Der Tod ist Erlösung?

Der Tod ist die Erlösung. Das steht unter einer Brücke in Sangerhausen. Junge Leute haben es mit Filzstift hingekritzelt.
Was mag sie zu so einem Satz bewogen haben? Was haben sie erlebt? Liebeskummer, Ärger in der Schule, Streß zuhause?
Der Tod ist Erlösung. Es macht mich betroffen, wenn Jugendliche zu so einer Erkenntnis kommen.
Aber der Gedanke ist alt. Auch in unseren Kirchen können wir ihn immer wieder finden, in Liedern. Das Leben ist ein Jammertal, Müh und Plage. Wahres Leben, die Seligkeit finden wir erst nach dem Tod. Darauf gilt es sich vorzubereiten, alles andere geduldig zu ertragen.
Damit wurden Menschen nicht nur getröstet, sondern vertröstet, betrogen und belogen. Sie wurden abgelenkt, Leid und Not zu hinterfragen und für ihre Rechte zu kämpfen, für ein menschenwürdiges Leben heute.
Erst der Tod bringt Erleichterung, ja Heil. Wer schon nach einem erlösten Leben hier und heute fragt, wäre verwirrt und verirrt, hieß es, und widerspräche dem christlichen Glauben. Wer solche Lügen verbreite, wurde verfemt und verfolgt.

Der Tod bringt Erlösung. Dabei ist es tatsächlich manchmal so. Wenn Schmerzen zu sehr quälen, das Leben zur Last wird und jeder neue Tag zur Qual: Menschen warten, daß sie endlich heimgehen können. Sie wünschen sich, daß sie ihrem geliebten Partner, ihrer Partnerin folgen, daß sie ausruhen können.
Von außen können wir das freilich nie sagen. Euthanasie, der schöne Tod, mit diesem alten griechischen Wort haben die Nazis Leben in wert und unwert eingeteilt und bemäntelt, daß sie Behinderte und Alte einfach ermordet haben. Darum, ihnen Leid zu ersparen, ging es ihnen gewiß nicht. Wir haben gerade eine Ausstellung dazu in der Kirche.

Doch wer kann schon hineingucken in einen Menschen, vor allem wenn er oder sie sich mit Worten nicht äußern kann und wir nicht verstehen, was wohltun und lindern kann. Und wer kann beurteilen, wenn ein Mensch sich den Tod wünscht, ob es nicht vielmehr Einsamkeit oder Depressionen oder Angst sind, die quälen.
Es ist ja nicht das Leben, von dem Menschen erlöst werden wollen, sondern das, was sie daran hindert zu leben und froh zu sein. Die 81jährige hat Angst, ihren Angehörigen zur Last zu fallen. Die 15-jährige Gymnasiastin fürchtet sich, daß sie versagt und den Anforderungen nicht genügt, zuhause, in der Schule. Armut verperrt alle Chancen. Oder die Vergangenheit holt einen Menschen immer wieder ein.

Dann tut es gut, wenn jemand sagt: gut, daß du da bist, daß es dich gibt. Oder: Du schaffst das. Vielleicht wird dann sogar die Krise zur Chance und gibt Anstoß und Kraft, das Leben noch einmal ganz neu zu gestalten, sich nach einem anderen Weg umzuschauen oder etwas Neues auszuprobieren.

Viele haben im letzten Jahr einen Menschen verloren. Mancher Tod kam plötzlich, bei anderen hat er sich lange angekündigt. Er läßt die, die zurückbleiben, er läßt uns, die wir zurückbleiben, nicht unberührt. Was wir verloren haben, merken wir oft erst später. An Tagen wie heute wird uns das schmerzlich bewußt. Der Tod gehört zum Leben dazu, inzwischen auch zu unserem Leben. Er fordert uns heraus.

Wir müssen Abschied nehmen, immer wieder. Vom ersten Atemzug an, wenn fremde Hände uns abnabeln von unserer Mutter, und später, wenn wir uns selbst abnabeln müssen. Wir verabschieden uns von Menschen, von vertrauten Orten, von Träumen und Wünschen, von unserer Vorstellung von uns selbst.
Manche Abschiede machen Mühe. Andere fallen leicht, weil Belastendes zurückbleibt und abfällt. Sie sind regelrecht eine Befreiung. Es geht besser weiter.
An den Abschieden können wir lernen, daß wir uns nicht fürchten müssen vor dem, was kommt. Das Leben trägt.

Der Tod ist nicht die Erlösung, aber er gehört zu unserer Realität dazu. Wir können schon mit ihm vertraut sein, wenn er irgendwann bei uns anklopft und uns ruft. Wenn er uns vertraut ist, kann uns das die Angst vor dem Fremden nehmen. Das Leben trägt. Es ist nichts verloren. Nichts ist vergeblich und sinnlos, kein gutes Wort, keine freundliche Geste, kein lieber Blick.

Immer, wenn ich unter der Brücke entlanggehe, schaue ich nach der Aufschrift und frage mich, wie es dem jungen Mädchen geht. Inzwischen ist ihr Hilferuf verblaßt und verwaschen. Welchen Ausweg mag sie aus ihrer Krise gefunden haben? Ob es ihr gelungen ist, dem Leben zu vertrauen?
Christlicher Glaube ist eine große Anfrage an den Tod, Widerstand gegen Hoffnungslosigkeit. Nicht Tod soll das Ende, das Ziel sein, sondern daß wir Segen weitergeben und Dankbarkeit und Leben, Leben selbst im Tod. Die Bibel ist sich sicher: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

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