Mit einem adventlichen Gruß…

Die Warteschlange war genauso lang wie an den vorangegangenen Tagen, was eigentlich nicht weiter verwunderlich war. So kurz vor Weihnachten wollten alle ihre Post noch rechtzeitig auf den Weg bringen. Und auch wenn in großseitigen Anzeigen dafür geworben wurde, dass alle Pakete, die bis 23.12 um 10.00 eingeliefert werden, unter dem Christbaum liegen, wollten sich viele doch darauf lieber nicht verlassen und hatten sich beeilt. Jetzt allerdings hieß es warten zwischen Päckchen, Briefstapeln und vielen bunten Weihnachtskarten. Denn die Weihnachtszeit ist beste Geschäftszeit für alle Postdienstleister. Selbst der alte Brief oder die bunte Karte erleben fröhliche Wiederauferstehung und für viele ist es Weihnachten eine ebenso große Freude wie das Geschenkeauspacken, die lieben und persönlichen Weihnachtsgrüße zu lesen. Da geben sich viele ziemlich viel Mühe. Da wird geschrieben, gemalt, gedichtet, verziert, berichtet. Wenn man schon das ganze Jahr über nichts mehr voneinander hört, dann soll wenigstens in diesen Tagen ein Lebenszeichen auf Reisen gehen! Weihnachtsgrüße sind freundliche, fröhliche, den Menschen zugewandte oder zumindest geschäftsmäßig höfliche Grüße je nach Beziehung, die Absender und Adressat zueinander haben. Und Beziehung ist ja auch die eigentliche Triebfeder dieser festlich aufgeladenen Zeit, in der die Familie besonders hoch im Kurs steht und auch für uns Christen der tiefere Sinn dieser Wochen: Gott will mit mir und dir in Beziehung treten – wohlgemerkt in eine Beziehung die den freundlich distanzierten Rahmen einer lediglich guten Bekanntschaft sprengen möchte, nein, ich wage zu behaupten: in eine Liebesbeziehung, weil er nichts anderes als Liebe, als ein glühender Backofen voller Liebe (Martin Luther) ist.
Und jetzt kommt schon wieder Post an, nicht vom Weihnachtsmannpostamt, nicht über die armen, gestressten Postzusteller, die immer freundlich bleiben sollen, sondern wie schon am letzten Sonntag über den Seher Johannes, diesmal offiziell adressiert an die Gemeinde in Sardes.
Und ich sehe vor meinem inneren Auge wie erwartungsvoll der Brief geöffnet und den Zeilen gelauscht wird. Weihnachtspost ist doch freundliche Post:
Frohe gesegnete Weihnachten.
Ich denke an euch.
Ich freue mich auf ein Wiedersehen spätestens im neuen Jahr.
Ich danke für die geschäftliche Verbundenheit und hoffe auf gute Zusammenarbeit auch im neuen Jahr!
So gebiete es allein schon die gute Erziehung.
Aber der gute Ton, die überwiegend positive Gestimmtheit, der Vorsatz, mal zu loben statt zu tadeln, bleibt diesmal auf der Strecke.
Sicher ist der Verfasser in diesem Jahr damit in guter Gesellschaft.
Es fiel und fällt vielen schwer, positiv von der Kirche, ihren Gemeinden, ihren Amtsträgern, womöglich sogar ihren Mitgliedern zu reden.
Egal ob es um Missbrauchsfälle, Reformunfähigkeit oder Unwilligkeit alter archaisch anmutender Strukturen (oft zwar eher unserer katholischen Geschwister) geht oder um das liebe Geld, das zu Unrecht eingestrichen oder verschwenderisch ausgeben wird. Egal: mit Kirchen- und mit Christenschelte ist man immer auf der richtigen Seite, was die Aufmerksamkeit angeht.
Und was es so tragisch und schwierig macht: vieles lässt sich ja nicht wirklich einfach bei Seite schieben, verdrängen oder argumentativ aus dem Weg räumen. Viele Vorwürfe treffen ins Schwarze, zeigen auf offene Wunden und da zählt es wenig, dass es hier nicht um ein ausschließlich kirchliches Problem, sondern um gesamtgesellschaftliche Phänomene handelt, die andere Träger, Gruppen und Organisationen, ja Kommunen und Länder genauso betreffen. „Gerade von der Kirche hätten wir das nicht gedacht…!“
Warum eigentlich nicht?
Es sind doch nur Menschen, wenn auch mit guten Absichten!
Die Kritiker sind allerdings in guter und mit Johannes auch noch adventlicher Gesellschaft.
Und Selbstkritik ist wichtig und richtig.
Aber gut, dass wir am vergangenen Sonntag zunächst das Lob der großen Durchschlagkraft der kleinen Möglichkeiten gehört und hoffentlich persönlich genommen haben.
Dann können wir mit der Kritik jetzt auch konstruktiv umgehen.
Denn nur so gelingt das, was man neudeutsch eine Feedbackkultur nennt, ein Miteinander, in dem konstruktiv gelobt und kritisiert wird.
Erster Punkt, nachdem klar ist, was wir alles sind und was wir alles haben und können: blinder Aktionismus ist noch nicht Ausdruck erwiesener Lebendigkeit.
Die Daseinsberechtigung einer Kirchengemeinde ergibt sich nicht automatisch aus dem Umfang ihres Veranstaltungskalenders.
Luther hat einmal das Dasein einer Gemeinde auf wesentliche Lebensäußerungen konzentriert: wo Gotteswort verkündigt und die Sakramente recht verwaltet werden.
Und Gottesdienst hat er beschrieben als das Wunder, dass Gott mit uns in seinem Wort redet und wir mit Gesang und gebet antworten dürfen.
Damit ist dann ganz viel geschehen und ganz viel getan;: weihnachtlich gesprochen: ausreichend Beziehungspflege unternommen und eine Gemeinde tut, was zu tun ist.
Eine Gemeinde, die das vergisst, was sie ausmacht, braucht allerdings eindringlich einen solchen adventlichen Weckruf, der letztlich von Sorge und Fürsorge und nicht von Ablehnung erzählt.
Zweite Anmerkung: eine Gemeinde, die nicht mehr in der Lage ist über den Tellerrand hinaus zuschauen, wird ihrem Auftrag und ihrer Sendung nicht mehr gerecht.
Gottesliebe kann doch gar nicht ohne Nächstenliebe sein. Wie kann ich Gott vertrauen und mein Leben an ihm ausrichten, wenn ich nicht den Bedürftigen, den Suchenden, den Fragenden auf meinem Weg wahrnehme. Krankenpflege, Armenfürsorge, Gemeindediakonie kann ich nicht nur an Träger delegieren und auf Fremdfinanzierungen hoffen, sondern sie brauchen mein und dein Gesicht, von Mensch zu Mensch, und zu allererst ohne Ansehen der Person, ihres Glaubens und ihrer Herkunft. Ich kann nicht müde werden, gerade dies immer wieder zu betonen.
Es gibt die verpassten Gelegenheiten und Chancen, die nicht so schnell wiederkommen. Und heute und jetzt haben wir die Chance und die Gelegenheit, Anwälte und Helfer der Schwachen und Bedürftigen zu sein und es kann der Tag kommen, wo man uns nicht mehr hört und wahrnimmt oder um Hilfe bittet.
Dritte Anmerkung: Wir können nicht warten bis alle mitmachen, sondern dürfen mit den wenigen, einigen beginnen, die jetzt da, bereit und engagiert sind.
Natürlich können es immer mehr und andere sein, die aktiv werden. Natürlich kann ich fragen, wo die anderen hundert oder tausend sind, die es doch genauso angeht und die aktiv werden müssten. Ich kann aber auch einfach anfangen und tun, was mir möglich ist: singen, beten, feiern, und Menschen die beiden Hände reichen, die ich habe.
Meine Spende für Brot für die Welt wird nicht die Welt retten, aber womöglich für einen Menschen die Welt verändern und Gott greifbar und wirklich machen.
Meine geschenkte Zeit kann nicht die Hektik einer ganzen Gesellschaft oder eines ganzen Zeitalters überwinden, aber einigen Momente der Konzentration, der Einkehr und des Adventes bescheren. Und das ist unendlich viel an Gaben, Aufgaben und Möglichkeiten.
Wer Ohren hat, der höre, wer einen Mund hat, der singe, und wer ein Herz hat, der öffne es weit: Gott spricht, Gott antwortet, Gott kommt.
Amen

drucken