Warten

Jetzt ist es endlich so weit: Der 1. Advent. Gott, diese treue Seele, hat uns eine bunte, lichtreiche Zeit beschert! Jetzt kann uns keiner mehr mit dem erhobenen Zeigefinger den Weihnachtsrummel vermiesen. Gott sei Dank konnte man ja bereits an einigen Orten schon seit Wochen dem vorweihnachtlichen Treiben frönen. Jetzt kann auch endlich wieder die umfangreiche Weihnachtsbeleuchtung ausgepackt werden, die beinahe ein Jahr lang verbannt war und aller Welt (und vor allen den Nachbarn) zeigen, „dass wir die dunkle Zeit, in der wir nun auch noch an Tod und Ewigkeit erinnert wurden, längst abgehakt“ haben. „Jetzt hat das Warten endlich ein Ende. Es beginnt das neue Kirchenjahr. Es beginnt – ja, es beginnt wieder das Warten. Muss das denn sein? Immer dieses Warten, dieses Hoffen. Das Erleben ist so kurz. Und es beginnt wieder das Warten und Hoffen.“ (Vgl.: F.-W. Hünerbein, am 1. Adventssonntag, 2. Dezember 2001, 10 Uhr Predigt über Hebräer 10,23-25)

Ach! Schon wieder warten! Auf zahlreiche Angebote der Abend- und Wochenendgestaltung auf einem der zahlreichen Weihnachtsmärkte jedenfalls muss jetzt keiner mehr warten.

Aber worauf warten wir dann? Sie kennen das: Man geht kurz vor die Tür, weil man die Mülleimer nach der Leerung wieder holen will, weil man Holz geholt oder weil der Postbote geklingelt hat und einige Pakte abzuliefern sind. Was auch immer, Sie gehen aus der Wohnungstür und die fällt nach ihnen ins Schloss. Jetzt merken Sie, dass sie gar keinen Schlüssel dabei haben. Wenn Sie jetzt etwas Glück und ihr Handy eingesteckt haben, können Sie immerhin noch jemanden anrufen, der einen Ersatzschlüssel hat oder fachlich versiert ist, die Tür, meist gegen teure Bezahlung, wieder zu öffnen. Bis eine dieser Personen kommt heißt es jedoch „Warten“!

Das Warten und verschlossene Türen, das kennen wir alle. Sei es bloß die verschlossene Wohnungstür oder seien es die Türen im Leben, die nicht aufgehen wollen oder zugegangen sind, weil man sich gestritten hat, weil man enttäuscht wurde, weil man selber enttäuscht hat. Es kann sehr niederschmetternd sein vor diesen verschlossenen Türen zu stehen. „Deprimierend kann es sein, wenn eine Tür ins Schloss gefallen ist und ich sie nicht mehr von selbst öffnen kann.“ (Ebd.) Bei einer verschlossenen Haustür mag es ausreichen, Hilfe von außen anzurufen, aber bei den Türen, die zu anderen Menschen führen, ist es da schon schwieriger! Diese Türen sind oftmals nicht durch „handwerkliche Fähigkeiten“ zu öffnen. „Erst recht nicht durch Gewalt. Hier muss ich warten, bis die Tür von der anderen Seite her aufgeht, vielleicht lange warten, geduldig warten.“ (Ebd.)

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ haben wir gesungen und ich glaube fest daran, dass längst nicht alle verschlossenen Türen, verschlossen bleiben müssen. Dass es sich lohnt auf diesen Einen zu warten, der helfen will, solche Türen wieder zu öffnen. Aber eigentlich glaube ich, dass wir selber oftmals in der Lage sind, viele dieser Türen wieder zu öffnen – allein, „uns fehlt die Kraft, der Mut, das Vergeben. Und doch gehen verschlossene Türen auf, wenn wir nicht nur da sitzen und warten, sondern in dieser Wartezeit auch aktiv sind, etwas tun. Immer wieder klopfen.“ (Ebd.)
Dass das nicht ganz so einfach ist, wie das Öffnen eines Türchens am Adventskalender versteht sich von selbst. Aber als Sinnbild taugt diese Erwähnung allemal: Der Adventskalender lehrt uns Türchen zu öffnen und zu warten. Und das „Warten“ ist dabei das Wichtigste.
Warten worauf? Worauf konkret bereiten wir uns im Advent vor? Das ist eine Frage, die schon immer in diesem Zusammenhang eine große Rollespielte: Wie kann man an Leib und Möglichkeiten satte Menschen wieder begeistern, zurückführen „zur Leidenschaft einer fast verlorenen Sehnsucht?“ (Vgl.: E. Drewermann: Der offenen Himmel, Düsseldorf 1990, S. 42)

Dietrich Bonhoeffer hat die Notwendigkeit und den Lohn des Wartens auf seine Weise erklärt: „Advent feiern“, das heißt für den 22jährigen Vikar „warten können.“ Und dieses „Warten ist eine Kunst, die unsere ungeduldige Zeit vergessen hat. Sie will die reife Frucht brechen, wenn sie kaum den Sprössling setzte, aber die gierigen Augen werden nur allzu oft betrogen, indem die scheinbar so köstliche Frucht von innen noch grün ist. Und respektlose Hände werfen undankbar beiseite, was ihnen so Enttäuschung brachte. Wer nicht die herbe Seligkeit des Wartens, das heißt des Entbehrens in Hoffnung kennt, der wird nie den ganzen Segen der Erfüllung erfahren.“ (Vgl.: D. Bonhoeffer, Warten können, Predigt zum 1. Advent 1928 über Off. 3, 20, in: Predigten, Auslegungen, Meditationen, Bd. 1 1925 – 1935, München, 1984, S. 207–213 und S. 403–409.)

In den vergangenen Tagen habe ich einer Diskussion beigewohnt, die nur ein einziges Thema hatte: Es ging um die Frage, ob die Kirche zur Eröffnung eines Weihnachtsmarktes einen Eröffnungsgottesdienst halten solle oder nicht. Die Diskussion wurde kontrovers geführt. Am sympathischsten fand ich den Beitrag einer gestandenen Kollegin, die darum warb, dass erst mal die Spannung zwischen der christlichen Deutung von Advent und Weihnachten und der öffentlichen Wahrnehmung der vorhandenen Festkultur deutlich zu machen sei. Geht man auf den Advents-, oder Weihnachtsmarkt weil ich mir die Zeit bis zum Geschenkeauspacken lieber wartend am Glühweinstand vertreibe oder verbinde ich mit dem Warten eine persönliche Besinnung, eine Neuorientierung?
Das Drama beginnt letztlich damit, dass es eine Verschiebung in der Bedeutung gibt. Wie kann es einen Weihnachtsmarkt vor Weihnachten geben? Diese Zeit heißt doch im Allgemeinen Advent. Und im Advent wartet man. Einen Weihnachtsmarkt kann es – streng genommen – erst nach Heiligabend geben. Eben dann wenn Weihnachten beginnt.
Ist es also nur ein Problem des Namens? Reicht es aus, die Märkte einfach umzubenennen? Sicher nicht! Denn wenn der Inhalt nicht klar ist, kann es auch egal sein, wie die Veranstaltung heißt.

Zu Luthers Zeit begann mit dem 25. Dezember ein neues Kalenderjahr. Deutlicher konnte man der Welt nicht zeigen, dass mit der Adventszeit ein kompletter Gegenentwurf in die Welt kam, der mit der Geburt Jesu manifestiert wurde und seine Vollendung fand. Mit der Menschwerdung Gottes wurde also auch kalendarisch deutlich, dass eine bedeutende Zäsur stattgefunden hatte. Auf einen solchen Einschnitt zuwarten, ist eine große Herausforderung. Aber darunter tun wir es nicht.
Denn im Advent wartet die Gemeinde auf den, der eine neue Zeit einläutet. Sozusagen wartet man auf den Schlüsseldienst der zunächst den blickdichten Vorhang, der sich vor den ganzen Sinn gehangen hat, beiseiteschiebt und dann den Mut und die Hoffnung gibt, dass auch verschlossene, verriegelte Türen aufgehen können. Wo das nicht gelingen kann, weil die Gräben zu tief oder die trennende Mauer zu hoch ist, gibt er dann aber auch die Kraft dazu, das auszuhalten und nicht aufzugeben daran zu glauben, dass es einst anders ein könne.

Dabei bin ich mit Margot Käßmann davon überzeugt, dass „Gott nicht weniger von uns will, als dass wir die Welt verändern. Das erschreckt einige, ich weiß! Weltverbesserer werden ja stets eher belächelt. Aber wenn Gott uns Orientierung gibt, dann doch die: es geht darum Hass und Gewalt zu überwinden, es geht darum, die Vision von Gerechtigkeit Wirklichkeit werden zu lassen. Auch an Weihnachten können wir die Augen nicht davor verschließen, dass in unserer Welt so manches aus den Fugen geraten ist. […] Während die Globalisierung gepriesen wird, hungern die Menschen in vielen Ländern, sehen keine Perspektive, gehen auf die Flucht in kleinen Flüchtlingsbooten, die im Mittelmeer versinken. Und auch bei uns gibt es Angst um die Rente, um die Gesundheitsversorgung, um die Arbeitsplätze, um die Kinder, die zum Armutsrisiko geworden sind.“ (Vgl.: M. Käßmann: Weihnachtspredigt vom 24. Dezember 2003, Marktkirche Hannover)

Und der Hebräerbrief antwortet: So lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser. Wartend, aber nicht abwartend. Hinzutreten ist ein aktiver Vorgang. Nicht alleine, sondern als Gemeinde. Das lästige Warten hat also da ein Ende, wo sich die Gemeinde Jesu Christi aufmacht und damit beginnt, was seit jeher ihre Aufgabe war: Dinge zum Guten zu verändern, ganz im Sinne der Botschaft Christi. Denn es geht darum, „unser Leben zu ordnen in all dem Durcheinander. Dazu gibt Gott Orientierung. […] Was ist wirklich wichtig? Liebe Gemeinde, es geht um einen Lebensstil, der sich frei macht von der Vorstellung, wir könnten durch Kaufen Sinn finden. Ja, ich kaufe auch gern etwas Schönes. Aber das ist sekundär. Wir brauchen Mut, zu schauen, das Gute zu sehen, das uns umgibt und die Belastungen zu tragen, denen wir nicht ausweichen können. Fromm leben heißt, mich Gott anvertrauen und Verantwortung übernehmen zugleich, Zuspruch und Anspruch, Gnade und Herausforderung annehmen.“ (A.a.O.)

Ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich sage, dass die Welt, die Menschen, von der Frau Käßmann hier spricht, die auch hier wohnen, eine gemeinsame Sehnsucht haben: Angstfrei leben, versöhnt miteinander nach langem Streit, zusammen leben in Frieden und Ruhe. Diese Sehnsucht kann man natürlich betäuben durch buntes Treiben, aber stillen kann man sie nicht.
Sie stimmen dem nicht zu? „Was wollen wir dann vom Advent? Was wollen wir dann von Weihnachten? Ein bisschen Sentimentalität? Ein bisschen innere Erhebung? Ein bisschen Stimmung? […] Wenn da aber etwas ist, das noch davon wissen will, das sich an diesem Wort (Erlösung) entzündet; wenn da etwas in uns diesem Wort glaubt; wenn wir spüren, es könnte noch einmal, noch einmal in unserem Leben eine Wendung […] geschehen – warum hören wir dann nicht einfach das uns angebotene, zugerufene, in die Ohren geschriene Wort: Die Erlösung ist nah? Warte nur ein noch einen kleinen Augenblick… Gott kommt zu uns, zu dir und mir. Christus, der Retter ist da“.

Gott, diese treue Seele, kommt zu uns. Auf diese Treue lohnt es sich doch zu warten.
AMEN!

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