Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?

Je näher er seinem Haus kam, desto langsamer und schwerer wurden seine Schritte, Sonst flog er förmlich nach Hause, beschwingt, fröhlich, erwartungsvoll und zufrieden mit sich und seinem Leben. Er liebte es, zu Hause erwartet und empfangen zu werden von glücklichen Kinderaugen und sich mit seiner Frau über ihren Berufsalltag und seine Erfahrungen austauschen zu können. Die Nachricht, dass er zu denen gehören könnte, deren Vertrag nicht verlängert werden, kam völlig unvorbereitet und das so kurz vor Weihnachten. Wie solle er das erklären und was sollte nun aus allen ihren Plänen für das nächste Jahr werden. Jeder Schritt auf dem Weg nach Hause wurde eine Qual.
Er sah gar nicht die Frau auf der anderen Straßenseite, leichten Fußes eilte sie ohne dabei gestresst zu wirken. Ganz im Gegenteil: glücklich und beseelt war sie unterwegs und konnte es kaum erwarten nach Hause zu kommen und ihren Freund damit zu überraschen: ihr Traum von einer eigenen Familie ging in Erfüllung, nächstes Jahr im Sommer würde sie ein Kind zur Welt bringen, sie würden heiraten. Ihr Glück war vollkommen.
Jeder Schritt kann eine unendliche Qual werden, Schritte können aber auch leicht und daherkommen.
Schlechte Nachrichten lassen stocken, wollen noch einen Augenblick verzögert werden, frohe Nachrichten drängen zu Eile, wollen an den Mann und die Frau gebracht werden.
Überbringer schlechter Nachrichten sind Unglücksboten, die für das Unheil verantwortlich gemacht werden.
Freudenboten werden mit Dank und Geschenken überschüttet, so als hätten sie die frohe Kunde verursacht.
Ich sehe in diesen Tagen viele Füße eilen, bin mir allerdings nicht immer sicher ob sie leichtfüßig oder schwermütig unterwegs sind.
Den einen macht es Freude von Vorweihnachtsfeier zur Vorweihnachtsfier zu eilen, alle Besorgungen zu erledigen, Geschenke für alle Verwandten und Bekannten auszusuchen und auch noch fröhlich durch das Haus zu wirbeln, weil die Kinder sich zu Weihnachten und zum Jahreswechsel angesagt haben.
Andere erlahmen bei dem Gedanken an die bald endlos einsamen Feiertage, wo alle Welt fröhlich beisammen ist, nur man selbst allein zu Hause sitzt, weil jetzt Monate nach dem Tod des Partners keiner mehr wirklich Interesse zeigt an der Befindlichkeit, oder Streit die Familie schon lange entzweit hat. Sie mögen gar nicht mehr aus dem Haus gehen und die Füße zu entschlossenem zielstrebigem Schritt zu heben fällt unendlich schwer…
Frieden und Freude, Familie und Frohsinn sind für viele das Glück dieser Zeit mit „F“, ebenso für viele aber der blanke Wahnsinn und Horror… und das alle Jahre wieder…
Es geht um Großes und darum treibt diese Zeit so viele um, lässt die Herzen vor Spannung und Freude bersten oder die Seele schier zu Grunde gehen.
Das Lied des Propheten besingt mit jedem Wort so eindrücklich und nachhaltig die Stimmung, die Hoffnungen, aber eben auch die Ängste oder den Schmerz, den Menschen verspüren:
Frieden wird verkündet
Heil wird angesagt
Trost versprochen
Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies wirklich irgendeinem egal sein sollte.
Nach Frieden haben sich nicht nur die Kinder Israels gesehnt, nach Frieden, der mehr als die Abwesenheit von Krieg und Waffengewalt ist. Diese Sehnsucht bleibt auch heute lebendig 2000 Jahre nach der Geburt des Friedensbringers, weil der Schrecken des Krieges im 20. und 21.Jahrhundert ganz neue Dimensionen angenommen hat und die Bilder der Schlachtfelder in Farbe und zeitnah direkt in die Wohnzimmer flimmern. Auch 2013 wird nicht als Jahr des Friedens in Erinnerung bleiben, obwohl wir seit beinahe siebzig Jahren die Abwesenheit des Krieges, aber nicht der auch tödlichen Gewalt in unserem Land erleben.
Die Konflikte zwischen den Generationen und in den Familien kennen wir nicht nur aus der Nachbarschaft und genügend Familien sind auch heute auch aus wirtschaftlichen Gründen räumlich zerrissen und nur in der Sehnsucht nach der gemeinsamen Heimat verbunden.
Heil ist ja nichts abstraktes, sondern wer krank an Leib oder Seele ist, kann sehr genau beschreiben, wo er sich Heilung erhofft oder wie schwer es ist mit der Gewissheit zu leben, dass Heilung nicht möglich ist und Heil nur in erkämpfter zusätzlicher Zeit liegen mag.
Und der Verlust von geliebten Menschen, von vertaner Zeit, verschenkten Möglichkeiten und geraubter Hoffnungen macht untröstlich.
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
Komm tröst uns hier im Jammertal.
Ich kann diese Zeilen uneingeschränkt nachsingen und -beten. Darum genau geht es doch. Und darum, dass aus den schwerfälligen, verzagten Schritten einzelner wieder fröhliche leichtfüssige und beherzte werden, die alle gerne gehen.
Denn Freudenboten mit einer Freudenbotschaft sind unterwegs.
Keine Phantasieprodukte, keine unrealistischen Tagträume werden hier gepflegt und genährt.
Sondern wie einst die Boten aus dem verloren geglaubten Land kamen, um auch die behaglich Eingerichteten zum Aufbruch zu bewegen und ihnen Frieden, Heil und Trost zu verheißen, weil sie das Land der Väter und Mütter du die Stadt Jerusalem werden wiedersehen können, so feiern wir nicht nur die Geburt einer an sich schönen, aber wirkungslosen Idee, halten die Hoffnung auf Gott womöglich künstlich am Leben oder vertrösten mit einem Trost, der durch nichts gedeckt als durch wage Hoffnung.
Sondern wir feiern den Frieden, das Heil und den Trost, den wir untrennbar mit Jesus verbinden.
Ich gebe gerne zu, dass die Wirklichkeit immer noch die eines kleinen Kindes ist, das erst groß und selbstbewusst werden will.
Ich gebe gerne zu, dass wir den Frieden erst lernen und das Heil immer noch ein kostbares zerbrechliches Gut im Leben und im Sterben ist.
Ich gebe ebenso freimütig zu, dass ich mir meines Trostes angesichts der vielen Täler, die jeder einmal durchwandern muss, nicht immer gleichermaßen gewiss bin.
Aber der Grund meines Vertrauens auf Frieden, Heil und Trost ist doch gewiss.
Die Botschaft, die zuerst die Hirten auf den Feldern von Bethlehem erreichte und die sie dann unter den Untröstlichen und vom Leben Benachteiligten weitersagten, ist doch gewiss: „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“
Dieses Kind ist Gewissheit und Grund aller Freude.
Denn mit ihm hat Gott einen Namen, den ich nennen, flüstern, schreien oder stottern darf, mit diesem Kind hat Gott ein Gesicht, in dem die Menschenfreundlichkeit auch noch in größter Not, Verfolgung oder Verzweiflung aufleuchtet.
Und mit dem Leben und am Ende selbst noch mit dem Sterben und Auferstehen dieses Kindes ist ausgesprochen und augenscheinlich, was für alle Welt heil wird.
Das an allen, für alle und mit allen alles heil werde, was zerbrochen und unfertig niederliegt: Körper, Seele, von Schuld und Versagen belastete Beziehungen und ungerechte Verhältnisse überall auf dieser Welt, vom Leben und Tod gezeichnete Schicksale. Sie warten und sehnen sich nach den Freudenboten, ihrer Kunde und vor allem der Wirklichkeit und Wirksamkeit ihrer Botschaft.
Und da sind in diesen Advents- und Weihnachtstagen viele unterwegs. Manche ohne es zu ahnen, manche gerade für die , die Angst vor den kommenden Tagen haben. Viele, die sich einfach nur für Frieden und Gerechtigkeit in einer Welt einsetzen, weil sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht preisgeben wollen.
Für mich sind sie wie das Kind in der Krippe Anlass zur Hoffnung, dass es am Ende doch einen guten Ausgang nehmen muss und geben wird – um Gottes und um der Menschen willen.
Darum in diesen Tagen ganz besonders und mit Gottes Hilfe und seinem Segen:„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!“

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