Zur Brust und ans Herz oder: Engel halten was aus

Liebe Gemeinde,

wie letzten Sonntag haben wir es auch heute mit einem Brief an eine Gemeinde zu tun. Nur scheinbar spaßeshalber habe ich mir einmal überlegt, wie eine Antwort der Gemeinde namens Sardes heute lauten könnte. Die Kommunikationsinitiative dieser Gemeinde könnte folgendermaßen schreiben:

„Lieber Herr Christ, Sie haben im Internet einen Beitrag in unser Forum geschrieben. Vielen Dank, dass Sie unsere Seiten besuchen. Unser Team hat Ihren Beitrag ausführlich beraten. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir von der Kommunikationsinitiative diesen Beitrag löschen müssen. Wir finden ihn im Ton und in der Sache voll daneben. Außerdem entspricht er nicht dem wertschätzenden Umgang, den wir in der Kirche miteinander pflegen sollen. Wir haben nicht ganz verstanden, was Sie eigentlich wollen. Wir jedenfalls wollen niemandem Angst machen oder von unserer Kirche abschrecken. Auch liegt es uns fern, irgendjemand persönlich anzugreifen oder ihn so zu kritisieren, dass er sich ärgert. In unserer Kirche soll sich jeder wohl und Zuhause fühlen. Wir wollen jeden und jede Meinung gelten lassen. Wir sind nach allen Seiten offen und lassen es nicht zu, dass irgendjemand ausgegrenzt wird, auch nicht von Ihnen. Darauf können Sie sich verlassen. Unsere User finden das gut und so steht es auch in unserem Leitbild, das wir Ihnen gerne kostenlos zuschicken. Also, nix für ungut, lieber Herr Christ, und eine happy Advents- und Christmaszeit wünscht ihr Team von der Kommunikationsinitiative.“

Eine solche Kirche und auch uns nimmt sich der Christus mit den harschen Worten an die Gemeinde in Sardes zur Brust, um uns und sie am Ende mit überschwänglichen Worten an sein Herz zu ziehen (vgl. O. Holze-Stäblein, in GPM, Nr. 4, 2001, S. 24). Wenn wir es denn zulassen, dass uns der Christus heute am 3. Advent die Weihnachtslichter an die richtige Stelle steckt und uns die falsche zeigt. Die Notwendigkeit hierfür zeigt nicht ohne Komik das Bild vom Dieb, der in der Nacht kommt. Man stelle sich die Bewohner vor, die in Unterhosen aus ihren Schlafzimmern stürzen.

Du hast den Namen, dass du lebst und bist tot. Zu allen Zeiten haben diese Worte die Kirche in der Vorweihnachtszeit zum Nachdenken über sich selbst gebracht. Und so möge ein jeder selbst betrachten, was er an sich selbst und an seiner Kirche Erfreuliches beobachtet – und sich fragen, was da an ihr glänzt: Sie selbst oder der Widerschein ihres Christus. Keine Frage: Wo es nicht das Evangelium, der Anspruch und Zuspruch des Christus ist, der an und in der Kirche leuchtet, ist sie mausetot. All ihre Initiativen zur Sicherung ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit werden ins Leere laufen.

Ach, es ist schon ein Dilemma. Sollen wir denn nicht initiativ werden? Sollen wir uns denn nicht anstrengen? Müssen wir sie nicht auf den leuchtenden Sockel stellen: Die Bemühung? Die Bemühung um vollere Gottesdienste. Die Bemühung um ein besseres Erscheinungsbild der Kirche? Die Bemühung um die Ausgetretenen? Deine Werke sind nicht vollkommen. Vornehm drückt es unser Predigttext aus. Der Chef schreibt dem Lehrlings ins Zeugnis: Hat sich bemüht… Und jeder weiß, dass der Lehrling nichts zustande gebracht hat. Ach, soviel Bemühung, soviel Abgemühte gibt es in unserer Kirche!

Aber der Christus bemüht sich nicht. Er liebt! Ja er liebt dieses erbärmliche, bemühte und mausetote Wesen Sardes. Aufmerksam und zärtlich lässt er’s in seinen Händen ruhen, auch wenn es in den letzten Zügen liegt. Der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne wirft es nicht auf den Müll. Er ruft die Gemeinde ins Leben zurück. Wach auf!

Wach auf! Das ist kein Appell, kein Rütteln an der Schulter der Verschlafenen. So sprach Gott am ersten Tage der Schöpfung, als er rief: Es werde Licht! Der Christus ruft die Gemeinde vollmächtig ins Leben zurück. Er reibt ihr den Schlaf aus den Augen. Es mag uns vorkommen, als nähme er die Faust dazu. Aber es kommt alles darauf an, dass wir erkennen, dass seine Gerichtsworte nicht das Gegenteil seiner Liebe sind, sondern Ausdruck und Funktion seiner Liebe. Gott findet sich mit dem tödlichen Schlaf seiner Gemeinde nicht ab. Er richtet sie her, damit sie die Augen aufschlägt und wieder ihn anschaut, ihren wahren Stern oder gleich seine sieben.

So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast. Ja, so erinnern sich Liebende, – dass sie sich wieder einmal lange in die Augen schauen und Geschichten und Gefühle wieder lebendig werden, als wären sie erst gestern gewesen. Ja, wir waren so lange mit uns selbst beschäftigt, mit unserer Karriere, mit unserer Sicherheit. Wir haben übers Jahr vergessen, was es heißt, dass die Welt nicht nur das Böse, sondern dass sie einen Christus hat. Nicht nur Menschen in besudelten Kleidern, mit Blut an den Händen, mit hassverzerrten Gesichtern, sondern auch den Jesus von Nazareth und seine Jünger, die von seiner Gegenwart und seinen Worten beschienen, helfen und heilen und trösten und da sind, wenn sie gebraucht werden.

Wir haben vergessen, wie wenig die täglich weggeworfenen Zettel, die am Abend das Börsenparkett bedecken, wert sind, obwohl doch so mancher scheinbar über Sein und Nichtsein entscheidet. Wir haben vergessen, wie das ist, wenn der, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne, sein goldenes Buch des Lebens aufschlägt, dass ein Raunen durch die Galaxien geht und Deinen Namen hineinschreibt und Deinen auch, und niemand wird ihn dort wieder streichen, kein Computervirus wird ihn löschen, keine Zeit wird ihn zum Verblassen bringen.

Wir haben vergessen, dass hinter der Gemeinde in Sardes, ein Engel sitzt. Auch wenn einige Ausleger meinen, damit sei der Bischof gemeint. Diese Ausleger haben wahrscheinlich noch nicht viele Bischöfe erlebt. Bleiben wir bei dem, was dasteht. Hier ist ein leibhaftiger Engel gemeint. Der aus Sardes ist vielleicht arg zerzaust und todmüde, hat nicht mehr viele Federn an den Flügeln und macht ein trauriges Gesicht. Wie ein Weihnachtsengel, der schon zweimal überfahren wurde. Erst von Rudolf dem Rentier und dem Schlitten mit dem dicken und immer ein bisschen angesoffenen Weihnachtsmann und anschließend vom Coca-Cola Christmastruck.

Vielleicht sieht der Engel unserer Gemeinde auch nicht besser aus. Aber auch wir haben einen! Und Engel halten was aus: Unsere vergeblichen und so oft fehlgeleiteten Bemühungen, es uns und anderen schön zu machen und die deutlichen Worte des Christus. Unser Gemeindeengel, der wäre so etwas wie unser Leitbild, unsere Corporate Identity auf himmlische Weise. Wir mögen keine Vertretung im Landtag, im Bundestag oder in der Synode unserer Kirche haben. Unser Engel wird dafür sorgen, dass unsere Anliegen höheren Orts gehört werden und wir aus der Fürsorge des Christus für seine weltweite Christenheit nicht herausfallen.

Lassen wir es auf dem Weg zum Weihnachtsfest zu, dass der Christus sich uns zur Brust nimmt, wenn wir es nötig haben. Um so mehr wird er uns einen weiten und festen Platz in seinem Herzen einräumen. So fest werden wir dort stehen, dass wir noch stark genug sind, uns um die zu kümmern, die zu dieser Weihnacht am Boden zerstört sind. Stärke, was sterben will!, fügt der Christus seinem Wachruf hinzu. Weihnachten ist ein Fest der Liebe und des Lebens.

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