Es ist voller Sterne

Liebe Gemeinde,

in Stanley Kubricks Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“, bricht eine Expedition zum Jupiter auf, auf der Suche nach Hinweisen, die ein auf dem Mond gefundener Monolith offensichtlich außerirdischen Ursprungs, gegeben hat. Der Astronaut Dave Bowman erreicht als einzig Überlebender das Ziel, verlässt das Raumschiff und findet einen im All schwebenden zweiten Monolithen, der sich als Tor in die Unendlichkeit erweist. Der letzte Funkspruch des Astronauten an die Erde lautet: „Mein Gott, es ist voller Sterne!“ Wie der Film ausgeht, sei denen, die ihn noch nicht gesehen haben, natürlich nicht verraten. Die Empfehlung lautet, den Film unbedingt anzuschauen, wenn er wieder mal im Fernsehen läuft.

Der Film, in dem wir auch dieses Jahr wieder mitspielen, könnte „2013 – Odyssee im Advent“ heißen. Ob er ein weihnachtliches Meisterwerk wird, können wir nicht sagen. Wir sehen darin uns auf den weihnachtlich erleuchteten Straßen ins Unbekannte aufbrechen, da wir oft wirklich nicht so recht wissen, was wir diesem und jenem schenken sollen und was wir in der Weihnachtszeit überhaupt und eigentlich suchen. Es gibt Hinweise zum Thema aus sehr alten biblischen Geschichten und weniger alten Geschichten z.B. aus der sogenannten guten alten Zeit. Darin sind auch Hinweise auf Außerirdische enthalten, die zur Welt kommen, selber fliegen oder geflogen werden, rote Mäntel anhaben und mit Renntierschlitten fahren, schwarz oder weiß sind, auf Kamelen reiten und neben Gold auch Geschenke dabei haben, die wirklich keiner braucht, wie Weihrauch und Myrre, neue Socken und grenzwertige Krawatten. Letztere kennen wir aus früheren Weihnachtsfilmen, in denen wir selber mitgespielt haben.

Die waren immer noch die Besten – auch wenn das Geschenk oder der Ton bei der Hausmusik einmal gehörig daneben lagen. Diese Erkenntnis ereilt einen schnell beim Blick ins weihnachtliche Fernsehprogramm. Es ist aber kein Verbrechen, sondern Zeichen von Freimut, solches für lackierten Staub und Lametta zu halten, mit dem Schlachtruf aller weißbärtigen Geschenkeverteiler „Ho, ho, ho!“ zu rufen, die Glotze in den Ruhemodus zu versetzen und sich bei einem Gläschen still zu erinnern, was Advent und Weihnachten einmal war – im eigenen Leben, im eigenen Film, ganz live und aus Fleisch und Blut sozusagen.

Und so sagt es ja auch der Predigttext: Weil wir denn nun, liebe Geschwister, durch das Blut Jesu den Freimut haben zum Eingang in das Heiligtum. Ja, bitte! Ein Weihnachtsfest aus Fleisch und Blut, das wäre doch was Anderes, als diese Weihnachtscomicfigurenwelt, die sich alle Jahre selbst feiert, mit der wir uns mittlerweile abspeisen lassen und in der wir mit unserem Fleisch und Blut doch völlig entbehrlich sind. Und die alten Geschichten auch.

Die ganz alte Geschichte der Bibel berichtet von einem Außerirdischen, der an Weihnachten in einem Stall zur Welt kommt. Er ist so außerirdisch, dass er göttlich genannt wird und ganz Fleisch und Blut wird, wie wir. Später wird ein Dichter von ihm schreiben: „Kaltes Mondlicht kalkweiß über der Klippe, und ein Mensch auf der Erde, zusammengesunken. Wie ein fortgeworfener Fetzen sieht er aus. Seine Finger sind gekrümmt, als seien die Hände schon aufs Kreuz geheftet. Spinnen sind diese Finger, schreckhaft bereit zur Flucht über den Sand. Das ist Gott, der dort liegt, eingekrochen in die Angst der Menschen, und da er Gott ist, konnte er tiefer hinabsteigen in uns, als ein anderer es vermocht hätte, und die Tür hinter sich schließen. Gott ruft zu Gott und stöhnt … Aber es ist ja kein Kunstwerk, was sich mit Gott abspielt in Gethsemane. Was er dort tut, das tut er, weil er so menschlich ist. Er kann diesen Wahnsinn nicht anschauen von außen her und sagen: arme Menschen. Zu diesem blutenden Fetzen muss er werden.“ (Olov. Hartmann, Heilige Maskerade, Hamburg o.J., 55 f.) Zitat Ende.

Zweifellos wollen uns die Evangelien immer wieder besonders davon erzählen: Das Kind, das an Weihnachten zur Welt kommt ist ganz Fleisch und Blut und kommt in unser Fleisch und Blut und ganz in unsere Welt, von der der Dichter schreibt: „Ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt“ (Friedrich Nietzsche) – und doch, O Wunder!, gleichzeitig ein Tor zum Himmelreich und zu Gottes Ewigkeit.

„2013 – Odyssee im Advent“, soll unser Weihnachtsfilm nicht heißen. Der Hebräerbrief gibt uns eine Adresse und Hausnummer an, zu der unsere Wege durch die Adventszeit führen. Der an Weihnachten ganz als Fleisch und Blut zur Welt kommt, wartet, dass wir ganz in Fleisch und Blut zu ihm kommen. Der verheißt uns nicht weniger als den Zugang zum Heiligen, zu den tiefsten Geheimnissen des Lebens. Der verheißt uns nicht weniger, als dass allen, die durch dieses Tor zur Weihnacht gehen, der Heilige selbst in Fleisch und Blut übergeht. Meister Eckhart schreibt auf seine unnachahmliche Art: „Wir feiern Weihnachten, auf dass diese Geburt auch in uns Menschen geschieht. Wenn sie aber nicht in mir geschieht, was hilft mir dann? Gerade, dass sie auch in mir geschehe, darin liegt ja alles.“

Weihnachtliche Menschen können völlig unangestrengt sogar dies: An der Zukunft festhalten. Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat, heißt es im Predigttext. Der Glaube hält sich an den, dem die Zukunft gehört. Wenn wir glauben, halten wir an der Zukunft fest. Das ist schon komisch. Gerade an Weihnachten, halten viele an der Vergangenheit fest. Das hat auf den ersten Blick keine Zukunft.

Es sei denn, alte Weihnachtsgeschichten berichten uns von Menschen, die in oft bitteren und hoffnungslosen Verhältnissen geglaubt und an der Zukunft festgehalten haben. Viele alte Weihnachtsgeschichten erzählen genau davon. Und deshalb wollen und dürfen wir sie gerade heute nicht vergessen. Man mag sie abfällig traditionell und damit veraltet nennen und in den Papierkorb werfen. Ein typischer Schnellschuss unserer arroganten und ins angeblich immer Neue verliebten Zeiten. Von Traditionen gilt: Wir beten nicht die Asche an, sondern geben ihr Feuer weiter!

So lasst uns dieses Jahr und alle Jahre Weihnachten feiern: Dass wir das Feuer und das Licht unseres Gottes weitergeben, mit alten und neuen Worten, mit alten und neuen Gesängen und Bräuchen. Damit er uns in Fleisch und Blut übergeht. Das geht nicht, wie jeder sofort einsieht, wenn man an Weihnachten allein Zuhause hocken bleibt. Auch die Adventszeit ist eigentlich zu finster, um allein zu bleiben. Deshalb leuchten die Kirchenfenster in der dunklen Zeit besonders einladend in die Nacht hinaus. Weihnachten ruft zur Versammlung. Darum lasst uns nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

Sich erinnern an die Zukunft – um nicht weniger geht es in der Adventszeit. Das tun wir heute mit den Versen des Hebräerbriefs: Einander erinnern an die gute Zukunft, die Gott für jeden von uns bereithält durch alle Höhen und Tiefen unseres Lebens und Sterbens hindurch. Ich wünsche mir und Euch, dass diese Adventszeit keine Odyssee wird. Und wenn doch, dann wünsche ich Euch, dass Ihr trotzdem in ein paar Tagen und Wochen heil und lebendig am Tor zur Weihnacht und zur Krippe ankommt – und mit dem Astronauten Dave Bowman sagen könnt: "Mein Gott, es ist voller Sterne."

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