Freude über Freude

(Die Predigt wurde im Altenheim gehalten)

Das ist heute mein erster Heilig Abend, wo die Gemeinde an Tischen sitzt. Aber eigentlich ist das ganz praktisch. All inclusive, wie man heute sagt, alles inbegriffen. Ihre Kinder oder Enkel gehen erst in die Kirche und dann setzen sie sich zu Hause an den Tisch. Hier haben Sie alles unter einem Dach.
Ich erinnere mich noch an die erste Adventsfeier hier im Haus am Suletal vor 5 Jahren. Ich war noch neu und es hieß, im Blumenweg ist eine Adventsfeier, ob ich kommen könnte für eine Andacht und etwas Musik. Ich bin durch Sulingen geirrt und habe überall den Blumenweg gesucht. Der war im Stadtplan nicht verzeichnet. Schließlich hab ich hier im Haus an der Pforte gefragt, ob jemand weiß, wo diese Straße liegt. Hier sind Sie richtig, das ist bei uns oben!

Ja, und jetzt sind Sie hier richtig. Denn ein Heiligabend ohne einen Gottesdienst, das ist wirklich armselig. Da bringen wir uns um die Weihnachtsfreude.

Viele von Ihnen waren dabei, als die Gitarrengruppen unserer Kirche hier Station gemacht haben auf der Adventstournee mit dem Stück „Der König im Stall“ Wie das immer so ist: Das Schlusslied bleibt als Ohrwurm hängen. Bei „Der König im Stall“ ist es die Zeile: „Du machst uns so froh, kleines Kind im Stroh“.

Im Jahr davor waren wir auch auf Tournee hier mit dem Weihnachtsstück „Vater Martin“ Es handelt von einem Schuster, dem ist Jesus im Traum erschienen. Er kündigt an, an Weihnachten werde er Besuch bekommen. Und dann werde die Weihnachtsfreude auch in sein Haus kommen.

Jetzt ist der alte Mann in Erwartung wie Jahre nicht mehr. Die Jahre vorher war es ein immer weniger. Die Frau war gestorben. Die Kinder waren weit weg. Er war jetzt ganz allein in der Werkstatt, wo er auch wohnte, Werkbank, Herd, Bett, alles in einem Zimmer.
Gespannt schaut er aus dem Fenster und beobachtet jeden ganz genau, der vorbei geht. Vielleicht ist ja der im Traum angekündigte Besuch dabei, der die Freude in sein Haus bringen soll. Aber es ist alles wie gewohnt. Da sieht er eine große Gestalt im Nebel. Ob das der unbekannte Besucher ist? Aber nein! Es ist Iwan, der Straßenkehrer. Der alte Schuster schaut ihm zu. Alt ist er geworden, der Iwan, nur noch langsam kann er den Besen schwingen. Ja, ja, wir werden alle nicht jünger, murmelt der Schuster. Dann reißt er entschlossen die Tür auf: Iwan, komm herein auf einen Tee. Wärm dich ein bisschen auf.

Dann setzen sich die beiden vor den Ofen. Sie unterhalten sich darüber, wie sie früher Weihnachten gefeiert haben und wie sich das Fest mit den Jahren verändert hat. (Pastor singt das Lied "Schlafe still und träume" vor, Musik Siegfried Fietz, Text Rolf Krenzer)

Könnte es sein, dass dieses Lied die Gedanken von manchem hier spiegelt? Dein Weihnachtsfest hat sich mit den Jahren immer mehr verändert. Die Mitarbeiter im Haus geben sich alle Mühe, es für dich schön zu machen. Aber es ist nicht mehr so, wie es mal war.

Das muss man wohl akzeptieren. Aber das heißt nicht, dass die Weihnachtsfreude eine Angelegenheit von früher ist. Ist Weihnachten etwa ein Kinderfest? Ja, für die Kinder hat es etwas Zauberhaftes, sie fiebern dem Heiligen Abend entgegen. Aber Weihnachten hat mehr zu bieten als für teures Geld gekaufte Geschenke, die am Anfang aufregend sind und schon bald ihren Reiz verlieren. Und die Ansprüche werden größer.

Die Weihnachtsfreude ist nicht gebunden an die Kindheit oder an die Vergangenheit. Gott ist ein lebendiger Gott. Als die Engel den Hirten auf dem Feld vor Bethlehem begegnen, rufen sie: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist HEUTE der Heiland geboren!“

Die Freude hängt also an Jesus. Nicht daran, wie alt ich bin. Wie viele mit mir feiern. Wer noch an mich denkt mit Gruß oder Geschenk.

Das größte Weihnachtsgeschenk ist nämlich, dass Gott in unsere Welt kommt. Und er kommt immer wieder neu. Damals in den Stall und zu den Hirten. Heute kann er in das Krankenzimmer in die Klinik kommen, wo ein Patient die Weihnachtstage verbringen muss. Heute kann er in das Obdachlosenheim kommen, zu dem verbitterten Mann, der nicht mehr besitzt als in seinen Rucksack passt. Heute kann er in das protzige Haus ins Neubaugebiet kommen, wo ein Teenie in seinem Zimmer sitzt mit einem sündhaft teuren Geschenk. Auf das er liebend gern verzichtet, wenn bloß die Eltern beide am Heiligabend hier wären. Aber die sind ja auseinander.
Sie alle brauchen die Weihnachtsfreude so wie wir. Und Jesus kann sie geben. Weil er selber zu uns kommt.

Und wenn wir uns trauen und uns Jesus ganz öffnen. Ihm sagen: Herr, komm du hinein in mein Leben. Nimm alles weg, was dir im Weg steht. Was nicht passt zu einem fröhlichen Christen, wie du ihn aus mir machen willst. Nimm weg die Sorge zu kurz zu kommen, die Undankbarkeit, die Meckerei über Kleinigkeiten. Mach mich zu einem Menschen, der froh ist an dir und daran genug hat.

Wenn wir das tun, dann zieht die Freude ein. Die Megafreude, so groß, dass wir sie gar nicht fassen können, sie muss hinaus, zu den anderen.

Da braucht es keine teuren Geschenke. Das geht mit ganz einfachen Mitteln. So haben wir es damals erlebt in unserer Kirchengemeinde in Bremen.

Als wir von jenem Altenheim in Ungarn hörten.
Das Heim bestand erst seit einem Jahr. Es war ein umgebautes Haus, aus Spendengeldern renoviert. Bei den hiesigen Auflagen von Kasse und Ordnungsamt gäbe es da keine Betriebserlaubnis. Vorher waren viele alte dort einsam und sich selbst überlassen. Eine Krankenschwester, die Christin ist, besuchte einzelne von ihnen. Waschen, Besorgungen, Fußpflege. Aber die Wege waren weit, und im Winter eine Zumutung. So wurde gebetet für ein Haus und dann fand sich ein Gebäude. Mit den Spendengeldern, die reinkamen, wurde der Umbau begonnen.

Die ersten zogen ein. Einfache, ganz arme Menschen, abgearbeitet, am Ende ihrer Kraft. Sie wurden gut verpflegt. Jürgen Thuswohl, ein Missionar, mit dem wir verbunden sind, kam oft ins Haus und hielt Andachten. Die Leute hatten Null Ahnung von Kirche und Bibel. Aber sie waren offen. Das ist nicht wie hier, sagte Jürgen. Die meisten haben seit Jahrzehnten keinen Weihnachtsgruß bekommen. So erzählte Jürgen an jenem Nachmittag, wo er über seine Arbeit berichtete

Das ließ den Leuten aus unserer Gemeinde keine Ruhe. Beim Kirchkaffee wurde spontan beschlossen Da machen wir was. Wir ließen uns die Namen aller Bewohner geben. Dann wurden Karten besorgt, teilweise gebastelt. Wir schrieben erstmals auf ungarisch einen Weihnachtsgruß, jedem persönlich. Dann gingen die Karten in die Zustellung. Alle kamen an. Und mit ihnen die Weihnachtsfreude.

Lasst uns beten: Lieber Vater im Himmel! Du weißt, wie oft ich mir die Freude habe rauben lassen, oft durch Nichtigkeiten. Und du weißt, wie sehr ich mich im tiefsten danach sehne. Begegne du mir in diesen Tagen. Überrasche mich. Mach mich unabhängig von den Umständen, von meinen Befürchtungen. Berühre mich mit deiner Gegenwart. Lass mich angerührt und verwandelt werden von einer Freude, wie nur du sie geben kannst. In Jesu Namen. Amen.

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