Probleme macht, weh tut, nicht wie gewohnt funktioniert.

Eine Zeitlang hing an der Pinwand über meinem Schreibtisch eine Ansichtskarte mit einem Zitat von Jeremias Gotthelf. Dort stand:

Schwer ist es, die rechte Mitte zu treffen: Das Herz härten für das Leben – es weich zu halten für die Liebe. (Jeremias Gotthelf)

Die rechte Mitte – das ist ein Herz, das nicht hart und nicht weich ist, sondern fest.
Es soll uns nicht alles bedrängen und beschäftigen und verunsichern.
Wir müssen gar nicht bei allem mithalten und alles schaffen.
An unserem Herzrasen sollen wir nicht erkannt werden als Christenmenschen.
Und auch nicht an einem schwachen, unsicheren Herzen.
An einem festen Herzen sollen wir erkannt werden.

Es ist gut, wenn das Herz fest wird, welches geschieht aus Gnade.

Das heißt: Ich kann das letztlich nicht machen, ein festes Herz, sondern ich muss es mir schenken lassen.

Mir schenken lassen von dem Gott, der sich nie ändert.
Der gestern derselbe war wie er heute ist und es morgen sein wird.
Dem Gott, der von sich sagt:
Ich bin der ich bin da.
Ich bin der Gott, der dir sagt:
Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.
Darum dürfen wir zuversichtlich sagen: Der Herr ist mein Helfer, ich fürchte mich nicht. / Was können Menschen mir antun?

Aber vielleicht geht es euch auch manchmal so, dass ihr unruhig werdet und sagt:
Schön und gut, das hört sich ja alles nett an, aber sind das nicht alles nur leere Worte?
Ich merke oft nichts davon, dass Gott für mich da ist!
Wo und wie erlebe ich es denn, dass sich Gott wirklich um MEINE Bedürfnisse kümmert?
Das ist eine wichtige Frage.
Und eine berechtigte Frage.
Eine Frage, der wir auf den Grund gehen müssen, um nicht in frommen Gerede und einem eingebildeten Glauben stecken zu bleiben.

Mir geht das auch manchmal so, dass sich mir diese Frage stellt und ich so spontan nur darauf antworten kann:
Ich weiß es nicht.
Ich sehe es nicht.
Ich erlebe es nicht.

Aber ich habe auch gelernt, dass wir es manchmal nötig haben, in die Sehschule zu gehen.
Dass wir es manchmal nötig haben zu bitten, dass wir die Augen geöffnet bekommen.
Wer sich darauf einlässt, der wird es erkennen und wird nur staunen können und danken können, wie sehr sich der große Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde um meine kleinen Problemchen kümmert.
Weil er uns so sehr liebt.
Weil wir seine Kinder sind.

Und oft sehen wir das nicht, was Gott tut.
Weil es verborgen ist.
Weil er still und heimlich handelt.
Und weil sein Handeln für uns oft erst im Rückblick erkennbar ist.

Wer durch diese Sehschule gegangen ist, der kann auch getrost in das nächste Jahr gehen.
An der Hand unseres Gottes, der uns nicht im Stich lassen wird.
An der Hand unseres Gottes, der sich nicht verändern wird. Der seine Meinung über uns nicht ändern wird.
An der Hand unseres Gottes, der uns vor einem harten Herzen bewahren kann, genauso wie vor einem zu weichen Herzen, der uns ein festes Herz geben will.

Es uns schenken will.

Ein Herz, das fest und hart genug ist, um den Stürmen des Lebens stand zu halten.
Und es werden auch nächstes Jahr Stürme auf uns zukommen, garantiert.
Und ein Herz, das fest und weich genug ist, damit wir Liebe leben können – Liebe empfangen können und Liebe geben können.
Darum dürfen wir zuversichtlich sagen: Der Herr ist mein Helfer, ich fürchte mich nicht.

Jesus Christus – gestern und heute und derselbe in Ewigkeit.
Jesus Christus – gestern und heute und derselbe in Ewigkeit.

Je mehr ich mich diesem Rhythmus anvertraue, ihn übernehme – umso fester wird mein Herz.

Amen

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