Lieber in den Spiegel schauen, als sich zum Affen zu machen

Liebe Brüder und Schwestern!
Gnade sei mit Euch uns Friede von unserem Herrn Jesus Christus.
Amen.

Stell Dir vor,
Du stolperst,
fällst hin.

Bleibst Du liegen
oder stehst Du wieder auf?

Würde es Dir gefallen,
am Boden,
im Dreck zu bleiben
oder wäre es Dir lieber,
wieder auf die Beine zu kommen?

Oder stell Dir vor,
Du bist mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs,
und Du verfährst Dich,
findest nicht mehr auf den Weg zurück,
der Dich zum Ziel führt.

Wäre es Dir egal
oder wärst Du froh,
wenn Du die richtige Richtung wieder finden könntest?

Hört,
was im Buch des Propheten Jeremia steht,
im 8. Kapitel:

„So spricht der HERR:
Wo ist jemand,
wenn er fällt,
der nicht gern wieder aufstünde?

Wo ist jemand,
wenn er irregeht,
der nicht gern wieder zurechtkäme?

Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für?

Sie halten so fest am falschen Gottesdienst,
dass sie nicht umkehren wollen.

Ich sehe und höre,
dass sie nicht die Wahrheit reden.

Es gibt niemand,
dem seine Bosheit leid wäre
und der spräche:
Was hab ich doch getan!

Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst,
der in der Schlacht dahinstürmt.

Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit,
Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein,
in der sie wiederkommen sollen;
aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

6. Jahrhundert vor Christus,
Juda,
Südreich.

Gottes Volk macht,
was es will.

Es hat es eilig mit allem,
nimmt sich keine Zeit,
nachzudenken,
was richtig oder falsch,
was Recht und was Unrecht ist.

Gott sieht das
und fragt sich:
Was ist da bloß los?

Er nimmt sich Jeremia als Sprachrohr.

Der soll den Menschen einen Spiegel vorhalten
und sie daran erinnern,
wohin das führen kann,
wenn man ohne nach rechts und links
oder besser gesagt: nach unten und oben,
also auf die Erde und gen Himmel guckt,
wie ein Hengst in die Schlacht stürmt.

Man erinnere sich nur daran,
sagt er an anderer Stelle,
wie es dem Nordreich,
Israel,
vor 100 Jahren erging.

Man wollte Macht,
wollte Unabhängigkeit um jeden Preis
und verlor alles.

Warum ist das so,
dass Menschen nicht umkehren wollen?

Lieber immer schön weiter in die Irre gehen?

Böse denken,
Böses tun,
ohne dass es ihnen Leid tut?

Nichts wissen wollen von dem,
was Recht und das Unrecht ist?

Da ist diese Mutter.
Sie liebt ihr Kind.
Will nur das Beste für es.
Drum tut sie alles,
was sie kann.

Ihr Kind soll wachsen und gedeihen,
lernen,
sich zurechtzufinden in der Welt.

Drum fördert sie es,
wie es nur geht,
schickt es zum Sport
und zur Musikschule,
lässt es mehrere Sprachen lernen.

Doch wenn das Kind mal keine rechte Lust hat
oder wenn etwas nicht so klappt,
dann wird die Mutter streng,
dann wird geschimpft,
da gibt es Hausarrest,
da wird Härte an den Tag gelegt.

Die Mutter ist stolz auf ihr Kind,
sie ist auch stolz auf sich selbst,
dass sie es ist,
die ihr Kind zu dem formt,
was es ist
und werden soll.

Doch der Stolz verbietet es ihr, zuzugeben,
dass sie manchmal über die Stränge schlägt.

Ihr Stolz lässt nicht zu,
manchmal eher mit Liebe als mit Härte das Kind zu führen.

Da ist dieser Sohn.
Er pflegt seine alt gewordene Mutter.
Jeden Tag ist er bei ihr.
Er wäscht sie,
zieht sie an,
füttert sie.

Doch er fragt nicht:
„Mama, was möchtest Du heute gern anziehen?
Mutti, was möchtest Du essen?“

Er fragt nicht,
ob sie lieber drinnen oder draußen sitzen möchte.

Er bestimmt.

Denn es muss laufen,
der Tagesablauf muss klappen,
denkt er.
Da darf nichts Unvorhergesehenes geschehen,
da darf es keine Eventualitäten geben,
sonst läuft mir das alles aus dem Ruder.

Davon ist er überzeugt.

Er fürchtet sich,
hat Angst, das Leben könne ihn überfordert.

Er hat Angst,
schwach zu werden.

Drum bevormundet er seine Mutter,
anstatt sie mit einzubeziehen in die Entscheidungen,
die ihr Leben betreffen.

Da ist diese Freundin.
Seit langer Zeit schwärmt sie für den Mann ihrer besten Freundin.

Doch beim Schwärmen bleibt es nicht.

Bei jeder Gelegenheit flirtet sie ihn an,
schäkert mit ihm
und dann,
eines Tages,
als alle fröhlich miteinander feiern,
lässt er sich drauf ein,
sie stehlen sich davon,
und geben sich ihrer Leidenschaft hin.

Doch sie lassen es nicht bei dem einen Mal,
sondern sie treffen sich immer wieder,
heimlich.

Sie lieben den Kitzel,
den Reiz,
aber nicht einander.

Sie reden sich ein,
das sei in Ordnung.
Die betrogene Frau ahnt mit der Zeit,
dass etwas nicht in stimmt.

Sie stellt die beiden zur Rede,
doch die geben nichts zu,
aus Scham.

Sie schämen sich,
dass sie das Leben und die Liebe so mit Füße treten.

Und um die Scham zu verdrängen,
tun sie umso selbstverständlicher so,
als sei alles bestens,
reden sich nur noch fester ein,
es sei in Ordnung,
was sie da gemacht haben
und noch tun.

Stolz, Angst vor Schwäche, Scham.

Das sind nur drei Dinge,
die mir in den Sinn kommen auf die Frage,
warum das so ist,
dass Menschen nicht umkehren wollen.
Lieber immer schön weiter in die Irre gehen.
Böse denken,
Böses tun,
ohne dass es ihnen Leid tut.
Nichts wissen wollen von dem,
was Recht und das Unrecht ist.

Stolz, Angst vor Schwäche, Scham.

Wenn man von etwas überzeugt ist
oder sich einredet,
von etwas überzeugt zu sein,
dann macht man sich schnell zum Affen.

Zu einem der drei Affen,
meine ich.

Den drei Affen,
die nichts hören,
nichts sehen,
nichts sagen.

Denn wenn jemand meint,
er habe Recht,
will er dann hören,
was die anderen dazu zu sagen haben?

Will er sehen,
wie es dem andern dabei geht?

Will er mit ihm ins Gespräch kommen,
den Mund aufmachen,
die Wahrheit sagen,
auch wenn es für ihn selbst vielleicht schmerzhaft ist?

„Sie halten so fest am falschen Gottesdienst,
dass sie nicht umkehren wollen.“,
sagt Gott.

„Ich sehe und höre,
dass sie nicht die Wahrheit reden.

Es gibt niemand,
dem seine Bosheit leid wäre
und der spräche:
Was hab ich doch getan!

Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst,
der in der Schlacht dahinstürmt.“

Oder wie wir es im Evangelium (Mt 25,31ff) gehört haben.

Christus hält den Menschen am Gerichtstag,
am Tag des Rechts,
einen Spiegel vor.

Doch selbst da sagen noch welche:
Herr,
wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen
oder als Fremden
oder nackt
oder krank
oder im Gefängnis
und haben dir nicht gedient?

Doch wenn es erst so weit kommt,
dass man sich noch im letzten Gericht,
wenn Gott einen liebevoll an der Hand nimmt,
um gemeinsam in den Spiegel der Tatsachen zu schauen,
zum Affen macht,
nicht umkehren möchte,
zu Stolz,
zu ängstlich
oder voll Scham bleibt,
der bestraft sich selbst,
und wird,
wie Jesus es sagt :
„hingehen zur ewigen Strafe.“

Wer möchte das?
Wer möchte hinfallen und liegenbleiben?
Wer möchte sich verirren
und trotzdem immer weiter in die falsche Richtung laufen?

Aufstehen,
wo man gefallen ist.
Auf den richtigen Weg zurückkehren,
wo man sich verirrt oder geirrt hat.
Loslassen,
was böse und falsch ist
und umkehren,
in die andere Richtung gehen,
gut und richtig.

Das ist möglich.

Den Spiegel,
in den ich gucken kann,
in dem ich sehe,
wie und wer ich bin
und wie und wer ich nicht bin,
diesen Spiegel hält Gott mir vor,
an jedem Tag.

Ich kann es in dem Gesicht meines Mitmenschen,
meines Nächsten sehen,
wer ich bin.

Und will ich mich ehrlich betrachten,
dann sollte ich dort hineinschauen.

Sollte auch die Bibel aufschlagen,
den Gottesdienst feiern,
sollte sehen und hören,
wie Gott mich sieht.

Und Zeit sollte ich mir dabei lassen,
um mich zu prüfen,
prüfen lassen.

Nicht hasten und eilen,
nicht dahinstürmen wie ein Schlachtross.
Es braucht Mut,
in diesen Spiegel immer wieder zu schauen.

Es braucht Kraft,
sich einzugestehen,
dass man gar nicht so genau weiß,
wie man aussieht.

Es braucht Stärke,
sich nicht zum Affen zu machen,
sich nicht Augen, Ohren oder Mund zuzuhalten.

Woher soll man das nehmen:
Mut,
Kraft,
Stärke?

Wer auf Gott hört,
der bekommt zu hören:
Du musst nicht allein in diesen Spiegel der Wahrheit schauen.

Ich, Gott,
schaue mit meinen liebenden Augen mit hinein
und halte dich,
wenn du zu fallen drohst

Ich helfe dir,
aufzustehen,
wo du bereits gestürzt bist.
Zeige dir einen Weg,
auf dem du gehen kannst,
ohne den Halt zu verlieren.

So wie wir es im Psalm (50) gebetet haben:
Gott sagt:
„Rufe zu mir in Tagen der Not.
Dann werde ich dich retten,
und du wirst mich preisen.“

Darauf dürfen wir uns verlassen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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