Der Friedenskönig

(Der Predigt ging ein Anspiel voraus, wo eine Juwelierwerkstatt den Auftrag bekommt, eine Krone anzufertigen, die für den Auftraggeber passend ist)

Also ich muss schon sagen, die Lessener sind kreativ. Bei der Adventsfeier für die Mitarbeiter der SulingerTafel war ich im Rahmen eines Musikbeitrages in der Börse zu Gast. Vor dem Auftritt unserer Gitarrengruppe waren die Lessener Kinder dran. Es waren immer so kurze Auftritte nacheinander, jedesmal in anderen Kostümen. Wie bei Holiday on ice, wo die Akteure hinter den Vorhang schweben und dann wieder in ganz neuem Outfit herauskommen, blitzschnell umgekleidet. So war das da auch inclusive zweibeiniger Tannenbaum war auch dabei.

Dies kreative Gen scheint auch in den hiesigen Konfirmanden zu stecken. Die Vorbereitung zu dem Anspiel im Rahmen des Unterrichts war meine erste Bastelstunde überhaupt. Ich dachte, das wird nichts, wir nehmen das Equipment von Schwaförden, da gab es noch Kronen von einem Beitrag vom ersten Advent. Ich hab grob eine Skizze an die Tafel gemalt und das Material aus dem Kindergarten nebenan besorgt. Was soll ich sagen, volle Konzentration, und am Schluss maßgeschneiderte Kronen in den wichtigsten Farben.
Meine Zwillingsschwester betreibt auch einen Juwelierladen. Bremen-Obernstraße, mitten in der Einkaufsmeile. Das Geschäft hat ziemlich gebrummt an den Samstagen vor dem Fest. Der Laden heißt „Schmuck mit Vergangenheit“ Das ist eine Ladenkette, wo die einen gebrauchten Schmuck anliefern. Den kriegen sie vergütet und der Schmuck wird dann umgearbeitet.

Andere Kunden kommen nur um zu kaufen. Der runderneuerte Schmuck ist billiger als Neuware. Den Schmuck, der in Bremen angeliefert wird, gibt es umgearbeitet nicht mehr vor Ort, nur woanders. Sonst wird Tante Frieda, die der Enkelin Sophie ihre wertvolle Kette hinterlassen hat, misstrauisch. Und kriegt am Ende mit, wie potthässlich die junge Frau das Geschenk gefunden hat. Oder sie brauchte einfach bloß Bargeld.
Ich hab bei meiner Schwester noch mal nachgefragt: Eine Krone wurde bisher nicht in Zahlung gegeben. Aber Krönchen waren gefragt. Damals, bis in die 90er. Als Schmuck für die Hauptperson zur silbernen oder goldenen Hochzeit.
Ich weiß nicht, warum die Nachfrage nach Kronen zurück gegangen ist. Vielleicht weil die Damen mit der Mode gehen. Oder es ist kulturell bedingt. Wenn Schmuck mit Vergangenheit eine Filiale in St. Petersburg aufmacht oder in Moskau, kommen bestimmt viele neureiche Ladies, die sich noch aufwerten wollen. Und dann ragt man heraus aus der Menge mit glänzendem Haupt.

Aber damit ist der eigentliche Zweck verfehlt. Es geht in die Richtung: Wie putze ich mich königlich heraus. Die Frage in eurem Anspiel ging noch in die Tiefe: Was ist einem wirklichen König angemessen? Und damit verbunden die Frage:

Was zeichnet ihn den sonst aus? Dem muss dann auch die Gabe entsprechen, die man für ihn vorbereiten will.
Das eine ist wohl die Macht. Ein König hat Macht. Augustus ordnet an, und alle müssen springen. Josef und Maria müssen ihre beschwerliche Tour antreten, weil ein König, in diesem Fall gar der Kaiser, es so will.

Bei einem richtigen König ist diese Macht von den Vorfahren ererbt. Er steht in einer Dynastie, und nur die dazu gehörigen haben das Recht auf den Titel.

Vielleicht denken manche von uns, das passt doch nicht mehr in die Zeit, die Könige und Königinnen hierzulande werden gekürt auf Schützenfesten, in der Spargelsaison. Die wirklichen sind aus dem Mittelalter oder Märchenbuch.

Nee, nee. Was war das für ein Hype, als der Nachkomme von William und Kate sich ankündigte. Heerscharen von Reportern aller Kontinente haben campiert vor dem Krankenhaus in London. Nur für ein Bild oder einen Schrei. Ein Volk wartete tagelang auf das royal baby wie auf eine Erlösergestalt.
Ob er es auch einmal wird, es gibt da ja verschiedene mögliche Konstellationen, und falls, was für einer, ist ganz ungewiss.
Bei der Geburt des Königs, von der unserer Weihnachtsgeschichte erzählt, fehlt jegliche publicity. In der Hauptstadt nimmt das niemand wahr. Erst Monate später, als seltsam gewandete Magier aus dem Osten nachfragen in Verbindung mit einem Sternzeichen, wird man dort aufmerksam.

Ihnen allen, den Hauptpersonen der von den Evangelisten Lukas und Matthäus erzählten Weihnachtsgeschichten ist eins gemeinsam: Sie müssen sich auf den Weg machen, um den König zu finden. Was sie veranlasste, aufzubrechen, ist verschieden. Hier eine Auflage der Steuerbehörde mit Strafandrohung bei Unterlassung. Dort die Ergebnisse einer Forschungsreihe, an deren Ende eine astronomische Konstellation gefunden wird. Wissenschaftliche Neugier ist der Antrieb. Wieder andernorts ist es eine nächtliche Vision, wo Engel in nie gehörter Klangqualität ein Weihnachtsoratorium aufführen.

Genauso vielfältig sind die Lebensgeschichten von Menschen, die Jesus als den König der Könige gefunden haben und dann zum Herrn ihres Lebens erklärt haben. Das ist noch einmal etwas anderes als nur auf Jesus gestoßen zu sein in Reli oder Konfus oder bei einem feierlichen Gottesdienst oder wo man sonst in unserer Kultur damit in Berührung kommt.
Oder wie in dem Anspiel eben, wo ein Kunde den Auftrag erteilt und auf einmal beschäftigen sich alle Angestellten damit. Für einen kurzen Moment. Und dann schiebt sich gleich wieder anderes in den Vordergrund.

Und für viele in unserem Land gehört auch Weihnachten in diesen Zusammenhang: Eine flüchtige Begegnung mit Jesus, wenn er überhaupt vorkommt in ihrer Art das Fest zu begehen. In der Familie, aus der ich komme, spielte Kirche keine Rolle, auch an Weihnachten nicht.

Da sind wir hier schon im Vorteil, wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln und die alte Geschichte sprechen darf in unsere Gegenwart hinein.

Die Hauptrolle hat, daran werden wir heute erinnert, ein König. Er ist es wert. Er hat alle Tugenden, die man sich von einem König wünschen kann. Er hat Macht und missbraucht sie nicht. Er hat sie von seinen Vorfahren, und er ist dieser Linie würdig, die über David zurück geht bis auf Adam, ja noch weiter auf den Vater im Himmel selbst. Er zieht sich nicht zurück in eine gut bewachte Zone, wo wir Normalos keinen Zutritt bekommen.

Im Gegenteil: Er lässt alle Sicherheiten hinter sich und kommt in unsere armseligen Verhältnisse. Er schreckt nicht zurück vor Schmutz und Leid. Er kommt aufs Land, in den Stall. Er kommt wirklich zu uns und nimmt uns ernst.

Wow! Und das ist ja nur die sichtbare Seite, die historische sozusagen. Es kommt ja dann noch das wunderbare hinzu, er kann unsichtbar sogar hinein kommen in dein Leben, wenn du ihn lässt. Er ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Er kann zu dir kommen und bei dir bleiben und dich mit Frieden erfüllen ein Leben lang.

Und dann geschieht etwas Wunderbares. Weihnachten wird dann ein Familienfest in ganz neuer Gestalt. Wie kennen es, lieben es wohl auch wie es ist oder wenigstens früher mal war als das Fest unserer Familie mit den entsprechenden Traditionen oder Pflichten.

Wo ein Mensch Jesus an sein Leben heran lässt, indem er zu ihm betet und bittet: Herr, komm in mein Leben. Bestimme du, verändere du, ganz wie du es möchtest. Ich will mich nach dir richten.

Da kommt Jesus dann wirklich. Königlich. Und er wird dann Teil meines Lebens und gehört dazu. Und umgekehrt darf ich dazu gehören zu ihm und seiner Familie, also dieser ganze himmlische Clan. Die Engel und die Heiligen, also die Gläubigen, die vor uns gelebt haben. Wir werden da mit reingenommen.

Am Schluss eines Heiligabendgottesdienstes erklingt O du fröhliche. Ich versuche es bei den Adventsfeiern in den Wochen davor möglichst durchzusetzen, dass o du fröhliche noch nicht gesungen wird. Dieses Lied sollte so wie Stille Nacht erst am Heiligen Abend gesungen werden.
Das ist dann unser Ding. Man kann sich gerne die Wochen vorher an einem Weihnachtsoratorium erfreuen oder anderen Konzerten, wo wir gute Chöre und Musiker genießen. Aber O du fröhliche sind wir dran. Das Lied nimmt uns hinein in den himmlischen Chor.

Wie es in der Weihnachtsgeschichte heißt, als über dem Hirtenfeld die Musik abgeht. Es heißt die himmlischen Heerscharen lobten Gott mit den Worten Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.

Sie ehren den König mit diesem Gesang. Und so können wir es heute auch tun. Von ganzem Herzen und richtig mit Power. Das muss man hören bis zu den nächsten Häusern. Mindestens.
So ehren wir den König recht. Mit unserem kleinen Glauben. Mit unseren vielen Bitten. Mit unserem Lob. Amen.

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