Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Ein kurzer, aber überhaupt nicht unauffälliger Blick auf die Armbanduhr und alle wussten: wieder mal keine Zeit, der nächste Termin ruft. Die wirklich wichtigen Dinge blieben wieder einmal unausgesprochen, wurden vertagt auf das nächste Mal in der Hoffnung, dass dann mehr Zeit ist, woran aber keiner so wirklich glauben mag.
Für alle hat der Tag 24 Stunden und die Woche sieben Tage, aber manche haben Zeit und andere haben nie Zeit.
Nur ein Problem der modernen Arbeitswelt und des Stresses, den sie uns macht, oder doch auch unser Problem, die wir uns keine Zeit mehr nehmen?
Die Nachricht des Arztes hatte sie alle geschockt. Vielleicht ist es nur noch ein Jahr, die ihnen miteinander bleibt, wie viel Zeit davon sie frei von Schmerzen und mobil miteinander verbringen können, ließ sich heute nicht sagen. So viele Pläne hatten sie immer vor sich hergeschoben, wollten erst das Haus bauen, den Schulwechsel der Kinder abwarten, im Beruf die Erfahrungen sammeln, um später vorankommen zu können, um dann all die Dinge erleben zu können, von denen sie immer geträumt hatten… Krankheit und Tod aber hatten sie nicht auf der Rechnung; dass es ihnen passieren könnte, was sie durchaus aus dem Bekannten und Kollegenkreis kannten, war nicht vorgesehen.
Warum ?
Warum ich und nicht die andern?
Was nun?
Wie kann es weitergehen?
Wie kleine Pfeile dringen die Fragen bohrend und schmerzhaft ins Bewusstsein vor und lassen keine Ruhe mehr!
Wir haben Zeit, mehr oder weniger, wobei niemand so genau sagen kann, was mehr und was weniger Zeit ist, und leben so, als hätten wir nie und keine Zeit….
Sage keiner, ihm käme das nicht bekannt vor.
Denn wir wissen weder Tag noch Stunde…
Deshalb können wir nicht jeden Tag so leben, als ereilt uns gleich zur Unzeit die niederschmetternde Botschaft, dass unsere Lebenszeit kurz vor dem Ende steht – und wir machen dann aber den Fehler, dass wir diesen Gedanken ganz verdrängen und so tun als hätten wir alle Zeit der Welt nicht nur heute, sondern immer.
Die Bibel kennt Menschen, die sterben alt und lebenssatt, ich kenne Menschen, die sind alt und immer noch oder jetzt erst recht lebenshungrig.
Macht das allein den Unterschied, dass Menschen früher nur in Ausnahmefällen siebzig Jahre hatten, dann aber die Ewigkeit erhofften und erwarteten und heute viele alt werden, dann aber nur noch Bodenlosigkeit und Nichts erwarten?
Sicher: wie ein Dieb in der Nacht kam und kommt der Tod!
Ebenso: stirbt ein Mensch, der Teil meines Lebens war und ist, dann fällt mir der Himmel auf den Kopf, dann vergehen Himmel und Erde und für den Augenblick bleibt nichts mehr wie es war und wird nie wieder so wie es war.
Aber warum haben wir die Kunst des Lebens und des Sterbens verlernt oder haben aufgehört, uns einzuüben in diese schwierigste Herausforderung des Lebens.
Denn wir werden und müssen uns ihr alle stellen, und spätestens mit dem Totensonntag werden wir sinnlich und sichtbar Jahr für Jahr darauf gestoßen.
Wir hören die Namen der Menschen, die wir kannten.
Wir sind betroffen, weil wir diese Menschen liebten.
Wir trauern, weil ein Platz leer bleibt, selbst wenn die Herzensnische mittlerweile dauerhaft in der Erinnerung meines Lebens bewohnt ist und das Leben irgendwie weiter geht.
Die Wachsamkeit, die uns heute gepredigt wird, ist die Achtsamkeit, mit der ich von heute an leben möchte, um den Wert und die Kostbarkeit der Zeit zu genießen, die mir mit jedem Tag, an dem ich die Sonne aufgehen sehe, geschenkt werden.
Die Wachsamkeit, zu der uns Jesus wachrüttelt, ist Unruhe, wenn Menschen daran gehindert werden, ihre Lebenszeit auszukosten und zu gestalten. Denn es gibt auch den Tod zur Unzeit, den nicht Gott ans Ende des Lebens setzt, sondern den Menschen verursachen und verantworten, weil sie andere nicht leben/überleben lassen.
Die Wachsamkeit, zu der Gott uns ermutigt, ist die Geborgenheit auf dem Weg mit den Menschen um mich herum, die mich nicht allein lassen und für die ich ebenso da sein kann, wie sie für mich da sind, und die ich wie die Luft zum Atmen brauche.
Wachsam, aufmerksam erschließt sich mir und meinem Herzen das Leben als das größte Wunder unter der Sonne und als das am wenigsten Selbstverständliche, das mir begegnet. Und wie einen Schatz und wie eine Perle halte ich es staunend und bewundernd in den Händen und möchte, dass andere sich an seiner Schönheit ebenso erfreuen können, wie ich es gerade tue.
Ob uns das heute gelingt?
Ich weiß, dass viele mit noch ganz frischen Wunden heute in die Gottesdienste kommen und die Gräber auf den Friedhöfen besuchen. Und mit ihrem Besuch wird der Schmerz und die Trauer wieder größer als sie es vielleicht in den letzten Tagen und Wochen waren.
Aber manche lassen an den Gräbern ein Licht zurück. Es erzählt anderen von der Liebe, die sie erlebt haben, von dem je besonderen Menschen, der hier begraben liegt, von einem Gebet, das ins Dunkel und in die Nacht hinausgehen und zu Gott emporsteigen möchte und er erzählt von einer Hoffnung, die zaghaft und dennoch stark ins Dunkel scheinen möchte.
Der Hausherr, der lange aus war und der plötzlich heimkehrt, der eine, ohne den ich manchmal im Leben meinen Weg gehe, nach dem ich aber in den schweren Stunden rufe und frage, er kommt mitten im Dunkel, mitten in der tiefsten Nacht und er raubt mir nicht das Leben, sondern er raubt mir meine Trauer und meine Verzweiflung, weil er den Tod in Leben, das Dunkel in Licht und die Trauer in Freude verwandeln kann.
Gott wischt die Tränen ab und erweist sich als Herr des Lebens und der Ewigkeit. In seiner Hand wird aus aller Zeit der Welt, die ich nie haben werde, die Ewigkeit, aus der mich keiner wird reißen können.
Bei ihm ist meine Trauer um die Verstorbenen ebenso in guten Händen wie ihr Leben und irgendwann auch mein Sterben – und was kann ich mehr hoffen als dieses?
All das klingt mit, wenn ich Sonntag für Sonntag bekenne:

Ich glaube an Jesus Christus,
gekreuzigt, gestorben und begraben…
am dritten tage auferstanden von den Toten
Ich glaube an das ewige Leben!

Ja, Her, ich glaube, hilf meinem Unglauben! Amen

drucken