Volkstrauer und das Haus im Himmel

Liebe Schwestern und Brüder!
Heute haben wir Volkstrauertag. Der Tag, an dem sich unser Volk daran erinnert und institutionell darüber trauert, dass in den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts Millionen von Menschen in ganz Europa getötet worden sind und an den schrecklichen Folgen der beiden Kriege verstarben. Diese Menschen sind nicht durch eine Naturkatastrophe oder Hunger oder durch eine Epidemie umgekommen, was ja schon schlimm genug wäre, sondern durch zwei erbarmungslose Kriege, die diesen Millionen Menschen das Leben raubten.
Unzählige Gottesdienstbesucher, Besucher von Andachten und Kranzniederlegungen an Mahnmalen durch Vereine, Politiker und Geistliche erinnern heute daran. Viele Kriegerwitwen, erwachsene Halbwaisen und andere Anverwandte erinnern sich heute daran, dass Ehemänner, Väter, Brüder und Söhne nicht aus dem Krieg oder der Gefangenschaft zurückgekehrt sind. Große Soldatenfriedhöfe mit Namen oder Nummern auf den Gräbern sind ein stilles Mahnmal und stumme Zeugen für die Grausamkeit der beiden Weltkriege. Jedes Mahnmal ist ein unauslöschliches
Symbol für verlorenes und einmaliges Leben.
Leben, das einstmals Väter, Brüder, Ehemänner geführt haben. Das einzige, was von ihnen blieb, ist der Name auf den Mahnmalen.
Vielleicht fragt sich jetzt mancher aus der jüngeren Generation, was soll’s: die Kriege sind vorbei und uns geht es relativ gut. Es gibt bei uns keinen Krieg. Wozu sollen wir noch als Volk über unsere Toten der beiden Weltkriege trauern?
Die Toten sind tot und wir leben. Das Leben geht weiter!
Ja, das Leben geht weiter und das ist gut so, aber unser Leben besteht auch aus Erinnerung und Verantwortung.
Einerseits die Erinnerung daran, dass das Leben eines jeden Einzelnen eine Gabe Gottes war, an die sich die Erinnerung lohnt, und die Verantwortung andrerseits, dass durch die Erinnerung und Trauer, nie wieder Krieg von Deutschland ausgehen darf. Denn unser Volk hat nicht nur viel Unglück und Trauer erlebt, sondern auch viel Unglück und Trauer über andere Völker gebracht.
Ähnlich verantwortungslos verhalten sich übrigens auch viele (junge) Menschen, wenn sie sich aus der deutschen Geschichte ausblenden wollen, in dem sie meinen, die Naziverbrechen gingen sie nichts an. Es mag ja sein, dass sie vordergründig nichts mit meiner Generation zu tun hat, aber die Verantwortung dafür, dass es hier keine rechtsradikalen Übergriffe gegenüber Ausländern gibt, sollte uns die Geschichte lehren.
Insofern wäre es verantwortungslos und ignorant, den Volkstrauertag abzuschaffen bzw. nicht mehr zu begehen.
Und auch wenn wir momentan keine kriegerischen Zustände mehr in Europa haben, so müssen wir doch tagtäglich erkennen, dass es vor gar nicht allzu langer Zeit noch einen erbarmungslosen Krieg im ehemaligen Jugoslawien oder in Tschetschenien gegeben hat. Und auch, was im Kongo oder in Palästina passiert, führt uns vor Augen wie kriegerisch die Welt ist.
Kriege bringen Trauer, Leid, Tod, Vertreibung, Vergewaltigung und Vernichtung über uns Menschen.
Und gerade deswegen ist es gut, sich ab und zu daran zu erinnern und dafür zu beten, dass dies hoffentlich nie wieder geschieht. Kriege bringen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Und selbst die Idee vom sog. gerechten Krieg für eine gerechte Sache verringert nicht das Leid und Elend unter den Menschen, wie die Geschichte zeigt. Im Krieg fällt es schwer zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden. Kein Staat, keine Gesellschaft, keine Familie und kein Mensch kommen ohne Verluste am und durch den Krieg vorbei.
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Trauer sind die treuen Wegbegleiter des Krieges. Und nur der Tod erfreut sich am Krieg und dessen Wahnsinn.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, der Tod und das Leid, das über die Menschen gekommen ist und das wir am heutigen Volkstrauertag beklagen, ist für uns Christen nicht das Ende aller Dinge, wie der Apostel berichtet:
"Denn wie wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel." (2.Kor 5,1)
Da sind sie die Hoffnung und der versprochene Trost. Mit dem Tod ist nicht alles vorbei! Nach dem Tod bekommen wir das ewige Leben geschenkt. Ein Leben in Gottes Haus.
Ein schönes Bild!
Manchmal werden alte Häuser abgebrochen und nach dem 2.Weltkrieg sind in vielen deutschen Städten Häuser und Menschenleben dem Erdboden gleichgemacht worden. Zerstört bis auf die Grundmauern oder weggebombt mit riesigen Kratern. Auf diese ehemaligen Häuser sind neue schönere und größere Häuser gebaut worden. Häuser, die auf dem Fundament der Hoffnung auf Völkerverständigung und Versöhnung stehen. Häuser mit verschiedenen Zimmern, in denen das Leben wieder begann. Kinder sind in diesen Häusern groß geworden. Menschen haben dort wieder zusammen gewohnt und gelebt. In den Häusern herrschte wieder das Leben mit seiner ganzen Blütenpracht und Schönheit. Hoffnung, Frieden und Versöhnung haben die Menschen dazu getrieben diese Häuser zu bauen. Um wie viel mehr muss die Hoffnung sein, die bei Gott gilt. Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Hoffnung, die eine Triebfeder des Glaubens ist. Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, bei Gott und in Ewigkeit.
Diese Hoffnung auf Vollendung im Angesicht Gottes ist es, was uns Christen von allen anderen Menschen unterscheidet. Denn wir haben die glaubende Gewissheit, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern ein neues viel schöneres Leben im Haus Gottes beginnt. Ein Leben ohne Trauer, Leid und Elend, ein Leben ohne Tränen, Schmerz und Klage. Eben ein Leben in Gottes Vollkommenheit.
Allerdings geht dieser Gnade der Auferstehung nach dem Tod noch die Frage des Gerichts voraus. Das Gericht, das den Menschen nach seinen Taten beurteilt ist nicht von der Auferstehung wegzudenken.
Im Normalfall wird jeder davon ausgehen können, dass er im Gericht freigesprochen wird und die Herrlichkeit Gottes sehen kann.
Aber, was ist mit denjenigen, die sich Zeit ihres Lebens ein Dreck um Gott und ihre Mitmenschen geschert haben?
Was ist mit den Kriegsverbrechern aller Kriege?
Was ist mit den Menschen, die Kinder schänden oder andere heimtückisch ermorden?
Auch darauf gibt uns der Apostel eine Antwort:
"Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse." (2.Kor.5, 10)
Jeder empfängt den Lohn, den er sich zu Lebzeiten für seine Werke eingehandelt hat. Das Gericht Gottes geht uns also nicht nur nach der Gnade und Barmherzigkeit Christi zu, sondern richtet und beurteilt nach den im Leben begangenen Werken und Unterlassungen.
Und somit kann man davon ausgehen, dass üble Verbrecher Gottes Gericht über sich ergehen lassen müssen. Mit dieser Gerechtigkeit im Gericht müssen alle rechnen, die sich in ihrem Leben mit großen Fehlern, mit Sünden und Schuld belastet haben. Auch der christliche Glauben ist nicht zum Nulltarif und als Sonderangebot im Schlussverkauf zu bekommen.
Bleibt noch die Frage. Was ist mit den Millionen von Menschen geschehen, die unschuldig und jung ihr Leben in den Kriegen gelassen haben?
Diese Menschen sind aufgenommen in Gottes großes Haus der Herrlichkeit, von der der Apostel eben geschrieben hat.
Sie haben diese irdische Hütte verlassen und befinden sich nun in Gottes himmlischen Haus.
Und für alle, die heute über ihre Toten trauern mag gelten, was ein unbekannter Verfasser geschrieben hat:

Gesegnet seien alle, die mir jetzt nicht ausweichen. Dankbar bin ich für jeden, der mir einmal zulächelt und mir seine Hand reicht, wenn ich mich verlassen fühle.

Gesegnet seien die, die mich immer noch besuchen, obwohl sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.

Gesegnet seien alle, die mir erlauben, von dem Verstorbenen zu sprechen. Ich möchte meine Erinnerungen nicht totschweigen. Ich suche Menschen, denen ich mitteilen kann, was mich bewegt.

Gesegnet seien alle, die mir zuhören, auch wenn das, was ich zu sagen habe, sehr schwer zu ertragen ist.

Gesegnet seien alle, die mich nicht ändern wollen, sondern geduldig so annehmen, wie ich jetzt bin.

Gesegnet seien alle, die mich trösten und mir zusichern, dass Gott mich nicht verlassen hat.

O Herr, berge Du uns alle in deiner Hand; nimm Du Dich unser an. Bei Dir bleiben wir im Leben wie im Tod.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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