Die Ohren des Himmels

Liebe Gemeinde,

„O dass doch so ein lieber Stern/ soll in der Krippen liegen!/ Für edle Kinder großer Herrn/ gehören güldne Wiegen./ Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht, /Samt, Seide, Purpur wären recht,/ dies Kindlein drauf zu legen!“ (EG 37,6), so hat Paul Gerhardt im 6. Vers des vielleicht schönsten Weihnachtsliedes „Ich steh an deiner Krippen hier“ gedichtet. Und gibt Anlass zu einem Missverständnis, über das das Jesuskind nicht amüsiert gewesen wäre.

Es würde aufs Schärfste zurückweisen, dass Heu und Stroh und die Futterkrippe drum herum ein bedauerlicher Irrtum seiner Geburt gewesen sind, der durch die Hartherzigkeit der Bewohner von Bethlehem zustande kam. Es würde aufs Schärfste zurückweisen, dass seine Geburt in der großen Welt des Geldes besser aufgehoben gewesen wäre. Es würde uns die bittere Armut der Menschen von Bethlehem zeigen und keinen Zweifel lassen, dass es zu denen gesandt und gekommen ist, die mittellos, machtlos und hilflos sind. Die, mit denen keiner mehr solidarisch ist, bekommen die höchste Zuwendung und Aufmerksamkeit, die es gibt. Da hält der Himmel sein gewaltiges Ohr an die Erde, um denen zu lauschen, die keiner mehr hört.

Kurz vor Weihnachten meldeten alle großen Zeitungen: Nichts ist gut in Deutschland. So lässt sich der Armutsbericht 2013 zusammenfassen, den der Paritätische Gesamtverband am Donnerstagvormittag in Berlin vorgelegt hat. Noch im März dieses Jahres hieß es in einer Analyse der Bundesregierung die Verarmung sei gestoppt, die Ungleichheit in der Einkommensverteilung werde wieder geringer. Der jetzt vorgelegte „Bericht zur regionalen Armutsentwicklung in Deutschland 2013“ kommt zum gegenteiligen Ergebnis: Die Armut ist demnach auf einem Rekordhoch, das Land sozial und regional tief zerrissen. „Sämtliche positive Trends aus den letzten Jahren sind zum Stillstand gekommen oder haben sich gedreht“, sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Die Kluft zwischen bundesdeutschen Wohlstandsregionen auf der einen und Armutsregionen auf der anderen Seite wachse stetig und deutlich. „Deutschland war noch nie so gespalten wie heute“, stellt Schneider fest. Die Armutsquote sei seit 2006 von 14 Prozent auf 15,2 Prozent gestiegen.

Das sind wohlgemerkt keine Zahlen aus Argentinien, sondern aus Deutschland. Und da sind die Verlustangst- und Neidkampagnen mancher Politikern wirklich unerträglich, denen Arbeitgebervertreter glaubhaft versichern, dass ab einem gewissen Reichtum das nächst größere Elend beginnt. Als sei das Börsenparkett bevölkert mit den Elenden dieser Welt. Die wirklich Elenden leiden auch bei uns im Verborgenen.

Es ist schon eine Weile her und doch leider auch heute aktuell, was der Berliner Notarzt Michael de Ridder unter dem Titel „Verwahrlost und verendet“ über den Pflegenotstand in unserem Land schrieb. Er beschreibt darin Zustände, die uns heute am 2. Weihnachtsfeiertag schnell zu der Überzeugung brächten, auf das Mittagessen lieber zu verzichten.

Er fasst am Ende zusammen: „Angesichts der erbärmlichen und hoffnungslosen Lage vieler Pflegebedürftiger bleiben Scham und Zorn. Scham – weil eine Gesellschaft, die sich ihr gesundheitliches Wohlergehen mehr als 290 Milliarden Euro jährlich kosten lässt, ihre Gebrechlichsten zu Almosenempfängern degradiert und manchen gar das Nötigste vorenthält. Scham – weil nicht wenige Junge die gesetzliche Pflegeversicherung als Alibi betrachten, den Alten Zuwendung und Sorge zu entziehen, oder sich sogar an ihnen bereichern. Zorn – weil die Ärzteschaft, seit langem unfähig zur Selbststeuerung, sich ihre Ertragslage mehr angelegen sein lässt als die Erfüllung ihres Versorgungsauftrags. … Zorn schließlich auch auf eine Politik, die Pflicht und Kür nicht mehr zu trennen vermag: Sie schenkt den Sirenengesängen der kommenden Biomedizin mehr Aufmerksamkeit als den aktuellen medizinischen Behandlungs- und Versorgungsnotwendigkeiten einer alternden Gesellschaft.“ (Spiegel Nr. 23/2001)

Müssen wir davon an den Feiertagen hören? Um Christi Willen, ja! Der hat gute Gründe, seinen Babypopo nicht in güldene Wiegen zu betten, sondern in das piekende Stroh einer Futterkrippe. Der Christus erhebt die Armut nicht zum christlichen Prinzip. Aber er kritisiert mit seinem bescheidenen und für das Leid der Menschen hellhörigen Leben einen Reichtum, der blind und taub macht für das Wort Gottes und für das Seufzen der Kreatur.

Und so fängt in der Tat ab einem gewissen Reichtum das nächst größere Elend an: Blinde Augen, taube Ohren, harte Herzen. Wie viele Kinder wurden zu diesem Fest von einem Berg von Geschenken umarmt, statt von zärtlichen Armen? Wo gibt es noch eine richtige Welt zu entdecken in all dem multimedialen Geplärr und Gedudel, das uns pausenlos umgibt. Die schöne immer neue Warenwelt übertaktet sich selbst und schließt die Räume für Muse, Gespräch und Zuwendung. Wachstum, mehr Wachstum, fordert die Wirtschaft. Welche Verehrung für ein Krebsgeschwür, das nie weiß, was es werden soll und unsere Welt Stück für Stück auffrisst. Im Scheinbaren bleibt kein Platz für das Wesentliche: Liebe, Freundschaft, Achtsamkeit, Wahrheit. Leer ist es oft geworden, nicht nur in unseren Gehirnen.

Doch da hält an Weihnachten der Himmel sein gewaltiges Ohr an die Erde, um denen zu lauschen, die keiner mehr hört. Der ewigreiche Gott gibt seinen Reichtum hin, um als Mensch bei den Menschen zu sein, die verloren gingen oder sich selbst verloren haben. Weihnachten ist nicht zuletzt das Ereignis der Selbstbegrenzung Gottes zugunsten der Welt und ihrer Menschen, auf dass der lebendige Gott und wir sterblichen Menschen eine gemeinsame Zukunft haben. Die ist der wahre Reichtum des Glaubens.

Wer den 2. Korintherbrief kennt, weiß, dass der Satz des Paulus, über den wir heute an Weihnachten nachdenken, einen Spendenaufruf begründen hilft. Die Korinther sollen spenden für die Gemeinde in Jerusalem. Paulus erinnert an die Armut der Menschwerdung Gottes. Paulus erinnert uns daran, dass Weihnachten nicht nur die vertikale Richtung hat, dass Gott aus dem Himmel zur Welt kommt. Weihnachten hat auch eine horizontale Richtung. Der Himmel, der sein Ohr an die Erde legt, um jeden Schrei und jeden Seufzer zu hören, möchte, dass wir mithören. Wir können nicht zur Krippe kommen und vorher die armen Hirten hinausschicken. In seiner Geburtsstunde ist um das Jesuskind auch das Elend dieser Welt versammelt und ohne die Wahrnehmung dieses Elends ist auch der Christus nicht zu haben.

Still, still, still!, singt das Volkslied an der Krippe. Aber bitte nicht, weil’s Kindlein schlafen will. An der Krippe gibt es was zu hören: Nicht nur der Engel helle Lieder, sondern auch das Seufzen der Kreatur. Auch das darf an Weihnachten nicht überhört werden. Um Christi Willen!

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