arm und reich – materiell, zwischenmenschlich und an Gnade

Liebe Gemeinde!

Man kann sich seine Eltern ja nicht aussuchen – das sagt man manchmal so und es ist ja auch wahr. Keiner von uns konnte sich aussuchen, in welche Familie er oder sie geboren wurde. Und ich vermute mal, dass die meisten – wenn auch bestimmt nicht alle – durchaus sagen würden, dass das nicht schlimm wäre, denn Kindheit und Jugend seien in der jeweiligen Familie schon ganz schön gewesen.

Als Gott beschlossen hatte, dass er sozusagen am eigenen Leid erfahren wollte, was es heißt Mensch zu sein… Als er erleben wollte, was Geburt und Leben und Sterben für einen Menschen wirklich sind, da hatte Gott wohl schon die Wahl. Gott konnte sich aussuchen, wo er geboren werden würde, in welcher Familie bei welchen Eltern. Und auch in welchem Land und welcher Zeit. Offensichtlich hat Gott sich für Maria und Josef entschieden und für Israel/Palästina zur Zeit der römischen Herrschaft.

Dass der Sohn Gottes also im Stall geboren wurde, ist kein Zufall! Und es ist erst recht kein Unfall gewesen. Dass der menschgewordene Gott als Kind einfacher Leute das Licht der Welt erblickt und nicht etwa am Hofe des Königs Herodes in Jerusalem oder des Kaisers Augustus in Rom, ist kein Zufall. Es ist Absicht. Es ist geradezu Programm.

1. Armut und Reichtum – materiell

Der König des Universums und Schöpfer allen Seins in Raum und Zeit wird ein armer, kleiner Mensch. Ein Mensch, der in ärmlichen Verhältnissen geboren wird und auch aufwächst.
Sohn eines Zimmermanns in Nazareth – das heißt nicht Hunger leiden und betteln, aber es ist eben auch alles andere als ein Leben im Luxus. Einfache Verhältnisse eben.

Wir leben in einer Zeit der Krise… oder auch nicht. So ganz klar wissen wir das nicht. Jedenfalls nicht wenn wir auf unsere Regierung hören. Die verkündet auf der einen Seite, dass die Krise nicht vorüber sei und auf der anderen Seite brüstet sie sich damit, dass noch nie so viele Menschen in Deutschland berufstätig gewesen wären. Ja, was den nun?

Viele Menschen in unserem Land und in ganz Europa haben ein Gefühl. Ich habe es auch. Und der letzte Armutsbericht, wie auch viele schon davor stützen das Gefühl: Es geht den Menschen in Großen und Ganzen materiell gesehen gut, aber nicht allen und die, denen es nicht gut geht, werden immer mehr. „Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander“, ist der Satz der dann oft kommt.

Diese Entwicklung hat nicht nur materielle Konsequenzen für viele Menschen, sondern sie vergiftet das Klima. Neid und Habsucht, Angst vor sozialem Abstieg und Abgrenzungswünsche reißen Gräben auf, die wir in Mitteleuropa lange nicht kannten.

Als Christenmenschen können wir vielleicht nicht unbedingt etwas an der Verteilung von arm und reich ändern – obwohl auch das nicht ganz sicher ist –, aber wir können gerade die zwischenmenschlichen Verwerfungen, die Veränderungen im Klima, im Umgang miteinander nicht klaglos hinnehmen.

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Das steht im 2. Korintherbrief. Wie gesagt: Das Gott nicht im Kaiserpalast Mensch geworden ist, sondern im Stall als Kind einfacher Menschen, ist kein Zufall, sondern Programm.
Gott steht immer auf der Seite der armen und schwachen. Das sehen wir an Jesu Handeln und Reden nur zu deutlich. Es ist deshalb klar, dass es in den nächsten Jahren eine Aufgabe von Kirche als Institution und eine Aufgabe von uns Christenmenschen als Mitmenschen sein wird, sozialem Neid und sozialer Ausgrenzung entschieden entgegen zu treten, wo immer sie auftreten mögen.

Unsere katholischen Brüder und Schwestern haben seit diesem Frühling einen Papst, der sich den Namen Franziskus gegeben hat und der sich das Programm des Hl. Franziskus von Assisi sehr zu Herzen genommen hat und der die römische Kirche in den nächsten Jahren vermutlich sehr verändern wird. Und es könnte sein, dass eine Zukunft kommt, in der wir Evangelischen doch wieder etwas von den Katholiken lernen können.

2. Armut und Reichtum – mitmenschlich

Gott ist reich – reich an Macht, an Wissen, an Güte und Liebe. Gott ist geradezu allmächtig, allwissend, allgütig. Und Gott ist eben doch arm geworden. Freiwillig!

Hat seine Göttlichkeit für eine Lebensspanne aufgegeben – nun gut: vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, aber trotzdem! Er hat seinen Reichtum, seine Allmacht gegen menschliche Ohnmächtigkeit eingetauscht, seine Allwissenheit gegen menschliche Ahnungslosigkeit und Blindheit, seine Allgütigkeit gegen menschliche Hilflosigkeit im Angesicht des Elends.

Das hat er aufgegeben, damit die Menschen reich werden.

Dass Menschen nach Höherem streben, ist gut und richtig. Allerdings sollte es uns auch zu denken geben, dass Gott nach der Niedrigkeit strebt.
Dass sich Menschen Reichtum wünschen, ist interessant, wo Gott doch bei den Armen ist.
Dass Macht Menschen immer wieder in Versuchung bringt, ist schade, zeigt uns doch Gott, wie befreiend die Machtlosigkeit sein kann.

Es ist schon spannend, dass im menschlichen Miteinander arm und reich die Plätze tauschen:
Wer die kleinen Dinge im Leben zu schätzen lernt…
Wer die Schönheit des Lebens und der Welt in den Nichtigkeiten des Lebens zu sehen lernt…
Wer sich um die Menschen kümmert, denen es nicht gut geht…
Wer die Menschen zu schätzen weiß, die sonst niemand schätzt…
der ist reicht. Der hat einen Reichtum, der glücklich macht – was man von Gold und Geld nicht unbedingt sagen kann. Und diesen Reichtum kann niemand stehlen.

3. Arm und reich an Gnade

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Gott gibt seinen Reichtum auf. Er will arm werden. Will erfahren, was es heißt als Mensch zu leben. Und zwar als einfacher, als normaler Mensch und nicht als Kaiser oder König, Megastar oder Wirtschaftslenker.
Gott gibt seine Göttlichkeit auf, um uns durch seine Armut reich zu machen.

Lasst uns versuchen in diesem Sinne reich zu werden. Denn das ist Gnade! Gott gewährt uns die Gnade reich zu werden. Und dass heißt letztlich nämlich auch, dass wir etwas von der Göttlichkeit, dem göttlichen Reichtum abbekommen. Dass das kein materieller Reichtum ist, dürfte klar sein.

Jesus Christus verspricht und mit seinem Leben – mit seinem ganzen Leben von der Geburt im Stall bis zum Tod am Kreuz – einen Anteil am göttlichen Reichtum, an der Ewigkeit, ab der Herrlichkeit Gottes. Alles, was wir dafür tun müssen, ist auf Christus zu vertrauen. Auf ihn und seinen Weg, den er uns gezeigt hat, als er seinen Reichtum aufgab um uns Reichtum zu zeigen.

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