Die Bedienungsanleitung für Weihnachten

Gestern abend war es wieder so weit: Das große Auspacken der Geschenke. Ich hoffe, es hat ihnen viel Freude gemacht.
Ich habe keine Ahnung, was Sie geschenkt bekommen haben, oder was für Geschenke Sie anderen gemacht haben.
In der Zeitung habe ich gelesen, dass dieses Jahr neben Luxusgegenständen wie Pelzmäntel vor allem Elektronik der Renner war: Vor allem Handys, DVD-Player und Digitalkameras.
Wenn Sie so etwas bekommen haben, dann haben Sie gestern abend sicher auch so etwas in der Hand gehabt:
Eine Bedienungsanleitung.
Nach meinen Beobachtungen gibt es drei Typen von Menschen in Bezug auf den Umgang mit Bedienungsanleitungen:
Typ 1 liest zuerst die Anleitung von vorne bis hinten durch, bevor er sich dem Gerät vorsichtig nähert. Zu diesem Typ gehöre auch ich.
Typ 2 nimmt das Gerät und spielt solange mit ihm herum, bis es ganz komisch piepst und gar nichts mehr macht. Dann sucht sich Typ 2 einen Typ 1 und sagt: Du, mach mal! Ich kenne vor allem einige Frauen die zu diesem Typ gehören.
Und Typ 3 nimmt das Gerät und findet instinktiv mit schlafwandlerischer Sicherheit alle richtigen Knöpfe, als würde er oder sie das Gerät schon jahrelang bedienen. Vor allem Kinder und Teenager gehören zu diesem Typ.
Bedienungsanleitungen.
Manchmal habe ich mir gewünscht, nicht nur Geräte hätten welche, sondern auch die Menschen würden mit einer beigelegten Bedienungsanleitung ausgeliefert, so dass man einfach nachschlagen könnte, was ich tunlichst vermeiden soll, um den einen auf die Palme zu bringen, oder worüber sich eine andere freuen würde, so dass sie außer sich vor Freude ist, und worauf ich nie gekommen wäre. Leider gibt es das nicht. Es bleibt uns nur Fragen, Hören, Versuchen, Ausprobieren, aus Fehlern lernen. Bedienungsanleitungen.
Für manche Sachen gibt es sie doch.
Zum Beispiel für Weihnachten.
Die Bedienungssanleitung heißt „Bibel“ oder „Heilige Schrift“ und versucht uns zu erklären, wofür Weihnachten gut ist und wie wir damit umgehen sollen, um den größtmöglichen Gewinn daraus zu ziehen.
Geschenke, einander Freude machen, romantische, besinnliche Stimmung im Familienkreis – da spricht nichts dagegen. Aber Weihnachten ist mehr. „Das kann doch nicht alles gewesen sein, das Kind in der Krippe, der Kerzenschein.“ Ich lese uns dazu ein Stück aus dem Johannesevangelium, im 3. Kapitel. Dort heißt es über Jesus Christus, dessen Geburtstag wir heute feiern:

[TEXT]

Bedienungsanleitungen sind manchmal sehr schwer zu verstehen, oder sogar unverständlich. Besonders, wenn sie Übersetzungen aus dem Japanischen sind. Auch unsere Bedienungsanleitung ist schwer zu verstehen. Johannes hat sich nicht gerade einfach ausgedrückt. Da müssen wir genau hinhören.

„Der von oben her kommt, der ist über allen.“ Was heißt denn das? Von oben her, das hat ja eher einen unguten Geschmack, nach Macht und Arroganz.
Wer schon einmal „von oben herab“ behandelt worden ist, der wird das nicht so leicht vergessen. Jesus kommt von oben her, aber behandelt uns nicht von oben herab. Im Gegenteil: Er macht sich klein, wird ein Kind, das geschützt und behütet werden muss und sagt uns: Fürchtet euch nicht! Und doch ist in diesem Kind in der Krippe Gott gegenwärtig, der Schöpfer der ganzen Welt. Er überwindet die unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch, breitet seine kleinen Arme aus über die ganze Welt und bietet uns Schutz und Behütetsein. Wir begreifen das nicht. Es ist verrückt, einfach unglaublich.

Das Wort ist Fleisch geworden. Gott hat sich völlig mit uns verbunden und vereinigt. Er ist hinabgestiegen in unsere kranke, kaputte Welt, er hat Schmerz, Not und Tod auf sich genommen, meinen Schmerz, meine Not, meinen Tod, er hat mit uns und für uns gelitten. Dadurch, dass Jesus Christus so Mensch geworden ist ist für alle Menschen Hilfe und Hoffnung da. Und wir begreifen das nicht. Es ist verrückt, einfach unglaublich.

Wir können es nicht begreifen, denn wir sind Menschen. Wir sind von der Erde. Die Erde. Sie bindet uns an sich, sie begrenzt unsere Auffassung, sie macht unsere Hoffnung klein. „Das ist doch alles Mist hier, da wird doch nix mehr draus. Auf ewig wird das so weitergehen, nichts als Krieg und Unheil und Unrecht und Katastrophen!“ Trotzdem freuen wir uns einem Moment über das Christkind. Bis dann die Feiertage vorbei sind, und der Zweifel wieder wegnagt und der Alltag wieder aufsaugt, woran unser Herz so gerne für immer froh geworden wären.

Wir können gar nicht richtig Weihnachten feiern, weil wir zu sehr von der Erde festgehalten, niedergehalten werden. Die Schwere der Welt drückt uns zu sehr nieder. „Sein Zeugnis nimmt niemand an.“ sagt Johannes. Niemand. Sie nicht, ich auch nicht. Nicht wirklich.
Denn dann wäre ja alles gut und wir lebten von Herzen anders. Und dann spricht Johannes vom Geheimnis des Glaubens. „Wer es aber annimmt …“ – das ist eine unmögliche Möglichkeit, die glauben heißt. Was eigentlich niemand kann, tun Menschen eben immer wieder doch, auf geheimnisvolle Weise.
Und es sind nicht die besonders Begabten, Frommen, religiös glücklich geprägten und sensibel Erzogenen allein.
Jeder kann das sein. Sie, ich, und ganz viele von denen, die heute nicht zum Gottesdienst gekommen sind. Uns allen kann es geschehen, dass wir plötzlich Ja sagen. Dass wir plötzlich Ja fühlen. Dass sich dieses kurze und alles verwandelnde Wort in uns ausbreitet wie eine Wärme, wie ein Sonnenschein, bis in die letzte Faser unserer Seele.
Manchmal mag das so aussehen, dass ein Mensch zu einem Bekenntnis findet und es ausspricht: „Ja ich glaube. An Jesus, den Gott uns gesandt hat. Und dass er mein Retter ist.“
Mancher mag aber auch, augenscheinlich ganz ohne Grund denken: „Warum bin ich denn mit einem Mal so unaussprechlich glücklich, so geborgen, so getröstet, so voller Frieden?“

Glauben, den kann nur Gott schenken. Durch seinen Geist, den er „gibt ohne Maß“. Den er allen gibt, die ihn darum bitten, die sich für ihn öffnen, die sich nach ihm sehnen. Und das geschieht oft unter den banalsten oder widrigsten Umständen, am hellichten Tag, in der finsteren Nacht. Plötzlich ist es dann gegenwärtig, das ewige Leben. Das ewige Leben. Nicht als eine Vorstellung von dem, was „danach“ kommt, oder eine Vorstellung himmlischer Belohnung für alle, die sich durchringen, Ja zu Jesus zu sagen. Das ewige Leben ist nichts für später. Es ist etwas ganz und gar für jetzt. Es ist der vollendete Augenblick, für den wir geschaffen sind, wo wir erkennen und spüren: es ist gut. Nichts kann mich scheiden von der Liebe Gottes. Nichts kann mich reißen aus der Fülle dieses Momentes, in dem die Ewigkeit da ist und mich umfängt. Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, und zwar alle zusammen auf einmal. Das ist das ewige Leben, und das ist es, was Weihnachten in uns bewirken kann und will, und wonach wir die Sehnsucht nie aufgeben sollen.

Wer sich Christus nicht öffnet, so sagt uns Johannes, verbleibt in seinem bisherigen Zustand der Gottesferne und damit im Machtbereich des Todes. Wir sind durch unser Menschsein dem Tod verhaftet. Wer an den Sohn glaubt und sich Gottes Zuwendung in ihm öffnet, hat ewiges Leben.

Wir dürfen und sollen immer mit diesem Moment rechnen, wo uns der Glaube ergreift, wo uns die höhere Vernunft bei der Hand nimmt und wir das Glück spüren, ein Kind Gottes zu sein. Wir brauchen das, und Gott will es uns zum Geschenk machen. Zum Weihnachtsgeschenk. Wann immer wir uns dafür öffnen, und unsere leeren Hände ausbreiten und hinhalten. So, wie Kinder an Weihnachten. Gott helfe uns dazu.

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