Ein Traum von Weihnachten

Liebe Festgemeinde am Heiligen Abend!

Meinen Traum von Weihnachten will ich heute verraten. Einige sind jetzt vielleicht sehr gespannt. So wie die einstige Konfirmandin, die nach langer Zeit wieder mal zu ihrer Familie in ihr Elternhaus gekommen ist. Ihren Freund hat sie mitgebracht und ihn ihren Eltern gleich vorgestellt. Und weil in dieser Kirchgang dazu gehört, hat sie ihn gleich mit genommen. Siehst du, stupst sie ihn an, ich sag dir doch, unser Pastor ist ein Romantiker. Sein Traum von Weihnachten sind bestimmt Schneeflocken und leuchtende Kinderaugen.

Neben ihr sitzt auch ein ehemaliger Konfirmand. Der meint den Pastor noch besser zu kennen, schließlich war er jahrelang im Jugendkreis. Die Meinung der Banknachbarin teilt er nicht. Ich weiß es besser, überlegt er. Unser Pastor will sich am liebsten an Weihnachten erholen und auch mal in Ruhe feiern von Anfang an. Das darf er natürlich niemandem verraten. Am liebsten wäre ihm vermutlich ein richtiger Wintereinbruch wie vor drei Jahren. Nur noch schlimmer, mit Schneeverwehungen und Stromausfall. Also kein elektrisches Licht in der Kirche und die Orgel bleibt auch stumm. Dazu noch Eisregen und kaum einer traut sich aus dem Haus. Die Küsterin wird der Schneemassen nicht mehr Herr. Überdies muss sie auf den Turm steigen und die Glocken von Hand läuten, weil die Läutemaschine ja nicht geht. Die treuesten der Treuen aus dem Posaunenchor haben sich aber nicht abschrecken lassen. Ihr Instrument trotzt aller Witterung, ist sturmerprobt von Einsätzen bei Totensonntag und Turmblasen. Warum eingepackt sind sie gekommen und spielen an den Straßenecken. Soweit der Glockenton eben reicht. Und der Pastor hört sie auch durch sein Stubenfenster. Und freut sich. Denn er kann einmal im Leben den Heiligabend in aller Ruhe zu Hause feiern.

Das denkt ihr vielleicht, sei mein Traum von Weihnachten. Weit gefehlt. Mein Traum ist noch unwahrscheinlicher. Aber trotzdem wahr. Denn ich habe ihn wirklich geträumt. Deshalb kann ich offen davon sprechen ohne rot zu werden.
Das ganze hängt damit zusammen, dass ich nachts oft sehr lebhafte Träume habe. Am Morgen danach sind die Einzelheiten noch präsent. Wie nach jenem Traum vom Heiligen Abend. Es fing an wie ein Alptraum, ganz fürchterlich. Aber dann ging doch noch alles gut aus. Ganz zu Ende hab ich nicht geträumt, das geht wohl den meisten von uns so. Man wacht leicht auf durch irgendein Geräusch, wird aus dem Schlaff gerissen und hat noch alles lebhaft vor Augen. Aber man kann sich nicht einfach auf die andere Seite legen, weiterschlafen und die Fortsetzung erleben. So habe ich damals auch gar nicht erst versucht weiter zu schlafen und auf Teil 2 hoffen. Ich habe mich an den Schreibtisch gesetzt mitten in der Nacht und den Traum notiert. Für den Gottesdienst amHeiligabend.

Und eigentlich bin ich sogar froh, dass ich nur zum Einstieg von meiner Geschichte erzählen brauche. Und dann kommt die Fortsetzung mit Gottes Geschichte.

Aber nun will ich den Traum erzählen. Also es begann damit: Ich war am Heiligen Abend in einer anderen Kirche. Das kann wirklich nur ein Traum sein, denn ein Pastor gehört am Heiligabend auf die Kanzel seiner Gemeinde. Aber diesmal hatte ich also das Glück, oder wie sich dann heraus stellte, das zweifelhafte Vergnügen, anderswo zu sein. In jener Kirche waren Weihnachten zwei Gottesdienste. Nicht ungewöhnlich eigentlich, aber dort war bemerkenswert, dass die beiden Gottesdienste zeitgleich statt fanden. Der eine sehr lebhaft für Familien mit Kindern, der andere stiller für die Erwachsenen. Ich entschied mich für den Familiengottesdienst. Es war voll und erwartungsvoll. Die Pastorin der Gemeinde moderierte, sie stellte einen anderen jungen Pastor vor, der die Predigt halten sollte. Der Altar mit den Kerzen war rechts in der Kirche, mittig war so ein Tisch mit einem hochlehnigen Stuhl dahinter, fast wie ein Sessel. Der Pastor ging zu diesem Sessel und setzte sich. Dabei sprach er zu der Gemeinde. Währenddessen zog er seinen Talar aus, der schon vorher halb geöffnet war und legte ihn über einen anderen Stuhl. Dabei sprach er im Plauderton, ohne Konzept weiter. Ich weiß nicht mehr worüber, aber es war klar, er würde seinen Talar nicht mehr anziehen. Er würde die Feier weiterhin sehr modern und locker gestalten. Die Gemeinde schien das nicht zu stören. Vor mir war eine Mutter, die ohnehin nicht sehr aufmerksam folgte. In der Kirche waren auch Spielgeräte, auf dem Boden. Darunter eine Murmelbahn, sah ein bischen aus wie eine von diesen Stationen beim Minigolf. Die Murmeln oder Kuglen waren auch recht groß, so dass man richtig was in der Hand hatte. Die Frau nahm eine dieser Kugeln und rollte sie auf dieser Bahn. Das Spiel machte ihr richtig Spaß. Ich gewann den Eindruck, ihr Verhalten war nicht eine störende Ausnahme, sondern typisch für diesen Gottesdienst. Das ganze war irgendwie eine große Spielwiese. Darum stand ich auf, um zu gehen. Auch andere gingen, die von einem Heiligabend offenbar mehr erwartet hatten.

Aber es gab ja noch den Gottesdienst für die Erwachsenen. Dorthin ging ich. Über einen großen Innenhof gelangte ich in den Kirchraum. Es war noch Platz und das Programm noch nicht weit fort geschritten. Aber seltsam: Nichts war mir vertraut. Die Lieder kannte ich nicht. Wo war das gewohnte, das ich so liebte? Hier würde ich nichts empfangen. Ich ging auch wieder raus. Am Ausgang des Zentrums stand auf einmal der Gemeindepastor aus dem ersten Gottesdienst, der ohne Talar. O, sie hier, Pastor Musiolik? Das ist aber schön. Wie fanden Sie meine Predigt? Ich war nun sehr verlegen, hatte der auch noch geredet, davon hatte ich ja nichts mitbekommen, weil mir das Ganze nicht zusagte. Er wollte noch einzelne Punkte aufzählen, ich verdrückte mich schnell.

Auf dem Innenhof waren viele Menschen in Bewegung. Massen von Leuten. Wohin wollten die alle? Ich frage einen: Wohin sind Sie alle unterwegs? Wir wollen zum Gottesdienst bei Ihnen. Es war noch eine halbe Stunde bis Gottesdienstbeginn. Viele bekannte Gesichter. Ich traf meine Frau und nahm sie in den Arm. Liebes, flüsterte ich ihr ins Ohr, ich hab noch kein Wort von meiner Predigt fertig. Aber sei ohne Sorge, ich weiß genau was ich sagen werde. Mir ist so klar wie nie, worum es an Weihnachten wirklich geht. Ich ging in die Sakristei, um mich umzuziehen. Die Tür zu dem Raum war angelehnt, da war noch jemand drin. Offenbar ein Gottesdienstbesucher, der vorher etwas Ruhe brauchte. Es war eine Frau, im Gebet versunken, mit einem Buch. Ein christliches Buch. Sie las regelmäßig darin, wie sie mir sagte. Nun freute sie sich auf den Gottesdienst. Und ich mich auch. Auf die alten Weihnachtslieder. Auf die vertraute Geschichte von der Geburt Jesus nach dem Lukasevangelium Originalton Lutherbibel. Gleich würde es beginnen.

Sie müssen meinen bizarren Traum nicht behalten. Aber das was der Maria in der Heiligen Nacht passiert ist, das lohnt sich zu behalten. Das nahm sie sich doch vor, nicht wahr: Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Was für Worte? Die Worte der Hirten. Aber die hatten auch nur weitergegeben, was sie gehört hatten. Von den Engeln. Die Worte über das Kind lauteten: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“

Da hat die Maria auch bestimmt gedacht, ich träume wohl. Kann das stimmen? Mein Kind soll Gottes Sohn sein? Das hat sie beschäftigt. Davon kam sie nicht mehr los. Und sie hat sein weiteres Schicksal immer verglichen mit dieser Ankündigung. Hat gespannt verfolgt, wie der Weg verläuft, den Gott mit dem Erlöser vorhat. Und sie durfte mit Freude, aber auch mit Bangen sehen, wie Herrlichkeit und Leid zusammen hängen, weil sein Weg zum Kreuz führte. Aber in den Ostermorgen mündete.
Wie ist das mit deinem Traum von Weihnachten? Hast du überhaupt noch einen? Oder ist das lange abgehakt, seit den Tagen der Kindheit. Damals hast du geträumt und so gehofft, dass möglichst vieles von deinem Wunschzettel unterm Weihnachtsbaum zu finden sei. Aber das ist Vergangenheit. Andere träumen und wünschen, dass sich die Uhr noch mal zurückdrehen lässt, so wie man ja ganz vieles am Heiligabend zu gestalten sucht wie früher. Man möchte wieder die Menschen an Heiligabend versammeln, die schon Jahre nicht mehr zusammen kommen. Und oft ist man schon zufrieden, wenn wenigstens ein Teil dessen, was einem damals so viel gegeben hat an diesem Abend, wenn wenigstens ein Teil davon sich wiederholen lässt Jahr für Jahr.

Für manche, das dürfen wir nicht ausblenden, ist Weihnachten auch ein Alptraum. Sie sind nicht gegen Weihnachten, sie mögen dieses Fest. Aber was sich für andere damit verbindet, ist für sie unerreichbar. Für den einen verbindet sich die Furcht vor Weihnachten mit dem Gedanken, allein sein zu müssen an diesem Abend und noch die Feiertage danach. Für andere ist gerade umgekehrt der Gedanke schrecklich, nicht allein sein zu können, nicht beschränkt sein zu dürfen auf jene, die man mag. Weil es andere gibt, um die man sonst einen Bogen macht, aber an diesem Fest darf man sie natürlich nicht übergehen.

Meinen Traum von Weihnachten habe ich vorhin erzählt. Mein Alptraum von Weihnachten wäre dies: Ein Heiligabend ohne Jesus, ohne Kirche, ohne das Singen und Beten in der Schar vieler Christen.

Viele mögen das heute anders. Es heißt dann: Heiligabend geht auch ohne Kirche. Zuhause genügt mir. Und Singen ist nicht mein Ding, ich kann ja eine CD auflegen.

Nichts gegen Ruhe und Besinnlichkeit. Aber für mich gehört zum Feiern die Festgemeinde. Gerade das fällt so ins Auge an der Weihnachtsgeschichte des Lukas: Da ist alles an Weihnachten im Plural. In der Mehrzahl. Da sind viele. Jedermann ging, das er sich schätzen ließe in seine Heimatstadt. In Bethlehem war alles überfüllt. Kein Raum. Dann die Engel. Von einer Menge ist die Rede. Ein Riesenchor größer als die Fischerchöre. Es ist etwas erhebendes, etwas Wohltuendes, in der Menge Weihnachten zu feiern und Gott zu loben.

Die Menge alleine macht es natürlich nicht, es kommt darauf an, was die Menge tut. Du warst im Advent vielleicht in Hannover oder Bremen auf einem richtig großen Weihnachtsmarkt mit viel Gedränge. Aber in der Menge zum Haus Gottes gehen und dort beten, Gott loben und Andacht haben, ist etwas ganz anderes. In den Psalmen etwa sind die Erinnerungen notiert von, wir würden heute sagen Kirchgängern, regelmäßige oder unregelmäßige, die schwärmen davon. Die sagen: Daran will ich denken, wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes, mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern. Diejenigen unter uns, die auf der Studienfahrt in Rom waren mit Pastor Göhlich und Pastor Schafmeyer, haben das sicher so erlebt auf dem Petersplatz, damals noch mit dem Expapst. Inmitten einer solchen Menge ist man mit ergriffen. Das hängt nicht an einer Konfession. Wer Gottes Nähe sucht und viele um ihn sind das sichtbar ebenfalls, da wird man besonders ergriffen. Das ist ein Weihnachtsgefühl, das kann eine stimmungsvolle Dekoration oder ein Supergeschenk nie erzeugen.

Natürlich sind Gefühle vergänglich. Als der Gesang der Engel über dem Hirtenfeld verklungen ist, kehrt gewissenmaßen Ernüchterung ein. Sie stehen wieder im Dunkeln. Der Alltag hat sie wieder. Aber die Worte der Engel behalten sie im Ohr. Das bringt sie in Bewegung. Sie gehen los. Auch wieder in der großen Schar. Alle gehen sie in den Ort das Haus suchen, wo das Wunderkind geboren sein soll. Sie sagen nicht: Ich will gehen. Sondern: Laßt uns gehen. Dann werden sie fündig. Sie sehen, es ist alles genau so wie von Gott versprochen. Und dann kehren sie zurück in ihren Alltag, an die Arbeit. Aber jeden, den sie treffen in den nächsten Tagen, erzählen sie davon. So wie wir frohe Weihnachten wünschen nicht nur Freunden und Verwandten, sondern ganz vielen, so erzählen sie von dem Gotteskind. Und es heißt: die Leute wunderten sich.

Einige unter uns waren am 2. Advent hier im Weihnachtsoratorium. Was ist davon in Erinnerung geblieben? Ein Solo? Das „Jauchzet, Frohlocket“ der Kantorei?

Meine Erinnerung ist die wirklich traumhafte Wiedergabe der Weihnachtsgeschichte. Ich dachte bisher, diese Geschichte im Gottesdienst an Heiligabend in der Kirche vorgelesen bekommen, ist das Optimale. Klar, sie kommt im Oratorium vor, aber es ist ja ein Solist, der seine gelernten Noten absingt.
Und dann kam der Tenor, freihändig ohne Noten. Ganz dicht trat er an die Bankreihen. Und sang uns von Augustus. Von Josef und seinen Reisevorbereitungen. Von der Erscheinung überm Hirtenfeld. Von der quälenden Suche nach irgendeiner Unterkunft. Von der Freude über die Ankunft des Kindes.

Unmöglich, sich dem zu entziehen als distanzierter Konzertbesucher. Man war mittendrin, Teil des Geschehens.
So wird Weihnachten traumhaft. Wenn Jesus zu dir kommt. Ganz real. Und er kann dann bewegen und bewirken, was du alleine nie hinkriegst, woran du im Traum nicht gedacht hättest.

So will er dir heute begegnen. Und mit dir gehen. Mit dir teilen, was dich beschäftigt. Dir seinen Beistand und Rat anbieten jeden Tag neu. Und so seinen Frieden ausbreiten in dir und zu anderen. Amen.

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