Jetz kommt die Generation der Erben

Liebe Gemeinde!

»Jetzt kommt die Generation der Erben« – hieß es einmal vor einiger Zeit in den Medien.
Und das stimmt: Wir sind die Generation der Erben. Wir erben das, was uns unserer Eltern und Großeltern aufgebaut und überlassen haben. Für vieles dürfen wir dankbar sein. Wir sind materiell gut versorgt – haben weit mehr als das täglich Brot und ein Dach über dem Kopf – die Taifunopfer, die Menschen auf den Philippinen, wären alleine darüber im Moment so dankbar.

Und dann erben wir noch 68 Jahre Frieden. Nirgends sonst auf der Welt leben Menschen so lange in Frieden und Wohlstand wie bei uns in Europa!

Wir sind aber auch Erben – nein, nicht der Schuld, aber – der Geschichte unserer Vorfahren und unseres Landes.
Wir sind auch Erben der dunkelsten Seiten dieser Geschichte: 2 Weltkriege, die durch unsere Vorfahren über die Erde gebracht wurden.

Und am 9. November 1938 zeigte das Dunkel und Grauen in der Welt seine abscheulichste Fratze, als die Synagogen brannten und unsere jüdischen Mitbürger aus den Häusern gejagt wurden. – Nicht nur weit weg dort in Berlin und den anderen großen Städten – nein auch hier am Obermain mitten unter uns!

Und wir sind es z.B. dem damals 15-jährigen Walter Kohn, der die Pogromnacht vor 75 Jahren in Lichtenfels am eigenen Leib erlebt und erlitten hat, schuldig, dieses Erbe nicht auszuschlagen.

Wir wollen auch diesen Teil des Erbes annehmen, immer wieder daran erinnern – und daraus lernen für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft!

Und so hören wir die mahnenden Worte des Propheten Jeremia heute am Volkstrauertag mit ganz neuer Brisanz:

(TEXT)

Liebe Gemeinde,
»Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.« – so formulierte es einmal der amerikanische Philosoph und Schriftsteller George Santayana (1863-1952) bereits im Jahre 1905.

Sehr erfolgreich war diese Mahnung damals wohl nicht: neun Jahre später begann der erste Weltkrieg.

Seine Folgen waren so verheerend, dass man dachte, nun hätte man ein für alle Mal daraus gelernt. Ein Jahr nach Kriegsende (1919) wurde der Volkstrauertag vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen. 1922 fand die erste Gedenkstunde im Reichstag statt. 1926 wurde entschieden, den Volkstrauertag regelmäßig zu halten und zu gedenken.

Doch auch das konnte den 2. Weltkrieg nicht verhindern. Und die Gräueltaten der Nazizeit eskalierten in bislang beispielloser Grausamkeit.

»Warum will denn dieses, mein Volk, irregehen für und für? Sie halten so fest am Falschen, dass sie nicht umkehren wollen«, mahnt der Prophet Jeremia – schon 600 Jahre vor Christus. Und er scheint damit einen typisch menschlichen Zug entdeckt zu habe, nämlich, dass Uneinsichtigkeit, Instinktlosigkeit, Machtstreben, Stolz, Gier und Neid so tief im Menschen verwurzelt sind, dass er sich lieber zu Grunde richtet, als umzukehren.

Selbst die Zugvögel haben mehr »Hirn und Verstand« als die fanatisierte und verblendete Menschheit. Wie Pferde, die sich in die Schlacht stürzen, so rennen wir weiter mitten hinein in den Abgrund – immer und immer wieder.

Sind wir also verdammt, die Geschichte und die Fehler immer wieder und wieder zu erleben?

Dabei tauchen am Horizont unserer Zukunft ganz neue Abgründe auf: Der bisher schrecklichste Taifun, von dem Menschen bisher berichtet haben, und der die Philippinen verwüstet hat, ist ein Zeuge dafür. Bisher war der Begriff »Klimakatastrophe« für viele nur ein Wort, jetzt haben die Opfer ein Gesicht.

Im Moment findet die 19. UN-Klimakonferenz (vom 11. bis 22. November 2013) in Warschau statt. Von dort hört man fast nichts – und wenn, dann nur Zeichen der Resignation.

Der Trend geht ganz in die andere Richtung. Die neuesten Pläne weltweit heißen nicht klimafreundliche erneuerbare Energien, sonder »Fracking!« (Zu deutsch: Aufbrechen, Aufreisen).

Um auch die letzten Tropfen Öl aus der Erde zu quetschen, bohrt man sie auf und pumpt mit gewaltigem Druck Chemikalien in den Boden, die Gas und Öl aus dem Sand lösen sollen.

Wie einen Schwamm quetscht man unseren Planeten aus.
Ist das der rechte Umgang mit dem Erbe, das uns anvertraut ist?

Und was wollen schließlich wir unseren Erben, unseren Kindern und Kindeskindern hinterlassen?
Einen geplünderten Planeten, wo es dann neue Kriege gibt um das letzte saubere Wasser?
Ein Europa, das sich als Festung ausbaut und die weltweiten Flüchtlinge an seinen Mauern vor Lampedusa elendig ertrinken lässt?
Regierungen, die ihre Bürger mit undemokratischen Mitteln bespitzeln und ausspionieren, um angeblich die Demokratie zu schützen?

Lieber Gemeinde!
Heute an diesem Volkstrauertag rüttelt uns der Prophet Jeremia auf. Die Situation ist ernst. Es wid allerhöchste Zeit, endlich aus den Fehlern zu lernen und umzukehren!

Frieden und Wohlstand sind keine Selbstläufer, die automatisch auch für die nächsten 68 Jahre garantiert sind! Dieses Erbe will angenommen werden mit all seinen Gaben aber auch mit all seinem Versagen, um daraus endlich klug zu werden für die nächsten Schritte in die Zukunft.

Wie blicken wir als Christinnen und Christen in diese Zukunft, heute am Volkstrauertag?

Martin Luther soll einmal gesagt haben: „Selbst, wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zu Grunde ginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“

Glaube, Hoffnung, Liebe, das sind die drei Grundpfeiler, auf denen ein Leben als Christ steht.
Der Glaube an einen Gott, der – bei all seiner Klage durch den Propheten Jeremia – trotzdem immer noch sagt: Du bist mein Volk und du bleibst auch mein Volk, ich bleibe dir treu.

Die Hoffnung, die darauf gründet, dass wir nicht aus uns selbst leben, sondern aus der Verheißung Gottes: »Siehe ich bin bei auch alle Tage bis an der Welt Ende!«

Und die Liebe, die Gott zuerst uns schenkt – unverdient und ohne Vorbedingung -, und die uns ansteckt, auch unsere Mitmenschen zu lieben und diesen wunderbaren Planeten als Gottes Schöpfung zu bebauen und zu bewahren.

Liebe Gemeinde!
»Jetzt kommt die Generation der Erben!« – lasst uns heute sagen: »Ja, wir sind bereit, im Vertrauen auf Gott, dieses Erbe anzutreten, aus der Vergangenheit zu lernen und die Zukunft zu gestalten.

Denn es ist nie zu spät, ein Apfelbäumchen zu pflanzen, und es ist nie zu spät für einen Neuanfang. – Dazu gebe Gott uns seinen Segen. – Amen.

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