Über die Hoffnung im grauen November

„Haben Sie Angst vor dem Tod?“ „Ich nicht. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe nur Angst vor dem Sterben.“ Bei Rotwein und gutem Essen reden ein Doktor der Medizin und ich über dieses doch unbeliebte Thema. Dabei passt es zum schweren Wein und zum schweren Essen. Schon spät sitzen wir noch zusammen, essen Schnitzel und Kroketten und Pommes und wagen uns, gut beschützt, beschwingt vom Wein und in einem warmen Gastraum an die Frage nach dem Tod. Wir fühlen uns wie mutige Hasardeure. Wir trauen uns was; keiner von uns ist, biologisch gesehen, wirklich in naher Zukunft betroffen.

Ach, wir haben leicht reden! Draußen in den Läden stehen schon die Weihnachtsmänner und die Spekulatius liegen zuhause bereit, im Fernsehen laufen ja schon vereinzelt Werbespots in denen es verheißungsvoll schneit, wer Coca-Cola mag, kann schon jetzt den Weihnachtstruck für seine Stadt buchen. Der Tod hat in dieser Zeit augenscheinlich keinen Platz. Und auch der Gastraum ist stimmungsvoll beleuchtet und gaukelt uns eine Sicherheit vor – die es nicht gibt. In dieser geglaubten Sicherheit kann man sorgenlos große Reden schwingen.
Heute Abend wissen wir alles, wir haben auf jede Frage eine schlaue und durchdacht wirkende Antwort, wir machen uns glauben, dass wir uns gut auskennen im Dickicht des Lebens und des Sterbens. Wir wissen nichts! Weder Tag noch Stunde! Klar, wir haben Wünsche und Hoffnungen und Ängste. Im Schlaf sterben z.B.; viele werden diesen Wunsch teilen. So oder so: Die Angst vor dem Sterben ist groß und das mag auch daran liegen, dass wir nichts wissen: Nicht wann, nicht wer und nicht wie.

Ist das der Grund, warum Menschen nicht so gerne über das Thema „Tod und Sterben“ reden wollen und uns gerade jetzt lieber in den nahenden Advent mit seiner Heimeligkeit und seinen lichtvollen Versprechungen flüchten? Der Ausweichmöglichkeiten gibt es viele, auch heute schon: Kerzenziehen am Ewigkeitssonntag, Lebkuchen und Spekulatius ab Oktober, Adventsmärkte schon Mitte November.

Dabei brauchen wir den November, die stille Zeit, die Zeit zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Wir brauchen diese Novembertage, „die kahlen Bäume, die nassen Blätter am Boden. Es ist töricht, das Empfinden dieser Tage durch voreiligen Weihnachtsglanz zu überdecken. Die kahlen Bäume mussten überkleidet werden mit Tausenden von Glühbirnen. Bis Weihnachten kommt, ist der Glanz dieser Birnen verbraucht. Wenn das Fest anfängt, ist das Geheimnis dieses Lichts erloschen. […]. Ich bin dafür, jeder Zeit ihre eigene Würde zu lassen: den dunklen Novemberwochen wie dem leuchtenden Advent. Alles hat seine Zeit. […] Nur wer die Erfahrung der Endlichkeit aushält, kann sich am Licht des Gottesfriedens freuen. Nur wer vor der Dunkelheit nicht flieht, kann die Helle des Lichts schauen.“ (Vgl.: W. Huber: Predigt zum Ewigkeitssonntag, am 23 November 2005, Matthäus 25, 1-13 in Berlin)

Wegrennen in schön beleuchtete Häuser nützt nichts. Warum also berauben wir uns einer solchen Zeit, die so wichtig ist? Die Zeit der Trauer ist nötig und wichtig und die „Pforten des Advents“ (Vgl.: E. Drewermann, in: Der offenen Himmel, Düsseldorf 1990, S. 23) sind heute noch verschlossen, aber sichtbar. Trotzdem: Die innere „Unruhe“ dieser Tage „werden wir akzeptieren müssen, um dem Frieden entgegenzugehen.“ (Vgl. E. Drewermann, Ebd.)

Den uns umgebenden Wahrheiten können wir uns eh nicht entziehen: „Die letzte Rose verblüht irgendwo einsam. […] Der Winter ist noch nicht da. Der Sommer ist längst unwiderruflich dahin. Und der Herbst ist gerade eben noch da, aber sehr viel mehr doch schon nicht mehr da. Der Totensonntag gleicht einem Tag zwischen den Zeiten. Ein fahles Licht liegt an diesem Tag über der Welt. Und das legt sich aufs Gemüt.“ (Vgl. E. Jüngel: Unterwegs im Kirchenjahr, Stuttgart 2005, S. 287ff.)

Melancholie hält in diesen Tagen Einzug und mit ihr die Gedanken an die Verstorbenen, an das Sterben an sich und – neben all dem anderen – vielleicht auch der Gedanke an den eigenen Tod, an die eigene Endlichkeit.
Immerhin: Es ist November. „Die kahlen Bäume strecken ihre nackten Äste in den Novemberhimmel. Auf dem Straßenpflaster klebt das feuchte Laub. Im trüben Licht dieser Tage kreisen unsere Gedanken um Sterben und Tod.“
Gut, dass es dabei nicht bleibt! Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Der Ewigkeitssonntag blickt weiter, er stellt sozusagen die Vertrauensfrage und fragt in die aufkommende Melancholie: „Was trägt uns wirklich? Unser Leben ist endlich – und was folgt?“ Einige von uns haben in diesem Jahr eine geliebten Menschen verloren, haben an einem Grab gestanden. „Für viele ist solches Erleben noch ganz frisch, die Trauer noch nicht zur Ruhe gekommen.“ (Vgl.: W. Huber, a.a.O.)

Immerhin: Es ist November. Und so steigen in diesen Tagen neben den Gedanken an das Sterben auch damit verbundene Ängste auf. Und Ja, es ist wahr! „Sterben dauert manchmal zu lang. Oder es geht zu schnell. Und manchmal kommt es viel zu früh. Vielleicht hat mein Gefühl, dass das Sterben oft nicht zur richtigen Zeit, sondern zur Unzeit kommt, auch damit zu tun: selbst wenn ein Mensch ein langes und in vielem glückliches Leben gelebt hat, so wird doch durch den Tod sein Leben abgebrochen – und manches bleibt offen.“ (Vgl.: M. Lohwasser, Predigtentwurf zu Koh 3,1-15)

Ende November bringt der Tod sich in Erinnerung. Wir erinnern uns an die schmerzlichen Abschiede naher Angehöriger, wenn der Ehemann, die Mutter, die Oma, der Opa, der Lebenspartner oder gar ein Kind verstorben ist. Angesichts dessen stellt uns dieser Sonntag die Vertrauensfrage. „Was ist unser wichtigster Halt im Leben und im Sterben? Dem Tod halte ich nur stand, wenn ich mich auf eine Kraft verlasse, die mir meine Lebens- und Todesangst gemeinsam überwinden hilft. Es geht um einen Glauben auf Leben und Tod. Meiner Angst vor dem Sterben tritt ein Vertrauen auf Gott entgegen, der mein ganzes Dasein, mein Leben und mein Sterben hält und trägt.“
Mehr noch: Dieser „Glaube gibt angesichts des Todes die Antwort auf die Vertrauensfrage“: Auch wenn ein Mensch stirbt, „dann verhält sich Gott weiterhin zu ihm. Das stärke und bewahre dich im Glauben zum ewigen Leben.“
So lautet darum die Antwort auf die Vertrauensfrage: „Auch im Tod fallen wir nicht in die Verhältnislosigkeit. Wir fallen in Gottes Hand. Wohin der Tod auch kommt – Gott ist immer schon da. Und wo Gott ist, da ist das Leben. Deshalb ist der Tod kein „hoffnungsloser Fall“, weil ich immer in der Liebe Gottes geborgen bleibe. Auch ohne mein Zutun. Und so sind auch unsere Verstorbenen durch Jesus Christus – durch sein Sterben und Auferstehen – in derselben Liebe Gottes geborgen, die auch uns Lebende umfängt.“ (Vgl.: W. Huber, a.a.O.)

Zu sagen, die „Hoffnung stirbt zuletzt“ verkürzt darum unser Christsein. Denn die Hoffnung stirbt nie, sie ist auferstanden. Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. „Mag kommen, was will: Gott wird bei uns sein: mit seiner Hilfe, auf die wir trauen können, mit seiner Zusage, in Christus verbürgt, mit seinem Wort, das nicht vergeht. Aber dennoch: Seid wachsam und bereitet euch auch darauf vor. Denn ihr wisst weder Zeit noch Stunde.“ (Vgl.: W. Huber, a.a.O.)
Amen.

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