Kennt auch dich und hat dich lieb

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde, lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen:
Die kleine Mia kann nicht schlafen. Sie ist schon fünf, sie ist schon fast groß. Sie muss nicht mehr bei Mama und Papa im Bett schlafen, und ihre Mama hat gesagt, dass sie sehr stolz auf sie ist. Aber jetzt liegt sie da und starrt mit weit aufgerissenen Augen an die Decke.
Mama und Papa lassen die Tür immer einen Spalt auf, Licht fällt vom Flur in das Zimmer. In der Ecke bewegt sich leicht das Mobile, das schon über ihrer Wiege gehangen hat. Eigentlich wollte Mia es schon wegwerfen. Jetzt, wo sie groß ist, braucht sie es ja nicht mehr. Aber in diesem Moment, wo sie da so liegt und nicht schlafen kann, ist sie froh, dass es noch da ist.
Mia hört die Mutter leis über den Flur ins Bad gehen. Ah. Gut. Mutter ist da. Jetzt erst merkt sie, wie groß ihre Angst ist, dass Mutter weggehen könnte. Aber nein, das würde sie nicht tun. Nein, ganz bestimmt nicht. „Meine Mama lässt mich nicht im Stich“, denkt Mia und knetet die Bettdecke, „meine Mama nicht.“ Aber: Wenn nun doch? Was macht sie denn so lange im Bad? Ist ihr vielleicht etwas zugestoßen? Das Bad ist so ein dunkles Loch, vielleicht hat sich dort ein Monster versteckt und der Mama was getan? Mia bekommt auf einmal große Angst. So große Angst, wie sie noch nie vorher gehabt hat. Sie beißt sich in die Hand, um nicht zu schreien. Sie krümmt sich zusammen, wie ein Baby liegt sie in ihrem Bett, und die Tränen – sie kann sie nicht mehr zurückhalten – sie kullern ihr übers Gesicht, das Kissen ist schon ganz nass.
Da spürt sie einen Luftzug. Und riecht Mutters vertrauten Duft. Eine warme Hand legt sich auf ihr Haar. Mama. Mia wirft sich auf ihren Schoß und schlingt die Arme um ihren Hals. Und Mutter hält und streichelt sie. Und singt für sie ganz leise „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ Am Ende atmet Mia ruhig und regelmäßig. Ist eingeschlafen in Mutters Schoß.

„Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, und eine Last fallen lassen dürfen, die man lange getragen hat, das ist eine köstliche, wunderbare Sache.“ Diese Worte stammen von Hermann Hesse, und manchmal stehen sie über einer Traueranzeige in der Zeitung. Wir wissen dann: Das war ein langer Weg, dieses Sterben, das war mühsam und schwer. „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“, dichtet Johann Sebastian Bach. Manchmal ist der Tod Erlösung, manchmal kommt er wie der langersehnte Schlaf nach bangen und angstvollen Stunden und Tagen.
Und Reinhard Mey singt: Heilt Schlaf barmherzig alle Wunden, nimmt alle Last für ein paar Stunden, die schwer auf unsren Schultern ruht – alles ist gut. Für die kleine Mia ist alles gut in den Armen der Mutter. Wir hoffen so sehr, dass für unsere Entschlafenen auch alles gut ist und dass sie in Gottes Armen geborgen sind.

Demgegenüber stehen die bangen Stunden des Wachens: Gott weiß, wie viele Stunden Sie, liebe Angehörige, gewacht haben! Sie haben nicht schlafen können vor Sorge und Angst, sie haben gewacht am Bett Ihres geliebten Menschen, seine Hand gehalten und seine Lippen befeuchtet. Sie haben gepflegt und umsorgt, manchmal über die Grenzen Ihrer Kraft.
Und auch die, die Ihr Liebstes viel zu plötzlich und vor der Zeit hergeben mussten, haben sich manche Nacht die Augen ausgeweint. Anders als bei der kleinen Mia kam da oft kein Trost, war da niemand, der Ihnen sacht die Hand aufs Haar legte, und es fanden sich keine Arme, in die Sie sich flüchten konnten. Es gibt Traurigkeiten, die niemand lindern kann.

Dem Sterben, dem sanften Einschlafen gegenüber steht oft das so bittere Wachen. Ob der Predigttext für den heutigen Sonntag Trost sein kann? Ich lese aus dem Markus-Evangelium Kapitel 13:

Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen. Von jenem Tag aber oder der Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater. Seht zu, wacht! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit ist. Wie ein Mensch, der außer Landes reiste, sein Haus verließ und seinen Knechten die Vollmacht gab, einem jeden sein Werk, und dem Türhüter einschärfte, dass er wacht, so wacht nun! Denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob des Abends oder um Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder frühmorgens, damit er nicht, wenn er plötzlich kommt, euch schlafend finde. Was ich aber euch sage, sage ich allen: Wacht!

Es ist kein einfacher Text für den Ewigkeitssonntag. Viermal erklingt die Forderung „Wachet! Denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt.“ Die Rede ist von der Wiederkunft Christi. Es kann jeden Tag sein, mahnt der biblische Autor, es kann morgens oder abends sein. Ihr müsst bereit sein, wenn er kommt, ihr müsst euren Kram geregelt haben, damit ihr mit ihm gehen könnt. Wachet! Der Text klingt wie eine Durchhalte-Parole, geschrieben für die junge Christengemeinde etwa 40 Jahre nach dem Tod Jesu. Die Gemeinde beginnt, den Glauben an die Wiederkunft Christi zu verlieren. Sie richtet sich häuslich ein in der Welt, die doch nur eine vorläufige ist.
Es ist der Bibel eine dringende Ansage, das deutlich zu machen: Alles hier ist vorläufig. Wachet, bis das Endgültige und Ewige kommt. Und wir hören die Botschaft wohl: Es kann schnell was kommen, unser Leben ist endlich. Jeder Tag, jede Stunde kann die letzte sein…

Aber passt das heute zu diesem Anlass? Sind wir nicht des Wachens müde? Ist nicht ein anderes, tröstlicheres Wort vonnöten? Markus spricht vom „Herrn des Hauses“, von Knechten und Türhütern. Es klingt, als gäbe es ein „zu spät“, als könne die Tür zu Gott plötzlich verschlossen sein.

Ich denke an die kleine Mia, die im Bett liegt und Angst hat, dass ihre Mutter sie verlassen könnte. Sollen wir wach liegen bis zur Erschöpfung in Angst, dass Gott uns vergisst?

„Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber vergehen nicht“ – das sagt der Christus in unserem Predigttext. Es ist derselbe, der sagt: „Ich bin das Licht der Welt“. Er ist es, der sagt: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch fröhlich machen“. Der Christus sagt von sich selbst: „Ich bin der gute Hirte, ich lasse mein Leben für die Schafe.“ So klingen Worte eines liebenden Vaters, einer liebenden Mutter. Das sind Worte wie vor dem Zubettgehen gesagt. Das sind Worte, die sagen: Du brauchst keine Angst zu haben. Ruh dich aus, ich bleibe bei dir und verlasse dich nicht. Schlaf, mein Kind, mein Kleines, mein Geliebtes – dein Christus hält die Wacht.

Himmel und Erde werden vergehen – der Tod eines geliebten Menschen kann sich anfühlen, als ob die Welt zusammenbricht und nie wieder dieselbe sein wird. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht. Damit beginnt der Predigttext. Und diese Worte sind der Hintergrund, auf dem wir das etwas schroffe „Wachet!“ lesen dürfen. Denn der Herr des Hauses, das ist der Christus, der uns liebt wie ein Vater, wie eine Mutter. Ob du wachst oder ruhst, sagt er – Gott ist da. Und wenn auch deine Welt zusammenbricht, so ist doch Gott, der Ewige, mit immer gleicher Fürsorge und Verlässlichkeit an deiner Seite.

Mia ist noch klein. Sie ist erst fünf, sie ist noch lange nicht so groß wie sie meint. Wenn die Angst umgeht, findet sie in ihr ein wehrloses Opfer. Mia braucht die Mutter und den Vater. Sie braucht den Schutz und den Trost der Erwachsenen.

Und Mutter kommt. Und Vater ist nicht weit. Und sie legen die Arme um ihr Kleines, sie bleiben an ihrem Bettchen, bis sie eingeschlafen ist. Und sie singen für sie das Lied von den Sternlein, die Gott gezählt hat.

Eines Tages wird Mia erwachsen sein. Sie singt ihren Kindern das Lied von den Mücklein und den Fischlein, die Gott, der Herr, mit Namen rief. Sie wird rückblickend ihren Eltern danken für die Liebe, die sie schenkten, für das Selbstvertrauen, das sie möglich machten und für das Gottvertrauen, das in der Geborgenheit wurzelt, die sie erfahren durfte.

Und eines Tages wird Mia alt sein. Irgendwann wird sie ihre Augen für immer schließen. Und vielleicht hört sie auf ihrer letzten Reise wieder die Stimme ihrer Mutter: „Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen, kennt auch dich und hat dich lieb.“
Kennt auch dich und hat dich lieb – so sei es, liebe Gemeinde, so ist es: Kennt auch dich und hat dich lieb. Amen.

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