Bekenntnis der Hoffnung

Ein frohes neues Jahr wünsche ich ihnen und euch!
Heute ist der 1. Advent – das Kirchenjahr beginnt für uns neu vorn vorne. Ein neuer Abschnitt beginnt, die erste Kerze am Adventskranz beginnt, ohne schlechtes Gewissen ab jetzt Guzle und Stollen essen und auf Weihnachtsmärkte gehen, sich an der Deko freuen. Die trüben Tage des auslaufenden Kirchenjahres mit den traurigen und ernsten Themen sind vorbei. Aufatmen.

Wir haben bis heute einiges hinter uns gebracht. Ich als Pfarrerin und sie als Gemeinden auch. Am einschneidensten war wohl der Pfarrplan. Seit der Reformation gab es die beiden Pfarrämter in Asch und Wippingen. Jetzt ist es anders – neue, andere Strukturen sind plötzlich notwendig. Warum eigentlich, fragen sich viele. Prozesse, die nur schwer zu verstehen sind und ich denke manchmal, noch viel schwerer zu vermitteln. Man hat das Gefühl, es wird weniger. Gottesdienste fallen aus, es ist weniger Zeit da für den oder das einzelne – zumindest aus meiner Sicht. Es läuft noch nicht rund.
Das ist anstrengend. Anstrengend für die Gemeinden und auch die Kirchengemeinderäte und all die Gremien, die das zu entscheiden und zu verantworten haben. Das kostet Kraft und Nerven. Den richtigen und optimalen Weg scheint es einfach nicht zu geben.
„Ich will diese Verantwortung nicht tragen und das den anderen nicht erklären müssen“, sagt einer, den ich mir gut im Kirchengemeinderat hätte vorstellen können. Ach ja, Kirchenwahlen sind heute ja auch. Manche hören auf nach vielen Jahren. Viel wurde geschafft und bewegt. Manche hören aber auch resigniert auf. Das man in der Kirche so viel entscheiden und verändern muss… Andere lassen sich davon nicht schrecken und steigen neu ein, voller Elan. Sie wissen, dass einiges ansteht und doch packen sie`s an. Es war nicht leicht Kandidatinnen und Kandidaten finden. In Wippingen und Sonderbuch ist das Gremium kleiner geworden. Das, was dieser eine mir gesagt hat, das ist mit Händen zu greifen – nur wenige wollen diese Verantwortung tragen.

Und heute geht es also von vorne los: 1. Dezember – 1. Advent. Aufatmen, Vorfreude und Erwartung, Adventsstimmung.
Dazu gehört bei den Kindern und auch noch bei manchen Erwachsenen ein Adventskalender. Heute durfte man endlich das erste Türchen aufmachen. Deshalb schlage ich vor, dass auch wir heute Morgen einmal ein Türchen aufmachen und neugierig nachschauen, was sich da denn für diesen Sonntag dahinter versteckt hat. Ich lese unseren Predigttext aus dem Hebräerbrief aus Kapitel 10, die Verse 19 bis 25…

[TEXT]

Hmmm, das Türchen doch schnell wieder zumachen und ein anderes ausprobieren? So was passt doch nicht zur Adventsstimmung! Blut und Opfer und viel Unverständliches.
Aber einfach ein anderes Türchen nehmen wäre gemogelt, also bleiben wir dabei. Wir machen es einfach häppchenweise und ganz vorsichtig auf.

Der, der diesen Hebräerbrief schreibt, der schreibt an eine oder mehrere Gemeinden am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus. Auf den ersten Blick eine uns völlig fremde Welt mit einem völlig anderen Denken. Auf den zweiten Blick aber: Da sind Christen, die den Anfangsschwung verloren haben. Es ist gar nicht so leicht, sich in der Welt zu behaupten. Das Leben in den damaligen Gemeinden kostet Kraft und Nerven. Den richtigen und optimalen Weg scheint es einfach nicht zu geben. Der, der da schreibt, der schreibt an müde Christen. Er schreibt an Christen, die sich eingerichtet haben im hier und jetzt. Er schreibt an Christen, die im Grunde sich und auch ihrem Gott nichts mehr zutrauen. Jetzt will er die müden Hände und die wankenden Knie stärken (Hebr. 12,12). Macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle, sagt er.

Das klingt doch gar nicht so uninteressant. Dann machen wir das Türchen also doch noch ein bisschen weiter auf. Und wir schauen in die Welt des Alten Testamentes. Damit kennen sich die Gemeinden nämlich aus. Diese Bilder und Vorstellungen leben in den Menschen weiter. Und sie wissen natürlich wie das im Tempel funktioniert hat:
Da gibt es ganz innen das Allerheiligste. Davor war ein dichter Vorhang. Dahinter: Gottes Heiligtum – die Lade mit den 10 Geboten. Der Ort, an dem Gott wohnt, an dem er fast mit Händen zu greifen ist. Doch niemand konnte hindurchsehen und erst recht keiner durfte durchgehen. Bis auf einen einzigen: Den Hohepriester. Einmal im Jahr durfte er in das Allerheiligste. Er war sozusagen der Auserwählte, der Reine, der Gott so nahe kommen durfte. Allen anderen war das verwehrt. Diese Grenze, diesen Vorhang, die konnte kein Normalsterblicher jemals passieren.

Doch, sagt der Schreiber, jetzt schon! 19 Wir haben jetzt also, liebe Geschwister, einen freien und ungehinderten Zugang zu Gottes Heiligtum; Jesus hat ihn uns durch sein Blut eröffnet. 20 Durch den Vorhang hindurch… hat er einen Weg gebahnt, den bis dahin noch keiner gegangen ist, einen Weg, der zum Leben führt.
Jesus selber also zieht den Vorhang für uns zur Seite und sagt: Kommt doch bitte rein – denn es ist alles bereit. Sehet und schmecket wie freundlich der Herr ist!

Liebe Gemeinde, das ist echte Freiheit! Einen unverstellten Zugang zu Gott. Ohne Schranken, ohne Hindernisse, freier Eintritt. Das Erstaunliche daran: Wir müssen nicht einmal eine Eintrittskarte lösen – auch daran wurde gedacht: Jesus selber hat das schon für uns erledigt. Er hat ein für allemal die Schranken beseitigt. Kein Opfer mehr, kein Lösegeld, kein Eintrittsgeld. Es braucht auch keine besonderen Priester mehr, die den Zugang zu Gott herstellen. Alle können jetzt durchgehen – freier Eintritt!

Viele Jahrhunderte später hat sich die Reformation daran wieder erinnert. Als eine Leitformel[1] wird gesagt: Allein Christus – sonst keiner. Es braucht keine Priester mehr – alle haben ja freien Eintritt. Alle sind Priester – das sogenannte Priestertum aller Glaubenden.

Deshalb haben wir heute Kirchenwahlen. Wir alle sind Priesterinnen und Priester. Wir alle sind mündige Christen. Wir alle haben direkten Zugang zu Gott. Und deshalb sollen und dürfen wir auch alle mitbestimmen und sollen Verantwortung tragen für den Weg, den unsere Gemeinde geht. Der Pfarrer oder die Pfarrerin ist eigentlich nur diejenige, die ein bisschen die Fäden in der Hand hält und versucht den Überblick zu behalten. Sonst nichts.[2]

Sind sie jetzt neugierig geworden?
Dann machen wir das Türchen doch noch ein bisschen mehr auf! Sie wollen wissen, wie das mit der Freiheit funktioniert und was das eigentlich bedeutet? Der, der den Brief schreibt, macht drei Beispiele:
1. Es bedeutet Aufbruch im Glauben. Weitergehen auf dem Weg, auch wenn es nicht immer einfach ist. Auch dann, wenn sich die Dinge ändern. Trotzdem weitermachen, weiterleben, weiterglauben. Mit ungeteilter Hingabe und voller Vertrauen und Zuversicht, sagt der Schreiber.
2. Es bedeutet ein unbeirrtes Festhalten an unserer Hoffnung, denn Gott ist treu und hält, was er zugesagt hat. Jesus hat einen Weg gebahnt, den bis dahin noch keiner gegangen ist, einen Weg, der zum Leben führt. Das ist doch großartig. Natürlich sehe und sage ich das nicht jeden Tag. Aber das kann zu einer Haltung werden in meinem Leben. Auch mal den Kopf zu heben und nach vorne zu schauen und nicht immer nur in meinem Trübsal stochern. Trotzdem weitermachen, weiterleben, weiterglauben.
3. Es bedeutet auch zu Handeln. Das zu leben, was ich glaube, einander Liebe zu erweisen und Gutes zu tun. Offen zu sein für Neues. Versuchen, die anderen so zu sehen, wie Gott sie eigentlich gemeint hat – auch wenn sie mich manchmal anstrengen. Trotzdem weitermachen, weiterleben, weiterglauben.

Liebe Gemeinde, eigentlich ist das doch ein tolles Türchen, das wir heute erwischt haben an diesem 1. Advent.
Einen kleinen Haken scheint es aber doch zu geben: Der, der das geschrieben hat, der hat fest damit gerechnet, dass Jesus wiederkommt – und zwar bald. Mittlerweile ist das 2000 Jahre her. Advent bedeutet „Ankunft“. Ob er wohl kommt in diesem Jahr? Wir warten.
Der Weg ist einfach schon lange, der Anfangselan fehlt. Diese Kirche Jesu Christi verändert sich – mehr als wir das vielleicht wollen. Müde sind wir geworden, wir Christen, und bewegungslos und manchmal auch phantasielos.

Auch uns muss der Hebräerbrief noch heute daran erinnern: Ihr seid doch das Volk Gottes auf dem Weg – doch ihr habt euch festgefahren. Ihr sollt in einem leichten Zelt wohnen – schaut eure großen und festen Kirchen an. Ihr alle seid doch diese Gemeinde Jesu Christi und nicht nur ein paar wenige, die den Karren ziehen. Ach ja, und da war ja auch noch die Jahreslosung (Hebr. 13,14): Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Auch das bedeutet übrigens Hoffnung zu haben: Zu wissen und die tiefe Überzeugung zu haben, dass das was ist, nicht alles ist. Das es da mehr gibt. Auch das meint diese Freiheit, die wir alle haben. Wir haben die Freiheit, über unseren Horizont hinauszuschauen, manchmal wenigstens. Zu wissen, dass es sie gibt, diese zukünftige Stadt. Darauf zu vertrauen, dass Gott uns auch heute noch begleitet und wir nicht alleine gehen. Trotzdem, trotz allem, was uns das Leben manchmal schwer macht, freien Eintritt zu haben.

Und wissen sie was?
Es ist zwar erst der 1. Advent, aber man könnte doch schon mal ein bisschen hinter das Türchen vom 24. Linsen, oder? Da beginnt tatsächlich etwas ganz Neues. Er ist nämlich schon jetzt mitten unter uns – als kleines Kind in der Krippe. Er kommt, wir brauchen nur zu warten und zu singen: „Nun jauchzet all ihr Frommen zu dieser Gnadenzeit“.

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