In Christus finden wir uns

Liebe Gemeinde,

I. Advent feiern
Wir wissen wohl, Christus höflich als „Gottes Sohn“ zu titulieren. Sagt man halt so. Wir haben nicht vergessen, dass man ihn „Messias“ nennt. „Brot des Lebens“, „Licht der Welt“, „Der gute Hirte“. Ja, da kann man mitgehen, solange diese Bildworte im frommen Raum der Kirche erklingen.
Wenn es aber heißt „Jesus wird wiederkommen im Advent“ mag unser Glaube ins Stocken geraten.

Jesus als das ethische Vorbild aller guten Menschen. Da können wir meistens mit. Aber die frommen Erweiterungen?

Heute feiern wir den 1. Advent. Wir feiern die Ankunft Christi und wir feiern die Hoffnung auf seine Wiederkehr. Wir feiern Jesus als Messias, als Gottes Sohn, als Licht der Welt. Wissen wir, was wir da tun?

III. Wie wir über den Menschen denken
Über Christus reden. Damit geht es gleich weiter. Zuerst aber frage ich danach, wie wir über uns selbst, den Menschen denken? Es wird deutlich werden, dass beide Themen aufeinander bezogen sind. Die Frage nach Christus und die Frage nach uns.

Wie wir über den Menschen denken? Nein, ich werde jetzt keine Sätze formulieren wie „Alle Menschen sind….“. Und dann hinzufügen: Schlecht. Geizig. Gierig. Oder – weil der Advent begonnen hat – liebevoll, sehnsüchtig. Harmoniebedürftig.

Wie wir über den Menschen denken? Das hängt auch davon ab, wie ich über mich selbst denke. Falls ich mir diese Frage überhaupt stelle: Wer bin ich? Solange ich bin, bin ich mir selbst als Aufgabe gestellt. Wer ich war, mögen andere ergründen.

Wie wir über den Menschen denken? Der Psychologe Jochen Fahrenberg bringt es auf den Punkt: „Was der Mensch ist, scheint immer weiter in die Ferne gerückt“ (Menschenbilder S. 10). Es gibt viele Wissenschaften, die sich mit dem Menschen befassen. Aber sie alle tragen nur kleine Mosaiksteine zusammen. Das ganze Bild haben wir nicht. Wir haben es verloren. Und im Hinblick auf das Christentum formuliert er:

„Vor allem für den bisher vertretenen …. Wahrheitsanspruch der christlichen Kirchen zeichnet sich eine theologisch schwierige Zukunft ab“ (ebd.).

Vor 200 Jahren noch schaute man hinauf zu Gott, um zu wissen, was der Mensch sei.
Heute steht man vor dem Affenkäfig und findet im Prinzip keine großen Unterschiede.

Im 18. Jahrhundert fand man für diese Sätze noch Zustimmung: Der Mensch ist durch seine Vernunft dazu bestimmt, mit anderen zu leben. Er hat die Aufgabe, sich durch Wissenschaft und Kunst zu kultivieren, zu zivilisieren und zu moralisieren um damit dem „tierischen Hang“ der jedem Mensch innewohnt, zu entkommen. (I. Kant). Kultur, Benehmen, Moral. „Was brauchen wir davon wirklich?“, fragt man heute.

Und wo wir schon gelehrte Menschen zitieren, da zitieren wir ihn auch: Friedrich Nietzsche.

„Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!"
Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.
Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.
Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.
"Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet – ihr und ich!“
Ich füge hinzu: Im Verlust Gottes haben wir zugleich unser eigenes Bild verloren.

IV. Nachdenken ist Christenpflicht
„Ach, ist doch egal, was die Wissenschaft oder Philosophen sagen. Wir glauben. Und fertig.“ So ähnlich – nicht auf Deutsch, aber auf Griechisch, mag es vor ziemlich langer Zeit der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefs gehört haben.

Ihn bewegt das, was auch im Jakobus-Brief des Neuen Testaments durchscheint, nämlich die sich abzeichnende Glaubensmüdigkeit der zweiten und dritten Christengeneration. Er klagt: „Ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre“ (Hebr 5,12).

Man sagt, der Hebraäer-Brief sei so etwas wie die erste theologisch-philosophische Schrift der jungen Christenheit. Der Verfasser kommt einer Christenpflicht nach: Er sucht nach Wahrheit. In einem Bibelkommentar heißt es: „Geschärfte theologische Denkanstrengung wird (von ihm) eingesetzt als Waffe gegen kirchlichen Niedergang“.

Wenn wir Christus als den zu uns kommenden Sohn Gottes nicht mehr denken können, dann können wir ihn am Ende auch nicht mehr glauben. Dann wiederholen wir zwar in frommer Demut die adventlichen Titel vom Gottessohn und Messias. Und sind meist froh, wenn das nur im pathetischen Schluss einer Predigt als frommer Zuckerguss nachgereicht wird.

Da ist zu wenig. Das war zumindest die Auffassung des Hebräerbrief-Autors. „Spürt ihr nicht,“ so mag er seine Gemeinde gefragt haben, „spürt ihr nicht, was aus uns wird? Wir nennen uns Christen. Aber wie wir leben, was wir denken, wie wir handeln: In dem allen gleichen wir uns der Welt immer mehr an. Auf einmal gibt es in unserer Gemeinde wieder Rangunterschiede. Gottesdienstbesuch scheint überflüssig. Man ist ja ein guter Mensch. Das reicht doch.“

Er versucht zu beschreiben, zu erklären, theologisch zu durchdringen, wer Christus Jesus ist. „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2). Wie er das macht, kann man kaum in einer Predigt darlegen. Da wäre ein Vortrag besser geeignet. Er beschreibt Christus auf dem Hintergrund alttestamentlicher Opfer- und Priestervorstellungen. Die sind uns heute sehr fremd. Darauf gehen wir auch nicht ein. Stattdessen orientieren wir uns an der Methode des Hebräerbriefs. Er nimmt das Wissen und Denken seiner Zeit auf, um sozusagen intellektuell verantwortlich über Christus zu reden. Nachdenken ist Christenpflicht.

V. Krieger, Bauer, Fürst, Magier
Mir hat jemand von einem Seminar für Führungskräfte erzählt (3P Beratungsgruppe, Nürnberg). Die Beteiligten mussten sich gegenseitig jeweils einer von vier vorgegeben Rollen zuweisen. „Das war spannend und aufregend, zu erfahren, wie mich andere sehen und wie ich selber bin“, hieß es. Natürlich wollte ich mehr wissen. „Um welche Rollen ging es denn?“

Und ich war erstaunt, über die Bezeichnungen: Krieger, Bauer, Fürst und Magier. Dieses schlichte und einfache Modell der vier Typen von handelnden Menschen greife ich auf. Vielleicht bringt es uns ein wenig Klarheit über uns und über Christus.

Die erste Rolle ist „Der Krieger“: Er handelt. Er packt an. Er strotzt vor Kraft. Aktion ist ihm das liebste. Ein moderner Typ: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. „Jawohl“, wird der Krieger sagen, „Erich Kästner hat Recht.“ Sein Lieblingsbibelwort lautet: Glaube ohne Werke ist tot (Jak 2,17).
„Was Advent für mich ist? Klar doch“, antwortet der Krieger: „Aktion. Aktion für eine bessere Welt. So bin ich. So sehe ich Christus: Der Kämpfer für eine gute Welt“.

„Vorsicht“, mahnt der Bauer. „Wir müssen mit unseren Kräften sparsam umgehen. Mein Gott, wir sind doch nicht für alles zuständig. Nein, wir müssen das bewahren, was wir haben und darauf aufpassen. Schaut doch, was wir alles schon geleistet haben.“ Sein Lieblingsbibelwort mag lauten:
Selig ist, der die Worte (Christi) bewahrt (Off 22,7).
Das Glaubensbekenntnis des Bauern: „Was Advent für mich ist? Na, die Bewahrung der Tradition: Unsere Lieder, unsere Symbole, unsere Konzerte, unsere Gottesdienste. Wo kämen wir hin, wollten wir etwas ändern? So bin ich. Und Christus hat doch auch gesagt, wir sollen alles bewahren.“

„So geht das nicht. Darauf liegt keine Zukunft“, spricht der Fürst, die nächste Rolle. „Wen sprechen wir denn noch an? Leute, wir müssen die Menschen gewinnen. Wir müssen überzeugender werden. Aber Vorsicht! Wir dürfen uns nicht an diese Welt anpassen.“
Sein Lieblingswort lautet: „Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,16)
Das Glaubensbekenntnis des Fürsten: „Was Advent für mich ist? Die Aufforderung, den Glauben missionarisch zu feiern. Uns ist doch etwas ganz Besonderes anvertraut. So bin ich. Und Christus hat doch auch gepredigt: Geht hinaus in alle Welt.“

Und der Magier sagt erst einmal nichts. Er schaut. Er beobachtet. „Wir werden uns nur dann finden, wenn wir das Ganze im Blick behalten. Leute, wir müssen zurück zur Mitte. Lasst eure müden Hände ruhen. Lasst ab, von eurer Angst, ihr könntet etwas verlieren. Wenn wir nur das tun, was wir schon immer getan haben. Wen spricht das noch an? Glaube, den wir nicht mehr denken können, verkommt zum Gefühl und am Ende feiern wir uns selbst.
Was Advent für mich ist? Advent ist Christus. Das ist die Idee Gottes. Jesus müssen wir wieder sehen lernen als Gottes Sohn. Dann finden auch wir uns wieder. In Christus erkennen wir, wer wir sind. Nein, da bin ich noch nicht am Ziel. Gebe Gott, dass ich es erreiche.“
Sein Bibelwort mag dies sein: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben … weder Hohes noch Tiefes uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn (Röm 8,38) Und: Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit (Eph 4,24).

Haben Sie sich, liebe Gemeinde, in einer der Rollen wieder entdeckt? Freilich, ein einfaches, schlichtes Modell. Ein paar Mosaiksteine auf dem Weg zur Suche nach dem ganzen Bild.
Die Pointe dieses kleinen Modells liegt übrigens darin, dass alle vier Rollen notwendig sind.

VI. Advent im Jahr 2013
Wer ich bin? Solange ich bin, bin ich mir selbst als Aufgabe gestellt.
Was der Mensch sei? Nein, das können wir nicht wirklich sagen. Deswegen fällt es uns auch oft so schwer, zu bekennen, zu glauben, wer Christus ist. Die Offenheit dieser beiden Fragen müssen wir aushalten.

„Ist er zu Schiffe gegangen?“ fragen die Spötter den „tollen Menschen“. Und wir antworten – wohl etwas verlegen – mit einem Lied: „Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.“ Es ist ja nicht so, dass wir gar nichts sagen könnten. Aber wir haben dieses „ewige Wort“ einer mathematischen Formel gleich, die uns zu lösen derzeit nicht gegeben ist. Es muss uns in unserer Zeit genügen, dass wir die Tradition bewahren, aufheben und weitergeben. Nach uns kommt vielleicht eine Generation, die das Licht wieder zum Leuchten bringt. Gut, dass es „Bauern“ gibt. Sie bewahren.

„Hat er sich verlaufen wie ein Kind?“ fragen die Spötter den „tollen Menschen“. Und wir antworten: Er ist ein Kind geworden. Nein, er hat sich nicht verlaufen. Er hat den Weg nach Golgatha gefunden und für uns den Himmel geöffnet in seiner Auferstehung.

Wir glauben – auch wenn wir es nicht wirklich wissen und erklären können: Wir sind aus Gott. In Christus sind wir ihm verbunden. Wir gehen unseren Weg aufrecht. Wir bemühen uns, anständig zu sein und fürchten nicht, als Sünder erkannt zu werden.
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebr13,14). Das steht über unserem Leben: Die Magie Christi. Sein Zauber.

„Fürchtet er sich etwa?“, fragen die Spötter. Und wir antworten:
Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht (2. Kor 4,8). Besser stünde es um uns, könnten wir zur Gottesfurcht zurückfinden.

„Werft euer Vertrauen nicht weg“, heißt es dann im Hebräerbrief – und jetzt kommen wir zum Predigttext, der uns im Stillen bis hierher geleitet hat:

Wir haben, liebe Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu die Freiheit zum Eingang in das Heiligtum. Den Eingang hat er uns aufgetan als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und wir haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes.

Das ist die Idee. Das zu erfassen, sind wir unterwegs im Glauben. Gut, dass es Magier gibt, die uns zu den Anfangsgründen zurückführen.

Wir haben diese Idee von Jesus Christus, deren Leuchtkraft wir eher spüren und ahnen. Wir haben diese Idee, die wir eher im Herzen als im Kopf mit uns tragen. Gut, dass es „Magier“ gibt.

Und dann lädt der Autor des Hebräerbriefes uns ein, Advent zu feiern:

Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem
Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser. Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat.

Gut, dass es „Fürsten“ gibt, die wissen, wie wichtig es ist, an seinen Überzeugungen fest zu halten. Denn sonst würde die Welt uns verschlingen.

Und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

Und was wären wir, gäbe es die „Krieger“ nicht, die uns stets daran erinnern, dass wir etwas tun können und müssen.

„Ist Gott ausgewandert“, fragen die Spötter den „tollen Menschen“. Und wir antworten wahrhaftig im Glauben: Nein, Gott ist eingewandert in diese Welt. In Christus Jesus. Da finden wir uns. Das feiern wir im Advent.

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